Beziehungen zwischen einheimischen Frauen und deutschen Soldaten im besetzten Norwegen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

45 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kontakte zur Zivilbevölkerung: Norwegen aus Sicht nationalsozialistischer Ideologie

3. Die Reaktionen der Anderen: Beziehungen zwischen norwegischen Frauen und deutschen Soldaten aus norwegischer Sicht

4. Kontaktfelder deutscher Soldaten und norwegischer Einheimischer

5. Motive für Beziehungen zwischen norwegischen Frauen und deutschen Soldaten
5.1 Aus Sicht deutscher Soldaten in Norwegen
5.1.1 Euphorie
5.1.2 Langeweile und Einsamkeit
5.1.3 Ideologische Einstellungen
5.1.4 Anschluss suchen
5.1.5 „Schneller Sex“
5.1.6 Liebe
5.2 Aus Sicht norwegischer Frauen
5.2.1 Neugier, Faszination und Bewunderung
5.2.2 Spaß und Unterhaltung
5.2.3 Der „liebe Fritz“
5.2.4 Anschluss zulassen
5.2.5 Opportunismus
5.2.6 Liebe

6. Fazit

7. Literatur

8. Anhang

9. Erklärung

1. Einleitung

„Die Deutschen in ihren Uniformen, mein Gott, waren das schöne Männer, wir haben unseren Augen nicht getraut.“[1] So äußerte sich die Norwegerin Lucie im Gespräch mit Ebba D. Drolshagen über den ersten flüchtigen Kontakt mit denjenigen Männern, die zwischen 1940 und 1945 als Besatzer in Norwegen stationiert waren. Die Bewunderung für die fremden Soldaten, die in dieser Aussage steckt, kann kaum geleugnet werden. Es lässt sich durchaus ein Interesse an den unbekannten Fremden herauslesen. Dieses Interesse (u.a.) an den Neuankömmlingen führte dazu, dass schätzungsweise 40 - 50.000 Norwegerinnen engeren Kontakt zu Deutschen hatten, und aus diesen Beziehungen mind. 9.000 Kinder hervorgingen[2].

In diesem Zusammenhang stellt man sich die Frage, ob Bewunderung allein als Motiv gelten kann, welches erklärt, warum man sich von Seiten der einheimischen Frauen auf die fremden Männer einließ. Welche anderen Gründe spielten für die Frauen eine Rolle, sich mit dem „Feind“ abzugeben. Auf der anderen Seite stellt sich die Frage, welche Beweggründe es für deutsche Soldaten gab, sich den norwegischen Frauen anzunähern. Die Beantwortung dieser Frage, nämlich der Frage nach den Motiven der Frauen einerseits und denen der Männer andererseits für eine Annäherung an den jeweils anderen, soll Gegenstand dieser Arbeit sein.

Um sich dieser Fragestellung zu nähern, wird zunächst darauf eigegangen, wie die NS-Ideologie Beziehungen zwischen Norwegerinnen und Deutschen sah. Hier soll nachgezeichnet werden, inwieweit sich NS-Ideologie in den neu errichteten norwegischen Strukturen wie dem Lebensborn e.V. widerspiegelten, aber auch wie man das Verhältnis zu ethnischen Minderheiten wie z.B. den nordnorwegischen Samen betrachtete. Es gilt zu beobachten, ob die NS-Ideologie, sprich die Zielsetzung von oben, die Bekanntschaften zwischen Norwegerinnen und Deutschen förderte, verhinderte oder ob diese gar bewusst ignoriert wurde.

In einem zweiten Abschnitt soll es um die Reaktionen der besetzten Bevölkerung im Hinblick auf Kontakte zwischen Deutschen und Norwegerinnen gehen. Es wird geschildert, inwieweit Frauen, die sich auf den „Feind“ einließen, familiär und gesellschaftlich ausgegrenzt und vom Widerstand Norwegens[3] als Tyskertøs („Deutschenflittchen“) oder Tyskerjenter („Deutschenmädchen“) der „horizontalen Kollaboration“[4] bezichtigt wurden. Diese Ausgrenzung war während der Besatzungszeit zum überwiegenden Teil psychischer Natur gewesen; nach dem Norwegen 1945 befreit wurde, änderte sich dies, und die Frauen, die man beschuldigte mit Deutschen zusammen gewesen zu sein, sahen sich vielfach körperlicher Gewalt, Gefängnisstrafen, Entlassungen etc. ausgesetzt[5].

Desweiteren soll es im nächsten Kapitel darum gehen, wo und in welchen Situationen Kontakte zur Zivilbevölkerung möglich waren. Hierbei wird erläutert, dass der Kontakt von Besatzern und Besetzten keineswegs Seltenheitswert hatte, sondern solche Kontakte in vielfältiger Form zustande kamen. Darum verwundert es nicht, dass sich in diesem Zusammenhang zwangsläufig Kontaktmöglichkeiten zwischen Norwegerinnen und deutschen Soldaten ergaben.[6]

Diese vorgeschobenen Kapitel sollen die Leitfrage verdeutlichen. Man muss sich fragen, warum man von Seiten der deutschen Soldaten Beziehungen mit Norwegerinnen einging? Hatte die NS-Propaganda, die die norwegischen Frauen als „Mütter guten Blutes“ beschrieb, bei den Soldaten Erfolg gehabt? Wie erklärt man sich in diesem Zusammenhang jedoch Beziehungen zu samischen Frauen, die von Seiten des NS-Regimes nicht gewünscht waren? Folglich müssen auch andere Gründe eine Rolle für Beziehungen gespielt haben. Auf der anderen Seite muss man sich fragen, warum Frauen das Risiko eingingen, ihren Platz in der Gesellschaft aufs Spiel zu setzen, um mit einem Deutschen zusammen zu sein. Auch hier müssen Gründe zu finden sein, die die Gefahr der gesellschaftlichen Ächtung relativierten. Um diese Gründe, seitens der Soldaten und seitens der Frauen, geht es im zentralen Kapitel dieser Arbeit. Dabei sollen mittels zweier Modelle die Motive von Soldaten und Norwegerinnen kategorisiert und benannt werden.

In einem abschließenden Fazit werden die Erkenntnisse dieser Arbeit überblicksartig zusammengefasst.

Allerdings möchte ich an dieser Stelle darauf hinweisen, dass die Thesen über Motivationen, die ich im folgenden aus Sicht von Norwegerinnen und deutschen Soldaten anbiete, keinesfalls als Verallgemeinerung für alle einheimischen Frauen oder für alle deutsche Soldaten verstanden werden dürfen. In meinen Ausführungen sollen lediglich diejenigen Menschen einbezogen werden, die ausdrücklich auch Kontakt zu dem jeweils anderen wünschten und suchten. Dementsprechend soll bemerkt sein, dass es natürlich auch Frauen gab, die die Parole der „kalten Schulter“[7] gegenüber den Deutschen strikt befolgten, genauso wie es Deutsche gab, die kein Interesse an der Zivilbevölkerung zeigten und sich lediglich als Exekutivorgan der Besatzer verstanden. Es geht daher um die bereits oben erwähnten 40 – 50.000 Norwegerinnen und ihre Kontakte zu deutschen Männern.

2. Kontakte zur Zivilbevölkerung: Norwegen aus Sicht nationalsozialistischer Ideologie

Wenn man in der deutschen Bevölkerung des 3. Reiches an Norwegen dachte, hatte man das Bild eines Landes vor Augen, das gänzlich aus kühnen und kraftvollen Menschen bestand. An dieser Sichtweise Norwegens hatte die NS-Propaganda einen erheblichen Anteil. So wurde das norwegische Volk, und hier vor allem die Jugend, zwar in den Augen der Deutschen als dekadent, unmoralisch, dem Alkohol und dem Nikotin verfallen, beschrieben, doch blieb es ein nordisches Volk, das lediglich der ordnenden deutschen Hand bedurfte. In diesem Sinne war die norwegische Bevölkerung eine besonders gute Rekrutierungsquelle für die Schöpfung einer „Herrenrasse“ für das kommende Groß-Germanische Reich.[8] Demzufolge spielte Norwegen in den rasseideologischen Planungen der Nationalsozialisten eine zentrale Rolle. Nach der Besetzung Norwegens im April 1940[9] kam es bereits wenige Monate später zu ersten Geburten von Kindern mit norwegischen Müttern und deutschen Vätern. Man konnte demnach annehmen, dass mit weiteren solcher Kinder zu rechnen war. Diese Entwicklung sah man im Reich keinesfalls mit Argwohn, galten doch die Norweger als die „arischsten aller Arier“[10] und waren daher auf der Rassenskale der Nationalsozialisten, allen voran Heinrich Himmlers, ganz oben angesiedelt. So verwunderte es nicht, dass, im Gegensatz z.B. zu den besetzten Ostgebieten, Kontakte zu norwegischen Frauen ausdrücklich erwünscht waren. „Es ist unbedingt wünschenswert, dass die deutschen Soldaten mit norwegischen Frauen so viele Kinder wie möglich zeugen, […]“[11], hieß es in einem Rundschreiben der SS in Norwegen mit dem Titel „SS für Groß-Deutschland – Mit Schwert und Wiege“. Diese Frauen „guten Blutes“[12] waren als Mütter deutscher Kinder sogar so begehrt, dass sie vom generellen Heiratsverbot für Wehrmachtssoldaten vom 7. Mai 1940 ausgenommen wurden. Dafür hatte sich Vidkun Qusiling, der Parteivorsitzende der nationalsozialistischen Partei Norwegens Nasjonal Samling, persönlich eingesetzt[13]. Er sah die norwegischen Frauen rassisch diskriminiert, die offenbar „gut genug sind, um die Geliebte eines Deutschen, nicht aber, um dessen Ehefrau zu werden.“[14]Daraufhin wurde die Heiratsverordnung durch Führererlass im Winter 1941 so verändert, dass gegen Eheschließungen zwischen deutschen Soldaten und rassisch verwandten Personen der germanischen Völker nichts einzuwenden war[15].

Mit dieser Aufwertung norwegischer Frauen bezweckten die Nazis eine Etablierung „deutschgesinnter Vorposten im norwegischen Volke“[16], wie es der HSSPF Nord[17] Wilhelm Rediess ausdrückte. Mit diesen „Vorposten“ waren die Kinder der norwegischen Frauen mit deutschen Soldaten gemeint. Bevor diese Kinder überhaupt geboren waren, hatte diese schon ihren festen Platz im durch die Nationalsozialisten neu geordneten Europa. Dies war die Folge einer NS-Rassenpolitik, die nicht nur auf der Vernichtung aller rassisch und sozial Minderwertigen durch Sterilisation, Euthanasie, und Völkermord basierte, sondern auch auf der Begründung einer rassischen Elite, einem „Herrenvolk“, zu dem diese Kinder „guten Blutes“ gehören sollten. Demzufolge unterschieden sich die Nationalsozialisten erheblich von anderen Besatzungsarmeen, die sich nicht für die Frauen des Feindes und die unehelich gezeugten Kinder dieser interessierten. Diese Frauen und Kinder spielten im Machtkalkül anderer Besatzer keine Rolle. Die Nationalsozialisten waren nun die ersten, die diese Frauen und Kinder gezielt in den Blick ihrer Bemühungen nahmen.[18] Dies galt natürlich nur für die besetzten Nord- und Westgebiete. In Norwegen, machte man sich von Seiten der Nazis gezielt daran, Strukturen innerhalb des Landes zu schaffen, um die „Auslese und Sammlung arischen Blutes“[19], so Himmler, voranzutreiben. Dieses Ziel wurde mit der Etablierung des deutschen Vereins „Lebensborn e.V.“ ab Sommer 1940 in Norwegen konsequent verfolgt. Damit war Norwegen das erste besetzte Land, in dem der Lebensborn außerhalb des Deutschen Reiches eingerichtet wurde. Dieser Verein wurde bereits 1935 als Unterabteilung der SS in Deutschland gegründet. Seine Aufgabe bestand darin die nordische, „arische“ Rasse dadurch zu veredeln, indem immer mehr Kinder mit den „richtigen“ erbbiologischen Eigenschaften geboren werden sollten. „Richtige“ Eigenschaften stellten nach den Vorstellungen der Nazis äußere Aspekte wie hohe Stirn, blaue Augen und blonde Haare dar.[20] Allen voran Heinrich Himmler war angetan von dem Gedanken die Reproduktion einer „Herrenrasse“ selber in der Hand zu haben. Demzufolge wurde die Ausbreitung des Lebensborns in Norwegen energisch vorangetrieben. Wie die Deutschen diesen Verein in Norwegen organisierten, soll im Folgenden kurz geschildert werden.

Im Februar 1941 trafen sich hochrangige Parteifunktionäre der NSDAP, um das Problem der geborenen Kriegskinder in Norwegen zu erörtern. Anwesend waren hierbei der Reichsführer-SS Heinrich Himmler, der Reichskommissar Norwegens Josef Terboven[21], der HSSPF Nord Wilhelm Rediess und der Leiter des Lebensborn e.V. in Deutschland Max Sollmann[22]. Außerdem nahmen an diesem Gespräch Dr. Günther Reinecke, ein deutscher Jurist aus München, der sich in Norwegen mit bevölkerungs- und rassenpolitischen Fragen beschäftigte, sowie Dr. Gustav Richert, der künftig für den Bereich Lebensborn in Norwegen zuständig sein sollte, teil.[23] Allein an den Akteuren, die sich dieser Problematik annahmen, lässt sich erkennen, welche Priorität das Thema deutsch-norwegischer Kriegskinder genoss. Nach diesem Gipfeltreffen machte sich Dr. Richert daran, den Lebensborn nach deutschem Vorbild in Norwegen zu installieren. Richert übernahm die übergeordnete politische und organisatorische Leitung des Lebensborns in Norwegen, agierte aber zumeist aus dem Hintergrund. Er unterhielt direkte Kontakte zu Himmler und Sollmann und lenkte die wesentliche Richtung des Lebensborns in Norwegen. Die Arbeit für den Lebensborn verrichtete er zusätzlich zu seinem eigentlichen Amt in Norwegen. Dort war er Leiter der Abteilung Ernährung und Landwirtschaft im Reichskommissariat. Seine Arbeit beim Lebensborn orientierte sich an einer rassisch geprägten Vorstellungswelt, nach der eine nordische Rasse mit ihrem „Gestaltungswillen“ über die ganze Welt verbreitet sei[24]. Richert sah es als seine Aufgabe, eine Reinhaltung dieser nordischen Rasse in Norwegen zu erreichen. Dafür holte er einen weiteren Parteifunktionär mit ins Boot, der den Lebensborngedanken nun konkret in die Tat umsetzen sollte. Es handelte sich hierbei um den SS-Sturmbannführer Wilhelm Tietgen, der aus der Münchener Zentrale des Lebensborn e.V. nach Norwegen kam. Er gehörte bereits seit 1931 zur NSDAP und arbeitete ab 1934 hauptberuflich für diese, bevor er im März 1941 nach Norwegen versetzt wurde, um dort das erste Lebensborn-Büro außerhalb Deutschlands zu gründen. In seinen Aufgabenbereich fielen der Aufbau eines organisatorischen Apparates, die Errichtung von Lebensbornheimen und Mütterberatungsstellen, sowie die Bearbeitung der Einzelfälle deutsch-norwegischer Kinder, die sich zu häufen begannen. Für die Bearbeitung dieser Anforderungsbereiche hatte Tietgen im Mai 1941 lediglich weitere vier Mitarbeiter. Im Laufe des Krieges wuchs diese Zahl auf mindestens 50 Beschäftigte in der Zentrale an. Hinzu kamen die Angestellten der örtlichen Büros, sowie der insgesamt elf Lebensbornheime, sodass man im April 1943 schon 223 Lebensbornmitarbeiter zählte. Bis zum Kriegsende vermutet man eine Zahl von mindestens 300 Angestellten[25]. So entwickelte sich der Lebensborn e.V. unter Tietgen zu einer landesweiten Organisation, die von nun an die Aufgabe übernahm, die „Mütter guten Blutes“ gezielt zu fördern, sei es durch finanzielle und materielle Unterstützung, oder durch die Aufnahme in eines der norwegischen Lebensbornheime[26].

Wenn man die bisherigen Ausführungen betrachtet, könnte man zu dem Schluss kommen, dass die Deutschen die Norweger generell als rassisch hochwertig ansahen, und müsste meinen, dass Beziehungen jeglicher Art zu allen norwegischen Frauen von deutscher Seite aus mit Wohlwollen begegnet worden ist. An dieser Stelle erhalten wir einen Einblick in einen der vielen Gedankenbrüche nationalsozialistischer Ideologie, denn mitnichten wurde jede Beziehung deutscher Soldaten mit norwegischen Frauen akzeptiert. An dieser Stelle sollen zwei Bereiche angesprochen werden, an denen man erkennt, dass Norwegerin nicht gleich Norwegerin war. Zum Einen soll es um sog. samische Frauen gehen, die in Nordnorwegen lebten, und zum Anderen um „normale“ einheimische Norwegerinnen, die trotzdem als rassisch minderwertig eingestuft wurden, und infolgedessen z.B. als heiratsuntauglich oder unwürdig galten, Unterstützung des Lebensborns zu erhalten.

Bei den Deutschen herrschte die Auffassung vor, dass die norwegische Bevölkerung zum größten Teil rassisch wertvoll sei. Man wollte sich daher grundsätzlich um alle norwegischen Mütter mit einem Kind von einem deutschen Soldaten kümmern. Voraussetzung war allerding, „dass es sich bei den Norwegerinnen nicht um rassisch minderwertige Frauen handelt.“[27]Wer rassisch minderwertig war und wer nicht, wurde von den Deutschen von Fall zu Fall entschieden. In diesem Zusammenhang war man der Ansicht, dass generell in Südnorwegen gesunde rassische Zustände herrschten, und der Anteil nordischen Blutes ungewöhnlich hoch sei, so hieß es in einem Bericht eines SS-Obersturmführers, der mit der Aufgabe betraut worden war, eine Rassenkarte zunächst von Südnorwegen anzufertigen[28]. In den nordnorwegischen Regionen ergab sich für die Deutschen ein anderer Eindruck. Bei einer Rundreise einer deutschen Kinderärztin stellte diese erschreckend fest, dass die Nachkommen der alten Wikinger nicht ihrem Idealbild der Norweger entsprachen. In diesem Zusammenhang rückten auch die in Nordnorwegen zumeist als Rentierzüchter lebenden Samen in den Blick nationalsozialistischer Rassenlehre. Diese knapp 20.000 Menschen fassende Bevölkerungsgruppe hatte in der NS-Rassentheorie vor dem Krieg keinen Niederschlag gefunden. Die oben bereits erwähnte Kinderärztin unterzog daraufhin die Samen einer genaueren Untersuchung, und konstatierte, dass jeglicher samischer Einschlag rassisch unerwünscht sei. In diesem Zusammenhang war Dr. Heinrich Meyer, ein deutscher Arzt, der in Oslo bis zur Etablierung des Lebensborn e.V. die Kriegskinderfälle betreute und eine Vorliebe für skandinavische Rassenfragen aufwies[29], der Ansicht, man müsse eine „Verlappung des Nordens“[30] verhindern und schlug im März 1941 vor, Ehen zwischen Samen und Norwegern gesetzlich zu verbieten, und begründete dies wie folgt:

„Man wird ein Verbot der Heirat zwischen Norwegern und Lappen nicht mit der Reinhaltung des norwegischen Blutes begründen, man wird es damit begründen, dass das kleine Volk der Lappen in Gefahr wäre, von den verschiedenen, es umgebenden Volksgruppen aufgesaugt zu werden, um die Lappen nicht zu verletzen. Man wird also sagen, dass die Lappen und ihr artgemäßes Leben erhalten bleiben müssen und des Schutzes bedürfen.“[31]

Die hier angegebene Begründung wirkt geradezu lächerlich, denn nicht der Schutz der Samen als Volksgruppe stand im Fokus dieser Maßnahme, sondern die Trennung zwischen rassisch wertvollem und rassisch minderwertigem Leben. Die Tatsache, dass selbst Ehen zwischen Samen und Norwegern auf Ablehnung bei den Deutschen stieß, lässt den einfachen Schluss zu, dass Beziehungen zwischen deutschen Soldaten und Samen ausgeschlossen und deren Nachwuchs unerwünscht sein würde. Man äußerte von Seiten der zuständigen Lebensbornfachleute „schwerste Bedenken, das deutsche Volk mit einem solchen mongolischen Einschlag zu belasten.“[32] Auch eine Unterstützung in finanzieller oder materieller Hinsicht für Frauen samischer Abstammung kam von Seiten des Lebensborn nicht in Frage. Tietgen äußerte über eine solche Frau, die von einem Deutschen ein Kind erwartete, dass die Kindsmutter aus Nordnorwegen stamme und einen stark lappischen Einschlag habe, woraufhin Dr. Richert in einer Aktennotiz zu diesem Fall anmerkte, dass es überhaupt nicht in Frage komme, dieser Frau auch nur einen Pfennig zu zahlen und fügte hinzu: „Wir sind außerdem an lappischen Mischungen nicht interessiert.“[33]

Aber nicht nur samische Frauen waren der NS-Führung ein Dorn im Auge, wenn es um Beziehungen ihrer Soldaten zu einheimischen Frauen ging. Weiter oben wurde bereits erwähnt, dass Eheschließungen zwischen Deutschen und Norwegerinnen ab Winter 1941 möglich waren, unter der Voraussetzung diese Frauen seien rassisch wertvoll. Der rassische Wert einer Frau sollte durch Gutachten ermittelt werden, die von der Abteilung Lebensborn, dem Rasse- und Siedlungswesen in Norwegen und SS-Ärzten aus dem Reichskommissariat erstellt wurden. Diese Aufgabe nahmen diese Stellen sehr ernst, ging es doch darum seinen Beitrag zur „Förderung eines gesunden germanischen Nachwuchses für einen Nachkriegsaufbau“[34] zu leisten. Bei diesen Gutachten wurde nicht nur das Erscheinungsbild der Frauen geprüft, sondern auch deren Weltanschauung, Lebensführung, Krankheitsgeschichte und Familien unter die Lupe genommen, bevor man ein sog. „Ehefähigkeitszeugnis“ ausstellte.[35] Zudem versuchte der Lebensborn e.V. bereits vorbeugend auf die Wahl der deutschen Soldaten im Hinblick auf eine künftige Ehefrau einzuwirken. Man bemühte sich auf alle deutschen Dienststellen in Norwegen, auf die SS und die Wehrmacht Einfluss zu nehmen, dass diese ihrerseits durch Vorträge, Schriften und Bilder darüber informieren sollten, „wie die Norwegerin aussehen, welche Qualität sie besitzen und in welchem Verhältnis zum deutschen Volk sie stehen muss, wenn er als bewusster Deutscher mit ihr eine Verbindung eingehen will […]. Denn nur dann, wenn er bei der Wahl seiner zukünftigen Lebensgefährtin und Mutter seines Kindes sich seiner hohen Verpflichtung seinem Volk gegenüber bewusst ist, wird er den tieferen Sinn dieses Führererlasses erfüllt haben.“[36] Zu diesem Zweck wurde z.B. 1943 eine Broschüre mit dem Titel „Der deutsche Soldat und die Frau aus fremdem Volkstum“ als „Richtheft des Oberkommandos des Wehrmacht“ herausgegeben, in welchem „rassische“ Erläuterungen, entsprechende Verhaltensregeln und Möglichkeiten der Heirat enthalten waren.[37]

Trotz der Bemühungen des Lebensborn hieß es bereits im Januar 1943:

„Die Erfahrungen in den nordischen Ländern zeigen, dass der Deutsche im wesentlichen nicht das rassisch wertvolle Mädchen heiratet. Der Soldat, der lange nicht in der Heimat war, hat den richtigen Blick leider verloren.“[38]

Scheinbar spielten ideologische Bedenken der NS-Führung für viele Soldaten eine untergeordnete Rolle, da es solche Beziehungen und auch Kinder zwischen Deutschen und „rassisch minderwertigen“ Frauen gegeben hat. Warum man sich von Seiten der deutschen Soldaten trotz Verbot auf diese Frauen einließ, soll Gegenstand des vierten Kapitels sein.

[...]


[1] Drolshagen: Nicht ungeschoren davonkommen. S. 90.

[2] Drolshagen: Nicht ungeschoren davonkommen. S. 94.

[3] Nähere Informationen zur Organisation und dem Vorgehen des zivilen und militärischen Widerstandes in Norwegen finden sich in: Mez, Lutz: Ziviler Widerstand in Norwegen. Frankfurt/Main 1976.

[4] Drolshagen: Nicht ungeschoren davonkommen. S. 11.

[5] Die diskriminierenden Handlungen gegenüber den „Deutschenmädchen“ werden detailiert beschrieben in: Olsen: Vater: Deutscher. Hier widmet sich Olsen in Kapitel zwei mit dem bezeichnenden Titel „Als der Frieden hereinbrach“ ab S. 220 diesen Vorgängen.

[6] Weih: Alltag für Soldaten. S. 146ff.

[7] Vgl. hierzu die herausgegebene Parole der norwegischen Exilregierung in Kap. 3, entnommen aus: Drolshagen: Nicht ungeschoren davonkommen. S. 58.

[8] Kjendsli: Kinder der Schande. S. 39.

[9] Für eine genauere Beschreibung des Besatzungsvorgangs in Norwegen, der sog. „Weserübung Nord“, vgl. Hubatsch, Walther: Weserübung. Die deutsche Besetzung von Dänemark und Norwegen 1940. Göttingen 1960. Hubatsch vertritt in seinem Werk im Übrigen die höchst umstrittene Meinung, die Besetzung Norwegens sei ein rein präventiver Verteidigungsakt der Deutschen gewesen.

[10] Drolshagen: Wehrmachtskinder. S. 169.

[11] Kjendsli: Kinder der Schande. S. 39.

[12] Drolshagen: Wehrmachtskinder. S. 168.

[13] Mehr Informationen über die Rolle Quislings bei der Besatzungsherrschaft in Norwegen findet man in: Loock, Hans-Dietrich: Quisling, Rosenberg und Terboven. Berlin 1970.

[14] Drolshagen: Wehrmachtskinder. S. 287.

[15] Drolshagen: Wehrmachtskinder. S. 287.

[16] Drolshagen: Wehrmachtskinder. S. 169.

[17] Der Höhere SS- und Polizeiführer (HSSPF) Nord war der höchste SS-Mann in Norwegen. Die organisatorischen Strukturen des Reichskommissariats in Norwegen werden beschrieben in: Bohn, Robert: Reichskommissariat Norwegen. München 2000.

[18] Drolshagen: Wehrmachtskinder. S. 286.

[19] Drolshagen: Wehrmachtskinder. S. 168.

[20] Kjendsli: Kinder der Schande. S. 37.

[21] Im April 1940 war in Norwegen ein Reichskommissariat unter der Leitung Josef Terbovens entstanden. Für weitere Informationen über die Etablierung dieser Institution in Norwegen vgl. Bohn, Robert: Reichskommissariat Norwegen. München 2000.

[22] Informationen zum Aufbau und der Arbeit des Lebensborn e.V. in Deutschland liefert: Lilienthal, Georg: Der „Lebensborn e.V.“. Ein Instrument nationalsozialistischer Rassenpolitik. Stuttgart 1985.

[23] Olsen: Vater: Deutscher. S. 28.

[24] Olsen: Vater: Deutscher. S. 44f.

[25] Olsen: Vater: Deutscher. S. 40f.

[26] Mehr zur Unterstützung der norwegischen Mütter siehe in: Olsen: Vater: Deutscher. S. 53ff.

[27] Olsen: Vater: Deutscher. S. 49.

[28] Olsen: Vater: Deutscher. S. 31.

[29] Olsen: Vater: Deutscher. S.26.

[30] Mit Lappen wird/wurde das Volk der Samen bezeichnet. Inwieweit dieser Begriff von den Samen selbst als Beleidigung verstanden wird, vermag ich abschließend nicht klären zu können. Zumindest der Artikel bei Wikipedia deutet an, dass der Begriff Lappen negativ konnotiert ist. (http://de.wikipedia.org/wiki/Samen_%28Volk%29 gesehen am 03.01.2011 um 11:52 h)

[31] Olsen: Vater: Deutscher. S.33.

[32] Drolshagen: Wehrmachtskinder. S. 171.

[33] Olsen: Vater: Deutscher. S. 50.

[34] Olsen: Vater: Deutscher. S. 149.

[35] Olsen: Vater: Deutscher. S. 150.

[36] Olsen: Vater: Deutscher. S. 150.

[37] Schmitz-Köster: Der Krieg meines Vaters. S. 291. Siehe auch Anhang 1)

[38] Drolshagen: Wehrmachtskinder. S 171.

Ende der Leseprobe aus 45 Seiten

Details

Titel
Beziehungen zwischen einheimischen Frauen und deutschen Soldaten im besetzten Norwegen
Hochschule
Universität Siegen  (Fachbereich 1 - Geschichte)
Veranstaltung
Europa unter deutscher Herrschaft: Besatzung, Ausplünderung und „Reichseinsatz“
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
45
Katalognummer
V170619
ISBN (eBook)
9783640895458
ISBN (Buch)
9783640895946
Dateigröße
1103 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
beziehungen, frauen, soldaten, norwegen
Arbeit zitieren
Mario Kulbach (Autor), 2011, Beziehungen zwischen einheimischen Frauen und deutschen Soldaten im besetzten Norwegen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/170619

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