Die Herrschaft der Kulturindustrie über die Kunst in der Dialektik der Aufklärung


Seminararbeit, 2005
14 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Kulturindustrie in der Dialektik der Aufklärung

3. Die Bedeutung der Kunst – eine Annäherung
3.1. Bei Adorno
3.2. Bei Marcuse

4. Fazi

5. Bibliographie

1. Einleitung

„Einstweilen hat es die Technik der Kulturindustrie bloß zur Standardisierung und Serienproduktion gebracht und das geopfert, wodurch die Logik des Werks von der des gesellschaftlichen Systems sich unterschied.“[1]

Nehmen wir diese Worte im Zusammenhang mit Adornos Vorstellung von der Kunst als einer erlösenden Kraft, so wird die Tragweite dieses Satzes ersichtlich. Denn wenn die Kunst als Gegenbild zur Gesellschaft eine Alternative zum herrschenden System im wahrsten Sinne des Wortes darstellt, dann ist es nur logisch daß auch diese der Macht eben jenes herrschenden Systems zu unterwerfen wäre. Dieses stellt sich in der Dialektik der Aufklärung als Element der Technischen Rationalität dar, die, indem sie Rationalität mit wirklicher Aufgeklärtheit verwechselt, jenen die Herrschaft sichert, die die Macht über die Technisierung besitzen. Dies sind laut den Autoren der Dialektik die ökonomisch Stärksten. Durch die modernen Massenmedien unterwerfen sie auch die Kunst der Rationalität der Technik und wandeln sie so vom Gegenbild zu den herrschenden Verhältnissen zum Instrument der Herrschaft selbst, zum Teil des wie auch immer gearteten Systems.

Richtet sich dieser Prozeß in totalitären Systemen wie dem Faschismus oder dem Stalinismus eher nach den Notwendigkeiten der Herrschaft, so ist er im Kapitalismus ganz auf die Bedürfnisse der Ökonomie ausgelegt.

Bedeutete Mozarts La Nozze di Figaro noch wirkliche Auflehnung, so verkommt der pseudorebellische Popsong zum gutverkäuflichen Klischee. Wo das Verbot der autoritären Herrschaft im Grunde versagt, da obsiegt die kapitalistische Kulturindustrie: Nur ihr gelingt es noch ihren eigenen Gegensatz zur Ware zu degradieren und so dem eigenen System einzugliedern. „Jeder soll sich gleichsam spontan seinem vorweg durch Indizien bestimmten „level“ gemäß verhalten und nach der Kategorie des Massenproduktes greifen, die für seinen Typ fabriziert ist.“[2], heißt es hierzu in der Dialektik.

Doch gibt es in solch einem System der Kulturindustrie wirkliche Herrschaftsausübung oder wird nicht auch der Kulturindustrielle selbst ganz dialektisch durch die Kulturindustrie beherrscht? Ist also das Werkzeug der Kulturindustrie gar keines, da es von niemandem zielgerichtet benutzt wird, sondern vielmehr eine Logik die zur Zerstörung dessen führt, was die Kunst im Grunde ausmacht, also letztlich der Kunst selbst?

Dieser Frage soll im folgenden nachgegangen werden. Zugrunde liegt dabei der Abschnitt „Kulturindustrie – Aufklärung als Massenbetrug“ der Dialektik der Aufklärung, welcher kritisch, mit Bezügen auf die Gegenwart, beleuchtet werden soll. Um die Bedeutung der Kulturindustrie herauszustreichen, wird punktuell auf den Kunstbegriff Adornos, zum Abgleich auch auf den Marcuses, eingegangen.

2. Die Kulturindustrie in der Dialektik der Aufklärung

Kulturindustrie wird in der Dialektik der Aufklärung zunächst als ordnendes Element angesehen. Obwohl an sich chaotisch anmutend, stelle die Kulturindustrie in Wahrheit einen Zusammenhang her, der sich in einem System niederschlage, welches durch Ähnlichkeit alles bestimme. Kultur stellt sich hier als planmäßiges Konstrukt dar, welches die Kunst nicht mehr in den Mittelpunkt stellt sondern vielmehr als Dreingabe bietet: Als Belohnung für das Aufnehmen von Produktanpreisungen, für den Kauf eines Radios, oder moderner ausgedrückt eines Fernsehers, gibt es das Sinfoniekonzert quasi als Bonus[3] - in unserer Zeit oft nicht einmal mehr das. Heute ist es der Spielfilm, der als Zuckerbrot dient. Jener Spielfilm, der nicht mehr von Komponisten sondern von Produzenten geplant wird, sich offen zu seinem Charakter als Produkt bekennt, seine Vorzüge nicht in Handlung und Aussage sondern in Aufwand und Ausstattung mißt. Dieses galt für die Autoren der Dialektik bereits vor fast 60 Jahren. Für sie ist das perfekt-sinnwidrige Gesamtkunstwerk des Films und Fernsehens ein „Triumph des investierten Kapitals“.[4] Wirklicher Zweck des künstlichen Produktes sei es, den mittelosen Massen die Omnipotenz eben jenes Kapitals vorzuführen und einzubrennen.

Zugleich, folgt man den Autoren, dient die Massenkultur der Beruhigung und Lenkung der Konsumenten: Durch die immergleich stets variierten Abläufe, durch Filmcharaktere, die nicht mehr sind als Klischees, durch Geschichten deren Ende man am Beginn ablesen kann, durch Tonerzeugnisse bei denen die erwartete Auflösung der Kadenz zur Befriedigung des Hörers führt, werde eine Nahtstelle mit der Realität der Konsumenten geschaffen, die ihm Identität zwischen der künstlichen und seiner eigenen Welt vorgaukele. Zugleich werde er dadurch dazu gebracht, eben jene Verhaltensweisen zu reproduzieren, sich somit in den kulturindustriellen Zusammenhang einzufügen. Das Individuelle Element werde zurückgedrängt, der Geist des Einzelnen mit dem der Anderen homogenisiert.[5]

Indem die Kulturindustrie so wiedererkennbare Schubladen schaffe, würde sie, folgt man der Darstellung in der Dialektik, die „Strenge und die Geltung jedes wirklichen Stils“[6] übertreffen. Dies schaffe ein Schema, in das sich jede beliebige Neuerung einbinden läßt. Führt man diesen Gedanken weiter, so erscheint jegliches daraus entstehende Produkt manieristisch und gleichsam als geistloses Zerrbild. Die Autoren führen den Jazzarrangeur an, der bei der Verjazzung etwa Mozarts puristisch alles den Mitteln seines Jazzjargons anpasse und so dem Werk sowohl seine Tiefe als auch seine Leichtigkeit rauben würde.[7] Es ließen sich zahlreiche gegenwärtige Beispiele finden. Etwa die Märchenschlösser von Disneyworld, die in ihrer Nachahmung eines schon im 19. Jh. romantisch-kitschigen Trugbildes eine Monstrosität geschaffen haben, die selbst den Eklektizismus von spätestromantischen Sakralbauten in den Schatten stellt. Oder die Manie mit der der Hollywoodfilm versucht das Historische im Historienschinken herauszukehren; historischer noch als die Geschichte selbst.

Dies alles verwässert tatsächlich den Sinn für das Echte, für die Qualität. Was vielmehr zählt ist, ob alle Erwartungen an die Kategorie erfüllt wurden. Dem Touristen im Philharmoniekonzert zählt nicht so sehr die Qualität des Vortrags sondern vielmehr die Befriedigung, ein symphonisches Werk in entsprechendem Rahmen und am besten noch mit großen Namen gehört zu haben. Ebenso wird guter Wein nicht mehr am Geschmack sondern am Preis gemessen.

Diese Manie mit der der vorgebliche Stil nun verfolgt wird, führt der Dialektik zufolge dazu, daß die „Logik der [dargestellten] Sache“[8] derjenigen des Stils unterworfen wird, der Stil somit zur Unwahrheit mutiert[9]. Zugleich sei die Einheit des Stils Ausdruck der Herrschaft und so sei es großen Künstlern stets zu eigen gewesen, dem Stil als solchem zu mißtrauen, ihn immer wieder zu durchbrechen.[10] Die Kulturindustrie sei es nun, die das unwahre Versprechen durch den Stil zum Prinzip erhebe, die das Bestehende zum einzig denkbaren mache.

So zeigen die Autoren die wahre Macht der Kulturindustrie auf. Es gelingt ihr, Individuen, wenn nicht gleichzuschalten, so doch zu homogenisieren und sie so zur systemkonformen Masse zu formen, die sich in wie auch immer geartete herrschende Verhältnisse mühelos einfügen läßt.

Die Wurzel dieser Entwicklung sehen Horkheimer und Adorno bereits im Zusammenfassen der „Geistigen Gebilde“ unter dem Begriff der Kultur. Dieser sei als solcher schon widersinnig, da er den Keim der Katalogisierung, der organisierten Verwaltung enthalte und so der Freiheit der Entfaltung des so benannten Phänomens entgegenstehe. Im verwalteten Zustand diene eine vereinheitlichte Kultur der Beschäftigung der Menschen jenseits ihrer tagtäglichen Betätigung in der Arbeitswelt und entließe sie so auch im Anschluß nicht aus deren Fängen, da sie durch die Kulturindustrie gleichsam erneut in den gesamtindustriellen Prozeß einbezogen würden.[11] Jedoch drängt sich die Frage auf, in wie weit die Kulturindustrie selbst als Absolutum zu betrachten ist. Setzt man voraus, daß sie durch die oben geschilderten Vorgehensweisen gleichsam das wahre Kunstwerk zerstören und durch den herrschaftsstützenden Stil ersetzen will, zugleich auch die privaten Freiräume der Individuen entzuindividualisieren und in die industrielle Produktions- und Verwertungsgesellschaft einzufügen beabsichtigt, so stellt sich die Frage ob dann auch durch die Einbindung von wahrhaftiger Kunst, von älteren Werken, von ernster Musik und neuen Kreationen in den marktwirtschaftlichen Prozeß, deren Seele quasi mitverkauft wird oder ob deren Geist nicht dennoch fortwirken kann. Wird „Moses und Aron“ durch den kommerziellen Verkauf mittels marktwirtschaftlicher Mittel gleichsam geistig abgewertet?

[...]


[1] Horkheimer, Max/ Adorno, Theodor W.: Dialektik der Aufklärung – Philosophische Fragmente, Phillip Reclam jun., Leipzig, 1989, S. 140.

[2] Ebenda, S. 142.

[3] Vgl. Ebenda, S. 140 ff.

[4] Ebenda S. 143.

[5] Vgl. Ebenda, S. 143 ff.

[6] Ebenda, S. 146.

[7] Vgl. Ebenda, S. 146 f.

[8] Ebenda, S. 149.

[9] Wie der Dialektik zufolge die Dadaisten aufgezeigt hätten, Vgl. Ebenda, S. 149.

[10] Vgl. Ebenda, S. 149.

[11] Vgl. Ebenda, S. 150 f.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Die Herrschaft der Kulturindustrie über die Kunst in der Dialektik der Aufklärung
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Note
2,7
Autor
Jahr
2005
Seiten
14
Katalognummer
V170648
ISBN (eBook)
9783640895540
ISBN (Buch)
9783640896080
Dateigröße
377 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frankfurter Schule, Adorno, Dialektik, Aufklärung, Kulturindustrie
Arbeit zitieren
Ullrich Müller (Autor), 2005, Die Herrschaft der Kulturindustrie über die Kunst in der Dialektik der Aufklärung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/170648

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