Der Schnitt zwischen Romantik und Realismus: Wie gelingt Flaubert die Demontage des romantischen Diskurses innerhalb der "comices"-Szene?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

34 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Flauberts Romantik- und Realismuskonzeption
2.1. Romantik
2.2. Realismus

3. Der Schnitt zwischen Realismus und Romantik: Demontage der Romantik
3.1. Szenenaufbau und Funktion
3.2. Umsetzung des romantischen Diskurses
3.2.1. Die romantischen Anlagen Rodolphes
3.2.2. Sprachliche und inhaltliche Gestaltung
3.3. Umsetzung des politischen Diskurses
3.4. Diskursinteraktion: Sprachliche und inhaltliche Gestaltung der Schnitte

4. Zusammenfassung

Bibliographie

1. Einleitung

Il y a en moi, littérairement parlant, deux bonhommes distincts: un qui est épris de gueulades, de lyrisme, de grands vols d’aigle, de toutes les sonorités de la phra- se et des sommes de l’idée ; un autre qui fouille et creuse la vrai tant qu’il peut [...]. Flaubert à Louise Colet, 16 janvier 18521

In seinem 1857 erstmals vollständig veröffentlichten Werk Madame Bovary, das gleichzeitig einer der bekanntesten französischen Romane ist, zeichnet der französische Schriftsteller Gus- tave Flaubert (1821-1880) in einer „Dekadenzstudie über das Bürgertum“2 ein Bild des Le- bens in der französischen Provinz, in der die romantischen Träume und hohen Erwartungen an das Leben der jungen Frau Emma Bovary an der Wirklichkeit scheitern. Neben der eigent- lichen Handlung stellt Flaubert in seinem Roman verschiedene thematische Konzepte in Op- position dar. Neben den Gegensätzen ‚Mobilität und Immobilität’ in Bezug auf die Protago- nistin Emma Bovary und ‚Männlichkeit und Weiblichkeit’ wird auch eine Gegenüberstellung der literarischen Konzepte ‚Romantik und Realismus’ erkennbar, wie das oben genannte Zitat aus einer brieflichen Korrespondenz zwischen Flaubert und Louise Collet deutlich macht. Letztgenannte Opposition ist in Hinblick auf Flauberts literarische Haltung besonders auf- schlussreich, da sie eng mit dem zeitgeschichtlichen Kontext des Autors und dessen Schluss- folgerungen aus den gesellschaftlichen Entwicklungstendenzen seiner Zeit gekoppelt ist.

Die Opposition oder aber der Schnitt zwischen romantischer und realistischer Romankonzep- tion lässt sich anhand einer Vielzahl von Stellen in Madame Bovary kenntlich machen, tritt jedoch insbesondere durch die Szene der comices agricoles, das heißt, die Szene der Land- wirtschaftsmesse in Kapitel VIII des zweiten Teils hervor.3 In dieser Hauptseminararbeit, die sich mit der Betrachtung der Schnittstelle zwischen romantischer und realistischer Roman- konzeption beschäftigt, soll daher das Hauptaugenmerk auf der Szene der comices agricoles liegen.4

Eben jene Szene, „l’un des pivots du roman“5, liegt in der Mitte von Flauberts Werk. Dem Leser ist bisher lediglich bekannt, dass Emma Bovary im Vorfeld dieser Messe flüchtig die Bekanntschaft von Monsieur Rodolphe Boulanger de la Huchette gemacht hat: Die beiden begegnen sich erstmals in der Praxis von Charles Bovary, da dieser von Rodolphe aufgesucht wird, um einen Angestellten, seinen Fuhrmann, zum Aderlass zu begleiten (vgl. 222). Emma fällt Rodolphe sofort ins Auge, dabei geht es ihm nicht nur, aber in erster Linie um ihr Äuße- res und ihren Körper: „Elle est fort gentille ! se disait-il ; elle est fort gentille, cette femme du médecin ! De belles dents, les yeux noirs, le pied coquet, et de la tournure comme une Parisi- enne“ (225). Aufgrund dieser ersten Begegnung fasst Rodolphe den Beschluss, Emma zu "er- obern", indem er zunächst versucht, sich ein Bild über die Beziehung zwischen Emma und Charles zu machen und darauf anschließend seine Eroberungstaktik aufzubauen: Elle en est fatiguée sans doute. Il porte des ongles sales et une barbe de trois jours. [...] Et on s’ennuie ! on voudrait habiter la ville, danser la polka tous les soirs ! Pauvre petite femme ! Ça bâille après l’amour“ (225).

Das zweite und für die Beziehung zwischen Rodolphe und Emma ausschlaggebende Treffen, bei dem Rodolphe seine Eroberungstaktik erprobt, findet schließlich während der comices statt: Emma und Rodolphe treten gemeinsam auf, sie schlendern, Emma an Rodolphes Arm6 (vgl. 232), zunächst über die Landwirtschaftsmesse, Rodolphe begutachtet flüchtig die Tiere und beide unterhalten sich miteinander, bis sie sich in den ersten Stock des Rathauses von Yonville, in den „ salle des délibérations “ (239), den Sitzungs- oder Ratssaal zurückziehen, um dort, von einem Fenster aus, geschützt vor den Ohren der Bevölkerung und der anwesen- den Ausstellungsbesucher, ein Gespräch zu führen. Dieses Gespräch ist wegweisend für ihre weitere Verbindung: Es geht dabei vor allem um Rodolphes Wertvorstellungen, um Persönli- ches und die gesellschaftliche Situation. Emma lässt sich auf Rodolphes Avancen und seine in ihren Augen schöngeistigen Worte ein, weil die Liebe zu ihrem vorherigen Angebeteten Léon allmählich zu verblassen scheint: „L’amour, peu à peu, s´éteignit par l’absence, le regret s´étouffa sous l’habitude ; [...]“ (217). Während ihrer Unterredung beobachten beide von oben herab das Geschehen in der Menge, sodass der Leser sowohl die Szene zwischen Emma und Rodolphe als auch die Ereignisse auf dem Messeplatz mitverfolgen kann. Auf diese Weise vollführt Flaubert den Schnitt zwischen Romantik und Realismus: Er stellt den romantischen Diskurs zwischen Emma und Rodolphe und Emmas Träumereien, dem Treiben auf dem Mes- seplatz beziehungsweise einem politischen Diskurs und einer sich daran anschließenden Preisverleihung für Verdienste um die Landwirtschaft und eine Auszeichnung der besten Tie- re, kurz der Realität eines einfachen Landlebens gegenüber.

Jener Schnitt zwischen romantischem und realistischem Diskurs, das heißt der sprachlichen Realisierung von Romantik und Realismus, soll in der vorliegenden Hauptseminararbeit an- hand der comices -Szene thematisiert werden. Denn erst die Strukturanalyse von Madame Bo- vary lässt den Leser tatsächlich hinter die Fassade des Romans blicken. Dabei gilt ein erster Blick der Analyse des Romantik- und Realismusverständnisses Flauberts und der Frage, wel- che Rolle diese beiden Begriffe für den Autor von Madame Bovary spielen. Diese Analyse versucht zu beantworten, weshalb Flaubert eine Szene wie die der comices entwirft, in der er gezielt einen Kontrast zwischen Romantik und Realismus schafft, wobei die realistische Di- mension von der Politik dargestellt wird. Daran schließt sich die sprachliche und inhaltliche Analyse der comices -Szene an. Dabei soll zunächst darum gehen, den Szenenaufbau zu be- schreiben, um auf stilistische Besonderheiten hinweisen zu können. Anschließend wird die Figurenkonzeption Rodolphes und der damit verknüpfte romantische Diskurs analysiert. Die- ser Betrachtung folgt schließlich die Analyse der politischen Sprache, um in einem letzten Schritt die Schnitte, das heißt die Kontrastierung und Interaktion beider Diskurse und die sich daraus entwickelnde Wirkung und Aussage der Szene nachvollziehen zu können. Dabei geht es vor allem um die Vorgehensweise Flauberts bei der Demontage der Romantik und die De- maskierung des politischen – beziehungsweise realistischen – Diskurses.

2. Flauberts Romantik- und Realismuskonzeption

Im Zusammenhang mit Flauberts Werk genügt es nicht, sich mit einer Übersetzung der Beg- riffe romantique und réalisme als ‚Romantik’ und ‚Realismus’ zufrieden zu geben, sondern es bedarf einer genaueren Betrachtung der Wortbedeutungen im Kontext der Literaturgeschichte beziehungsweise des gesellschaftlichen Umbruchs im 19. Jahrhundert. Grund dafür ist, dass Flaubert in einer Epoche lebte und schrieb, deren Literatur sowohl durch die Strömung der Romantik als auch durch die des Realismus geprägt war. Das bedeutet, es muss davon ausge- gangen werden, dass beide literarische Stilrichtungen einen Einfluss auf sein Werk bezie- hungsweise seine Romantik- und Realismusauffassung hatten. Diese Beeinflussung kann ins- besondere in seinem Werk Madame Bovary nachgewiesen werden.

2.1.Romantik

Ein entscheidender Satz der Flaubert häufig zugeschrieben wird und der einen Hinweis auf die literarische Konzeption in Madame Bovary und Flauberts Haltung in Hinblick auf die Romantik gibt, ist das beinahe schon geflügelte Wort „ Madame Bovary, c’est moi “. Diese Aussage steht für einen Schriftsteller, der wie die Protagonistin seines Werkes eine Bindung zur literarischen Romantik verspürt: „Emma est d’abord une sensuelle, comme un artiste est d’abord un homme qui a des sens ou un sens exceptionellement puissant. Et voilà pourquoi Flaubert peut, comme artiste, s’identifier avec elle [...].“7 Auch Maupassant schreibt Flaubert eindeutig die Charakterisierung des Romantikers zu:

Et c’est là un des côtés les plus singuliers de ce grand homme : ce novateur, ce révélateur, cet oseur a été jusqu’à sa mort sous l’influence dominante du romantisme.8

Das bedeutet, Flaubert ist durchaus als Schriftsteller zu begreifen, der sich in seinem Schaffen durch die Romantik, eine Epoche, die vom Ende des 18. bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts reichte, beeinflussen ließ, sodass bei genauerer Betrachtung in Madame Bovary Teile des all- gemeinen und dess flaubertschen Romantik-Verständnisses zu Tage treten.

Trotz einer recht offensichtlichen Identifikation Flauberts mit seiner Hauptfigur und seiner Verbindung zur Romantik, die er vor allem in seiner Jugend, der Blütezeit der romantischen Strömung, geknüpft hat, kann das Werk Madame Bovary gleichzeitig als „Kritik an der Ro- mantik“9 gedeutet werden. Sowohl für die Entwicklung der romantischen Epoche, in der Themen wie „la nature, le culte du moi, la sensibilité, l'imagination, le rêve, la mélancolie, la spiritualité“10 literarisch verarbeitet wurde, als auch der realistischen Strömung in der Litera- tur, in der Themen wie sind die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen im 19. Jahrhundert von entscheidender Bedeutung.

Das industrialisierte Frankreich des 19. Jahrhunderts ist von „heftige[n] sozioökonomische[n] Aufbrüche[n] und politische[n] Umbrüche[n]“11 geprägt, von denen auch die Künste nicht unbeeinflusst bleiben. Auf Flaubert selbst wirken diese Entwicklungen, die vor dem Hinter- grund von Napoléons Herrschaft von kapitalistischen Tendenzen, dem Gegensatz zwischen Besitzbürgertum und Industrieproletariat und somit heftigen Klassenkämpfen begleitet wer- den, desillusionierend und enttäuschend.12 Und so bekennt er zwar 1857 nach der Fertigstel- lung seines Werkes von Madame Bovary, das „während der Julimonarchie spielt“,13 in einem Brief an den Kritiker Sainte-Beuve noch seine Neigung zur Romantik, zeigt jedoch gleichzei- tig, dass er sich aus Enttäuschung von dieser Strömung zu distanzieren versucht: „Je suis un vieux romantique enragé. Ne me jugez pas d’après ce roman.“14

Flaubert ist mit dem Leben in seiner Epoche nicht zufrieden: „Nous allons en France entrer dans une bien triste époque. Et moi je deviens comme l’époque.“15 Die Enttäuschung über das Leben in seiner Zeit, sein ‚mal du siècle’, welches vor allem durch den „verlogenen Lebens- stil“16 des Bürgertums hervorgerufen wird, schlägt sich schließlich in einer Kritik an der Ro- mantik nieder. Die genaueren Gründe hierfür sieht Auerbach darin, daß er, wie viele bedeutende Künstler des 19. Jahrhunderts, seine Zeit haßt; er sieht mit großer Schärfe ihre Probleme und die sich vorbereitenden Krisen; er sieht die innere Anar- chie, den manque de base théologique, die beginnende Vermassung, den faulen, eklekti- schen Historizismus, die Herrschaft der Phrase.17

Diesen Hass auf seine Zeit und die Kritik an romantisierenden Tendenzen kleidet Flaubert in seinem Werk in das Thema der Dummheit:

Die Kritik an der Romantik [...] in Madame Bovary [...] [ist] für Flaubert Mittel, das »Trau- rig-Groteske« in der bürgerlichen Gesellschaft seiner Epoche bewusst zu machen. In einer Gesellschaft, in der Dummheit, Borniertheit und Egozentrik zum einzig erstrebten materiel- len Erfolg führen [...].18

Flaubert sieht sich zu Lebzeiten mit der Dummheit der Menschen, das heißt der Bourgeoisie, die ihre demokratischen Ideale gegenüber der Monarchie verrät und der des Volkes, das nicht fähig ist, die Basis für die einstigen Ideale zu bilden, konfrontiert.19 Somit konfrontiert er auch den Leser in Madame Bovary mit der Dummheit, die vor allem in der Protagonistin Emma sichtbar wird, welche „ganz in der falschen Wirklichkeit [steckt].“20 Diese Haltung Flauberts zeigt sich schließlich auch im romantischen Diskurs, an dem Emma beteiligt ist. Auerbach hält hierfür zudem fest:

[...] in seinem Buch besteht die Welt aus lauter Dummheit, die die wahre Wirklichkeit ver- fehlt, so daß diese eigentlich gar nicht zu finden sein dürfte; aber sie ist doch da; sie ist in der Sprache des Schriftstellers, die die Dummheit durch bloßen Bericht entlarvt [...].21

Der romantische Diskurs ist Teil dieses Berichts durch den Flaubert die Dummheit der Men- schen offen zu legen versucht. Zwar beschäftigt er sich durch die Konzeption seiner Figur nach wie vor mit romantischen Idealen wie der „Betonung des Subjektiven“ oder der „Kulti- vierung des Gefühls“22, diese Thematiken jedoch werden auf der Diskursebene zu Phrasen, welche Flaubert durch seine eigene Art, die Dinge zu beschreiben, zu zerschlagen versucht, weil sie letztlich sinnentleert sind.

Um sich also selbst von seinem mal du siècle und der damit verbundenen Dummheit der Menschen zu kurieren, betreibt Flaubert in Madame Bovary „die Zerstörung des romantischen Helden.“23 Zu diesem Zweck stellt Flaubert in Emma Bovary einen romantischen Heldenty- pus dar, der seiner eigenen früheren romantischen Einstellung beziehungsweise seinen frühe- ren romantischen Hoffnungen entspricht, wie er sie beispielsweise in seinem Jugendwerk No- vembre (postum 1910) mit „romantisierendem Narrativkontext“24 zum Ausdruck bringt. In- dem er jedoch bei der Darstellung in Madame Bovary mit einem ausgeprägten sachlichen vorgeht, aus dem heraus die Dinge selbst sprechen und sich selbst entweder als tragisch oder komisch entpuppen, überwindet Flaubert schließlich sowohl die romantische Färbung der literarischen Gegenstände als auch die Unsicherheit in der Behandlung zeitgenössischer The- matiken.25 Gleichzeitig bringt ihn diese Haltung, wie sich im Folgenden noch zeigen wird, dem literarischen Realismus näher.

Zur Entwertung der Romantik bedient sich Flaubert im Falle des romantischen Diskurses statt der Tragik vor allem der Ironisierung.26 Stellvertretend für einen solchen Diskurs, der gleich- zeitig Objekt der flaubertschen Kritik ist, steht das gemeinsame sprachliche Handeln der Fi- guren Emma und Rodolphe, welches im folgenden Teil der Hauptseminararbeit noch zu er- läutern sein wird. Dieser ironische Kunstgriff ermöglicht es Flaubert, den Blick des Lesers von der Ernsthaftigkeit der Romantik abzuwenden und lässt ihn Abstand vom romantischen Diskurs gewinnen, sodass er sich stattdessen Flauberts eigentlicher Aussage zuwenden kann, die in der realistischen Darstellung einer Szenerie in der Provinz und der Tatsache besteht, dass Emmas romantische Träume und ihre Idealvorstellung von einem schönen Leben uner- füllt bleiben, weil romantische Worte sich als Luftschlösser entpuppen, ebenso wie sich die gesellschaftlichen Hoffnungen Flauberts in seiner Realität nicht erfüllt haben. So übt Flaubert also in seinem Roman „Kritik an einem von Dekadenz und abgegriffenen Klischees gekenn- zeichneten spätromantischen Weltbild.“27

Zusammenfassen lässt sich demnach zu Flauberts romantischer Haltung sagen, dass diese eher als zwiespältig zu sehen ist. Es ist anzunehmen, dass sich Flaubert aufgrund des gesell- schaftlichen Umbruchs, den er in Madame Bovary verarbeitet, durch sein Werk eher von der Romantik distanzieren wollte. Dies zeigt auch seine eigene Definition der Romantik, die er 1871 in einem Brief an George Sand als „prédominance de la passion sur la forme et de l'inspiration sur la règle“28 beschreibt. Diese Definition trifft angesichts von Flauberts neuem Umgang mit der literarischen Form nicht mehr zu, denn in Madame Bovary ist es eher die Form, die über die Gefühle dominiert. So kann Flauberts Verhältnis zur Romantik eher als Hassliebe beschrieben werden, durch die ihm allerdings der Aufbruch zu neuen literarischen Ufern, die sich in einem neuen „modèle d’un art moderne de l’écriture“29 zeigen, gelingt.

2.2.Realismus

Ursprünglich fungierte der Realismus ab der Mitte des 19. Jahrhundert als Kunstauffassung in der Malerei, bevor er schließlich in der Literatur, unter anderem von Flaubert, adaptiert wur- de. Malerischer und Literarischer Realismus haben dabei gemeinsam, dass es ihnen nicht dar- um geht, den Glanz der herrschenden Gesellschaftsschicht darzustellen, sondern ein Abbild des täglichen Lebens der unteren sozialen Klassen zu schaffen.30

Für Flauberts literarische Haltung gilt, wie im Vorhergehenden bereits geschildert, dass er sich durch seinen Roman Madame Bovary einer neuen Art zu schreiben angenähert hat. Diese literarische Einstellung, die er für sich perfektionierte, wird gemeinhin der literarischen Strö- mung des Realismus zugeschrieben und brachte Flaubert zu seiner Zeit in einem Gerichtspro- zess, im Anschluss an die Veröffentlichung seines Werkes, viel Kritik ein. Die Popularität von Flauberts Werk und die darin erschaffene neue Realismuskonzeption reichen so weit, dass die Urteilsbegründung des Flaubert-Prozesses sogar als Beispiel in die Definition des Wortes ‚réalisme’ im Dictionnaire der Akadémie française aufgenommen wurde:

RÉALISME, subst. masc. [...]

C. - HIST. DES IDÉES ESTHÉT. [...]

- LITT. Conception caractérisée par la volonté de décrire la vie dans toutes ses manifesta- tions, sans a priori ni censure morale. Attendu qu'il n'est pas permis, sous prétexte de pein- ture de caractère ou de couleur locale, de reproduire dans leurs écarts les faits, dits et gestes des personnages qu'un écrivain s'est donné mission de peindre; qu'un pareil système appliqué aux œuvres de l'esprit aussi bien qu'aux productions des beaux-arts, conduirait à un réalisme qui serait la négation du beau et du bon (Jugement du procès intenté à G. Flaubert ds Gazette des Tribunaux, 9 févr. 1857 ds FLAUB., Mme Bovary, Paris, Garnier, 1962, p. 399) [...].31

Ausgehend davon, dass Flaubert, wie bereits geschildert, sein Werk Madame Bovary in einer Zeit schrieb, mit deren gesellschaftlichen und politischen Vorgängen er sich nicht einverstan- den zeigte, weil hier die „Ideale einer bürgerlichen Demokratie und die Sehnsucht nach einer Sozialen Republik [...] unversöhnlich auseinander[treten]“,32 finden sich in seinem Werk Spu- ren seiner inneren Haltung in Hinblick auf den zeitgeschichtlichen Kontext. Diese Hinweise, die einer literarischen Revolution gleich kommen, können als „une profonde conversion du regard porté sur le monde, sur la société, sur la manière dont nous vivons dans la langue, au- tant que de la place de l’art dans (contre) la société“33 gesehen werden.

[...]


1 Oeuvres complètes de Gustave Flaubert: Correspondance. Deuxième série (1847-1852). Paris: Louis Conard, Libraire-Éditeur, S. 342-343. Version informatisée. http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k24524q.r=Flaubert.langFR (04.12.2010).

2 Wittschier, Heinz Willi: Die französische Literatur. Einführung und Studienführer. Tübingen: Niemey- er 1988, S. 123.

3 vgl. Flaubert, Gustave: Madame Bovary. Paris: Librairie Générale Française 1999, S. 227-256.

4 Die Fundorte der Zitate aus der Primärliteratur werden im folgenden Teil der Hauptseminararbeit in Klammern hinter die betreffende Textstelle gesetzt.

5 Neefs, Jacques: Préface. In: Flaubert, Gustave: Madame Bovary. Paris: Librairie Générale Française 1999, S. 35.

6 Der Leser muss sich an dieser Stelle verwundert fragen, wie sich diese Vertrautheit zwischen Emma und Rodolphe zwischen ihrer ersten Begegnung und ihrem zweiten Treffen auf der Messe entwickelt hat. Hierzu ist anzumerken, dass Flaubert weitere Details des Kennenlernens und jegliche romantische Ausschmückungen ausklammert, um den Ausgang für den weiteren Verlauf der Beziehung zwischen Emma und Rodolphe zu legen.

7 Thibaudet, Albert: Gustave Flaubert. Paris: Gallimard 1992, S. 100.

8 Maupassant, Guy de: Pour Gustave Flaubert. Paris: Editions Complexe 1986, S. 52.

9 Dethloff, Uwe: Das Romanwerk Gustave Flauberts. Die Entwicklung der Personendarstellung von Novembre bis L’Education Sentimentale (1869). 1976, S. 111.

10 Dictionnaire de l’Académie française, neuvième édition. Version informatisée. http://atilf.atilf.fr/; Suchwort: romantisme. (05.12.2010).

11 Wittschier (1988), 112.

12 vgl. ebd., S. 112.

13 Grimm (1999), 272.

14 Lettres inédites de Flaubert à Sainte-Beuve. In: Revue d’histoire littéraire de la France, Juli-September 1964, S. 427-435. Zit nach: http://flaubert.univ-rouen.fr/revue/revue6/pezard.html#_ftnref14 (04.12.2010).

15 Flaubert à Henriette Collier (décembre 1851). Zit. nach: Lafay, Jean-Claude: le réel et la critique dans

Madame Bovary de Flaubert. Paris: Archives des Lettres Modernes 1986, S. 12.

16 Grimm (1999), S. 277.

17 Auerbach, Erich: Mimesis. Dargestellte Wirklichkeit in der abendländischen Literatur. Bern: Francke Verlag 1959, S. 455.

18 Dethloff 1976, S. 111.

19 vgl. Grimm (1999), S. 264.

20 Auerbach (1959), S. 457.

21 vgl. ebd., S. 456.

22 Grimm (1999), S. 235.

23 Dethloff (1976), S. 111.

24 Wittschier (1988), S. 123.

25 vgl. Auerbach (1959), 458.

26 vgl. Dethloff (1976), S. 106.

27 Dethloff (1976), S. 106.

28 Oeuvres complètes de Gustave Flaubert: Correspondance. Sixième série (1869-1872), S. 230. Paris: Louis Conard, Libraire-Éditeur. Version informatisée. http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k245283.r=Flaubert.langFR (05.12.2010).

29 Neefs, Jacques: Préface. In: Flaubert (1999), S. 10.

30 vgl. Grimm, Jürgen (Hrsg.): Französische Literaturgeschichte. Stuttgart/Weimar: Metzler 1999, S. 271.

31 Dictionnaire de l’Académie française, neuvième édition. Version informatisée. http://atilf.atilf.fr/; Suchwort: réalisme. (05.12.2010).

32 Grimm (1999), S. 263.

33 Neefs, Jacques: Préface. In: Flaubert (1999), S. 15.

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Der Schnitt zwischen Romantik und Realismus: Wie gelingt Flaubert die Demontage des romantischen Diskurses innerhalb der "comices"-Szene?
Hochschule
Universität des Saarlandes  (Romanistik)
Veranstaltung
Hauptseminar: Gustave Flaubert
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
34
Katalognummer
V170996
ISBN (eBook)
9783640901319
ISBN (Buch)
9783640901944
Dateigröße
566 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Flaubert, Romantik, Realismus, Diskurswechsel, Schnitte, Emma Bovary, Colet, Französische Romantik, Französischer Realismus, Demontage, Romantischer Diskurs, Realistischer Diskurs, Trois Contes, Bouvard et Pécuchet, Comices Agricoles, Politischer Diskurs, Roman
Arbeit zitieren
Christina Bertuch (Autor), 2010, Der Schnitt zwischen Romantik und Realismus: Wie gelingt Flaubert die Demontage des romantischen Diskurses innerhalb der "comices"-Szene?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/170996

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