Am Morgen des 14. September 1914 betrat erstmals ein britischer Armeekommandant deutsches Territorium. Es handelte sich dabei um Brigadegeneral auf Zeit Nathaniel W. Barnadiston, der mit seinen Truppen, bestehend aus Engländern und indischen Sikhs, den Japanern in ihrem Belagerungskampf um das chinesische Tsingtau beistehen, und Großbritannien womöglich ein Stück des Kuchens der einzigen deutschen Kolonie in Kontinentalasien, Kiautschou sichern sollte. Gegen die mit starken Verbänden angerückten Angreifer, konnten die deutschen Schutztruppen letztendlich nicht bestehen, was für die deutschen Kolonien im Ersten Weltkrieg bekanntermaßen nicht eben unüblich war.
Diese Arbeit ist jedoch nicht der Beschreibung der Belagerung von Tsingtau gewidmet – diesem Thema nahm sich, recht ausführlich, bereits Charles B. Burdick in seinem Werk: „The Japanese Siege of Tsingtau“, an, welches hierbei auch als Vorlage diente. Vielmehr soll am Beispiel Tsingtau untersucht werden, wie sich die Flottenpolitik des Großadmirals von Tirpitz, der die Bucht von Kiautschou als Flottenkommandant selbst examiniert und für brauchbar befunden hatte, auf diese Überseebesitzung ausübte. Als Hintergrund dieser Betrachtung dienen dabei die für das Beispiel Tsingtaus beinahe prophetischen Worte Bismarcks: "Wir haben eine Flotte, die nicht fahren kann…und wir dürfen keine verwundbaren Punkte in fernen Weltteilen haben, die den Franzosen als Beute zufallen, sobald es losgeht." Zwar sprachen die Franzosen, die Tsingtau zum Verhängnis wurden, Japanisch. Aber hatte Bismarck nicht schließlich doch Recht behalten?
Um jene Zusammenhänge näher zu beleuchten, wird sich diese Arbeit zuerst mit dem Verhältnis von Marine und Kiautschou/Tsingtau, speziell mit dem Tirpitz’, beschäftigen und Einblick in die Lage in der Vorkriegszeit nehmen. Anschließend soll auf Grundlage Bismarckscher Aussagen aus der Frühzeit bzw. aus der Zeit kurz vor Beginn deutscher Kolonisierung um 1880, ein Abgleich mit den, vor allem flottenpolitischen, Realitäten des Jahres 1914 vorgenommen werden. Darauf folgt eine kurze, selektive Beschreibung der Geschehnisse der Belagerung, unter Beachtung der besonderen Schwerpunkte der vorangegangenen Betrachtungen.
Abschließend soll ein Fazit die Frage klären, ob die historischen Entwicklungen in Bezug auf Tsingtau, Bismarcks früh geäußerten Ansichten zur Kolonialpolitik oder Tirpitz’ realer Flottenpolitik mit ihren Implikationen für Kiautschou letztendlich Recht gaben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Tsingtau in Kiautschou
2.1. Lage/ Beschreibung
2.2. Das Interesse der Marine an Tsingtau
2.3. Tsingtau in der Vorkriegszeit
3. Bismarcks Haltung zu Kolonien in Übersee
3.1. Bismarcks Haltung im Wandel – ein kurzer Abriss
3.2. Abgleich mit den Realitäten – Die Überseekapazitäten der Marine 1914
4. Die Eroberung
5. Tirpitz oder Bismarck ? – die Geschichte als Rechenmeister oder: Warum Tsingtau g untergehen mußte
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht anhand des Beispiels Tsingtau, inwiefern die Flottenpolitik von Großadmiral von Tirpitz in der Praxis scheiterte und ob Bismarcks Warnungen vor verwundbaren Stützpunkten in Übersee durch den tatsächlichen Kriegsverlauf 1914 bestätigt wurden.
- Analyse der Flottenpolitik von Tirpitz im Hinblick auf Überseestützpunkte.
- Gegenüberstellung von Bismarcks kolonialkritischer Haltung und der imperialen Praxis.
- Untersuchung der strategischen Bedeutung von Tsingtau vor und während des Ersten Weltkriegs.
- Bewertung der militärischen Situation und der Belagerung von Tsingtau 1914.
Auszug aus dem Buch
2.2. Das Interesse der Marine an Tsingtau
Es stellt sich also die Frage was für ein Interesse die kaiserliche Marine an einem Fischerdorf wie Tsingtau gehabt haben könnte, war die Stadt doch recht bald unter Marineverwaltung gestellt worden. Bekanntermaßen hatten Deutschlands Bemühungen als Groß- und Kolonialmacht aufzutreten, durch die Anstrengungen Kaiser Wilhelms für das Reich einen Platz an der Sonne zu ergattern, enormen Auftrieb erfahren. Natürlich ließ sich eine solche Überseepolitik nur mit Überseekapazitäten, also mit einer Flotte durchsetzen. Im Rahmen der technischen Entwicklung hatte sich bereits im Krimkrieg gezeigt, dass die Zukunft bei den Dampfschiffen liegen würde, die um fernab der Heimat einsatzfähig zu bleiben, noch stärker als ältere Schiffstypen Flottenversorgungsstützpunkte, vor allem aber Kohlestationen benötigen würden. Als eine ebensolche kam nun Tsingtau ins Spiel. Schließlich waren weite Kreise der zuständigen Verantwortungsträger schon seit der sog. Eulenburg – Expedition 1860/61 darauf erpicht einen preußischen bzw. deutschen Flottenstützpunkt in Südostasien zu erwerben. Seit 1868 zeigten preußische bzw. kaiserliche Schiffe ständig in der Region Präsenz, waren aber immer auf das Wohlwollen der Großmächte mit eigenen Stützpunkten, bzw. der Anrainerländer angewiesen. Dieser Zustand war für die Verantwortlichen ärgerlich, jedoch unter Bismarck, der lieber den Frieden mit den anderen Großmächten wahren wollte, nicht zu ändern. Erst nach Bismarcks Abtreten und mit dem forschen Auftreten des jungen Kaisers, bot sich eine Chance. Während China offenbar immer weniger Widerstand gegen äußere Mächte leisten konnte, rüstete Japan seine Flotte auf und es schien vielen so, dass England oder Russland in diese Lücke stoßen könnten. Der Marinestaatsekretär dieser Zeit, Admiral Hollmann, war, wie viele z. T. ältere Verantwortungsträger in der Marineführung ein Anhänger der Strategie des Kreutzerkampfes.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die historische Situation der Belagerung Tsingtaus 1914 ein und formuliert das Ziel, die Diskrepanz zwischen Tirpitz' Flottenpolitik und der Realität zu beleuchten.
2. Tsingtau in Kiautschou: Dieses Kapitel beschreibt die geographischen Bedingungen, das strategische Interesse der Marine an der Bucht sowie die zivile und wirtschaftliche Entwicklung der Kolonie vor dem Ersten Weltkrieg.
3. Bismarcks Haltung zu Kolonien in Übersee: Hier wird Bismarcks opportunistische und kolonialkritische Haltung analysiert und den realen Kapazitäten der deutschen Marine im Jahr 1914 gegenübergestellt.
4. Die Eroberung: Das Kapitel schildert den Verlauf der japanischen Belagerung, die militärische Unterlegenheit der deutschen Schutztruppen und den Fall der Stadt im November 1914.
5. Tirpitz oder Bismarck ? – die Geschichte als Rechenmeister oder: Warum Tsingtau g untergehen mußte: Das Fazit stellt fest, dass Tirpitz' Schlachtflottenkonzept für den Schutz ferner Kolonien ungeeignet war und Bismarcks Skepsis gegenüber Übersee-Engagements durch den Untergang Tsingtaus historisch bestätigt wurde.
Schlüsselwörter
Tsingtau, Kiautschou, Alfred von Tirpitz, Otto von Bismarck, Kolonialpolitik, Schlachtflotte, Erster Weltkrieg, Japan, Marinestrategie, Überseestützpunkte, Flottenpolitik, Belagerung, Kaiserliche Marine, Geopolitik, Imperialismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Scheitern der deutschen Kolonialpolitik am Beispiel von Tsingtau und setzt dies in Beziehung zur militärstrategischen Planung von Admiral von Tirpitz sowie den Warnungen Otto von Bismarcks.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die deutsche Flottenpolitik zur Zeit des Kaiserreiches, der Kolonialismus in China, die maritime Strategie der kaiserlichen Marine und die geopolitischen Interessen Japans vor dem Ersten Weltkrieg.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das primäre Ziel ist es, zu analysieren, warum Tsingtau im Ersten Weltkrieg unweigerlich untergehen musste, und zu prüfen, ob die historische Entwicklung Bismarcks Prophezeiungen oder Tirpitz' strategische Annahmen bestätigte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine historisch-analytische Methode, indem sie zeitgenössische Aussagen Bismarcks mit den realen politischen und militärischen Ereignissen des Jahres 1914 abgleicht und dabei auf Fachliteratur zurückgreift.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Entstehung von Kiautschou als Stützpunkt, die wirtschaftliche Lage in der Vorkriegszeit, Bismarcks Haltung zum Kolonialismus sowie den Ablauf der japanischen Eroberung von Tsingtau.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Tsingtau, Tirpitz, Schlachtflotte, Kolonialpolitik und imperiale Machtansprüche charakterisiert.
Welche Rolle spielte die "Kaiserin Elisabeth" bei der Verteidigung?
Die "Kaiserin Elisabeth" war ein veralteter österreichischer Kreuzer, der zufällig in Tsingtau anwesend war und aufgrund seiner mangelnden Panzerung und Bewaffnung kaum eine reale Verteidigungskapazität gegen die japanischen Angreifer bot.
Warum konnte die deutsche Marine Tsingtau nicht effektiv schützen?
Die deutsche Marine war als Schlachtflotte für den Einsatz im europäischen Binnenmeer konzipiert. Tirpitz hatte das Augenmerk auf die Abschreckung in der Nordsee gelegt und die Kapazitäten für einen Seekrieg in Übersee vernachlässigt.
- Citation du texte
- Ullrich Müller (Auteur), 2004, Bismarck, Tirpitz und Tsingtau. Warum Tsingtau untergehen musste, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/170613