Was passiert, wenn religiöse Visionen vom Weltende nicht nur geglaubt, sondern politisch wirksam werden?
Rüdiger Tessmann untersucht apokalyptische Prophezeiungen in unterschiedlichen religiösen Traditionen und zeichnet nach, wie Endzeitvorstellungen von der altnordischen Mythologie über jüdische, christliche und islamische Quellen bis hin zu weiteren religiösen Überlieferungen entstanden sind. Anhand zahlreicher Originaltexte und historischer Bezüge zeigt das Buch, welche Motive sich wiederholen, wie sich Bilder von Untergang, Gericht und Erneuerung über Epochen hinweg wandeln und warum sie bis heute eine so starke Faszination ausüben.
Dabei bleibt es nicht bei einer reinen Darstellung religiöser Ideen: Tessmann richtet den Blick auch auf die politische Sprengkraft heiliger Texte. Er fragt, welche Risiken entstehen, wenn apokalyptische Deutungen fundamentalistisch gelesen und für gesellschaftliche oder politische Zwecke instrumentalisiert werden. So verbindet das Buch religionsgeschichtliche Analyse mit einer kritischen Reflexion über die Aktualität von Endzeitnarrativen in einer konfliktreichen Welt und zeigt, dass der aufgeklärte Umgang mit religiösen Schriften entscheidend ist, um ideologischen Missbrauch zu verhindern.
„Das angebliche oder tatsächliche Böse kann man nicht mit noch Böserem bekämpfen, lautet die Botschaft von Jesus. Übersetzt für persönliche und politische Konflikte heißt das: Wir kommen nur zum Frieden, indem wir versuchen, die Probleme des anderen zu begreifen.“ (Theologe und Psychoanalytiker Professor Eugen Drewermann beim Kongress der Neuen Gesellschaft für Psychologie 2026 zur Deutung der Bergpredigt)
Inhalt
Persönliche Motivation zum Thema (September 2015)
Wird die von uns belebte Welt einmal ein Ende haben?
Ragnarök – die Götterdämmerung der altnordischen Wotans-Religion
Der Seherin Gesicht – Der Endkampf
Der „Heliand", die erste Bibel der Germanen
Vom Weltuntergang
Die Sintflut-Sage im Laufe der Zeiten
Die Sintflut im Gilgamesh-Epos
Die Sintflut im 1. Buch Mose
Die persische Religion des Zarathustra Grundmuster der Offenbarungsreligionen des Orient
Das Jüngste Gericht im Islam
Propheten in Israel und Judäa sagen den Untergang voraus
Spätjüdische Apokalyptik
Frühchristliche Apokalyptik
Wer kam auf die Idee eines Weiterlebens nach dem Tode?
Die Offenbarung Johannes
Die Reise zur Himmelspforte
Die vier apokalyptischen Reiter
Die sieben Engel mit den sieben Posaunen
Die gebärende Frau und der Drachen mit sieben Köpfen
Das eingebrannte Mal der Götzendiener
Die sieben Schalen des Zorns
Das Weib auf dem scharlachroten Tier
Babylon ist gefallen
Der Tag der Rache ist da
Das Wort Gottes ist ein Schwert
Satan ist für tausend Jahre gefesselt
Erschaffung der Neuen Welt
Beglaubigung der Prophezeiung
Was haben die Endzeit-Prophezeiungen verschiedener Religionen gemeinsam?
War es richtig, die „Apokalypse des Johannes“ in den Kanon der christlichen Bibel, d.h. in das „Neue Testament“ aufzunehmen?
Auszüge aus dem Buch
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Die Sintflut im Gilgamesh-Epos
Utnapischtim sprach zu Gilgamesh:
„Ein Verborgenes, Gilgamesh, will ich dir öffnen, Und der Götter Geheimnis will ich dir sagen.
Schurupak - eine Stadt, die du kennst, Die am Ufer des Euphrat liegt -,
Diese Stadt war schon alt, und die Götter waren ihr nahe.
Eine Sintflut zu machen, entbrannte das Herz den großen Göttern.
(.....)
„Reiß ab das Haus, erbau ein Schiff,
Laß fahren den Reichtum, dem Leben jag nach! Besitz gib auf,
dafür erhalt das Leben!
Heb hinein allerlei beseelten Samen ins Schiff! Das Schiff,
welches du erbauen sollst - dessen Maße sollen abgemessen sein,
Gleichgemessen seien ihm Breite und Länge;“ (....)
Kaum daß ein Schimmer des Morgens graute, Versammelt zu mir
sich das Land.
Der Zimmermann brachte die Holzpfosten, Der Bootsbauer
brachte die Klammern, Das Kind trug herzu das Erdpech….
Am fünften Tag entwarf ich des Schiffes Außenbau. (.....)
Bei Sonnenaufgang legte ich Hand an, das Letzte zu tun; Das
Schiff war fertig am siebenten Tag bei Sonnenaufgang. Immer
neue Stützhölzer brachten sie oben und unten,
Bis das Schiff zu zwei Dritteln im Wassert schwamm.
Was immer ich hatte, lud ich darein an Gold, an Silber, an
Lebenssamen. Steigen ließ ich ins Schiff meine ganze Familie und
die Hausgenossen, (......)
Der Zeitpunkt kam herbei:
Des Wetters Aussehen betrachtete ich - Das Wetter war
fürchterlich anzusehen.
Ich trat hinein ins Schiff und verschloss mein Tor. Kaum ein
Schimmer des Morgens graute,
Stieg schon auf von der Himmelsgründung schwarzes Gewölk.In
ihm drin donnert Adad (Gewittergott)
Die Himmel befiel wegen Adad Beklommenheit, Jegliches Helle
in Düster verwandelnd;
Das Land, das weite, zerbrach wie ein Topf, Einen Tag lang wehte
der Südsturm,
eilte drein zu blasen, die Berge ins Wasser zu tauchen,
Wie im Kampf zu überkommen die Menschen. Nicht sieht einer
den anderen,
Nicht erkennbar sind die Menschen im Regen.
Vor dieser Sintflut erschraken die Götter, Sie wichen hinauf zum
Himmel des Anu -
Die Götter kauern wie Hunde, sie lagern draußen! Es schreit Ishtar
wie eine Gebärende,
Es jammert die Herrin der Götter, die Schönstimmige:
„Wie konnte in der Schar der Götter ich Schlimmes gebieten, den
Kampf zur Vernichtung meiner Menschen gebieten?
Erst gebäre ich meine lieben Menschen, dann erfüllen sie wie
Fischbrut das Meer“
Wie nun der siebte Tag herbeikam,
schlug plötzlich nieder der Orkan die Sintflut, den Kampf nachdem
wie eine Gebärende es um sich geschlagen, ruhig und still ward
das Meer,
Der böse Sturm war aus und die Sintflut.
Ausschau hielt ich einen Tag lang, da war Schweigen ringsum,
Und das Menschengeschlecht war zu Erde geworden!
Da tat ich auf eine Luke, Sonnenglut fiel ins Antlitz mir; Da kniete
ich nieder, am Boden weinend,
Über mein Antlitz flossen die Tränen -
Nach Ufern hielt ich Ausschau in des Meeres Bereich: Auf zwölf
mal zwölf Ellen stieg auf eine Insel,
der Berg Nissir erfasste das Schiff und ließ es nicht wanken.
Wie nun der siebente Tag herankam, Ließ ich eine Taube hinaus;
Die Taube machte sich fort - und kam wieder:
Kein Ruheplatz fiel ihr ins Auge, da kehrte sie um. - Eine
Schwalbe ließ ich hinaus;
Die Schwalbe machte sich fort - und kam wieder:
Kein Ruheplatz fiel ihr ins Auge - da kehrte sie um. Einen Raben
ließ ich hinaus;
Auch der Rabe machte sich fort; - da er sah, wie das Wasser sich
verlief, Fraß er, scharrte, hob seinen Schwanz - und kehrte nicht
um.
Da ließ ich hinausgehen nach den vier Winden;
Ich brachte ein Opfer dar mit sieben und abermals sieben
Räuchergefäßen; Ein Schüttopfer spendete ich auf dem Gipfel des
Berges.
In ihre Schalen schüttete ich Süßrohr, Zedernholz und Myrte. Die
Götter rochen den wohlgefälligen Duft.
Die Offenbarung Johannes
Dieses Buch, das um das Jahr 90, zur Zeit der Verfolgung der urchristlichen Gemeinden in Kleinasien verfasst wurde, enthält zum grossen Teil das Gedankengut der spätjüdischen, apokalyptischen Denkwelt und benutzt auch die Bilder und Zitate der spätjüdischen Literatur.
Der pädagogische Inhalt des Buches ist kurz zusammengefasst eine Aufforderung an die sieben angesprochenen Gemeinden, im Glauben festzuhalten trotz der Bedrohung und der Versuchung durch die weltlichen Mächte. Die weltlichen Mächte (Rom = „das Tier“, oder „die Hure Babylon“) erscheinen wie Drachen aus dem Meer und verbreiten Verderben in der Welt. Sie sind gleichzusetzen mit Satan, der kurzfristig Oberhand gewinnt. Dann aber erscheint als Sieger Jesus Christus, nun aber nicht mehr als Lamm, das sich schlachten läßt, sondern als mächtiger Krieger, der über das Böse siegt. Die Welt wird von Gott neu geschaffen als das „Neue Jerusalem“, in dem die Frommen ein ewiges Leben in Gottes Nähe Gottes führen. Die Bösen werden in den Abgrund gestürzt.
Dante Alighieri hat Teile dieses Buches in seine „Divina Commedia“ aufgenommen. Im 32. Gesang des Purgatorio, des Fegefeuers erscheinen die Tiere aus der Johannes-Offenbarung und in Vers 104 lesen wir das Zitat: “Was du gesehen hast, das schreibe nieder, wenn du nach drüben zurückgekehrt bist. Für Dante wird die Korruption der Kirche in Rom zur „Hure Babylon.
Während Dante in Begleitung Virgils Hölle und Himmeldurchschreitet, empfängt Johannes seine Botschaft durch eine Vision von der geöffneten Himmelspforte, in die er schauen darf.
Wesentlch für Johannes ist die Feststellung, daß das Ende der Welt nahe ist , und daß Halbherzigkeit jetzt nicht geduldet werden kann:
„Offenbarung Jesu Christi, die ihm Gott gab, damit er seinen Knechten zeige, was in Kürze geschehen muß.
Durch seinen Engel, den er sandte hat er seinem Knecht Johannes kundgetan. (…) Selig, der vorliest und die die Worte der Weissagung hören und bewahren, was darin geschrieben ist.
Denn: Die Zeit ist nahe!“
„Ich, Johannes, euer Bruder, der mit euch teilhat an der Drangsal, an dem Königreich und am Ausharren in Jesu Gemeinschaft . Ich war auf der Insel mit dem Namen Patmos, um des Wortes Gottes und des Zeugnisses Jesu willen.“
Zu den Zweiflern sagt er:
„Du bist weder kalt noch heiß! Ach, wärest du kalt oder heiß! So aber , da du lau bist, weder kalt noch heiß, will ich dich ausspeien aus meinem Munde!“
Die Reise zur Himmelspforte
„Danach schaute ich, und siehe: Eine Tür war geöffnet im Himmel, und die Stimme, die ich zuvor wie eine Posaune zu mir hatte reden hören,, sprach: „Komm herauf, so will ich dir zeigen, was hernach geschehen muß. Augenblicklich kam der Geist über mich, und siehe, Ein Thron stand da im Himmel, und auf dem Thron saß einer. Und der da saß war anzusehen wie Jaspis und Karneol. Und ringsum standen vierundzwanzig Throne…. Und ich sah auf der Rechten dessen, der auf dem Thron sitzt, ein Buch, auf der Innen-und Rückseite beschrieben, versiegelt mit sieben Siegeln.“ Und ich sah einen starken Engel, der rief mit gewaltiger Heroldstimme: „Wer ist würdig, das Buch zu öffnen und seine Siegel zu lösen?“
Die vierundzwanzig Ältesten auf den Thronen fielen vor dem Lamm (Jesus) auf die Knie und sangen:
„Würdig bist du, das Buch zu empfangen und seine Siegel zu öffnen!“
Die vier apokalyptischen Reiter
Als das Lamm das erste Siegel öffnete, da sah ich….
„Ein weißes Roß! Und der Reiter, der auf ihm reitet, hält einen Bogen in der Hand, und eine Krone wurde ihm gegeben, und er zog aus, ein Sieger, um den Sieg zu erringen.“
„Als es das zweite Siegel öffnete, da zog eine anderes Roß auf, feuerrot, und dem, der auf ihm ritt, dem wurde gegeben, den Frieden von der Erde zu nehmen, daß sie einander umbrächten; und ein großes Schwert wurde ihm gegeben.“
Nach Öffnung des dritten Siegels erscheint ein schwarzes Ross, dessen Reiter eine Waage in der Hand hält.
Nach Öffnung des vierten Siegels erscheint ein fahles Roß
„und der auf ihm reitet, ist der Tod und das Totenreich folgte ihm, und es wurde ihm Vollmacht über ein Viertel der Erde gegeben, zu töten mit dem Schwert, mit Hunger, durch Pest und wilde Tiere.“
Die apokalyptischen Reiter haben viele Künstler zu bildnerischen Darstellungen inspiriert.
Bei der Eröffnung des fünften Siegel erschienen auf einem Brandopferaltar die Seelen der für das Zeugnis Gottes Hingemordeten und die schrien:
Bis wann noch zieh st du, Herrscher, dein Gericht hinaus, um zu rächen unser Blut an den Bewohnern dieser Erde?“
Der Maler El Greco stellt die Seelen der als Märtyrer Hingemordeten dar, die nach Rache schreien und fragen, wann das Gericht endlich kommen werde.
Die Eröffnung des sechsten Siegels gibt die Antwort darauf.
Wir erinnern uns an das Buch Daniel, das 150 Jahre zuvor geschrieben wurde und in dem die Antwort auf die gleiche Frage lautet:
„Geh, Daniel, denn die Offenbarungen sind verschlossen und versiegelt bis zur Endzeit.“
Bei der Öffnung des sechsten Siegels geschah ein gewaltiges Erdbeben und die Sonne verfinsterte sich. und die Sterne fielen herab.
Zu den Bergen und Felsen wurde gesagt:
„Fallt herab auf uns und verbergt uns vor dem Angesicht dessen, der auf dem Thron sitzt, und vor dem Zorn des Lammes! Denn gekommen ist der große Tag seines Zornes - Wer kann da bestehen?“
Und als das Lamm das siebente Siegel öffnete, ward Schweigen im Himmel, wohl für eine halbe Stunde. Dann sah ich sieben Engel, die vor Gottes Angesicht stehen, und sieben Posaunen wurde ihnen gegeben….Und
„der Engel nahm die Räucherpfanne , füllte sie mit Feuer vom Altar und warf sie auf die Erde. Da geschahen Donner und Getöse, Blitze und Erdbeben.“
Die sieben Engel mit den sieben Posaunen
Und der erste Engel blies die Posaune. Da gab es Hagel und Feuer, mit Blut gemischt, und wurde zur Erde geworfen. Und ein Drittel der Erde brannte ab; ein Drittel der Bäume verbrannte; und alles grüne Gras brannte ab.
Und der zweite Engel blies: Da - wie eine riesiger Feuerberg, lichterloh, wurde ins Meer geschleudert! Da ward ein Drittel des Meeres zu Blut; starb ein Drittel aller lebendigen Geschöpfe im Meer; zerbarst ein Drittel aller Schiffe.
Ein dritter Engel blies: Da stürzte ein großer flammender Stern wie eine Fackel vom Himmel herab und fiel auf ein Drittel aller Flüsse (….)
Ein vierter Engel blies: Da wurde ein Drittel der Sonne abgeschlagen und ein Drittel des Mondes (….) ein Drittel des Tageslichtes verschwand(…)
Der fünfte Engel blies: und ich sah einen Stern, vom Himmel herabstürzen auf die Erde. Ihm wurde der Schlüssel zum Brunnen des Abgrunds gegeben.
Da quoll Rauch aus dem Brunnen wie aus einem riesigen Ofen, und finster wurde die Sonne und die Luft von dem Rauch (…..)
Heuschrecken, wie Skorpione quälen die Menschen jetzt, so dass sie den Tod suchen, um der Qual zu entgehen.
Die zwei weiteren Plagen werden angekündigt mit einem „Wehe!“
Der sechste Engel blies: Eine Stimme sagte: „Laß los die vier Engel, die am großen Euphratfluß gebunden liegen.
Sie töten ein Drittel der Menschen. Es erscheinen Rosse mit Köpfen wie Löwen, mit roten, blauen und grauen Panzern. Aus ihren Mäulern quillt Rauch und Feuer und Schlangen töten die Menschen.
Aber:
Der Rest der Menschen, die noch nicht den Tod gefunden hatten, ließ auch jetzt noch nicht davon ab, Dämonen und goldene und steinerne Götterbilder anzubeten.
Ein anderer starker Engel kommt herab und schreit: „Es wird nicht mehr viel Zeit vergehen, da der siebte Engel beginnt zu blasen!
„Wenn einer ihnen Böses tut, dann soll Feuer aus ihrem Munde ihre Feinde fressen!“
„Zur selben Stunde geschah ein gewaltiges Erdbeben; Ein Zehntel der Stadt stürzte ein, und siebentausend Personen kamen durch das Beben zu Tode. Die übrigen befiel ein Schrecken, und sie gaben dem Gott des Himmels die Ehre.
Der siebente Engel blies: Da erscholl ein Chor vieler Stimmen am Himmel: „Es ist geschehen: Die Herrschaft über die Welt gehört unserem Herren und seinem Messias! Und herrschen wird er von Ewigkeit zu Ewigkeit!“
Während die vierundzwanzig Ältesten Gott huldigen, verkündet er seinen Zorn,
„und die Zeit brach an, da über die Toten Gericht gehalten und deinen Knechten, den Propheten ihr Lohn ausgezahlt wird….“
Und es geschahen Blitze und Getöse, Donner und Erdbeben und ein gewaltiger Hagel.
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- Rüdiger Tessmann (Author), 2026, Apokalyptische Prophezeiungen in verschiedenen Religionen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1711825