Die seit den 1980er-Jahren vorherrschende Orientierung an einem „Ideal einer Marktwirtschaft für das 21. Jahrhundert“ (Froud et al. 2019) hat nicht nur institutionelle Reformen und konkrete Auswirkungen auf staatliche Strukturen hervorgebracht, sondern zugleich spezifische Deutungsrahmen (frames) etabliert, durch die gesellschaftliche Probleme interpretiert und politisch bearbeitet werden. Innerhalb dieser frames erscheinen öffentliche Dienstleistungen und Infrastrukturen primär als Kostenfaktoren oder Wettbewerbshemmnisse, während ihre grundlegende Bedeutung für soziale Stabilität, Versorgungssicherheit und gesellschaftlichen Zusammenhalt in den Hintergrund getreten ist. Die Publikation Die Ökonomie des Alltagslebens – Für eine neue Infrastrukturpolitik (Froud et al. 2019) setzt genau an dieser Leerstelle an, indem die Autoren/
innen jene Dienstleistungen und Infrastrukturen in den Fokus rücken, die für das Funktionieren des Alltagslebens unerlässlich sind, jedoch häufig politisch und diskursiv marginalisiert werden.
Im Zentrum dieser Arbeit steht die Frage, welche Deutungsrahmen in der vorgenannten Publikation zur Fundamentalökonomie als Gegenentwurf zu dominierenden marktwirtschaftlichen frames herangezogen bzw. ausgebildet werden und inwiefern diese Deutungsrahmen ökonomische Wertschöpfung sowie staatliche und unternehmerische Verantwortung neu konzeptualisieren und einordnen. Der Problemaufriss macht deutlich, dass der Ansatz der Fundamentalökonomie nicht allein als ökonomisches Konzept zu verstehen ist, sondern als diskursiver Deutungsrahmen, der alternative Sichtweisen auf Markt und Staat eröffnet.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Problemstellung und Forschungsfrage
1.2 Vorgehensweise und These
1.3 Begriffsklärungen
1.4 Aufbau der Arbeit
2. Theoretischer Ramen: Framing-Ansatz (Benford/Snow)
2.1 Framing in sozialen Bewegungen
2.2 Die drei Aufgaben des Framing
2.3 Weitere Kriterien eines wirksamen Mobilisierungsframes
3. Die Fundamentalökonomie
3.1 Das Foundational Economy Collective
3.2 Eine kurze Geschichte der Fundamentalökonomie
3.3 Die Analyse der Deutungsrahmen
3.3.1 Diagnostic frame
3.3.2 Prognostic frame
3.3.3 Motivational frame
4. Diskussion
5. Fazit und Ausblick
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Konzept der Fundamentalökonomie unter Anwendung des Framing-Ansatzes von Benford und Snow. Ziel ist es zu analysieren, wie das Foundational Economy Collective Probleme, Lösungsansätze und Mobilisierungsargumente konstruiert, um eine neue Infrastrukturpolitik zu legitimieren und als Gegenentwurf zur marktliberalen Dominanz zu etablieren.
- Analyse des "Fundamentalökonomie"-Konzepts als diskursiver Deutungsrahmen.
- Systematische Untersuchung der diagnostic, prognostic und motivational frames.
- Einordnung in die Theorie sozialer Bewegungen.
- Kritische Reflexion der politischen Anschlussfähigkeit und Mobilisierungspotenziale.
- Bewertung der strukturellen Auswirkungen von Privatisierung und Finanzialisierung.
Auszug aus dem Buch
Die drei Aufgaben des Framing
Collective action frames bezeichnen kollektiv produzierte Handlungsrahmen, die weitere potenzielle Anhänger/-innen mobilisieren. Solche kollektiven Handlungsrahmen sind im Gegensatz zu individuellen Schemata, wie sie auch die Wahrnehmungspsychologie untersucht, das Ergebnis interaktiver Aushandlungsprozesse und folglich der ständigen Veränderung unterworfen (vgl. Benford/Snow 2000: 614). Der Framing-Ansatz untersucht nicht nur die Beschaffenheit solcher Deutungsmuster, sondern auch deren Entstehungsprozess und ihr Verhältnis zum kulturellen Umfeld (vgl. Herkenrath 2011: 47). Diese kollektiven Handlungsrahmen erfüllen zentrale Funktionen für die Mobilisierung von Mitgliedern und Anhängern/-innen in sozialen Bewegungen.
Erstens übernehmen sie eine handlungsorientierte Funktion, die sich in den Kernaufgaben des Framings sozialer Bewegungsorganisationen manifestiert. Zweitens entstehen sie durch interaktive und diskursive Prozesse, die diese Kernaufgaben begleiten und die Bedeutungen aushandeln, aus denen kollektive Handlungsrahmen hervorgehen (vgl. Benford/Snow 2000: 615). Durch die Bearbeitung dieser zentralen Framing-Aufgaben adressieren Bewegungsakteure/-innen zugleich die miteinander verbundenen Herausforderungen der Konsens- und Aktionsmobilisierung. Während Konsensmobilisierung darauf abzielt, gemeinsame Überzeugungen innerhalb der Bewegung zu schaffen, fokussiert Aktionsmobilisierung darauf, Individuen zum tatsächlichen Handeln zu bewegen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der strukturellen Unterfinanzierung kommunaler Infrastrukturen ein und stellt die Forschungsfrage zur framing-theoretischen Analyse des Konzepts der Fundamentalökonomie.
2. Theoretischer Ramen: Framing-Ansatz (Benford/Snow): Das Kapitel erläutert die Grundlagen der Framing-Theorie und definiert die zentralen Dimensionen (diagnostic, prognostic, motivational) sowie Kriterien für wirksame Mobilisierungsframes.
3. Die Fundamentalökonomie: Hier erfolgt die empirische Anwendung des Framing-Ansatzes auf die Publikation von Froud et al., wobei die Problemdefinitionen, Lösungsvorschläge und die Rolle lokaler Experimente detailliert untersucht werden.
4. Diskussion: Das Kapitel reflektiert die Ergebnisse der Analyse kritisch und bewertet die Konsistenz der Deutungsrahmen sowie deren Potenzial zur Etablierung eines Master Frames.
5. Fazit und Ausblick: Diese abschließende Zusammenfassung bestätigt die These, dass die Fundamentalökonomie als sich entwickelnder Deutungsrahmen fungiert, identifiziert jedoch Schwächen im Bereich der direkten Mobilisierung.
Schlüsselwörter
Fundamentalökonomie, Framing-Ansatz, soziale Bewegungen, Infrastrukturpolitik, Deutungsrahmen, diagnostic frame, prognostic frame, motivational frame, Daseinsvorsorge, kollektives Handeln, Privatisierung, Finanzialisierung, Mobilisierung, Gesellschaftspolitik, soziale Gerechtigkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die theoretischen und diskursiven Grundlagen der "Fundamentalökonomie" und untersucht, inwieweit diese als Deutungsrahmen für soziale Bewegungen dienen kann.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Fokus stehen die Kritik an marktliberalen Reformen, die Bedeutung öffentlicher Dienstleistungen und die Notwendigkeit einer neuen Infrastrukturpolitik.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, das Konzept der Fundamentalökonomie mittels der Framing-Theorie zu rekonstruieren und zu prüfen, ob es über die Problemanalyse hinaus mobilisierende Wirkung entfaltet.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine Frame-Analyse nach Benford und Snow angewandt, um die Texte des "Foundational Economy Collective" systematisch zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung des Framings, die historische Einordnung der Fundamentalökonomie und die detaillierte Analyse der diagnostic, prognostic und motivational frames.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen zählen Fundamentalökonomie, Framing-Ansatz, Daseinsvorsorge, soziale Gerechtigkeit und Infrastrukturpolitik.
Warum wird die Fundamentalökonomie als "neuer Deutungsrahmen" bezeichnet?
Weil sie bestehende Begriffe wie Daseinsvorsorge erweitert und versucht, öffentliche Dienste aus ihrer Rolle als reiner "Kostenfaktor" zu lösen und sie als soziale Rechte neu zu definieren.
Welche Schwachstelle identifiziert die Autorin am motivationalen Frame?
Die Autorin stellt fest, dass es an konkreten Handlungsanweisungen fehlt und die Mobilisierung stark von punktuellen lokalen Initiativen abhängt, statt einen breiten kollektiven Protest zu formen.
- Citar trabajo
- Kim Wiesel (Autor), 2026, Die Fundamentalökonomie und ihre Deutungsrahmen, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1711378