Was schulden wir zukünftigen Generationen?

"Why not the best?"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

18 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. „Why not the best“? Die These von Buchanan et al

3. Kritik an der These von Buchanan et al
a. Was ist das “Beste”?
b. „Recht” des Kindes auf eine offene Zukunft?

4. Was schulden Eltern den zukunftigen Generationen?

5. Schlusswort

6. Literaturverzeichnis

1.Einleitung

Im Jahr 2002 entschied ein homosexuelles Paar in den USA, dass es ein taubes Kind haben wolle. Sharon Duchesneau und Candy McCullough sind von Geburt an beide taub. Sie betrachten Taubheit als kulturelle Identität und nicht als Behinderung oder Einschränkung aktiver Teilnahme am gesellschaftlichen Leben, die repariert werden muss. „It would be nice to have a deaf child who is the same as us“ erklärte Duchesneau vor ihrer Schwangerschaft[i]; “Wir fühlen uns als taube Menschen vollständig und wollen die wunderbaren Seiten unserer tauben Gemeinschaft mit Kindern teilen”[ii]. Um erfolgreich ein taubes Kind zu zeugen, wählten sie einen Samenspender aus ihrer freundlichen Umgebung, in dessen Familie seit fünf Generationen Taubheit auftritt. Ihr Wünsch wurde erfüllt - ihr Sohn Gavin wurde taub geboren. „Wenn das Baby hören könnte“, hatte Candy noch vor der Geburt einer Reporterin der „Washington Post“ erklärt, „dann wäre ich schockiert“[iii].

Die Entwicklung der Technologie wird den Eltern bald die Chance geben, Merkmale ihrer Kinder - wie u.a. I.Q, Gedächtnis und Körpergröße - genetisch zu bestimmen. In dem Bestreben, die „beste“ Zukunft für ihre Kinder vorzubereiten, könnten die Eltern eventuell die Mittel der Gentechnologie verwenden. Absichtlich ein taubes Kind mit Hilfe der Reproduktionstechnologie zu schaffen, oder allgemein gesagt, die Charakteristika eines Kindes schon vor seiner Geburt zu wählen, erhebt ethische Fragen über das Recht des Kindes auf eine offene Zukunft. Was heißt allerdings das „beste“ und wer sagt, was das ist (Eltern, Gesellschaft, Markt)? „A hearing baby would be a blessing, a deaf baby would be a special blessing“[iv] erklärte das Paar voll überzeugt. Für andere Eltern wäre dagegen ein großes Hörvermögen ihres Kindes lieber erwünscht. Das „Beste“ für manche Eltern könnte das „Schlimmste“ für andere sein. Die Pflicht der Eltern, laut der Utilitaristen, ein krankes Kind zu heilen, impliziert die Pflicht, die Aussichten eines gesunden auf das „beste“ Leben zu optimieren. Viele Bioethiker und Philosophen vertreten die These, dass es prinzipiell keinen Unterschied macht, ob man Kinder durch Erziehung oder durch genetische Technologie verbessert: Genetische Technologie dürfe nicht nur für die Heilung, sondern auch für das Optimieren moralisch zulässig sein. Dieser Ansicht sind auch die Autoren Allen Buchanan, Dan Brock, Norman Daniels und Daniel Wikler in dem Kapitel „Why not the best?“[1] ihres Buches „From Chance to Choice: Genetics and Justice“. Ihr Hauptargument basiert auf die so genannten „general-purpose means“ (Allzweckmittel), Fähigkeiten des Kindes, die dienlich sind, um nahezu jeglichen Lebensplan auszuführen. Die Optimierung von Fähigkeiten ist, laut der Autoren, moralisch nicht erlaubt, wenn sie das Kind auf einen bestimmten Plan ausrichtet und somit seine Autonomie oder sein „Recht auf offene Zukunft“ verletzt.

Ich werde untersuchen, ob es „Allzweckmittel“ gibt und wie stark das Argument der Authoren für ein Recht auf eine offene Zukunft eigentlich ist. Auch schlage ich zum Schluss meine Vorstellung über das „Beste“ vor. Die zentrale Frage meiner Hausarbeit lautet: „Was schulden wir zukunftigen Generationen?“, in Bezug auf den Text von Buchanan et al. „Why not the Best?“. Der entscheidende Punkt, der uns alle angeht, besteht in der Frage, ob und was genau wir unseren Kindern bzw. zukunftigen Generationen schulden. Was wäre das „Beste“ für sie? Schulden wir ihnen das Recht auf eine offene Zukunft oder etwas Anderes?

2.„Why not the best“? Die These von Buchanan et al.

Buchanan et al. sind der Meinung, dass die genetische Technologie zur Verfügung stehen solle, damit die Eltern die „besten“ Nachwuchs produzieren können[2]. Manche Eltern fördern das „Beste“ für ihr Kind, indem sie es zu teurem Musikunterricht oder zu anspruchsvollen Sportsvereinen anmelden. Sie möchten, dass ihr Kind ein sehr guter Sportler bzw. Musiker wird. Für wieder andere ist eine gesunde und optimale Ernährung von großer Bedeutung. Manche Kinder werden gemäß eines bestimmten Lebensplanes erzogen, die eine Religion oder Weltanschauung als das „Beste“ vorschlägt. Wir gehen davon aus, dass die Eltern doch unterschiedliche Vorstellungen darüber haben, was das „Beste“ für ein Kind sein kann. Die Authoren stellen nun die Fragen: Was ist das „Beste“ und wie kann es gefördert werden?

Wenn ein Kind geimpft wird, löst der Impfstoff eine Immunreaktion aus, die sich dauerhaft auf die Fähigkeit des Immunsystems als Reaktion auf bestimmte Bakterien oder Viren wirkt. Obwohl eine solche Intervention dauernhafte Folgen für das Immunsystem hat und eine Art von Modifizierung ist, scheint sie für viele Menschen nicht problematisch. Sie glauben, dass nur genetische Eingriffe in die Keimbahn (Genotyp) das Individuum als solche grundlegend verändern können. Die Anwendung genetischer Interventionen ändert das Individuum in einer fundamentalen Art und Weise, während die natürlichen (Hochdruck-) Methoden der Kindererziehung das schon vorhandene „Beste“ des Kindes herauszuholen versuchen. Diese Überlegung finden Buchanan et al. jedoch problematisch. Sie sind der Meinung, dass sowohl genetische, als auch natürliche Interventionen grundlegende Auswirkungen auf die Gestaltung des Phänotyps des Individuums haben können: Wie ein Kind spricht, liest, agiert oder sogar aussieht (Phänotyp), hängt zum großen Teil davon ab, wie oft es früher trainierte, wie es sich normalerweise ernährt hat oder in welche Schule es gegangen ist. Diese natürliche Art und Weise beeinflusst wesentlich die Entwicklung des Körpers und Geistes des Kindes mit dauernhaften Konsequenzen.

Natürliche, als auch genetische Mittel können den Phänotyp eines Kindes entscheidend bestimmen. Einwände werden allerdings hauptsächlich einseitig gegen die Zulässigkeit der genetischen Interventionen erhoben. Buchanan et al. betonen ebenfalls, dass der Versuch, die „besten“ Kinder zu erzeugen, auf das „Beste“ des Kindes und nicht der Eltern oder der Gesellschaft abzielt. Beispielsweise in „Brave New World“ (1932) von Aldous Huxley werden Kinder genetisch mit wesentlich begrenzten Kapazitäten und Fähigkeiten erzeugt, um in bestimmten untergeordneten Rollen für das gut Funktionieren der Gesellschaft beizutragen.

Das „Beste“ für das Kind zu fördern, heißt laut der Autoren zum einen, den Charakter des Kindes mit „critical capacities“ auszurüsten, zum anderen sein Recht auf eine offene Zukunft nicht zu verletzen: „if the process of changing and shaping a child leaves the child´s critical capacities substantially intact, or better yet helps to develop and improve them, then there is a good deal to be said […] that the changes, by genetic means or otherwise, should be ones that […] having been for his or her own good or benefit”[v]. Buchanan et al. betrachten das Sehvermögen eines Kindes zum Beispiel als „natural primary good […] useful or valuable in carrying out nearly any plan of life“[vi]. Die Eltern schaden ihrem Kind, wenn sie verantwortlich für den Verlust von “natural primary goods“ (nach Buchanan:„general purpose means-Allzweckmittel“) ihrer Kinder sind. „Allzweckmittel“ unterscheiden sich jedoch von den „specific abilities or capacities“ einer Person: Der Besitz der ersten kommt unbestreitbar dem Kind, unabhängig von seinem Lebensplan, zugute. Wert und Wichtigkeit der zweiten hängen jedoch von den individuellen Plänen einer Person ab. Nehmen wir ein Beispiel an: Wenn man in England studieren möchte, ist die Beherrschung der englischen Sprache vonnöten. Für jemand anderen, der nur für wenige Tage nach England verreisen möchte, hat die Beherrschung der englischen Sprache wesentlich weniger Bedeutung. Die Wichtigkeit, Englisch sprechen zu können, hängt nun von den individuellen Plänen der Person ab und somit stellt sie sich nicht als „general-purpose mean“ dar.

In diesem Sinne betrachten Buchanan et al. die genetische Optimierung (nicht heilungsorientiert) des Gedächtnisses als „general-purpose benefit improving people´s capacity to pursue nearly any plan of life“[vii]. Die Eltern sollen „general-purpose means“ ihrer Kinder durch genetische oder natürliche Interventionen fördern. Das verlangt auf der einen Seite eine gewisse Parteilosigkeit seitens der Eltern, die sich oft nur ein einziges bzw. bestimmtes Konzept für ein gutes Leben ihres Kindes vorstellen und verwirklichen wollen. Auf der anderen Seite sollen die Eltern das Recht des Kindes auf eine offene Zukunft anerkennen: „it would be wrong for parents substantially to close off most opportunities that would otherwise be available to their children in order to impose their own particular conception of a good life“[viii]. Aus diesem Grund wären genetische oder natürliche Eingriffe, nach der Meinung der Authoren, unerwünscht, wenn sie das Recht auf eine offene Zukunft und somit die Autonomie des Kindes einschränken würden: „parents must foster and leave the child with a range of opportunities for choice of his or her own plan of life”[ix]. Das Optimieren der Allzweckmittel, im Gegensatz zu den spezifischen Fähigkeiten, schränkt die Lebensoptionen des Kindes nicht ein.

Kritik an der These von Buchanan et al.

„What could be more natural than parents seeking the best”? Buchanan et al. stellen zwar diese (rhetorische) Frage, aber geben keine Antwort darauf. Sie gehen nur davon aus, dass es unterschiedliche Vorstellungen unter den Eltern gibt, was das „Beste“ sein könnte. Die gleiche Frage wäre allerdings anders formuliert: Warum ist es selbstverständlich, die Eltern das „Beste“ für ihr Kind versuchen sollen, was sind Gründe hierfür. Welche sind nun die Gründe?

Manche Eltern fördern das „Beste“ für ihre Kinder, weil sie biologisch mit ihnen verbunden sind. „Das ist mein Kind“ sagt oft die Mutter und meint u.a, dass das Kind ein Teil von ihrem Körper ist. Es gibt Menschen, welche die biologische Gründe als die wichtigsten und stärksten Gründe ansehen, damit die Eltern selbstverständlich das „Beste“ des Kindes fördern wollen. Außer den biologischen Gründen treten auch rationale Gründe in Vordergrund: Eltern wünschen sich Kinder, die die Familie später finanziell zu unterstützen. Andere Eltern betrachten Kinder als die Erben ihres Vermögens oder ihres „Namens“/ sozialen Rufs (bspw. die Kinder großer Politiker oder Reicher). Wir finden auch Eltern, die Kinder bekommen, um angeblich einen Beitrag zu dem Bewahren der Nation oder der Gesellschaft zu leisten; sie sagen: „Unser Land bzw. unsere Gesellschaft braucht Kinder!“. Wieder andere Eltern bekommen Kinder, weil es von ihrem Umkreis oder der Gesellschaft als Bestätigung der Familiegründung angesehen wird. Zuletzt kann die Geburt eines Kindes dem Leben der Eltern Sinn geben, ohne dass die Eltern das Kind von vornherein als Mittel ansehen, etwas Besseres oder Anderes zu erreichen. In diesem Fall werden Kinder als Gabe betrachtet, deren Besonderheiten nicht vorhersagbar sind und somit Überraschungen bieten.

[...]


[1] „Why not the Best?” in: Allen Buchanan et al., From Chance to Choice: Genetics and Justice, Cambridge 2006

[2] Buchanan et al., 2006

[i] http://news.bbc.co.uk/2/hi/health/1916462.stm

[ii] Sandel, 2008, 23

[iii] http://www.focus.de/politik/ausland/usa-taub-auf-bestellung_aid_204314.html

[iv] http://news.bbc.co.uk/2/hi/health/1916462.stm

[v] Buchanan et al. 2006, 166

[vi] Buchanan et al. 2006, 168

[vii] Vgl. Buchanan et al. 2006, 168

[viii] Buchanan et al. 2006, 170

[ix] Buchanan et al. 2006, 175

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Was schulden wir zukünftigen Generationen?
Untertitel
"Why not the best?"
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Institut für Politikwissenschaften)
Veranstaltung
Intergenerationale Gerechtigkeit
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
18
Katalognummer
V170950
ISBN (eBook)
9783640900428
ISBN (Buch)
9783640906222
Dateigröße
551 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Enhancement, zukünftige Generationen, Buchanan Allen, Selbsterkenntnis, Gentechnik, Allzweckmittel, General purpose means, genetisches Optimieren, Recht auf eine offene Zukunft, Optimierung, Gentechnologie, Optimieren, from chance to choice, Michael Sandel
Arbeit zitieren
Grigorios Athanasiadis (Autor), 2009, Was schulden wir zukünftigen Generationen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/170950

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