Als David unter Goliaths - Charlie Chaplins Kampf gegen Polizei und Gesellschaft


Hausarbeit, 2010
14 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Als David unter Goliaths – Charlies Kampf gegen Polizei und Gesellschaft
2.1 Die Entwicklung der Tramp Figur
2.2 Darstellung der Polizei
2.3 Konfliktpotential

3. Zweck der Darstellung

4. Fazit

5. Film- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ein kleiner, filigraner, fast schon zerbrechlich wirkender Mann trotzt mit List und Wendigkeit einem körperlich überlegenen, dickbäuchigen und grimmig dreinschauenden Polizisten. Größer könnte der Kontrast zwischen zwei Menschen wohl nicht sein. Hier der Tramp, ein Tagelöhner, ein gesellschaftlicher Außenseiter. Dort der fest in der Gesellschaft verankerte Arm des Gesetzes, ein Würdenträger und natürlicher Feind des Landstreichers. Diese Szene findet sich in unzähligen Filmen Charles Chaplins. Immer wieder muss sich der David in einer Welt voller Goliaths behaupten.

Die vorliegende Hausarbeit untersucht die Darstellung dieser beiden Pole menschlichen Daseins. Welche Charaktereigenschaften lassen sich dem Tramp, welche dem Polizisten zuordnen? Worin liegt das besondere Konfliktpotential begründet, das beide Seiten immer wieder aneinander geraten lässt und welche Schlüsse lassen sich daraus ziehen?

Aufschlussreich bei der Bearbeitung dieser Fragestellungen war neben diversen Chaplin Biographien und seinen frühen Kurzfilmen vor allem die Aufsatzsammlung „Über Chaplin“, in der berühmte und weniger berühmte Zeitgenossen Chaplins zu Wort kommen. Winston Churchill etwa liefert einen interessanten Beitrag, indem er den Tramp Charlie in eine Reihe stellt mit dem amerikanischen Hobo dieser Zeit (Wanderhandwerker). Doch dazu später mehr. Thomas Koebners „Verlierer und Gewinner der Moderne“ betrachtet Chaplins Figur vor allem im Kontext einer sich im Wandel befindenden Gesellschaft, in der für den nonkonformen Romantiker und Träumer Charlie kein Platz zu sein scheint.

Um das Schwerpunktthema des Seminars, Buster Keaton, zumindest anzuschneiden, werden einige besonders signifikante Unterschiede zwischen Charlie und Buster herausgearbeitet.

2. Als David unter Goliaths – Charlies Kampf gegen Polizei und Gesellschaft

2.1 Die Entwicklung der Tramp Figur

Fahrraddiebe, Trunkenbolde, Billardspieler, Boxer, englische Gentlemen. Dies sind nur einige Rollen im Repertoire der Entertainment Truppe Fred Karnos, zu der Charles Spencer Chaplin von 1910 bis 1913 gehört. Während einer Amerika Tournee wird Mack Sennett, seines Zeichens Gründer der Keystone Pictures Corp., auf den jungen Engländer aufmerksam und lässt ihn unter Vertrag nehmen. Es dauert zehn Filme bis Chaplin sich auf eine Rolle festgelegt hatte.

„Nach einiger Zeit war ich bei dem Typ des kleinen Engländers angelangt, mit seinem kleinen schwarzen Schnurrbart, dem Bambusstock, dem gerade geschnittenen Sakko... Ich beschloß in als Modell zu benützen...“

Erinnert Chaplins Tramp auch noch entfernt an einen englischen Gentleman des frühen 20. Jahrhunderts, lassen die zerbeulte Hose, die zu großen Schuhe und der watschelnde Entengang schnell die Karikatur dieses Status besessenen Menschenschlages erkennen.

Mack Sennetts Vorstellung von Komik forderte puren Slapstick, durchgeführt von stereotypen Rollen, wie dem vertrottelten Polizisten und dem jugendlichen Liebhaber. Chaplin erkannte woran es dem Film jener Zeit mangelte: Figuren mit Identifikationspotenzial. Auch wenn er sich vermutlich nicht der Tragweite und den Möglichkeiten bewusst war, welche die Figur des Tramps besaß, der Grundstein war gelegt.

Der Tramp oder auch Charlie ist ein Außenseiter, ein Landstreicher, jemand, der sich nicht in ein soziales Korsett zwängen lässt, sondern aufbegehrt gegen die „Stechuhrmentalität“ einer Gesellschaft, die sich über ihre „geheiligten Dinge“, definiert, den Normen und Ritualen, die sich wie ein roter Faden durch das soziale Leben ziehen und ihre Manifestation etwa in sinnlosen Tischsitten, religiösen Zeremonien und affektierten Gebärden finden.

Wenngleich sich der Rumtreiber und Gelegenheitsarbeiter Charlie nicht in die Gesellschaft eingliedern kann bzw. will, resigniert er keineswegs im Angesicht der voranschreitenden Modernisierung, wo der Akkord den Menschen von seiner Arbeit und somit seiner selbst entfremdet. Charlie ist nicht vergleichbar mit dem gemeinen Obdachlosen, den man verächtlich Penner schimpft, vielmehr ist diese Figur angelehnt an den amerikanischen Hobo dieser Zeit, einem wandelnden Handwerker, einem stolzen Rebellen, der sich in der Tradition der Wildwestsiedler sah. Obwohl der Tramp eher ein für die Arbeit unbrauchbarer Anarchist ist, eint ihn sicherlich die stolze, würdevolle Attitüde mit dem Hobo. So bleibt Charlie auch wenn ihm etwas mißlingt

„... ein Mensch von unvermindertem Selbstwertgefühl, weil ihm die Mentalität völlig fremd ist, bei der sich der Tag nach der Stechuhr richtet. Selbst wenn er einmal eine Art von Beruf ausübt - als Polizist in Easy Street (USA 1917) oder als Friseur noch in The Great Dictator (USA 1940) -, handelt es sich eher um ein Spiel mit einer sozialen Rolle, nicht um den Ernst des Leben.“

Die Eigenschaft, sein Selbstwertgefühl unabhängig von gesellschaftlichen Vorgaben zu definieren, ist vermutlich der signifikanteste Unterschied zur Figur Buster Keatons. Während Buster mechanisch, die geforderten Verhaltensweisen zu imitieren versucht und sich beim Scheitern mitunter sogar umbringen will, ist der Querdenker Charlie erhaben über solch innere Barrieren.

Der Tramp ist im Gegensatz zu Buster auch in der Lage gesellschaftliche Mechanismen zu begreifen. Er widersetzt sich ihnen bewusst, weil er ihre Sinnhaftigkeit hinterfragt. Dennoch gelingt es ihm mit Witz und Verstand sein Überleben zu sichern. Im Film The Kid etwa, schmeißt sein Findelkind Scheiben ein, die Charlie als Glaser repariert. Eine solche Gaunerei erscheint gerechtfertigt, sichert sie ihm und dem Kind doch das Überleben in einer kalten Welt, in der Charlie „weder Ordnung noch Gerechtigkeit für sich selbst zu erblicken vermag“. Die rührende Menschlichkeit, die Charlie bei seinem Kampf ums Überleben an den Tag legt, dürfte viel zur Popularität der Tramp Figur beigetragen haben. Mitgefühl und Menschlichkeit waren dem Tramp jedoch nicht in die Wiege gelegt. Chaplins frühe Filme zeigen, einen Tramp, der so zynisch ist, wie die unbarmherzige Welt, in der sich Charlie zu behaupten versucht. Für Mitgefühl scheint kein Platz:

[...]

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Als David unter Goliaths - Charlie Chaplins Kampf gegen Polizei und Gesellschaft
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Institut für Neuere Deutsche Literatur und Medien)
Veranstaltung
Buster Keaton/ Charlie Chaplin Stummfilmseminar
Note
2,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
14
Katalognummer
V170670
ISBN (eBook)
9783640895632
ISBN (Buch)
9783640896165
Dateigröße
927 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Aus Zeitgründen wurde auf den letzten Korrekturgang verzichtet. Inahltlich hat mein Dozent die Arbeit im Einser Bereich angesiedelt. Abzüge gab es aber für formale Dinge, wie Zeichensetzung, Abstände usw..
Schlagworte
david, goliaths, charlie, chaplins, kampf, polizei, gesellschaft
Arbeit zitieren
Philipp Aissen (Autor), 2010, Als David unter Goliaths - Charlie Chaplins Kampf gegen Polizei und Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/170670

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