„Die Redlichkeit eines heutigen Gelehrten, und vor allem eines heutigen Philosophen, kann man daran messen, wie er sich zu Nietzsche und Marx stellt. Wer nicht zugibt, dass er gewichtigste Teile seiner eigenen Arbeit nicht leisten könnte ohne die Arbeit, die diese beiden getan haben, beschwindelt sich selbst und andere. Die Welt, in der wir selber geistig existieren, ist weitgehend eine von Marx und Nietzsche geprägte Welt.“
Dieses von Max Weber stammende Zitat, welches aus einem Gespräch mit einem seiner Studenten bekannt ist (Zander 1978: 85), zeugt von der Achtung Webers gegenüber Marx. Gleichwohl solche direkten Verweise auf Karl Marx äußerst spärlich in den Schriften Webers sind, können in dessen Werken, sei es nun in „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitals“, oder auch in „Wirtschaft und Gesellschaft“ weitere Bezüge und Kommentare gefunden werden. Hieraus ist ersichtlich, dass die Ausarbeitung der protestantischen Ethik nach Weber vor dem Hintergrund der marxistischen Schriften geschah. Diese Arbeit hat sich zum Ziel gesetzt, die Theorien von Max Weber und Karl Marx zur Entstehung des Kapitalismus gegenüberzustellen und zu vergleichen. Dabei sei zu erwähnen, dass sich dieser Vergleich einzig auf die Theorien zur Entstehung des Kapitalismus, nicht etwa auf das Wirken des Selbigen innerhalb eines solchen Systems bezieht, da die Rede davon ist, „dass der Kapitalismus ein nicht mehr aus der Welt zu schaffendes, also schlechthin hinzunehmendes Ereignis sei, hinter das zurück, zu den patriarchalischen Grundlagen der alten Gesellschaft, heute kein Weg mehr führt“ (Weber 1904: 11). Die Frage ist also, welche Erklärungsansätze die beiden Theorien zur Ablösung dieser so genannten patriarchalischen Grundlagen der alten Gesellschaft durch den Kapitalismus bieten und wie sich diese unterscheiden lassen. Um diesen Vergleich zu ermöglichen, werde ich in vier Schritten vorgehen. Zunächst ist die Entstehung des Kapitalismus nach Weber zu beschreiben, worauf im zweiten Schritt die Theorie nach Marx folgen wird. Anschließend werden beide Theorien miteinander verglichen, um im letzten Schritt zu einer Kritik und einem Fazit zu gelangen.
Der Autor ist sich der enormen Dimensionen und Tragweiten der beiden Theorien bewusst, sodass die Erklärungsansätze bloß als Umrisse anzusehen sind, da genauere Ausführungen den Rahmen dieser Arbeit sprengen würden.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Webers Erklärungsansatz zur Entstehung des Kapitalismus
- Webers Definition des Kapitalismus
- Der okzidentale Kapitalismus
- Die Entstehung des okzidentalen Kapitalismus
Der marxistische Erklärungsansatz zur Entstehung des Kapitalismus
- Das feudale Ständesystem
- Die Trennung von Staat und bürgerlicher Gesellschaft
- Die ursprüngliche Kapitalakkumulation
Die Erklärungsansätze von Weber und Marx im Vergleich
- Der historische Materialismus und der Versuch seiner Widerlegung
Kritik und Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, die unterschiedlichen theoretischen Erklärungsansätze von Max Weber und Karl Marx zur Entstehung des Kapitalismus in Europa gegenüberzustellen und kritisch zu vergleichen, wobei insbesondere die Rolle ökonomischer Faktoren sowie ideologischer Einflüsse beleuchtet wird.
- Vergleich der Kapitalismus-Definitionen bei Weber und Marx
- Die protestantische Ethik und der Rationalismus als Entstehungsfaktoren
- Die dialektische Entwicklung von Produktionsweisen und der Feudalismus
- Die Bedeutung der ursprünglichen Kapitalakkumulation
- Gegenüberstellung von historischem Materialismus und methodologischem Pluralismus
Auszug aus dem Buch
Die Entstehung des okzidentalen Kapitalismus
Damit sich ein System wie das des Kapitalismus etablieren kann, muss es zunächst ein anderes System verdrängen. Dies funktioniert nach Weber logischerweise zunächst durch die Entstehung eines Systems, dessen Eigenarten nicht von isolierten Individuen, sondern von der Gesellschaft internalisiert werden müssen. Diese Anschauungsweisen müssen also von Menschengruppen, von einem Kollektiv innerhalb eines Systems getragen werden, um sich entfalten zu können. Folglich ist die Entstehung jener Anschauungsweisen innerhalb von Menschengruppen das eigentlich zu Erklärende (Weber 1920: 37).
Auf den Okzident angewandt ist das System, welches durch den Kapitalismus verdrängt wurde, das des Traditionalismus. Nach Weber will der Mensch darin nicht mehr Geld verdienen, als zum gewohnten Leben notwendig ist, und nur so viel erwerben, wie zu diesem Leben erforderlich ist. (Weber 1920: 44-45).Während also im Traditionalismus die Arbeit Mittel zum Zweck ist, also Voraussetzung für eine erweiterte Entlohnung, nimmt die Arbeit innerhalb des Kapitalismus die Form von Beruf, noch eher Berufung, an. Arbeit wird damit zu einem eigenständigen, gewisse Qualitätsstandards verlangenden Wert, dem intrinsische Eigenschaften zugeschrieben werden (Guttandin 1998: 31). Um die Aufwertung von Arbeit, Beruf, und Handel für das Individuum zu fördern, bedurfte es der Ausbreitung der Wirtschaft, sodass ein Netz entstehen musste, in dem Kauf, Verkauf und Produktion langfristig stabil kalkulierbar waren.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Thematik und die wissenschaftliche Fragestellung zum Vergleich der Kapitalismustheorien von Marx und Weber.
Webers Erklärungsansatz zur Entstehung des Kapitalismus: Analyse von Webers Begriffsdefinitionen und der Bedeutung des okzidentalen Kapitalismus als rationales System.
Der marxistische Erklärungsansatz zur Entstehung des Kapitalismus: Untersuchung der marxistischen Sichtweise auf feudale Ständesysteme und die Trennung von Staat und Gesellschaft als Voraussetzung für den Kapitalismus.
Die Erklärungsansätze von Weber und Marx im Vergleich: Synoptische Gegenüberstellung beider Theorien hinsichtlich ihrer Auffassung von Rationalität, Eigentum und historischer Entwicklung.
Kritik und Fazit: Kritische Würdigung beider Ansätze und abschließende Bewertung ihrer Relevanz zur Erklärung historischer Transformationsprozesse.
Schlüsselwörter
Kapitalismus, Max Weber, Karl Marx, Entstehung, Rationalismus, historischer Materialismus, protestantische Ethik, ursprüngliche Kapitalakkumulation, Feudalismus, Produktionsweise, okzidentaler Kapitalismus, Wirtschaftsethos, bürgerliche Gesellschaft, Arbeitsteilung, Methodik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit einem systematischen Vergleich der soziologischen und ökonomischen Erklärungsansätze von Max Weber und Karl Marx bezüglich der Entstehung des Kapitalismus.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Abgrenzung zum Feudalismus, die Rolle der protestantischen Ethik, das Konzept des historischen Materialismus und die ökonomischen Bedingungen des Wandels.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die Unterschiede in den Erklärungsmodellen zur Transformation einer feudalen Ständegesellschaft hin zur modernen kapitalistischen Gesellschaft herauszuarbeiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen komparativen Ansatz, um die Argumentationslinien von Weber (kultursoziologisch-rationalistisch) und Marx (materialistisch-dialektisch) gegenüberzustellen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die Konzepte der protestantischen Ethik bei Weber und die marxistische Theorie der ursprünglichen Akkumulation.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Kapitalismus, Historischer Materialismus, Rationalismus, Feudalismus und Arbeitsteilung.
Inwiefern unterscheidet sich die Auffassung von Arbeit bei Marx und Weber?
Während Marx Arbeit primär als ökonomische Kategorie in Produktionsverhältnissen betrachtet, deutet Weber sie durch religiöse Einflüsse als "Berufung" um.
Wie bewertet die Arbeit die Überwindung des historischen Materialismus durch Weber?
Die Arbeit stellt dar, wie Weber durch den Einbezug nicht-ökonomischer Faktoren (wie Ethik) versucht, die Monokausalität des historischen Materialismus zu widerlegen.
- Citation du texte
- Rajko Dikmann (Auteur), 2007, Zur Enstehung des Kapitalismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/170649