Als José Manuel Barroso, Präsident der Europäischen Kommission, im März 2009 kurz vor dem Weltfinanzgipfel in London betonte, wie stolz die EU auf ihr Europäisches Sozialmodell sei und dass es als Inspiration für Staatenlenker aus aller Welt diene, unterstrich er zum einen die Existenz und zum anderen die besondere Wichtigkeit des Modells.
Doch was genau ist dieses Modell eigentlich? Was steckt hinter dem Begriff „Europäisches Sozialmodell“?
Ein Blick auf die Geschichte zeigt, dass Europäische Sozialpolitik keinesfalls ein Anfangsziel der europäischen Integration von 1950 war. Erst ab Ende der 1980er Jahre nahm der soziale Aspekt der europäischen Integration stärkere Konturen an, als Jaques Delors, damaliger Kommissionspräsident, die Vision einer gemeinsamen Sozialpolitik im Rahmen des Binnenmarktprojektes suggerierte. Man ging davon aus, dass das Binnenmarktprojekt die „Europäisierung des Arbeitsmarktes“ nach sich zöge – und so wurde das Konzept eines „europäischen Sozialraums“ aufgeworfen. Dieses Konzept trägt die Bezeichnung „Europäisches Sozialmodell“ (ESM).
Eine genaue Definition des ESM fällt allerdings schwer, so findet man in der Literatur die unterschiedlichsten Erklärungen, die aber weitgehend die geringe Greifbarkeit des Modells unterstreichen. Wolfram Lamping beispielsweise kam zu dem Schluss, dass die Suche nach dem ESM der „Jagd nach einer schwarzen Katze in einem dunklen Raum“ gleichkomme. Die Europäische Kommission hingegen konkretisierte das Modell, indem sie von gemeinsamen Werten und Zielvorgaben sprach.
Zwar wurde viel über das ESM publiziert, dennoch blieb die Frage nach dem genauen Wesen des Modells offen: Es lässt sich in der Literatur keine übereinstimmende Begriffsbestimmung finden. Vom Charakter eines konkreten Modells mit tatsächlichen Zielen bis zum Charakter eines rein normativen Entwurfs, also eines gedankliches Konstrukts, ist alles anzutreffen. Ein gedankliches Konstrukt ist mit einer „Leitidee“ gleichzusetzen. Es stellt keinesfalls ein „reales Phänomen“ dar, sondern kann auch mit „Fiktion und Illusion“ umschrieben werden.
Angesichts dieser Forschungslücke stellt sich die Frage nach dem Wesen des ESM. Es gilt zu untersuchen, ob es nicht eher ein gedankliches Konstrukt als ein reales Modell ist. Die vorliegende Arbeit widmet sich dieser Fragestellung.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Annäherung an den wichtigsten Begriff
2.1 Geschichte des ESM
2.2 Definitionsversuch des ESM
2.3 Theoretischer Rahmen und Inkrementalismus
3. Untersuchung der Bekanntheit/Akzeptanz des Europäischen Sozialmodells in der europäischen Öffentlichkeit
4. Untersuchung der Möglichkeit, ein kohärentes ESM zu formen
4.1 Typologie europäischer Wohlfahrtsstaaten
4.1.1 Typologisierung nach Esping-Andersen
4.1.2 Weitere Typologisierung
4.1.3 Untersuchung nach sozio-ökonomischen Kriterien
4.2 Erwartungen europäischer Staaten an ein Europäisches Sozialmodell
4.3 Beurteilung der Modellbildung
5. Untersuchung der konkreten Instrumente zur Bildung eines ESM
5.1 Mindeststandard-/Harmonisierungsmodell
5.2 Korridor-Konvergenz-Modell
5.3 Offene Methode der Koordinierung (OMK)
6. Fazit: Das Wesen des ESM
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, ob das Europäische Sozialmodell (ESM) ein real existierendes Modell oder lediglich ein gedankliches Konstrukt darstellt. Dabei wird analysiert, ob eine Kohärenz zwischen den unterschiedlichen Wohlfahrtsstaaten der EU hergestellt werden kann und ob die vorgeschlagenen Instrumente zur Umsetzung eines ESM praktisch umsetzbar sind.
- Historische Entwicklung und Begriffsbestimmung des ESM
- Akzeptanz und Bekanntheit des Modells in der europäischen Öffentlichkeit
- Typologisierung europäischer Wohlfahrtsstaaten und deren unterschiedliche Interessen
- Analyse potenzieller Umsetzungsinstrumente (Mindeststandards, Korridor-Modell, OMK)
- Bewertung des ESM als normatives Leitbild versus konkrete politische Realität
Auszug aus dem Buch
2.2 Definitionsversuch des ESM
Will man sich dem ESM annähern, so geschieht dies am besten durch eine Definition. Aber bereits hier zu Anfang der Untersuchung wird der Schluss nahegelegt, dass das ESM ein bloßes gedankliches Konstrukt – und nicht mehr – ist, denn es lässt sich keine einheitliche Definition finden.
Anthony Giddens meinte einst zum ESM: „Es wird oft als Juwel in der Krone betrachtet – vielleicht als das wichtigste Merkmal, das die besondere Qualität der Gesellschaften Europas ausmacht“ 16.
Glombowski definiert das ESM als „Integrationsmodell“17 – das ESM dient also der zunehmenden Europäisierung der europäischen Wohlfahrtsstaaten.
Meyer und Schubert beschreiben das ESM als Weg, „sozialpolitische Einzelinteressen der EU- Mitgliedstaaten zu überwinden“18, um einheitliches Agieren in der Sozialpolitik zu gewährleisten. Soziale Standards sollen auf ein einheitliches, europäisches Niveau gebracht werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Problematik des Begriffs „Europäisches Sozialmodell“ und Formulierung der zentralen Forschungsfrage bezüglich dessen Existenzgrundlage.
2. Annäherung an den wichtigsten Begriff: Historische Herleitung und theoretische Definition des ESM sowie Einordnung in den theoretischen Rahmen der Integration.
3. Untersuchung der Bekanntheit/Akzeptanz des Europäischen Sozialmodells in der europäischen Öffentlichkeit: Empirische Analyse des Stellenwerts des ESM mittels Eurobarometer-Daten bei Bürgern und Institutionen.
4. Untersuchung der Möglichkeit, ein kohärentes ESM zu formen: Detaillierte Betrachtung der unterschiedlichen Wohlfahrtstypen in Europa und der divergierenden Erwartungshaltungen der Mitgliedstaaten.
5. Untersuchung der konkreten Instrumente zur Bildung eines ESM: Evaluierung der Umsetzbarkeit verschiedener Instrumente wie Mindeststandards, Harmonisierung, Korridor-Modell und der Offenen Methode der Koordinierung.
6. Fazit: Das Wesen des ESM: Zusammenführende Beantwortung der Ausgangsfrage, welche das ESM als notwendiges normatives Leitbild, jedoch nicht als real existierendes Modell einstuft.
Schlüsselwörter
Europäisches Sozialmodell, ESM, Wohlfahrtsstaat, Europäische Integration, Dekommodifizierung, Neofunktionalismus, Inkrementalismus, Sozialpolitik, Eurobarometer, EU-Mitgliedstaaten, Harmonisierung, Offene Methode der Koordinierung, Sozialdumping, Korridor-Konvergenz-Modell, Normatives Konstrukt.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der kritischen Analyse des Begriffs „Europäisches Sozialmodell“ und prüft, ob sich dieses in der politischen Praxis als greifbares Modell oder lediglich als theoretisches Leitbild manifestiert.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen die historische Einordnung des Sozialbegriffs innerhalb der EU, die Analyse der unterschiedlichen Wohlfahrtssysteme in Europa sowie die Bewertung politischer Steuerungsinstrumente zur sozialen Harmonisierung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Ziel der Arbeit ist es zu ergründen, ob das Europäische Sozialmodell ein „reales Phänomen“ oder bloß ein gedankliches Konstrukt darstellt, das als normatives Ziel für ein vereintes Europa dient.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewendet?
Die Arbeit nutzt eine Literaturanalyse, wertet empirische Eurobarometer-Umfragen aus und vergleicht verschiedene Typologien europäischer Wohlfahrtsstaaten (u.a. nach Esping-Andersen).
Welche Inhalte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Begriffsklärung, die empirische Untersuchung der öffentlichen Akzeptanz, eine vergleichende Analyse der nationalen Sozialstaatstypen sowie die kritische Prüfung spezifischer Politikinstrumente.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Europäisches Sozialmodell, Wohlfahrtsstaat, ökonomische Heterogenität, Harmonisierung, Offene Methode der Koordinierung (OMK) und das Spannungsfeld zwischen nationaler Souveränität und europäischer Integration.
Warum wird das ESM laut Autor eher als „gedankliches Konstrukt“ eingestuft?
Aufgrund der großen Heterogenität der Wohlfahrtssysteme und der widersprüchlichen Erwartungen der EU-Mitgliedstaaten lässt sich kein einheitliches, funktionierendes Modell finden, weshalb es eher als visionäre Leitidee verstanden wird.
Welche Rolle spielen die „Nettozahler“ und „Nettoempfänger“ in diesem Kontext?
Die Arbeit verdeutlicht, dass zwischen diesen Gruppen massive Verteilungskonflikte herrschen, da ökonomisch starke Länder eine starke Umverteilung ablehnen, während strukturschwächere Länder vor allem auf Transferzahlungen angewiesen sind.
- Citation du texte
- B.A. Carolin Deitmer (Auteur), 2010, Ist das Europäische Sozialmodell ein gedankliches Konstrukt?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/170881