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Die einsame Gesellschaft. Allein unter Vielen

Die verborgene Krise unserer Zeit

Title: Die einsame Gesellschaft. Allein unter Vielen

Non-fiction book , 2026 , 194 Pages

Autor:in: Karin Weingartz-Perschel (Author)

ThinkShelf: Non-fiction books
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Summary Excerpt Details

Der Mensch ist von Natur aus ein kommunikatives Wesen und benötigt leibhaftige Mitmenschen, um sich wohlzufühlen. Fehlen diese, meldet sich irgendwann sein Unbewusstes und signalisiert: Einsamkeit!

Jederzeit erreichbar zu sein, ist die Voraussetzung dafür, Karriere zu machen und Beziehungen zu pflegen. Diese Pflege geschieht aber in zunehmendem Maße auf Kosten der Vis-à-Vis-Kommunikation. Die häufigen Beschäftigungen mit digitalen Medien schaffen Distanz zur personalen Interaktion. Menschen erleben immer weniger miteinander und mit der Zeit vergrößert sich mangels Gelegenheiten die Unsicherheit im Umgang mit Anderen. Stabile und erfüllende Beziehungen aber sind wesentliche Faktoren für unser psychisches Wohlbefinden. Sie stärken unser Selbstbewusstsein und schenken Vertrauen, Sicherheit und Geborgenheit. Wir fühlen uns gesehen, verstanden und nicht selten getröstet, wenn wir traurig sind. Auch sich auf jemand anderen einzulassen, mit all seinen Facetten, verletzbar zu sein, schöne und weniger schöne Erlebnisse zu teilen, das benötigen wir Menschen und dies trägt dazu bei, dass wir gesund bleiben und Stress abbauen können. Eine KI, eine Künstliche Intelligenz, kann dafür kein wirklicher Ersatz sein, auch wenn sie noch so perfekt auf das Dialogisieren mit den Menschen programmiert ist; sie ist und bleibt nur eine Maschine.

Das vorliegende Buch soll - neben den vielfältigen Formen von existenzbedrohlichen Formen von Einsamkeit - die Auswirkungen auf unsere Gesellschaft erläutern und deren Möglichkeiten der Entgegenwirkung aufzeigen.

Excerpt


Inhalt

Einleitung

1. Versuch einer Definition

2. Die Tabuzone verlassen

3. Armut begünstigt Einsamkeit

1. Schicksalsschläge

2. Wer alleine ist, gilt als ‚Langweiler‘

3. Symptome von Einsamkeit

4. Leistungsgesellschaft

1. Religiöse Entscheidung

2. Soziale Askese

3. Mentale Metamorphose

IV. Einsamkeit, je nach Geschlecht und Alter

1. Einsamkeit bei Frauen

2. Einsamkeit bei Männern

3. Einsamkeit bei Kindern

4. Einsamkeit bei Senioren

1. Bedrohungspotenzial für die Demokratie

2. Individualismus dominiert Altruismus

3. Altruismus - Gefahr für die individuelle Selbstentwicklung?

4. Der eigene Körper als „Alter Ego“

5. Suizidalität

1. Der Film

2. Jan Krakauers Glückssucher

3. Die missverstandene Natur

1. „Robinson Crusoe“

2. „Die Leiden des jungen Werthers” - unglückliche Liebe

3. „Anna Karenina“ - soziale Isolation

4. Franz Kafka - eine Groteske

5. Thomas Mann - dekadente Einsamkeit

1. Pandemien gehören zur Menschheitsgeschichte

2. Besonders Alleinlebende litten unter Corona

3. Das „Einsamkeitsbarometer“ des Familienministeriums

1. Politische Herausforderung

2. Neigung zu Verschwörungsmythen

3. Korrelation von Einsamkeit und Ressentiment

1. Kommunikative Räume schaffen

2. Vorteile von Dating-Apps

3. Nachteile von Dating-Apps

1. Hunderte „Freunde“ bei Facebook – und doch alleine

2. Einsam in der Beziehung

Auszüge aus dem Buch

Cover: Die einsame Gesellschaft. Allein unter Vielen

Einleitung

Wir leben in einer Zeit, in der Individualität und Selbstverwirklichung selbstverständliche Werte sind, auf die jeder ein Anrecht hat. Die Digitalisierung der Gesellschaft bietet scheinbar alle Möglichkeiten, diese Werte in die Realität umzusetzen. Man kann sich zu jeder Zeit mit allem und jedem in der Welt verbinden. Klingelt das Handy, währen ich mit einem Bekannten im Café sitze und plaudere, kann ich mich sofort mit dem Anrufer verbinden, unterbreche jedoch das persönliche Gespräch mit meinem Bekannten. Ich bevorzuge also den unpersönlichen Kontakt mit dem Anrufer, weil mir die leibliche Anwesenheit des Bekannten gewiss ist und ich jederzeit wieder auf die Plauderei mit ihm zurückkommen kann. Doch die Kommunikation mit ihm habe ich unterbrochen und das kann sich negativ auf die Beziehung zu ihm auswirken. Diese Art der Unterbrechung durch ein Smartphone hat seinen eigenen, festen Platz im Miteinander unserer Zeit. Jederzeit erreichbar zu sein, ist die Voraussetzung dafür, Karriere zu machen und Beziehungen zu pflegen. Diese Pflege geschieht aber in zunehmendem Maße auf Kosten der Vis-à-Vis-Kommunikation. Die häufigen Beschäftigungen mit digitalen Medien schaffen Distanz zur personalen Interaktion. Menschen erleben immer weniger miteinander und mit der Zeit vergrößert sich mangels Gelegenheiten die Unsicherheit im Umgang mit Anderen. Stabile und erfüllende Beziehungen aber sind wesentliche Faktoren für unser psychisches Wohlbefinden. Sie stärken unser Selbstbewusstsein und schenken Vertrauen, Sicherheit und Geborgenheit. Wir fühlen uns gesehen, verstanden und nicht selten getröstet, wenn wir traurig sind. Auch sich auf jemand anderen einzulassen, mit all seinen Facetten, verletzbar zu sein, schöne und weniger schöne Erlebnisse zu teilen, das benötigen wir Menschen und dies trägt dazu bei, dass wir gesund bleiben und Stress abbauen können. Eine KI, eine Künstliche Intelligenz, kann dafür kein wirklicher Ersatz sein, auch wenn sie noch so perfekt auf das Dialogisieren mit den Menschen programmiert ist; sie ist und bleibt nur eine Maschine. Natürlich bietet sie beinahe unendlich viele Möglichkeiten der Beschäftigungen und ist natürlich prädestiniert, mir zu helfen, mich zu beraten, mir Bequemlichkeiten zu bieten und auch mich mit intelligenten Informationen und auch Spielen zu versorgen und so zu unterhalten, um mich von meinen Problemen abzulenken oder mit Scheinlösungen zu versorgen. Fakt ist jedoch, dass sie mich nach und nach in die Isolation von anderen Menschen treibt, indem sie mir vorgaukelt, dass ich niemanden anderen benötige, weil ich ja die KI habe, mit deren Hilfe ich alles alleine bewältigen kann. Da der Mensch jedoch von Natur aus ein kommunikatives Wesen ist und den Mitmenschen benötigt, um sich wohl zu fühlen, meldet sich irgendwann spätestens sein Unbewusstes und signalisiert: Einsamkeit!

Studien und Befragungen zufolge empfinden sich stetig mehr Menschen als einsam, unabhängig vom Alter und davon, ob sie allein oder in Partnerschaften leben. Eine kollektive Einsamkeit scheint Einzug in unsere digitale Welt zu halten und sich zur neuen „Volkskrankheit“ zu entwickeln. Die Singularisierung der Gesellschaft, die Anonymität in Großstädten machen es zunehmend schwerer, eine resonante Verbindung mit anderen aufzunehmen.

Ein Blick nach Asien kann regelrecht Angst machen:

In asiatischen Ländern werden seit einigen Jahren Roboterpuppen produziert. Diese Puppen sind durch künstliche Intelligenz gesteuert und sind verkäuflich für Menschen, die allein leben und sich einsam fühlen. Die Menschen bekommen dadurch das Gefühl von Bindung und Beziehung vermittelt. Dadurch verschwindet, zumindest kurzzeitig, das schmerzliche Gefühl von Einsamkeit. Doch letztlich kann dies kein Ersatz für menschliche Kontakte sein.

Es ist bereits wissenschaftlich erwiesen, dass Einsamkeit zu schwerwiegenden körperlichen und seelischen gesundheitlichen Problemen führen kann und zu einer wesentlich geringeren Lebenserwartung beiträgt. Außerdem werden depressive Verstimmungen, Angstzustände, Schlafstörungen und Infektionskrankheiten begünstigt. Doch Einsamkeit ist nicht nur ein individuelles, sondern auch ein gesellschaftliches Problem, das alle angeht. Das haben auch Regierungen inzwischen erkannt. In Großbritannien gibt es bereits ein Einsamkeitsministerium und auch hierzulande hat die Diskussion über drohende Vereinsamung begonnen.

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen: Einsamkeit trifft nicht nur alte Menschen, sondern sie kann in jedem Lebensalter auftreten. Der Umzug in eine fremde Stadt, Trennung von einem Lebenspartner oder schwere Krankheit können Auslöser sein. Bisher haben WissenschaftlerInnen keine erblichen Vorbelastungen für Einsamkeit festgestellt, aber es gibt bestimmte soziale Muster in der Familie, die ihre Entstehung wahrscheinlicher machen. Wenn Eltern nicht vorleben können, wie Beziehungen gelingen, dann haben es auch ihre Kinder schwerer, dies zu erlernen. Gehen Vater und Mutter zum Beispiel ungern ans Telefon und sprechen nie mit den Nachbarn, werden sich auch ihre Kinder zunächst auf Rückzug statt auf Offenheit orientieren.

Überhaupt sind Kindheit und Jugend entscheidend für das Risiko, in die Einsamkeit zu rutschen. Untersuchungen in Waisenhäusern in den 1960er-Jahren zeigten, dass mangelnde Zuneigung und Aufmerksamkeit Kinder erst zu lautem Weinen veranlassen und sie dann, nach wiederholtem Ignorieren, lethargisch und verhaltensgestört werden lassen. Ein Beweis dafür, dass Menschen ohne Zuneigung nicht existieren können. Erst wenn Kinder selbst erfahren, dass sie Aufmerksamkeit und Verständnis bekommen, lernen sie, dies auch in ihren Beziehungen zu Anderen zu entwickeln.

Auch Arbeitslosigkeit und Erwerbsunfähigkeit können in die soziale Isolation führen, nicht nur weil das Geld knapp ist, sondern auch, weil damit oft ein Verlust an Selbstwertgefühl einhergeht. Doch keiner dieser Umstände ist ausweglos. Es gibt Wege, die aus der Einsamkeit herausführen. Sie beginnen mit dem Entschluss, aktiv zu werden, um die eigene Situation zu ändern.

[...]

1. Bedrohungspotenzial für die Demokratie

Einsamkeit bedeutet für die Betroffenen oft großes persönliches Leid, das sich über die Jahre hinweg auch in Depressionen und körperlichen Beschwerden bis hin zu einer kürzeren Lebenserwartung niederschlagen kann. Lange standen vor allem die hohen gesundheitlichen Kosten von Einsamkeit und Isolation im Vordergrund. Demgegenüber werden bisher die sozialen und politischen Kosten, allen voran das demokratiegefährdende Potenzial der Einsamkeit, weit weniger beleuchtet.

Einsame gehen seltener zur Wahl, partizipieren auch ansonsten politisch weniger, neigen häufiger zur Unterstützung populistischer Kandidaten und verlieren eher das Vertrauen in demokratische Institutionen als Nichteinsame. Mit der Einsamkeit sinkt auch das Vertrauen in die öffentlich-rechtlichen Medien zugunsten des Internets. Einsame fühlen sich zudem politisch weniger selbstwirksam, haben also eher den Eindruck, politisch machtlos zu sein und nicht gehört zu werden.

Einsame Jugendliche hängen häufiger Verschwörungserzählungen an, die sich „gegen die Eliten“, aber auch gegen „die Anderen“ richten, tendieren eher zum Autoritarismus und billigen häufiger politische Gewalt. Einsame Erwachsene neigen signifikant eher zu Populismus und Verschwörungsmythen als Nichteinsame. Auffällig ist auch ihre stärkere Neigung zu neurechten völkisch-autoritär-rebellischen Einstellungen, ihre deutlich höhere Gewaltbilligung sowie ihre stärkere Zustimmung zu rechtsextremen Einstellungen.

Die Mitte-Studie 2023 förderte zudem einen besonders brisanten Zusammenhang zutage: Ausgrenzung kann zu Einsamkeit führen und selbst abwertendes Verhalten befördern. Rund ein Drittel der Befragten berichteten, aufgrund von Geschlecht, sexueller Orientierung oder Alter diskriminiert worden zu sein. Fast zwei Drittel (68 Prozent) der Einsamen und knapp ein Viertel (23,5 Prozent) der Nichteinsamen haben nach eigener Aussage Diskriminierung erlebt. Von den Befragten, die mindestens einmal oder häufiger Diskriminierung erfahren haben, sind 40 Prozent einsam. Von den 42 Personen, die „häufig“ Diskriminierung erdulden mussten, und die auch nach ihrer Einsamkeit befragt wurden, sind 97 Prozent einsam. Von den Befragten ohne eigene Diskriminierungserfahrung sagen dies nur 9 Prozent. Die einsamen Befragten sehen sich jedoch nicht nur häufiger selbst Diskriminierungen ausgesetzt, sondern neigen ihrerseits signifikant und deutlich eher zur Abwertung anderer sozialer Gruppen. Einsamkeitserfahrungen stehen daher positiven Gemeinschaftserfahrungen und pluralen Gesellschaftsbildern diametral entgegen. Hier liegt das Bedrohungspotenzial der Einsamkeit für die Demokratie, die an Konsens, Kompromiss, Vertrauen und Mitwirkung orientiert ist. Denn einsame Menschen sind offenbar viel stärker vom Misstrauen ihren Mitmenschen und ihrer Umwelt gegenüber geprägt. Die Allgegenwärtigkeit von Krisen sorgen bei ihnen zudem für eine größere Verunsicherung, da ihnen bestimmte soziale Schutzräume und Vertrauenszonen fehlen. Wie die Befunde verdeutlichen, wird es besonders kritisch, wenn Einsamkeitserfahrungen mit demokratiegefährdenden Positionen einhergehen, die sich über Verschwörungsmythen bis hin zu einer höheren Billigung von Gewalt steigern können. Zu vermuten ist, dass gerade der ausgeprägte Wunsch nach Kontakt und Zugehörigkeit einsame Menschen anfällig machen kann für Angebote, die autoritäre Parteien anbieten, denn diese bewirtschaften die Gefühle der Missgunst, des Misstrauens und der Missachtung.

Das öffentlich sichtbare Ressentiment, das autoritäre politische Bewegungen und Parteien propagieren, wird von der Haltung getragen, dass „die da oben“ nicht mehr wissen, was „dort unten“ passiert; und es wird befeuert von dem Gefühl, in der Gesellschaft mit seinen Problemen alleine zu stehen, also kollektiv einsam zu sein. Insbesondere während der Corona-Pandemie wurden hier Tore für eine radikale Ressentiment-Bildung geöffnet. Denn die Pandemie hat dafür gesorgt, dass Einsamkeit zum kollektiven Schicksal wurde. Einsamkeit war nicht mehr das Los der wenigen Vereinzelten, die Pech im Leben hatten und am Rande stehen, die keine Beachtung finden und auf den Aufmerksamkeitsmärkten der heutigen Gesellschaft nicht klarkommen. Einsamkeit wurde ab März 2020 zu einer geteilten Erfahrung. Ressentiments waren zudem nicht mehr beschränkt auf Familien- oder Freundeskreis, quasi privatisiert. Ressentiments waren und sind zum öffentlichen Bekenntnis geworden. Auf diese Weise hat sich eine Kultur verallgemeinert, in der sich jeder und jede benachteiligt fühlen darf und diese Benachteiligung durch die digitalisierten Plattformen zu einem Kollektivgut öffentlicher Erfahrung machen kann. So wundert es kaum, dass Wertschätzung, Anerkennung, Sichtbarkeit, Selbstwirksamkeit zu Leitvokabeln der Gesellschaftserfahrung unserer Zeit geworden sind und eben nicht Solidarität, Konsensfindung oder Kompromissbereitschaft. Wenn man sich selbst als zu wenig wertgeschätzt sieht, dann bleibt kein Platz für andere, dann zählt nur das eigene Ich, die eigene Befindlichkeit, das eigene Sorgenregister.

Derartige Überlegungen finden sich bereits bei Hannah Arendt, die argumentiert, dass strukturelle Masseneinsamkeit zu einer Bedrohung für die Demokratie werden kann. In ihrem Buch Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft charakterisiert sie Isolation und Zusammenbruch von sozialen Beziehungen in der modernen Industriegesellschaft als einen grundlegenden Faktor für die Entstehung totalitärer Bewegungen.1

Seitdem ist diese These vielfach weiterentwickelt und erforscht worden. Eine Studie des „Progressiven Zentrums“ untersuchte, inwieweit autoritäre und antidemokratische Einstellungen unter jungen Menschen in Deutschland verbreitet sind. Hierzu führten die Autorinnen qualitative Einzelinterviews und Fokusgruppengespräche mit Menschen im Alter von 16 bis 23 Jahren durch. Zudem wurde eine quantitative Online-Studie mit rund 1.000 Menschen durchgeführt, wobei bei der Auswahl der TeilnehmerInnen darauf geachtet wurde, dass sie hinsichtlich Alter, Geschlecht, Bundesland und Schulabschluss dem bundesdeutschen Durchschnitt entsprachen. Die Wissenschaftlerinnen konnten feststellen, dass Einsamkeit unter jungen Menschen in Deutschland stark verbreitet ist; 55 Prozent der StudienteilnehmerInnen fehlt manchmal oder immer Gesellschaft, 26 Prozent haben nicht das Gefühl, anderen Menschen nah zu sein. Es zeigte sich zudem, dass Einsamkeit unter jungen Menschen signifikant mit einer Neigung zu Verschwörungserzählungen, Billigung politischer Gewalt und autoritären Einstellungen zusammenhängt. Beispielsweise stimmten 46 Prozent der einsamen jungen Menschen der Aussage zu, die Regierung wisse oft über terroristische Anschläge Bescheid und ließe diese geschehen. Der Aussage „Ich bewundere Menschen, die die Fähigkeit haben, andere zu beherrschen“ stimmten etwa 46 Prozent der einsamen jungen Menschen zu.

Wie sich ein solcher Zusammenhang zwischen Einsamkeit und antidemokratischen oder autoritären Haltungen erklären lässt, ist bisher wenig erforscht. Die Autorinnen der Studie geben jedoch einige Hinweise, in welche Richtungen gesucht werden kann.

Eine Erklärung wäre etwa eine erhöhte Anfälligkeit einsamer Menschen für rechtsradikale Gruppen, die Anerkennung und Gemeinschaft versprechen. Tatsächlich können die Autorinnen zahlreiche Arbeiten anführen, die empirisch belegen, dass junge Menschen mit weniger gefestigten sozialen Beziehungen und in schwierigen Lebenslagen oft besonders empfänglich für extremistische Ideologien sind. Ebenso ist belegt, dass sich rechtsextreme Akteure dies mit gezielten Rekrutierungsstrategien zunutze machen. Empirisch am besten belegt ist der Vertrauensverlust auf der interpersonellen Ebene. Sozialpsychologische Studien zeigen: Einsamkeit fördert Unsicherheit und Misstrauen im persönlichen Umgang mit anderen Menschen.

Die Studie zeigte, dass einsame junge Menschen in Deutschland kaum über Handlungsstrategien verfügen, um mit ihrer Einsamkeit umzugehen. Die Ursachen für Einsamkeit werden vor allem in der eigenen Person gesucht. Dabei gaben jedoch nur wenige Jugendliche an, hilfreiche Wege gefunden zu haben. Weniger als die Hälfte der Befragten nahm professionelle Hilfe in Anspruch, und nur ein Drittel derjenigen, die dies taten, bezeichneten es als hilfreich.

Die Autorinnen der Studie kommen so zu dem Schluss: Die unter Jugendlichen weit verbreitete Einsamkeit birgt ein demokratiegefährdendes Potenzial. Es bestehe deshalb dringender Handlungsbedarf für Präventionsarbeit.

Deshalb zielen bereits verschiedene Modellprojekte darauf ab, der Einsamkeit präventiv zu begegnen: Z.B.:

  • Das „Miteinander Füreinander“ des Malteser Hilfsdienstes informiert über ein Online-Magazin zum Thema und bietet an rund 110 Malteser-Standorten Unterstützung an.
  • „Verein(t) gegen Einsamkeit“ des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) hat bis Ende 2024 87.000 Sportvereine, die im DOSB organisiert sind, für die Situation einsamer Menschen sensibilisiert.
  • 530 Mehrgenerationenhäuser werden bundesweit vom BMFSFJ (Bundesministerium für Bildung, Soziales, Frauen und Jugend) gefördert.

Außerdem hilft die „Zukunftswerkstatt Kommunen“ Kommunen, die Folgen des demografischen Wandels zu gestalten.

Seit der Covid-19-Pandemie hält der bestehende Trend hoher Einsamkeit junger Menschen in Deutschland an und zudem auch in der gesamten EU. Auch laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung kann Einsamkeit das Zugehörigkeitsgefühl zur Gesellschaft vermindern und so auch zu einem gesellschaftlichen und politischen Problem werden. Doch obwohl Einsamkeit überall in der EU ein Thema ist, gibt es teils merkbare Unterschiede zwischen den Mitgliedsstaaten. So sind junge Menschen in Frankreich der Stichprobe zufolge besonders einsam: 40% junger Französinnen und Franzosen sind moderat einsam, 23% sogar stark. Damit sind fast zwei Drittel der jungen Menschen in Frankreich von Einsamkeit betroffen. Das sind die höchsten Werte unter den sieben EU-Ländern, die aufgrund der Stichprobengröße sinnvolle Vergleiche erlauben. Während die moderate Einsamkeit in Deutschland am niedrigsten ist, sind die jungen NiederländerInnen am wenigsten von starker Einsamkeit betroffen.2

Sowohl in der deutschen Stichprobe als auch unter den Befragten im EU-Durchschnitt ist Einsamkeit bei Menschen mit niedrigem Bildungsstand besonders stark ausgeprägt. In der wissenschaftlichen Diskussion finden sich dafür verschiedene Gründe: Einerseits wird angenommen, dass Menschen mit höherem Bildungsstand zumeist mehr Möglichkeiten finden, um Stress zu bewältigen und in der Lage sind, mehr soziale Beziehungen aufrechtzuerhalten und diese auch besser zu pflegen. Andererseits verfügen höher Gebildete oft über ein besseres Einkommen und können dadurch umfangreicher am sozialen Leben teilhaben. Laut der Bertelsmann Stiftung ist es entscheidend, besonders unter jungen Menschen, die Einsamkeit wirksam zu reduzieren, Perspektiven systematisch und verbindlich in politische Beratungsprozesse einzubeziehen. Denn indem junge Menschen aktiv in die Gestaltung und Umsetzung von Initiativen einbezogen werden, sind mögliche Lösungen, die wirklich ihren Bedürfnissen entsprechen und ihnen helfen, sich weniger isoliert zu fühlen, gegeben.

Einsamkeit ist ein europaweites Phänomen, das alle Altersgruppen betrifft, aber vor allem jüngere Erwachsene, und hier besonders häufig solche mit geringer Bildung. In Deutschland ist Einsamkeit im Vergleich zu vorpandemischen Zeiten weiterhin erhöht.

Die Bekämpfung von Einsamkeit erfordert eine gesamtgesellschaftliche Anstrengung, bei der alle relevanten Zuständigkeiten zusammenarbeiten müssen. Zunächst ist ein regelmäßiges Monitoring von Einsamkeit und Lebenszufriedenheit entscheidend, um Risikogruppen zu identifizieren und die Problemlage besser einschätzen zu können. Die Politik spielt dabei eine wichtige Rolle, da sie die Rahmenbedingungen solcher Studien beeinflussen und Angebote für einsame Menschen unterstützen kann. Deutschland und andere europäische Länder könnten hier voneinander lernen, wobei jedoch betont werden soll, dass länderspezifische Strategien ggf. an den jeweiligen Kontext des Landes angepasst werden müssen. Hier könnten auch ein internationaler Austausch und konkrete Maßnahmen helfen, wie beispielsweise der Aufbau einer internationalen Datenbank zur Wirksamkeit von Programmen gegen Einsamkeit. Dies könnte den Ländern helfen, ihre Einsamkeitsprobleme gezielt anzugehen.

Darüber hinaus sollte auch über präventive Maßnahmen nachgedacht werden, wie beispielsweise zur Förderung sozialer und emotionaler Kompetenzen, die sich als besonders wirksam zur Reduzierung von Einsamkeit erwiesen haben. Neben der Förderung sozialer und emotionaler Kompetenzen haben sich vor allem solche Interventionen als besonders wirksam herausgestellt, die auf die Veränderung negativer Gedanken, Wahrnehmungen und Emotionen durch kognitive Techniken fokussieren. Diese Behandlungen zielen darauf ab, das Gefühl der Zugehörigkeit zu stärken, schädliche automatische Gedanken und Wahrnehmungen zu identifizieren, Ängste und Fehlbewertungen zu korrigieren sowie die Bewältigungsstrategien und das Stressmanagement zu verbessern.

Es ist also keine einfache Zeit für die Pflege der demokratischen Kultur. Doch sollte die Hoffnung auf eine veränderbare positive Entwicklung nicht aufgegeben werden.


1. Arendt, Hannah: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, München 2023

2. Bertelsmann Stiftung: Einsamkeit junger Menschen im Europäischen Vergleich v. 2024

Excerpt out of 194 pages  - scroll top

Details

Title
Die einsame Gesellschaft. Allein unter Vielen
Subtitle
Die verborgene Krise unserer Zeit
Author
Karin Weingartz-Perschel (Author)
Publication Year
2026
Pages
194
Catalog Number
V1708090
ISBN (eBook)
9783389183137
ISBN (Book)
9783389183144
Language
German
Tags
Einsamkeit
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Karin Weingartz-Perschel (Author), 2026, Die einsame Gesellschaft. Allein unter Vielen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1708090
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