Die Wirkung der Massenmedien auf das Kriminalitätsverhalten von Kindern und Jugendlichen


Bachelorarbeit, 2010

52 Seiten, Note: 1.5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsklärung
2.1. Abweichendes Verhalten und Kriminalität
2.2. Jugendlichkeit, Mediensozialisation und Jugenddelinquenz
2.2.1. Jugendlichkeit
2.2.2. Mediensozialisation
2.2.3. Jugenddelinquenz
2.3. Gründe für Jugenddelinquenz
2.4. Massenmedien

3. Mediale Wirklichkeitskonstruktionen
3.1. Der Gewaltbegriff im Kontext medialer Darstellungen

4. Motive für die Nutzung medialer Gewaltdarstellungen
4.1. Die Attraktivität der Mediengewalt

5. Theorieansätze zur Wirkung medialer Gewaltdarstellungen
5.1. Katharsisthese/ Inhibitionsthese
5.2. Habitualisierungsthese
5.3. Kultivierungsthese
5.4. Suggestionsthese
5.5. Stimulationsthese
5.6. Priming- Konzepte und Skript- Theorie
5.7. Lerntheoretische Annahmen
5.7.1. General Aggression Model
5.7.2. Kognitiv- physiologischer Ansatz

6. Theorieanwendungen am Beispiel von School Shootings

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis
8.1. Internetquellenverzeichnis

1. Einleitung

In den letzten zehn bis zwanzig Jahren kommt es weltweit vermehrt zu Schulamokläufen und gewaltbasierender Kriminalität von Kindern und Jugendlichen. Das Medienspektakel von Amokläufen und sonstigen Gewalttaten wird übertrieben inszeniert, da die Sensation hierbei am Größten ist. Dagegen kommen solche Gewalttaten, insbesondere Schulamokläufe, faktisch eher selten vor, werden in den Medien dennoch überrepräsentiert, so dass es scheint, es bedürfe besonderer Erklärungen der Taten. Freilich sind School Shootings ein eher seltenes Phänomen und die meisten Schüler überleben ihre Schulzeit ohne Zeuge eines Amoklaufes zu werden, dennoch besitzen diese Taten eine erhebliche mediale und gesellschaftliche Aufmerksamkeit und Erklärungsbedürfnisse sowie Bedürfnisse nach Präventionsmaßnahmen. Medienwirkungsforschungen beschäftigen sich seit den 1960er Jahren vermehrt mit dem Phänomen der Medienwirkungen, insbesondere mit Thesen zur Klärung der Wirkung auf die Rezipienten.

Wie lässt sich nun Jugenddelinquenz anhand medienbedingter Erklärungsversuche begreiflich machen?

Zu Beginn meiner Arbeit beleuchte ich zum besseren Verständnis die Begrifflichkeiten. Abweichendes Verhalten und Kriminalität, Jugendlichkeit, Mediensozialisation und Jugenddelinquenz und die Massenmedien sind Begrifflichkeiten, die es genauer zu Betrachten gilt, um ein eindringliches Verständnis der Begriffe im Kontext der Wirkungen der Mediengewaltdarstellungen auf Kinder und Jugendliche zu erhalten.

Abweichendes Verhalten und Kriminalität sind allgemein bekannte Normverstöße, das eine wird moralisch und das andere gesetzlich sanktioniert. Wann wird jedoch abweichendes Verhalten kriminell und was bleibt lediglich abweichend? Des Weiteren wird unterschieden zwischen der ubiquitären und transitorischen Jugendkriminalität und dem Jugendstrafrecht. Gegenüber dem Strafgesetzbuch besitzt das Jugendstrafrecht einen erzieherischen Gedanken und wird deshalb differenziert betrachtet. Außerdem liegt der Phase der Jugendlichkeit derzeit eine schwierige Lage der Abgrenzung gegenüber der Erwachsenenwelt zu Grunde. Der Begriff der Jugendlichkeit und die Mediensozialisation werden anschließend betrachtet. Weiterhin werden mögliche Gründe für die Jugenddelinquenz aufgezeigt, wobei die Massenmedien als Einflussfaktor das Thema der Arbeit darstellen. Wie werden jedoch Massenmedien definiert? Sind Bücher Massenmedien, die eine gewaltverherrlichende Wirkung auf Kinder und Jugendliche haben? Oder sind es vielmehr die bewegten Bilder der elektronischen Medien, die eine reale Welt konstruieren? Nach dem Verständnis der Massenmedien von Niklas Luhmann wird in folgender Arbeit ausgegangen, wobei weiterhin die medialen Wirklichkeitskonstruktionen und der Gewaltbegriff im Kontext medialer Darstellungen eine wichtige Funktion besitzen. Des Weitern werden die möglichen Motive für die Nutzung medialer Gewaltdarstellungen von Kindern und Jugendlichen betrachtet. Die Motive der Mediennutzung der jungen Rezipienten für die Zuwendung zu violenten Medieninhalten zu kennen, ist wichtig, um die Verarbeitungsmechanismen und Wirkungen erfassen zu können.

Ab Kapitel 5 werden die einzelnen wichtigsten Theorieansätze zu Wirkungen medialer Gewaltdarstellungen dargestellt und kritisch betrachtet, um anschließend die Theorien in der praktischen Anwendung am Beispiel des Schulamoklaufes im baden-württembergischen Winnenden im März 2009 aufzuzeigen. Die praktische Theorieanwendung ist lediglich eine Überlegung ohne fundierte Literaturhinweise. Sie sind nicht beweisbar und spekulativ zu betrachten. Jegliche Hypothesen der Theorienanwendungen sind Annahmen, die ich aufgrund der faktischen Berichterstattung und der Theorieansätze entwickelt habe.

Zum Abschluss meiner Arbeit fasse ich im Fazit die Theorieansätze der Medienwirkungen kurz zusammen, um abschließend auf die Problematik der Erklärungsansätze der Wirkungsforschung auf das Kriminalitätsverhalten von Kindern und Jugendlichen zu verweisen.

2. Begriffsklärung

Für das genauere Verständnis, wie Massenmedien auf Kinder und Jugendliche wirken und wie sich Jugenddelinquenz anhand medienbedingter Erklärungsversuche begreiflich machen lässt, bedarf es zu Beginn einer genaueren Betrachtung einiger Begrifflichkeiten.

Abweichendes Verhalten und Kriminalität sind Normverstöße, doch das eine wird moralisch sanktioniert und das andere gesetzlich. Wo besteht jedoch die Grenze zwischen abweichendem Verhalten und Kriminalität? Wann wird abweichendes Verhalten kriminell? Des Weiteren muss unterschieden werden zwischen der ubiquitären und transitorischen Jugendkriminalität und dem Jugendstrafrecht, da dieses einem Erziehungsgedanken folgt und deshalb differenziert zu betrachten ist. Zudem ist die Phase der Jugendlichkeit derzeit eine schwierige Phase der Abgrenzung zur Erwachsenenwelt. Jugendlichkeit und die Sozialisation, besonders durch Medieneinfluss, wird gesondert betrachtet. Weiterhin werden mögliche Gründe für die Jugenddelinquenz aufgezeigt, wobei die Massenmedien als Einflussfaktor das Thema der Arbeit darstellen. Was sind jedoch die Massenmedien? Sind Bücher Massenmedien, die eine gewaltverherrlichende Wirkung auf Kinder und Jugendliche haben? Oder sind es vielmehr die bewegten Bilder der elektronischen Medien, die eine reale Welt konstruieren?

2.1. Abweichendes Verhalten und Kriminalität

Unsere Gesellschaft wird zusammengehalten durch die Schaffung sozialer Normen und die Bindung, sich an diese zu halten. Weicht eine Person von diesen Normen ab, stellt sich die Frage, wie auf die enttäuschten Erwartungen zu reagieren ist. Um das vertrauensvolle Zusammenleben zu gewährleisten, bedarf es bei erheblichen Normverstößen Sanktionen. Dieser Versuch, die Freiheit des Einzelnen und die überlebensnotwendige Integration in eine Gemeinschaft sind dementsprechend durch die Schaffung von Normen und Rechten abhängig. Doch was genau ist Kriminalität und welches Verhalten nur verwerflich? Wo es Regeln gibt, dort gibt es auch immer eine Abweichung von diesen Regeln. Um nun zu gewährleisten, dass sich Menschen konform verhalten, bedarf es der sozialen Kontrolle, „worunter man alle Strukturen, Prozesse und Mechanismen versteht, mit deren Hilfe eine Gesellschaft (…) versucht ihre Mitglieder dazu zu bringen, ihren Normen Folge zu leisten“ (Korte/ Schäfers 2002: 106).

Unter Kriminalität wird allgemein die Gesamtheit verschiedener Verbrechen während einer bestimmten Zeit und innerhalb eines abgrenzbaren Raumes verstanden. Mit dem Begriff Verbrechen wird eine einzelne kriminelle Handlung oder Unterlassung bezeichnet, welche mit strafrechtlichen Rechtsfolgen behaftet sind (vgl. Priese 2006: 2; Lüdemann/ Ohlemacher 2002: 9). Soziologisch, über den strafrechtlich relevanten Rahmen hinaus gesehen, ist Kriminalität eine Erscheinungsform abweichenden Verhaltens (vgl. Korte/ Schäfers 2002: 106). „Mit abweichendem Verhalten (…) werden Verhaltensweisen bezeichnet, die gegen die in einer Gesellschaft oder einer ihrer Teilstrukturen geltenden sozialen Normen verstoßen und im Falle der Entdeckung soziale Reaktionen hervorrufen, die darauf abzielen, die betreffende Person, die dieses Verhalten zeigt, zu bestrafen, isolieren, behandeln oder zu bessern“ (Korte/Schäfers 2002: 106). Abweichendes Verhalten (oder Devianz) könne man demnach auch als Verletzung gesellschaftlich institutionalisierter Erwartungen definieren. Man beachte, dass sich abweichendes Verhalten auch auf die Verletzungen von Normen und Werten einer Gesellschaft bezieht und somit jegliches Verhalten, welches eine Ablehnung oder gar Bestrafung hervorruft, darstellt (Lüdemann/ Ohlemacher 2002: 10). Der natürliche Kriminalitätsbegriff beschränkt Kriminalität folglich auf einen Kernbereich von Handlungen, die auch ohne ein strafrechtliches Verbot verwerflich sind. Soziale Normen sind je nach Land und Kulturen unterschiedlich und differenziert aufzufassen.

Wann wird nun abweichendes Verhalten kriminell? Kriminelles Verhalten (hier auch oft mit Gewalthandlungen gleichzusetzen) ist im Wesentlichen auf die Normen des Strafgesetzbuches festgelegt (vgl. Bannenberg/ Rössner 2005: 19f). „Es ist die kriminalpolitische Aufgabe des Gesetzgebers, (…) die Grenzen zwischen ‚bloß‘ abweichendem und ‚kriminellem schwer sozial schädlichem‘ Verhalten zu ziehen“ (ebd.: 21).

Das Verständnis von Kriminalität und abweichendem Verhalten bezieht sich in folgender Arbeit auf das Verhalten, das strafrechtlich verfolgt wird bzw. verfolgt werden kann. Darunter fallen auch Gewalthandlungen und ebenso Aggressionen gegenüber Mitmenschen. Weiterhin wird zwischen Kinder- und Jugendkriminalität und Erwachsenenkriminalität bzw. Jugendstrafrecht und Strafrecht differenziert.

2.2. Jugendlichkeit, Mediensozialisation und Jugenddelinquenz

Kinder und Jugendliche sind im Hinblick auf die Medienwirkung am stärksten beeinflussbar. Die Tatsache, dass sie so instabile Persönlichkeiten sind, zeigt, dass sie leicht formbar und beeinflussbar sind und sich zudem von der Erwachsenenwelt bewusst abgrenzen. Die Jugend ist dabei auch ein Entwicklungsstadium, das durch intensive Identitätssuche gekennzeichnet ist und vor allem bei männlichen Jugendlichen sich als besonders krisenhafte und problematische Lebensphase darstellt (vgl. Schäfers/ Scherr 2005: 21). Neben anderen Sozialisationsinstanzen wie der Familie, Schule, Peergroups und der Religionsgemeinschaften usw., sozialisieren auch die Medien Kinder und Jugendliche. Die Medien fördern die Entwicklung sozialer Normen und Werte, indem es die Kinder gewissermaßen dazu zwingt, ihr Wissen von Gut und Böse, von Realität und Fiktion heranzuziehen und anzuwenden (vgl. Joas 2007: 153).

Zu Beginn dieses Kapitels wird zunächst die Schwierigkeiten der Jugendphase beleuchtet um anschließend die Sozialisationswirkung der Medien aufzeigen zu können. Weiterhin wird die Jugenddelinquenz hinsichtlich der schwierigen Jugendphase betrachtet und hinterher werden mögliche Gründe für die Jugenddelinquenz dargelegt. Da die Jugendlichkeit ein kritisches Übergangsstadium zwischen Kindheit und Erwachsenenalter darstellt und die Formbarkeit und Instabilität der Persönlichkeiten dieser Menschen an einem entscheidenden Punkt steht, bedarf es einer gesonderten Betrachtung der Jugendkriminalität (bzw. Jugenddelinquenz) und des Jugendstrafrechts.

Jugendliche unterliegen vielerlei Beeinflussungen, Problemen und gesellschaftlichen Verführungen. Im Jugendalter beginnt die eigene Identitätsfindung. Gründe für jugendliche Devianz sind Probierverhalten und Spontaneität der jungen Menschen. Er beginnt sich vom Elternhaus zu lösen, muss seinen eigenen Platz in der Gesellschaft finden, in einer Gesellschaft, in welcher kaum Wege vorgezeichnet sind. Auch sind ihm noch nicht alle gesellschaftlichen Anforderungen für ein geordnetes Zusammenleben geläufig, sondern er wächst erst mit zunehmenden Alter und Erfahrungen in die Erwachsenenwelt hinein und lernt allmählich, sich den gesellschaftlichen und sozialen Maßstäben anzupassen (vgl. Priese 2006: 71f.).

2.2.1. Jugendlichkeit

Der Begriff der Jugend bzw. der Jugendlichkeit ist kein klar definierter wissenschaftlicher Begriff, vielmehr ein Wort aus der Alltagssprache. Der alltägliche Begriff legt Annahmen der Lebensphase Jugend über besondere Verhaltensmuster und Eigenschaften nahe, die als jugendtypisch gelten. Jugendlichkeit ist somit ein Verhalten, welches typisch für diese Lebensphase ist (vgl. Schäfers/ Scherr 2005: 17).

Für die empirische Sozialwissenschaft, aber auch für Theorieentwicklungen bezüglich der jugendlichen Verhaltensweisen ist es unumgänglich den Jugendbegriff genauer zu definieren. Psychologische und pädagogische Definitionen akzentuieren dem Jugendbegriff emotionale und kognitive Entwicklungsdynamiken, die mit der Pubertät entstehen. Erziehungswissenschaftliche Sichtweisen unterstellen altersgruppentypische Voraussetzungen und Folgen von Lernen, Erziehung und Bildung sowie die Auswirkungen der Sozialisation als bedeutende Ereignisse der Jugendlichkeit (vgl. ebd.).

Jugendsoziologische Definitionsmerkmale konzentrieren sich auf den Kontext der gesellschaftlichen Ordnungen der Altersgruppen. Kinder, Jugendliche und Erwachsene bekommen von der Gesellschaft unterschiedliche Rechte zugewiesen, die mit Möglichkeiten und Zwängen einhergehen. Des Weiteren sind folgende Aspekte wichtige Merkmale der Jugendsoziologie:

- Die Effekte der gesellschaftlichen Bedingungen des Aufwachsens,
- die Einstellungen und Praktiken der Jugendlichen, die in der jeweiligen gesellschaftlichen Lage anzutreffen sind,
- die Jugendprobleme (Jugendkulturen) und die gesellschaftlichen Reaktionen darauf,
- Selbstdefinitionsprozesse und Abgrenzungsprozesse der Jugendkulturen gegenüber der Erwachsenengesellschaft, und die gesellschaftlichen Bemühungen auf Jugendliche gezielt einzuwirken (vgl. ebd.: 18).

Den Begriff der Jugend hat es nicht immer schon gegeben. Durchaus wurden auch schon vor der Industrialisierung Jugendliche von Kindern und Erwachsenen differenziert, aber „erst in Folge der modernen Trennung von Familie, Ausbildung und Erwerbsarbeit sowie der Einführung der allgemeinen Schulpflicht entstand Jugend im modernen Verständnis des Begriffs, d.h. als eine gesellschaftlich institutionalisierte Lebensphase, in der allen Mädchen und Jungen eine Phase des Lernens und der Qualifizierung nach dem Ende der Kindheit und vor dem Eintritt in die Arbeitswelt zugestanden wird“ (ebd.: 19). Die Jugend ist zudem auch ein Entwicklungsstadium, das durch intensive Identitätssuche gekennzeichnet ist und vor allem bei männlichen Jugendlichen sich als besonders krisenhafte und problematische Lebensphase darstellt (vgl. ebd.: 21).

Die Lebensphase der Jugendlichen ist kaum in eine bestimmte Altersgrenze zu fassen, da sie aufgrund der historischen Entwicklung von Jugendlichkeit weitgehend losgelöst von strikten Altersgrenzen ist. Historisch betrachtet ist Jugendlichkeit als eine Übergangsphase zu verstehen, die mit dem Ende der Kindheit, also mit eigenverantwortlichem Handeln einhergeht, beginnt und mit dem Einstieg in eine eigene Erwerbsarbeit und Gründung einer eigenen Familie endet. Da aktuell Jugendliche allerdings ihre Ausbildung teilweise erst mit 25 Jahren beenden oder erst mit 30 Jahren heiraten, kann hier nicht mehr von einer derartigen Abgrenzung der Jugendlichkeit gesprochen werden.

Demzufolge wird Jugend hier definiert als „eine gesellschaftlich institutionalisierte, intern differenzierte Lebensphase, deren Verlauf, Ausdehnung und Ausprägung wesentlich durch soziale Bedingungen und Einflüsse (sozioökonomische Lebensbedingungen, Strukturen des Bildungssystems, rechtliche Vorgaben, Normen und Erwartungen) bestimmt sind. Jugend ist keine homogene Sozialgruppe, sondern umfasst unterschiedliche Jugenden“ (ebd.: 23). Wichtig ist weiterhin ein Verständnis von Jugend als eine Lern- und Entwicklungsphase, in der Heranwachsende nicht mehr umfassend durch Erwachsene und gesellschaftliche Institutionen kontrolliert werden. Jugendlichkeit ist eine Phase der sozialen Platzierung in der Gesellschaft. Es müssen bestimmte Fähigkeiten und Kenntnisse erworben werden, die zum größten Teil bedeutsam für den späteren Lebensweg sein werden.

2.2.2. Mediensozialisation

Die Sozialisation im Allgemeinen ist zu verstehen als ein „Prozess der Entstehung und Entwicklung der Persönlichkeit in wechselseitiger Abhängigkeit von der gesellschaftlich vermittelten sozialen und materiellen Umwelt“ (Zimmermann 2006: 15). Dies beinhaltet den Prozess des Mitglied-Werdens in einer Gesellschaft.

Neben anderen Sozialisationsinstanzen wie der Familie, Schule, Peergroups und der Religionsgemeinschaften usw., sozialisieren auch die Medien Kinder und Jugendliche. Die Medien fördern die Entwicklung sozialer Normen und Werte, indem es die Kinder gewissermaßen dazu zwingt, ihr Wissen von Gut und Böse, von Realität und Fiktion heranzuziehen und anzuwenden (vgl. Joas 2007: 153). Die Medien wirken nicht nur passiv sozialisierend, sondern die Kinder werden angesprochen und reagieren dementsprechend (als Beispiel könnten hier Bastelsendungen dienen, die die Fertigkeiten der Kinder herausbilden). Medien können das geistige und soziale Wachstum fördern, vor allem, wenn Eltern mit ihren Kindern die Sendungen zusammen ansehen und den Inhalt anschließend erörtern (vgl. Joas 2007: 154). Medien tragen zum Erwerb von Bedeutungen, Verständnismustern und Werthaltungen, die in der Kultur einer Gesellschaft vertreten sind, bei (vgl. Hurrelmann 2002: 256). Massenmedien unterscheiden sich von anderen Sozialisationsinstanzen dadurch, dass sie die Adressaten als anonymes Publikum ansprechen. Jedoch entspricht es nicht der Aufgabe der Massenmedien zu sozialisieren, sondern primär zu informieren, unterhalten und eventuell Auswirkungen auf die Bildung zu haben. Gesellschaftliche Normen, Werte und Wissensbestände werden den Kindern und Jugendlichen durch Massenmedien vermittelt, unklar ist jedoch, ob sie in ihrer jeweiligen Entwicklungsphase in der Lage sind, mit den vielfältigen Impulsen und Inhalten der Medien angemessen umzugehen (vgl. ebd.). „Der Umgang der Medien selbst kann (…) nur durch Rückgriff auf die vielfältigen Prozesse der Sozialisation verstanden werden“ (Bonfadelli 2009: 233).

2.2.3. Jugenddelinquenz

Da die Jugendlichkeit ein kritisches Übergangsstadium zwischen Kindheit und Erwachsenenalter darstellt und die Formbarkeit und Instabilität der Persönlichkeiten dieser Menschen an einem entscheidenden Punkt steht, bedarf es einer gesonderten Betrachtung der Jugendkriminalität (bzw. Jugenddelinquenz) und des Jugendstrafrechts. Kinder- und Jugendkriminalität bezieht sich auf jegliche kriminelle Handlung, die von Kindern bis zur Vollendung des 14. Lebensjahres und Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren begangen werden. Heranwachsende, die sich zwischen 18 und 21 Jahren befinden, fallen nur teilweise in den Zuständigkeitsbereich des Jugendstrafrechts, werden aber in folgender Arbeit zu den Erwachsenen gezählt, da sie sich in keiner instabilen kritischen Lebensphase mehr befinden (vgl. Priese 2006: 71f.).

Der Grundgedanke des Jugendstrafrechts ist, dass der noch junge Täter während seiner Entfaltung der Verstandsreife und Willenskräfte nicht wie ein Erwachsener, der die tatsächlichen Folgen seiner Taten überschauen kann, behandelt werden darf. Bis zum 14. Lebensjahr gesteht man in Deutschland den Kindern das Recht auf einen definierten Schonraum zu, d.h. sie können nicht vor Gericht zur Verantwortung ihrer Taten gezogen werden. Mit Vollendung des 14. Lebensjahres gelten fortan die Strafvorschriften der Erwachsenen mit den entsprechenden Verhaltensnormen. „Die besondere Zielrichtung des Jugendstrafrechts mit seinen Altersgrenzen und Sanktionsmöglichkeiten folgt Erkenntnissen über weitgehende Normalität und Ubiquität der Jugendkriminalität“ (Bannenberg/ Rössner 2005: 58). Es entspricht demzufolge der Norm, wenn Kinder und Jugendliche eine oder mehrere Straftaten begehen, denn dieses Verhalten ist transitorisch, hört meist bis zum Erwachsenenalter auf (vgl. Dollinger/ Schmidt-Semisch 2010: 11). Die Normalität der Jugenddelinquenz ist eine „Übergangsphase des Erwachsenwerdens, die Normübertretungen im Entwicklungsprozess, aus Übermut oder unter Gruppeneinfluss Gleichaltriger typischerweise mit sich bringt“ (Bannenberg/ Rössner 2005: 58f.).

Wichtig beim Jugendstrafrecht ist der Erziehungsgedanke bei den Sanktionen. Es muss auf die Entwicklung des Jugendlichen positiv durch erzieherische Maßnahmen eingewirkt werden. Bloße Bestrafungen wie Arrest oder Gefängnis bringen meist den gegenläufigen Effekt hervor, da viele dieser jungen Täter wieder rückfällig werden (vgl. Priese 2006: 72). Die Tatsache, dass Jugendliche noch instabile Persönlichkeiten sind, zeigt, dass man sie erziehen kann.

2.3. Gründe für Jugenddelinquenz

Jugendliche unterliegen vielerlei Beeinflussungen, Problemen und gesellschaftlichen Verführungen. Im Jugendalter beginnt die eigene Identitätsfindung. Gründe für jugendliche Devianz sind Probierverhalten und Spontaneität der jungen Menschen. Er beginnt sich vom Elternhaus zu lösen, muss seinen eigenen Platz in der Gesellschaft finden, in welcher kaum Wege vorgezeichnet sind. Auch sind ihm noch nicht alle gesellschaftlichen Anforderungen für ein geordnetes Zusammenleben geläufig, sondern er wächst erst mit zunehmenden Alter und Erfahrungen in die Erwachsenenwelt hinein und lernt allmählich, sich den gesellschaftlichen und sozialen Maßstäben anzupassen (vgl. Priese 2006: 71f.). Jugenddelinquenz darf nicht an sich, „sondern stets nur im (sozial-) biographischen Kontext betrachtet werden (…) und Mechanismen ‚institutioneller Steuerung‘ wesentlichen Einfluss auf den Verlauf von Kriminalitätskarrieren ausüben“ (Dollinger/ Schmidt-Semisch 2010: 12). Delinquenz begünstigende Bedingungen sind soziale Einflussgrößen wie Familie, Peergroups, Schule, Milieu und Medien. Die Familie als primäre Sozialisationsinstanz ist für die Entstehung und Entwicklung von Kriminalität im Jugendalter von zentraler Bedeutung. „Unterbleibende emotionale Unterstützung, defizitäre und konfliktgeladene familiäre Interaktionen und Eltern-Kind-Konflikte sowie ein zurückweisender, bestrafender, inkonsistenter, restriktiver (…) und gewalttätiger Erziehungsstil sind unmittelbare Risikofaktoren für die kognitive, emotionale und soziale Entwicklung der Kinder und hängen mit einer höheren Gewalttätigkeit und Kriminalität der Jugendlichen zusammen“ (Raithel/ Mansel 2003: 26). Studien zeigen, dass Jugendliche, die in ihrer Kindheit Gewalt ausgesetzt waren, in höherem Maße Gewalt befürworten. Gewalt wird demnach als Mittel zur Durchsetzung der eigenen Interessen erlernt oder zur Erreichung spezifischer Ziele in andere Handlungskontexte übertragen. Kinder, die in ihrer Familie Opfer von Gewalttaten wurden, weisen eine erhöhte Wahrscheinlichkeit eigener Gewalttätigkeiten auf (vgl. ebd.). Peer-Groups erlangen mit zunehmendem Alter der Kinder und Jugendlichen eine erhöhte Bedeutung für die Herausbildung von Normen, Einstellungen und Verhaltenstendenzen. „Die Jugendlichen erlangen mittelbar durch delinquentes Verhalten im Kontext delinquenter Peer-Groups, ihre fehlende Wertschätzung und Anerkennung. Es wird angenommen, dass sich gerade diese Jugendlichen viel stärker und massiver von ihren Eltern abgrenzen wollen, wofür sich das delinquente Verhalten als ein brauchbares Medium darstellt“ (ebd.: 27).

Die schulische Sozialisationsinstanz beeinflusst Jugendliche negativ im Hinblick auf den hohen Anpassungsdruck und schulische Misserfolge und Konkurrenzorientiertheit unter den Schülern, welche zugleich gewaltbegünstigende Modalitäten darstellen (vgl. ebd.: 28). Das soziale Milieu zeigt kaum eindeutige Zusammenhänge zwischen Gewaltbereitschaft und Gewaltausübung der Jugendlichen. In sozial benachteiligten Milieus können zwar Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit ein Auslöser für kriminelle Handlungen sein, jedoch sind diese statistisch nicht bewiesen (vgl. ebd.: 29). Inwiefern die Medien die Jugenddelinquenz begünstigen wird ab Kapitel 5 betrachtet.

2.4. Massenmedien

Zum besseren Verständnis des Einflusses der Massenmedien auf das Kriminalitätsverhalten von Kindern und Jugendlichen bedarf es weiterhin einer genaueren Betrachtung der Begriffsklärung der Massenmedien.

Nach dem Systemtheoretiker Niklas Luhmann sind Massenmedien Druck- und elektronische Medien, jedoch gehören nicht alle Druck- und elektronischen Medien zum Massenmediensystem. Speisekarten von Restaurants oder Privatfotos, die nicht zur Veröffentlichung dienen, sind keine Massenmedien, denn Massenmedien erzeugen und verbreiten mit Hilfe technischer Mittel ihre Produkte in großer Zahl an unbestimmte Adressaten und sind allgemein öffentlich zugänglich. So sind z.B. im Internet veröffentlichte Fotos jedermann zugänglich. Niklas Luhmann definiert Massenmedien wie folgt:

[...]

Ende der Leseprobe aus 52 Seiten

Details

Titel
Die Wirkung der Massenmedien auf das Kriminalitätsverhalten von Kindern und Jugendlichen
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
1.5
Autor
Jahr
2010
Seiten
52
Katalognummer
V170767
ISBN (eBook)
9783640897827
ISBN (Buch)
9783640897971
Dateigröße
685 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Medienwirkung, Devianz, Kriminalität, Medien, Massenmedien
Arbeit zitieren
Olga Gillich (Autor), 2010, Die Wirkung der Massenmedien auf das Kriminalitätsverhalten von Kindern und Jugendlichen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/170767

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Wirkung der Massenmedien auf das Kriminalitätsverhalten von Kindern und Jugendlichen



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden