Wie hat sich die Zivilisierung vom Anbeginn der Menschheit vollzogen? Wodurch werden Menschen veranlasst, ihre Emotionen zu regulieren? Diesen Fragen geht Norbert Elias nach, indem er untersucht, wie die Veränderung menschlicher Verhaltensweisen und Persönlichkeitsstrukturen zu einem Prozess führen, den er als „Prozeß der Zivilisation“ beschreibt.
Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit der Theorie der Zivilisation nach Norbert Elias. Die Arbeit ist in vier Kapitel gegliedert. Diese werden unterteilt in einen einleitenden, einen theoretischen sowie in einen analysierenden, beispielbezogenen Teil und in einen Teil, der sich mit der Kritik an Elias beschäftigt. Nachdem im ersten Kapitel die einleitenden Bemerkungen, die einen Überblick über Aufbau und Inhalt der Hausarbeit geben, folgt anschließend der theoretische Rahmen der Hausarbeit in Kapitel 2. Dieses Kapitel beinhaltet eine kompakte Analyse des Werkes von Elias „Über den Prozess der Zivilisation“. Hier wird überwiegend auf seine Äußerungen bezüglich Selbstzwang und Fremdzwang eingegangen. Diese Begriffe werden dabei diskutiert. Im Anschluss an die Diskussion wird in Kapitel 3 auf die Zivilisierung des Verhaltens eingegangen. Hier wird vor allem auf das Beispiel der Tischsitten eingegangen und wie sich diese im Laufe der Geschichte verändert und verfestigt haben. Dabei spielt das Gefühl der Scham laut Elias eine bedeutende Rolle, weshalb auch darauf eingegangen wird. Dieses Kapitel zeigt das Hauptaugenmerk der Arbeit. Anschließend wird auch der Stellenwert der Zivilisationstheorie von Elias aufgezeigt. Kapitel 4 gibt einen prägnanten Überblick über mögliche Kritikpunkte zur Theorie von Norbert Elias. Hauptsächlich wird der Standpunkt des Kritikers Hans Peter Duerr beleuchtet. Abschließend werden im Fazit die Ergebnisse der Arbeit zusammengefasst.
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- Theoretischer Rahmen
- Elias’ Prozess der Zivilisation
- Selbstzwang und Fremdzwang
- Die Zivilisierung des Verhaltens
- Stellenwert der Zivilisationstheorie von Norbert Elias
- Der Wandel im menschlichen Verhalten durch den Zivilisationsprozess
- Kritik an Norbert Elias‘ Theorie von Hans Peter Duerr
- Fazit
- Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Zivilisationstheorie von Norbert Elias mit dem Ziel, den Wandel menschlicher Verhaltensweisen und Persönlichkeitsstrukturen als langfristigen Prozess sozialer und psychischer Disziplinierung zu verstehen. Leitend ist dabei die Frage, wie sich Fremdzwänge historisch in Selbstzwänge verwandeln und welche Rolle Scham, Affektkontrolle und soziale Verflechtungen für diesen Zivilisationsprozess spielen.
- Theorie des Zivilisationsprozesses nach Norbert Elias
- Historische Umwandlung von Fremdzwang in Selbstzwang
- Affektregulierung, Scham und Peinlichkeitsgefühl
- Tischsitten und Manieren als Beispiel sozialer Verhaltensänderung
- Gesellschaftliche Kontrolle, Erziehung und Selbstdisziplin
- Kritische Auseinandersetzung mit Hans Peter Duerr
Auszug aus dem Buch
2.2 Selbstzwang und Fremdzwang
Mit Fremd- und Selbstzwang beschreibt Elias die in dem von ihm beschriebenen Zivilisationsprozess voranschreitenden Veränderungen der sozialen Kontrolle. In früheren Gesellschaften wurde die Einhaltung der Verhaltensregeln durch äußere Einwirkung, also durch Fremdzwang, gewährleistet. In modernen Gesellschaften dagegen existieren höhere Anforderungen an die individuelle Kontrolle von Affekten und Trieben. Die Verhaltensregeln werden also eher durch Selbstregulierung und Selbstüberwindung, also durch Selbstzwang eingehalten. Es handelt sich somit um die „Umwandlung von Außenzwängen in Innenzwänge“ (vgl. Endreß 2013, S. 98ff.). Die Triebnatur, die es zu zähmen gilt, ist aber nicht als der wilde Gegner der Zivilisation zu begreifen, sondern als deren Grundlage (vgl. Allerkamp 2009, S. 175).
Die von außen wirkenden Zwänge werden durch Selbstkontrolle des Individuums ersetzt. Unter Selbstzwang wird die Fähigkeit der Individuen verstanden, Kontrolle über ihre eigenen Affekte zu haben. Gewalt und indirekte Aggressionen gilt es zu vermeiden, vorgegebene Verhaltensregeln sollen eingehalten werden. Beispiele hierfür sind das Händeschütteln zur Begrüßung oder das Ausredenlassen. Bestimmte Werte wie Aufmerksamkeit und Dankbarkeit sollen verinnerlicht werden, sodass die Individuen sich aus eigenem, inneren Antrieb daran halten. In der heutigen Gesellschaft lassen sich viele Situationen und Verhaltensweisen finden, für die sich der Einzelne schämt. Beispielhaft können hier die Ausübung natürlicher Bedürfnisse wie die Kontrolle des Harndrangs oder das öffentliche Niesen und Husten genannt werden. Somit bilden sich neue Formen von angebrachtem Verhalten.
Das Verhalten der anderen, wie auch das eigene Verhalten werden immer kritisch zur Kenntnis genommen und reflektiert. Elias sieht die Angst vor sozialer Degradierung als einen der stärksten Motoren zur Umwandlung der Fremdzwänge in verinnerlichte Selbstzwänge (vgl. Elias 1997, S. 377). Spontane Handlungen werden schnell als "unreif" wahrgenommen. Durch diese sozialen Veränderungen kann das Gewaltpotenzial gesenkt werden. Die Triebhaftigkeit bezüglich sexueller Handlungen wird auch reduziert. Selbst die Art der Nahrungsaufnahme wird durch die Herausgabe von diversen Tischmanieren genormt. „Es ändert sich die Art, in der die Menschen miteinander zu leben gehalten sind; deshalb ändert sich ihr Verhalten; deshalb ändert sich ihr Bewußtsein und ihr Triebhaushalt als Ganzes.“, so Elias (Elias 1997, S. 388).
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung formuliert die Leitfrage nach der historischen Zivilisierung des Menschen und skizziert den Aufbau der Hausarbeit. Zugleich werden die zentralen Begriffe und Schwerpunkte eingeführt: Zivilisationsprozess, Selbstzwang, Tischsitten und Kritik an Elias.
Theoretischer Rahmen: Dieses Kapitel erklärt Elias’ Zivilisationstheorie als langfristige Umwandlung von Fremdzwang in Selbstzwang. Es beschreibt die Entstehung sozialer Kontrolle aus gesellschaftlicher Differenzierung, Monopolbildung und Konkurrenz sowie die Rolle von Affektregulierung.
Elias’ Prozess der Zivilisation: Der Abschnitt entfaltet die Grundlogik des Zivilisationsprozesses als Wechselwirkung von sozialen Strukturveränderungen und Persönlichkeitswandel. Dabei wird gezeigt, wie technischer Fortschritt, Staatsbildung und Interdependenzen zu verstärkter Selbstdisziplin führen.
Selbstzwang und Fremdzwang: Hier wird der Unterschied zwischen äußerer sozialer Kontrolle und verinnerlichter Selbstkontrolle präzisiert. An Beispielen wie Höflichkeit, Scham, Kindererziehung und Alltagsverhalten wird erläutert, wie Normen internalisiert werden.
Die Zivilisierung des Verhaltens: Das Kapitel zeigt anhand von Manierenbüchern und Tischsitten, wie sich Verhaltensstandards historisch verfeinern. Im Fokus stehen Peinlichkeitsgefühl, Scham und die soziale Verfestigung neuer Umgangsformen.
Stellenwert der Zivilisationstheorie von Norbert Elias: Dieser Teil betont die wissenschaftliche Reichweite der Theorie als integrativen Bezugsrahmen für verschiedene Disziplinen. Elias wird als Theoretiker dargestellt, der psychogenetische und soziogenetische Prozesse miteinander verbindet.
Der Wandel im menschlichen Verhalten durch den Zivilisationsprozess: An der Entwicklung der Tischsitten wird konkret demonstriert, wie sich Affektkontrolle und Ekel- bzw. Schamgrenzen verschieben. Die Gabel dient hier als Beispiel für internalisierte Zivilisierung.
Kritik an Norbert Elias‘ Theorie von Hans Peter Duerr: Das Kapitel referiert Duerrs Einwände gegen die Vorstellung eines fortschreitenden Zivilisationsprozesses. Zugleich werden diese Kritikpunkte im Text anhand der Elias-Rezeption und empirischer Gegenbeispiele zurückgewiesen.
Fazit: Das Fazit bündelt die Kernaussagen der Arbeit und bestätigt die zentrale Rolle von Fremdzwang, Selbstzwang und Scham für Elias’ Theorie. Außerdem wird die anhaltende Relevanz der Zivilisationstheorie trotz der Kritik hervorgehoben.
Schlüsselwörter
Norbert Elias, Zivilisationstheorie, Zivilisationsprozess, Fremdzwang, Selbstzwang, Affektkontrolle, Scham, Peinlichkeitsgefühl, Tischsitten, Selbstregulierung, soziale Kontrolle, Psychogenese, Soziogenese, Hans Peter Duerr, Figurationen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt Norbert Elias’ Theorie der Zivilisation und fragt danach, wie sich menschliches Verhalten, Affekte und Persönlichkeitsstrukturen historisch verändern. Im Zentrum steht die Entwicklung von äußerem Zwang hin zu innerer Selbstkontrolle.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind der Zivilisationsprozess, Selbstzwang und Fremdzwang, Scham und Peinlichkeit sowie die historische Veränderung von Verhaltensnormen. Ergänzend wird die Kritik von Hans Peter Duerr an Elias diskutiert.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Primäres Ziel ist es, die Frage zu klären, wie und warum Menschen ihre Emotionen und Triebe im Zuge gesellschaftlicher Entwicklung stärker kontrollieren. Die Arbeit untersucht dabei, wie soziale Kontrolle in Selbstkontrolle übergeht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Verwendet wird eine theoretisch-analytische, literaturbasierte Vorgehensweise. Der Text arbeitet mit einer Rekonstruktion und Diskussion der Elias’schen Theorie sowie mit einem beispielbezogenen Zugriff über Tischsitten und Manierenbücher.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil erläutert zunächst den theoretischen Rahmen der Zivilisationstheorie, dann die Unterscheidung von Selbstzwang und Fremdzwang und schließlich die Zivilisierung des Verhaltens am Beispiel von Tischmanieren. Abschließend folgt ein Überblick über die Kritik von Hans Peter Duerr.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Charakteristisch sind vor allem die Begriffe Zivilisation, Fremdzwang, Selbstzwang, Affektkontrolle, Scham, Peinlichkeitsgefühl, Selbstregulierung und soziale Kontrolle. Auch Psychogenese und Soziogenese sind zentrale Begriffe.
Welche Rolle spielen Tischsitten in der Argumentation?
Tischsitten dienen als anschauliches Beispiel dafür, wie sich Verhaltensstandards historisch verfeinern und internalisieren. An der Nutzung der Gabel und dem Umgang mit Essen zeigt Elias, wie Scham- und Peinlichkeitsgrenzen gesellschaftlich verändert werden.
Wie wird Hans Peter Duerrs Kritik dargestellt?
Duerr wird als zentraler Kritiker vorgestellt, der Elias’ Zivilisationstheorie als Mythos fortschreitender Verfeinerung deutet. Im Text werden seine Einwände jedoch relativiert, weil sie Elias’ Prozessbegriff nach Ansicht der Autorin zu stark vereinfachen.
Welche besondere These zur Zivilisation wird im Text betont?
Besonders betont wird, dass Zivilisation bei Elias kein geplanter oder abgeschlossener Endzustand ist, sondern ein langfristiger und offener Prozess. Er beruht auf der historischen Verinnerlichung sozialer Zwänge.
Warum ist die Theorie von Elias laut Arbeit wissenschaftlich wichtig?
Die Theorie gilt als wichtig, weil sie individuelle Psychologie und gesellschaftliche Entwicklung zusammen denkt. Dadurch kann sie als integrativer Rahmen für verschiedene sozialwissenschaftliche Disziplinen dienen.
- Citation du texte
- Kati Chatzikonstantinidou (Auteur), 2018, Die Theorie der Zivilisation nach Norbert Elias. Menschliche Verhaltenswandlungen im Zuge des Zivilisationsprozesses, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1707524