In dem untersuchten Gebiet Westeuropas, macht sich für Elias ein Trend zur allmählichen Verwandlung von „Fremdzwängen“ in „Selbstzwänge“ bemerkbar. Dieser Trend scheint global und langfristig zu sein. Anders ausgedrückt, stellt Elias „eine Schwerpunktverlagerung bei der Regulierung von Verhalten und Affekten von der Kontrolle überwiegend durch andere Personen und in unmittelbarer Form zu einer mehr selbsttätigen, teilweise automatisierten und teilweise nicht (mehr) bewussten Kontrolle durch das Individuum selber“, fest. Sein Konzept ist weder ein handlungs- noch ein strukturorientiertes Konzept. Vielmehr untersucht er sowohl die langfristigen Veränderungen in der gesellschaftlichen Struktur, diese nennt er Soziogenese, als auch die Veränderungen im psychischen Apparat der Menschen, die er als Psychogenese bezeichnet. Elias zufolge existiert eine enge Verbindung zwischen diesen beiden Größen. Für ihn können Individuum und Gesellschaft nicht als zwei voneinander getrennte und unabhängige Gebilde betrachtet werden. Wenn sich also eine spezifische Form des menschlichen Lebens durchsetzen will – dabei sei als Beispiel an die moderne Form des Individualismus gedacht – dann nur unter der Voraussetzung einer entsprechenden Gesellschaftsstruktur.
Bei der Analyse der Entwicklungsprozesse untersucht Elias speziell die Wandlungen der sozialen Figurationen, also die Art und Weise, wie Menschen miteinander verbunden sind und auch wie sie dabei miteinander konkurrieren. Diese Figurationen befinden sich während des Zivilisierungsprozesses so sehr im Wandel, dass sich die Menschen regelrecht gezwungen fühlen, sich immer stärker zu individualisieren. Die Kehrseite des Freiheitsgewinns stellen nach Elias zufolge unterschiedliche Entfremdungsphänomene dar. Es liegt nun an der Soziologie darüber aufzuklären, inwiefern die pathologische Entwicklung von Individuum und Gesellschaft in der Moderne erwägenswert ist.
Inhaltsverzeichnis
- 1 Einleitung
- 2 Begriffe
- 2.1 Zivilisation
- 2.2 Kultur
- 2.3 Zivilisation und Kultur im englischen/französischen und deutschen Sprachgebrauch
- 3 Kultur als Kritik und der Konflikt zwischen Kultur & Zivilisation
- 4 Zum Werk Norbert Elias’: „Über den Prozess der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen“
- 5 Psychogenese und Soziogenese
- 6 Kritische Auseinandersetzung
- 7 Fazit
- 8 Quellenverzeichnis
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die Arbeit untersucht Norbert Elias’ „Über den Prozess der Zivilisation“ mit dem Ziel, den Zusammenhang zwischen den Begriffen Zivilisation und Kultur sowie die langfristigen Veränderungen von Verhalten, Affekten und gesellschaftlichen Strukturen zu erklären. Leitend ist dabei die Frage, wie sich der Zivilisationsprozess im Abendland historisch entwickelt hat und welche Wechselwirkungen zwischen psychischen und sozialen Wandlungsprozessen bestehen.
- begriffsgeschichtliche Klärung von „Zivilisation“ und „Kultur“
- Sprachgebrauch im Deutschen, Englischen und Französischen
- Konflikt zwischen Kulturkritik und Zivilisationsbegriff
- soziogenetische und psychogenetische Perspektive bei Elias
- Affektregulierung, Scham und Peinlichkeit als zentrale Entwicklungsmerkmale
- Staatsbildung, Arbeitsteilung und Interdependenzen als Triebkräfte der Moderne
Auszug aus dem Buch
Zum Werk Norbert Elias’: „Über den Prozess der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen“
Nobert Elias beschäftigt sich wie eingangs erwähnt, mit den Gründen des historischen Zustandekommens der Veränderung der Verhaltensweisen der Menschen, die in zivilisierten abendländischen Kulturen leben (Weiß 2013 nach Elias 1997, S. 274 f.). Allein mit den beiden Begriffen „Psychogenese“ und „Soziogenese“, verweist Elias im Untertitel seines Werkes einerseits auf die Wandlungen der Affektstrukturen und andererseits auf die Gesellschaftsstrukturen und deren Verknüpfung. Den Schwerpunkt des ersten Bandes legt er in die Analysen zum Thema Selbst- und Affektregulierung. Er konzentriert sich dabei auf die Gebiete Westeuropas, die heute politisch führend sind, seit dem 13. Jahrhundert (Bogner und Rosenthal 2016, S.139).
Über die Zeit habe sich nicht nur im Verhalten sondern auch im Affekthaushalt der Menschen eine Wandlung vollzogen, die langfristig und beständig ist. Diese durchzog sich durch das ganze Mittelalter über die höfische bis hin zur neuzeitlichen Kultur. Diese Wandlung tritt vor allem in der veränderten Habitualisierung einzelner Handlungsweisen zum Vorschein. Auch das Scham- und Peinlichkeitsempfinden ändert sich im gesellschaftlichen Leben der Menschen. Im 15. Jahrhundert ist es vor allem das Schamgefühl bzw. die Schamgrenze der Menschen, die sich in gesellschaftlichen Belangen äußert. Die Menschen finden sich in einem inneren Konflikt wieder. Ein Konflikt zwischen der Wahl einer Zurückhaltung gepaart mit dem Verzicht körperlicher Bedürfnisse, wie beispielsweise das Niesen, sowie einer bewusst aufgenommenen Affektbewältigung (Weiß 2013 nach Elias 1997, S. 274 f.). Elias zufolge beinhaltet dies ein „Kernproblem des Zivilisationsprozesses“. Damit gemeint ist die Veränderung soziogener menschlicher Ängste (Weiß 2013 nach Elias 1997, S. 79). Ein solcher Zivilisationsprozess vollziehe sich jedoch nicht nur in einem individuellen Prozess, sondern auch gesamtgesellschaftlich. Dabei ändern sich auch die Verhaltensstandards und der psychische Habitus der Menschen im Abendland (vgl. ebd.). Für Elias stellen diese Verhaltensänderungen der Menschen sowie die Veränderung von Empfindungen und Affekten ein Teil des Prozesses der Zivilisation dar (Korte 2006, S. 328). Es wird deutlich, dass Elias den Begriff „Zivilisation“ als Synonym für die Begriffe „Affektregulierung“ und „Sozialisation“ verwendet. Zudem nimmt er Bezug zu Makroprozessen und bedient sich an Max Webers Verständnis von „Rationalisierung“ (Bogner und Rosenthal 2016, S. 139).
Als ein kurzes Zwischenfazit kann daher ausgesagt werden, dass sich die soziogenetische und psychogenetische Untersuchung Elias’ damit befasste „die Ordnung der geschichtlichen Veränderungen, ihre Mechanik und ihre konkreten Mechanismen aufzudecken“ (Weiß 2013 nach Elias 1997, S. 81). Mit dem „Entwurf zu einer Theorie der Gesellschaft“ will Elias die enge Verzahnung von „Veränderungen im Aufbau einer Gesellschaft und den Veränderungen im Aufbau des Verhaltens und des psychischen Habitus’“ betonen (Elias 1997, S. 82).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in Norbert Elias’ Zivilisationstheorie ein und stellt die Leitfrage nach den Ursachen historischer Verhaltensänderungen im Abendland. Zugleich wird der Aufbau der Arbeit umrissen.
2 Begriffe: Dieses Kapitel klärt die Begriffe „Zivilisation“ und „Kultur“ sowie ihre unterschiedlichen Bedeutungen im deutschen, englischen und französischen Sprachgebrauch. Dabei werden auch nationale Selbstverständnisse und Wertungen herausgearbeitet.
3 Kultur als Kritik und der Konflikt zwischen Kultur & Zivilisation: Hier wird Kultur als Gegenbegriff und Kritik an einer als entfremdet wahrgenommenen Zivilisation dargestellt. Der Fokus liegt auf der historischen Zuspitzung des Spannungsverhältnisses im 19. und frühen 20. Jahrhundert.
4 Zum Werk Norbert Elias’: „Über den Prozess der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen“: Das Kapitel erläutert Elias’ zentrale Theorieanlage und verbindet Affektregulierung, Sozialisation und langfristige gesellschaftliche Veränderungen. Der Zivilisationsprozess wird als verflochtener historischer Wandel beschrieben.
5 Psychogenese und Soziogenese: Das Kapitel entfaltet die beiden Analyseebenen des Werks: die Veränderung psychischer Strukturen einerseits und die Transformation sozialer Figurationen andererseits. Besonders betont werden Staatsbildung, Arbeitsteilung, Wettbewerb und Selbstzwang.
6 Kritische Auseinandersetzung: In diesem Abschnitt werden zentrale Einwände gegen Elias diskutiert und seine Prozesssoziologie methodisch eingeordnet. Gleichzeitig wird die Bedeutung von Figurationen für das Verständnis von Individuum und Gesellschaft hervorgehoben.
7 Fazit: Das Fazit fasst die These der allmählichen Verschiebung von Fremdzwängen zu Selbstzwängen zusammen. Es betont die Offenheit gesellschaftlicher Entwicklung und die andauernde Relevanz des Elias’schen Ansatzes.
8 Quellenverzeichnis: Das Kapitel listet die verwendete Literatur und die Onlinequelle zur Arbeit auf.
Schlüsselwörter
Zivilisation, Kultur, Norbert Elias, Affektregulierung, Selbstzwang, Fremdzwang, Figuration, Soziogenese, Psychogenese, Staatsbildung, Arbeitsteilung, Schamgefühl, Rationalisierung, Interdependenz, Prozesssoziologie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt Norbert Elias’ Analyse des Zivilisationsprozesses und erklärt, wie sich Verhaltensnormen, Affekte und gesellschaftliche Strukturen historisch im Abendland verändert haben.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Begriffe Zivilisation und Kultur, deren Sprachgebrauch, Kulturkritik, Affektregulierung, Staatsbildung, Figurationen sowie die Verbindung von Individuum und Gesellschaft.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Primär fragt die Arbeit danach, wie der historische Wandel zivilisierter Verhaltensformen zustande kam und welche sozialen sowie psychischen Mechanismen diesen Prozess tragen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Verwendet wird eine begriffsgeschichtliche und wissenssoziologische Analyse, ergänzt durch eine theoretische Auswertung von Elias’ Werk und seiner soziologischen Rezeption.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil erläutert zunächst die Begriffe und ihren Sprachgebrauch, سپس den Konflikt zwischen Kultur und Zivilisation, danach Elias’ Prozessmodell mit Sozio- und Psychogenese sowie die kritische Diskussion.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Charakteristisch sind insbesondere Zivilisation, Kultur, Affektregulierung, Selbstzwang, Fremdzwang, Figuration, Soziogenese, Psychogenese und Prozesssoziologie.
Welche Rolle spielt Norbert Elias im Text?
Elias ist der zentrale Referenzautor; seine Zivilisationstheorie bildet den theoretischen Kern der Arbeit und strukturiert die gesamte Argumentation.
Was bedeutet in der Arbeit „Psychogenese“?
Psychogenese bezeichnet die Veränderung der psychischen Struktur des Menschen, vor allem den Ausbau von Selbstkontrolle, Selbststeuerung und langfristiger Affektregulierung.
Was ist unter „Soziogenese“ zu verstehen?
Soziogenese meint den Wandel gesellschaftlicher Strukturen, etwa Staatsbildung, Arbeitsteilung, Machtmonopole und die Ausbildung neuer Figurationen.
Was ist das besondere Kapitel dieser Arbeit?
Besonders hervorzuheben ist das Kapitel zur Gegenüberstellung von Kultur und Zivilisation, weil dort nationale Bedeutungsunterschiede und kulturkritische Konnotationen ausführlich herausgearbeitet werden.
- Citation du texte
- Kati Chatzikonstantinidou (Auteur), 2018, Zivilisation und Kultur. Über den Prozess der Zivilisation nach Norbert Elias, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1707517