Dialog, Gespräch und Begegnung

Zur Dialogizität in Paul Celans Gedicht "Zu beiden Händen"


Essay, 2010

17 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung
1.1 Zum Kontext und Werk „Die Niemandsrose“

2. Begriff der Dialogizität und das dialogische Prinzip nach Martin Buber
2.1 Dialog und Dialogizität
2.2 Das dialogische Prinzip nach Martin Buber

3. Gedichtanalyse „Zu beiden Händen“
3.1 Formale Kriterien
3.2 Inhalt
3.3 Sprache
3.4 Dialogstruktur

4. Interpretation und Deutungsansätze

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

7. Paul Celan „Zu beiden Händen“

1. Einleitung

Der Lyriker Paul Antschel veröffentlichte unter dem Pseudonym Paul Celan seine Werke und schafft es selbst 40 Jahre nach seinem Freitod 1970 in Paris Leser durch seine Gedich- te in eine poetische Welt zu entführen. Mit einer enormen Anzahl von Neologismen, Chiff- ren, sprachlichen Verknappungen, Ellipsen und zahlreichen biblischen Motiven bricht die- se Welt mit klassischen Vorstellungen von Lyrik. Sie erscheint auf den ersten Blick un- durchdringlich, wenn nicht sogar ein wenig feindselig. Um einen Zugang zu seinen oft als kryptisch oder hermetisch bezeichneten Gedichten zu finden1, muss man das Werk Celans in seinem historischen Kontext und in Verbindung mit seiner jüdischen Herkunft betrach- ten. Die Retrospektive und eine umfangreiche Literatur, welche sich auf verschiedenen Ebenen bereits mit Celan beschäftigte und noch immer beschäftigt, erleichtern heute den Blick auf die Celansche Poetik - ohne einen Anspruch auf eine vollständige Entschlüsse- lung seiner Lyrik zu erheben. Zu Lebzeiten stieß sein poetischer Ausdruck trotz früher Auszeichnungen2 doch eher auf Unverständnis und Ablehnung, speziell durch die „Gruppe 47“.3 Im April 1960 machte die Dichterwitwe Claire Goll die ersten Plagiat- Anschuldigungen publik, wodurch eine Pressekampagne ausgelöst und Celan in der öffent- lichen Wahrnehmung in ein Abseits gedrängt wurde. Diese Entwicklung führte bei Celan verstärkt zu dem Gefühl noch immer währender antisemitischer Ressentiments und der damit verbundenen literarischen Ausgrenzung, was sich in einer zunehmenden Geschlos- senheit und immer undurchdringlicheren Bildwelt seines lyrischen Werkes niederschlägt und auch ein wesentlicher Grund für seinen Freitod in der Seine war. Dabei suchte Celan genau wie die „Gruppe 47“ nach einem Umgang mit der Sprache nach dem Holocaust, die durch den ideologischen Missbrauch der Nationalsozialisten „ eine irreversible Verschie- bung der Wortbedeutung4 durchlebte. Das Überwinden der Sprachlosigkeit nach den traumatischen Ereignissen des II. Weltkriegs steht Theodor W. Adornos These „ Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch5 entgegen. Es zeigt, dass Lyrik mög- lich und im Sinne einer Be- und Verarbeitung absolut notwendig ist, da „ Literatur … das ‚ scharfe Messer ’ zur Erfassung historischer Grausamkeiten6 bedeutet. Bemerkenswert an dieser Stelle ist, dass Celan, der hebräisch, rumänisch, französisch, russisch und englisch sprach, die deutsche Sprache - seine Muttersprache und die Sprache der „Mörder“ seiner Eltern - wählte, was man im Deutungsansatz so verstehen könnte, dass dies ein Versuch der Verständigung, der Auseinandersetzung mit dem Geschehenen und Erlebten, sozusa- gen die Suche nach dem Dialog, dem Gespräch ist, um einen Weg zu finden mit der Erfah- rung weiterleben zu können. Zudem ist es eine klare Positionierung Celans, denn „ in deut- scher Sprache zu schreiben, habe ein Festhalten an der eigenen kulturellen Identität be- deutet.7 Das Gedicht dient dabei als kommunikative Instanz, es steht für sich: „ Das Ge- dicht ist einsam. Es ist einsam und unterwegs. Wer es schreibt, bleibt ihm mitgegeben. Aber steht das Gedicht nicht gerade dadurch, also schon hier, in der Begegnung - im Ge- heimnis der Begegnung?8 Ich werde im Rahmen meiner Arbeit versuchen, mich dieser Haltung Celans in Bezug auf seine konzeptuelle Umsetzung anzunähern, indem ich „Die Niemandsrose“ kurz vorstelle, auf die Begriffe Dialog und Dialogizität eingehe und das di- alogische Prinzip Martin Bubers anhand von „Ich und Du“ erläutern werde. Ich frage nach den Voraussetzungen dialogischen Handelns, dessen Charakterisierung und die Übertra- gung auf die poetische Ebene in dem Werk Celans, was ich anhand einer sich anschließen- den Gedichtanalyse des Gedichts „ Zu beiden Händen9 unter den Aspekten des bereits Vorgestelltem und der besonderen unkonventionellen sprachlichen Realisierung betrachte. Dabei kommt es mir vor allem darauf an, die Celansche Form des Dialoges herauszuarbei- ten, da es in seiner Lyrik keine literarisch-plastisch ausgestalteten Figuren gibt, welche er- fassbar auf der Textoberfläche zu (be-)greifen sind. Mich interessiert, wie das „Gespräch“ tief verborgen im Textinnern liegt. Die Ergebnisse der Gedichtanalyse, das Spannungsver- hältnis von Ich-Du und die Bedeutung dessen für die Lyrik Celans fasse ich abschließend zusammen, wobei auf eine umfangreiche Interpretation und Betrachtung des Gesamtwer- kes an dieser Stelle verzichtet wird, da das den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde.

1.1 Zum Kontext und Werk „Die Niemandsrose“

Der 1963 erschienene Gedichtband „Die Niemandsrose“ zählt neben dem vierten Band zu dem wohl bedeutungsvollsten Werk innerhalb des literarischen Schaffens von Celan. Die Bedeutungsschwere erschließt sich nicht auf den ersten Blick und einer monothematischen Betrachtungsweise. Vielmehr wird es durch seine Komplexität bestimmt, denn „Die Nie- mandsrose“ birgt in seiner Entstehung konkrete Ereignisse und auch biographische Situati- onen, so zum Beispiel die Begegnung mit Nelly Sachs (Zürich, Zum Storchen), der Besuch in der Bretagne 1961 oder ein Zirkusbesuch (Nachmittag mit Zirkus und Zitadelle). Diese mehr als Anlässe zu bewertenden Begebenheiten sind im gleichen Maß entstehungsge- schichtlich evident wie die Übersetzungstätigkeit Celans. Die Auseinandersetzung mit an- deren Autoren und deren individuellen Sprachkosmos, so besonders die zwischen 1959 und 1963 entstandenen Übertragungen von Apollinaire, Baudelaire, Mallarmé, Dickinson, Valéry und Shakespeare, spiegelt Celans Auffassung wider, dass Dichten und Übersetzen in einem engen Zusammenhang stehen. Treibend war in dem Zusammenhang für ihn das Motiv der Wanderung und der Überschreitung, d. h. Übersetzen als ein Über - setzen, im Sinne einer grenzüberschreitenden Suche nach dem bestmöglichen semantisch- intentionalen Transfer einer Sprachkultur in die andere. So können Celans Gedichte selbst auch als eine Übersetzung verstanden werden „ als Versuche eines Ü ber-Setzens vom spre- chenden Ich zum Anderen “.10 Die Vielzahl von Titeln und Wortspielereien französischer und jüdischer Wörter („ Les globes “, „ Le Menhir “, „ À la point acérée “, „ Benedicta “), die intertextuelle Strukturierung, das Einflechten von Motiven jüdischer Mystik, Philosophie, Theologie in Anlehnung an den Chassidismus und der Kabbala („ Hawdalah “, „ Einem, der vor der Tür stand “, „ Psalm “) und das Einbeziehen von biblisch-mythischen sowie eigenen Zitaten sind für „Die Niemandsrose“ charakteristisch („ Radrix, Matrix “, „ Kermorvan “). Eine Besonderheit und auch einmalig im Gesamtwerk Celans ist die Widmung für Ossip Mandelstam, einem 1891 in Warschau geborenen Sohn jüdischer Kaufleute, der zu den Kreisen der russischen Dichtergruppe der Akmeisten11 um Nikolaj Gumiljow und Anna Achamatova in St. Petersburg zählte. Der „russische Bruder“, Jude und verfolgte Dichter Mandelstam wird zur Identifikationsfigur, mit dem sich Celan in Bezug auf eine Desorien- tiertheit und die Erfahrung von Exil und Isolation besonders verbunden fühlt. Grundlegend war dabei die angestrebte Verbindung von der eigenen Existenz mit der Dichterexistenz und der Gedanke „Gedichte sind Daseinsentwürfe“, also die Übertragung der individuellen Wirklichkeitswahrnehmung in einen poetisch unbegrenzten Raum, der sich auf Vergan- genheit und Zukunft bezieht, „ auf eine vergangene, aber die Gegenwart noch bestimmende und eine zu entwerfende Wirklichkeit12. Dies schließt an sein im ‚Meridian’ formuliertes Diktum: „ Wirklichkeit ist nicht, Wirklichkeit will gesucht und gewonnen sein. “ an. Des Weiteren bildet das grundlegende Verständnis beider Lyriker von Dichtung als Dialog, als Begegnung eine Einheit auf literaturtheoretischer Ebene. Mandelstams Dialogorientiertheit drückt sich über seine „Flaschenpostmetaphorik“ aus, d. h. viele Gedichte von ihm sind auf ein unbestimmtes Du ausgerichtet, was gleichzeitig den Aspekt der Bewegung, des „Un- terwegssein“13 impliziert, wobei dies sich auf kulturell-literarisch-historische Begebenhei- ten bezieht. Bei Celan spricht das Gedicht in „ seiner eigenen, allereigensten Sache “, „ es braucht ein Gegenüber “, „ es wird Gespräch “ und auch wenn es „ Begegnungen, Wege ei- ner Stimme zu einem wahrnehmenden Du [ … ] Daseinsentwürfe “ sind, so ist es bei ihm mehr die „ Suche nach sich selbst … Eine Art Heimkehr “.14 Auch wenn Celan bei Mandels- tam sich für die Gestaltung zentraler Themen (Dichtung als Exil und Heimat, als Erinne- rung, als Dialog und Begegnung, als ein Unterwegssein) inspirieren ließ, so ist dies mehr als ein Katalysator zu sehen, der sich aus der profunden Auseinandersetzung literarischer Tradition und deren Lösung ergab.15 Dafür spricht die Tatsache, dass Celan Mandelstams Werk kein einziges Mal wörtlich zitiert, sondern vielmehr in seinen Gedichten in vielfälti- ger Weise mit dem Namen Mandelstam spielt (so besonders in „ Eine Gauner- und Gano- venweise gesungen zu Paris emprès pontoise von Paul Celan aus Czernowitz bei Sadago- ra16 wenn von „ Mandelbaum, Bandelmaum. Mandeltraum, Trandelmaum. Und auch der Machandelbaum. Chandelbaum. “ die Rede ist). Diese indirekte Inbezugnahme und die damit verbundenen offenen Bedeutungsansätze bestimmen wesentlich das Dialogverständ- nis von Paul Celan.

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1 Thomas Köster: http://www.cpw-online.de/lemmata/celan_paul.htm

2 September 1957: Literaturpreis des Kulturkreises im Bundesverband der Deutschen Industrie für 1956. Januar 1958: Verleihung des Literaturpreises der Freien Hansestadt Bremen. Oktober 1960: Verleihung des Georg-Büchner-Preises in Darmstadt.

3 Die „Gruppe 47“ war ein von 1947 bis 1967 existierendes Forum für literarische Kommunikation und Diskussion und gesellschaftli- che Reflexion, welche sich thematisch vor allem mit den Konsequenzen des totalitären Regimes im kultur-literarischen Bereich und der Rolle von Politik, Gesellschaft und Literatur respektive des Sprachgebrauchs im Nachkriegsdeutschland beschäftigten. Hans Werner Richter, Alfred Andersch, Walter Kolbenhoff, Gustav René Hocke, Walter Maria Guggenheimer, Hans Sahl, Karl Krolow, Wolfdietrich Schnurre u. a. waren der Gruppe als Autoren verpflichtet. Celan las im Mai 1952 erstmals öffentlich in Deutschland auf der Tagung der „Gruppe 47“ in Niendorf an der Ostsee.

4 Schmitz-Emans, Monika: Poesie als Dialog. Vergleichende Studien zu Paul Celan und seinem literarischen Umfeld. Heidelberg, 1993, S. 83.

5 Adorno, Theodor W. Kulturkritik und Gesellschaft, Jene zwanziger Jahre, Engagement. In: Lyrik nach Auschwitz? Adorno und die Dichter. Hrsg. von Petra Kiedaisch. Stuttgart. S.27.

6 Thomas Köster: www.cpw-online.de/lemmata/celan_paul.htm

7 Schmitz-Emans, Monika: Poesie als Dialog. Vergleichende Studien zu Paul Celan und seinem literarischen Umfeld. Heidelberg, 1993, S. 83.

8 Celan, Paul: Der Meridian. (1960) In: Todesfuge und andere Gedichte. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1. Aufl. 2004, S. 80.

9 Celan, Paul: Die Niemandsrose. (1960) Frankfurt/M.: Fischer Taschenbuch Verlag, 13. Aufl. 2003, S. 20.

10 Schmitz-Emans, Monika: Poesie als Dialog. Vergleichende Studien zu Paul Celan und seinem literarischen Umfeld. Heidelberg, 1993, S. 103.

11 Akmeismus ist eine um 1910 entstandene bis ca. 1920 währende literarische Bewegung in Russland, die sich opportun gegen den Symbolismus aus S. Diaghilevs Gruppe „Mir iskusstwa“ („Welt der Kunst“) wandte. Das Programm der Akmeisten hängt zusammen mit der Zeitschrift „Apollon“ (1907-1917), welche die anbrechende Herrschaft des harmonischen Schöpfertums und der gesetzmäßig- ten Meisterschaft in der Kunst verkündete. Sich distanzierend von verschwommenen Effekten wollte man zu einem Stil, einer schö- nen Form und einem belebenden Traum vordringen. N. Gumiljov, S. Gorodetzki, N. Kusmin sowie A. Achmatova und O. Mandels- tam begründeten ausführlich die klassizistische Forderung nach Diesseitszugewandtheit und formaler Klarheit. (Metzler Lexikon Li- teratur. Hrsg. von Dieter Burdorf, Christoph Fasbender und Burkhard Moennighoff. Stuttgart: Verlag J. B. Metzler, 3. Aufl. 2007, S. 9)

12 Lehmann, Jürgen (Hrsg.). Kommentar zu Paul Celans „Die Niemandrose“. Universitätsverlag Winter Heidelberg: 4. Aufl. 2003, S. 21.

13 Ebd. S. 15.

14 Celan, Paul: Der Meridian. (1960) In: Todesfuge und andere Gedichte. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1. Aufl. 2004, S. 79 ff.

15 Lehmann, Jürgen (Hrsg.). Kommentar zu Paul Celans „Die Niemandrose“. Universitätsverlag Winter Heidelberg: 4. Aufl. 2003, S. 16.

16 Celan, Paul. Die Niemandsrose. Sprachgitter. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. Main, 13. Aufl. 2003, S. 29.

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Details

Titel
Dialog, Gespräch und Begegnung
Untertitel
Zur Dialogizität in Paul Celans Gedicht "Zu beiden Händen"
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Veranstaltung
Paul Celan "Die Niemandsrose"
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
17
Katalognummer
V170425
ISBN (eBook)
9783640892778
ISBN (Buch)
9783640892600
Dateigröße
541 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
dialog, gespräch, begegnung, dialogizität, paul, celans, gedicht, händen
Arbeit zitieren
Henriett Wilke (Autor), 2010, Dialog, Gespräch und Begegnung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/170425

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