Der Fischer (frei nach Johann Sebastian Goethe) - Stilmittel und Wirkung einer Parodie


Hausarbeit, 2009

13 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2.1 Begriffsgeschichte
2.2 Aktuelle Definitionsversuche und funktionale Bestimmung

3. Zum Anspruch eines verkannten Poeten

4.1 J.W. Goethe Der Fischer (1778)
4.2 Heinz Erhardt: Der Fischer (frei nach Johann Sebastian Goethe)

5. Parodistische Stilmittel
5.1 Übererfüllung vs. Untererfüllung
5.2 Überschrift
5.3 Kurze Formanalyse
5.4 Übertreibung der Wiederholungen
5.5 Figurenentmachtung des Fischers
5.6 Figurenentmachtung des Fischweibes
5.7 Reimen auf Biegen und Brechen
5.8 Tempusbeibehaltung

6. Wirkung

7. Fazit

8. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Wie ich ein Todfeind sey von allem Parodiren und Travestiren hab‘ ich nie verhehlt: aber nur deswegen bin ich’s, weil dieses garstige Gezücht das Schöne, Edle, Grosse herunterzieht, um es zu vernichten.“

Wie diesem Zitat zu entnehmen ist, war Goethe nicht gerade ein glühender Verehrer der, oftmals als parasitär bezeichneten, Gattung Parodie. Eine Daseinsberechtigung gestand er ihr nur ein, sofern sie berechtigte Kritik am Original äußert oder ein „kreatives Potential“ entfaltet. Der Untersuchungsgegenstand dieser Hausarbeit erfüllt beide Kriterien. Ob Goethe Gefallen an Heinz Erhardts Parodie „Der Fischer (frei nach Johann Sebastian Goethe)“ gefunden hätte, muss leider offen bleiben.

Um Textverweise zu erleichtern, sind in vorliegender Hausarbeit beide Versionen des Fischers abgedruckt. Bevor sich der Blick jedoch auf Original und Adaption richtet, werden einige Definitionsversuche der Parodie im Allgemeinen vorgestellt, um eine theoretische Grundlage zu schaffen.

Heinz Erhardt war ein (Unsinns-)Poet, der nie als solcher wahrgenommen wurde und eher als sympathischer Dicker aus zahlreichen Klamaukfilmen der Nachkriegszeit in Erinnerung geblieben ist. Dass Erhardt weit mehr war als ein blödelnder Komiker mit Hang zur einfachen Pointe, zeigen allein schon seine Balladenparodien, die sich unter anderem Goethe, Schiller und Bürger widmen und dabei eine ganz spezielle Originalität entfalten.

Diese Hausarbeit erhebt nicht den Anspruch, eine vollständige Balladenanalyse zu leisten, vielmehr geht es darum Erhardts parodistische „Werkzeuge“ und deren Wirkung zu beschreiben. Wie schafft er es Goethe lächerlich zu machen? Wie beeinflusst seine Parodie die spätere Rezeption eines lebendigen Kulturguts?

Als Arbeitsgrundlage diente hauptsächlich Waltraud Wendes „Goethe-Parodien…“, das Heinz Erhardt leider kaum Beachtung schenkt, aber Licht in das terminologische Wirrwarr bringt, das Gérard Genette mit seinen strikten Ein- und Abgrenzungs-versuchen der Parodie nur weiter zu verdunkeln droht. Aufschlussreich für die Annäherung an die Person Heinz Erhardt ist Heinrich Detering. Nicht nur im Nachwort seiner Erhardt Sammlung „Von der Pampelmuse geküsst“, sondern auch in Vorträgen versucht er einen Dichter zu rehabilitieren, dem die Anerkennung für sein poetisches Schaffen zumeist verwehrt blieb.

2.1 Begriffsgeschichte

Hat der Ausdruck Parodie auch einen unübersehbaren semantischen Wandel durchlebt, lässt sich dennoch eine erste Annäherung an den Untersuchungsgegenstand durch einen Blick auf dessen begrifflichen Ursprung herstellen, der bereits die Saat für die bis heute andauernde Debatte um terminologische Klarheit legt. Doch dazu später mehr. Der Ausdruck Parodie ist vom griechischen parodia abgeleitet und bedeutet je nach Auslegung so viel wie „Nebengesang“, „Beigesang“ und „Gegengesang“. Ein frühes Beispiel für eine Parodie ist die Rezitation der Homerischen Epen durch Hegemon von Thasos, der im ausgehenden 5. Jahrhundert v. Chr. die Verse Homers in gewöhnlichem Tonfall vorträgt. Dieser Verstoß gegen die konventionell gesungene Vortragsweise sorgt beim Publikum durch die Enttäuschung einer bestimmten Erwartungshaltung für Überraschung. Genette mutmaßt, Hegemon von Thasos habe sich nicht mit dem bloßen Rezitieren begnügt, sondern die Verspottung des Epos (und anderer ernster Gattungen) durch verschiedene Methoden bewusst herbeigeführt, schließlich beschreibt Aristoteles den Homer-Rezitator gar als Erfinder der Parodie. Eine solche Verspottung sei etwa durch Übertragung eines veränderten oder unveränderten Originaltextes auf einen vulgären Gegenstand oder durch stilistische Vulgarisierung in Verbindung mit heroischer Handlung bewirkt worden. Bewiesen werden kann Genettes Vermutung in Ermangelung überlieferten Textmaterials jedoch nicht.

Die auf Marcus Fabius Quintilian (1. Jh. n. Chr.) zurückgehende römische Auffassung der Parodie sieht deren Wesen in dem Nachkomponieren bestimmter bereits existenter Musikmuster. Dieses Prinzip der Nachahmung wurde später auf die Literatur ausgeweitet.

Julius Caesar Scaliger beschreibt in seinem 1561 veröffentlichten Werk „Poetices Libri Septem“ die Rhapsoden als Erfinder der Parodie. Jene Wandersänger reisten durch das antike Griechenland, um (vorwiegend) homerische Epen darzubieten. In den Pausen sorgten Parodisten für Zerstreuung, indem sie die zuvor aufgeführten Rhapsodien humoristisch verdrehten und somit dem von Horaz geprägten Grundsatz „prodesse et delectare“ Rechnung trugen.

Nach diesem, für die Auseinandersetzung mit Erhardts Parodie nur bedingt aufschlussreichen, historischen Exkurs liegt das Augenmerk im Folgenden auf jüngeren Definitionsversuchen und Funktionsbeschreibungen der Parodie.

2.2 Aktuelle Definitionsversuche und funktionale Bestimmung

Zahlreiche Versuche wurden unternommen, das Wesen der Parodie zu definieren und trennscharf von anderen literarischen Phänomenen abzugrenzen, die sich ebenfalls auf einen vorhandenen Primärtext beziehen. Ein terminologischer Konsens wurde bisher nicht erreicht. Genette etwa beschreibt die Parodie in „Die Literatur auf zweiter Stufe“ als Oberbegriff für Gattungen, die auf satirische Art und Weise einen (möglichst bekannten) Originaltext nachahmen bzw. transformieren. Im Einzelnen wird unterschieden zwischen der Parodie im engeren Sinn, der Travestie und der Persiflage. Ausgenommen vom Begriff der Parodie ist das nicht-satirische Pastiche. Die Parodie im engeren Sinn belässt einen vornehmen Text bei möglichst gleichbleibendem Wortlaut und Metrum und bezieht ihn auf ein vulgäres Thema, die burleske Travestie verändert hingegen den Stil und verspottet das Referenzobjekt durch ein eigenes burleskes Versmaß, ohne Thema und Würde der Figuren anzutasten. Die Persiflage oder auch satirisches Pastiche ahmt einen vornehmen Stil nach und überträgt diesen auf einen vulgären Gegenstand. Diese systematische Abgrenzung ist jedoch nicht viel mehr als ein theoretisches Konstrukt, das die fließenden Gattungsübergänge außer Acht lässt. Nicht umsonst führt Genette zu jeder Gattung nur ein Beispiel an. Grawe bezeichnet Parodie und Travestie als „Schwestern“ und beweist durch „Fiesko der Salamikrämer“ die Wertlosigkeit einer künstlichen Unterscheidung. Diese aus dem 19. Jahrhundert stammende Travestie macht bereits an ihrem Titel deutlich, dass eine stilistische Abwertung oft auch mit einer „Entheroisierung“ bzw. Verspottung des Figureninventars einher geht. So verzichtet Grawe in seiner Parodiensammlung „Wer wagt es, Knappersmann oder Ritt?“ völlig auf künstliche Unterscheidungen und versteht folgerichtig alles als Schillerparodie

„…,was einen in sich abgeschlossenen Text darstellt, der sich als literarisches Gebilde durch Nachahmung oder Nachbildung bestimmter poetisch-formaler, syntaktischer, lexikalischer, semantischer oder thematischer Züge eines oder mehrerer Werke Schillers konstituiert.“

Dieser sehr allgemeinen Definition schließen wir uns weitgehend an, führen jedoch drei funktionale Kriterien ein. Demnach wird unterschieden zwischen „bloß komisch“, „kritisch komisch“ und „satirisch“. Etwas treffender formuliert betrachten wir im Folgenden: die triviale Parodie, die textkritische Parodie und die instrumentale Parodie.

[...]

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Der Fischer (frei nach Johann Sebastian Goethe) - Stilmittel und Wirkung einer Parodie
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Institut für Neuere Deutsche Literatur und Medien)
Veranstaltung
Fantastische Literatur der Goethe Zeit
Note
2,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
13
Katalognummer
V170672
ISBN (eBook)
9783640896714
ISBN (Buch)
9783640896813
Dateigröße
487 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
fischer, johann, sebastian, goethe), stilmittel, wirkung, parodie
Arbeit zitieren
Philipp Aissen (Autor), 2009, Der Fischer (frei nach Johann Sebastian Goethe) - Stilmittel und Wirkung einer Parodie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/170672

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