Konstruktion einer nationalen Identität in Indien

Das Beispiel von Nehrus Rede zur indischen Unabhängigkeit


Seminararbeit, 2011

25 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretischer und historischer Hintergrund der indischen Identitätskonstruktion
2.1 Konstruktion und Mythen nationaler Identität
2.2 Historischer Kontext der indischen Identitätskonstruktion

3. Konstruktion einer nationalen Identität in Indien
3.1 Identitätsdebatte ab dem 19. Jahrhundert
3.2 “Composite Nationalism”
3.3 Säkularer Nationalismus

4. Identitätskonstruktion in Nehrus Unabhängigkeitsrede
4.1 Methode der qualitativen Inhaltsanalyse
4.2 Textauswahl, Erhebungssituation und Analyserichtung
4.3 Zusammenfassende Inhaltsanalyse
4.4 Explizierende Inhaltsanalyse
4.5 Strukturierende Inhaltsanalyse
4.5.1 Formale Strukturierung
4.5.2 Inhaltliche Strukturierung
4.5.3 Typisierende Strukturierung
4.6 Interpretation der Ergebnisse

5. Zusammenfassung und Ausblick

Literaturverzeichnis

Internetquellen

Anhang: Nehrus Rede anlässlich der indischen Unabhängigkeit

1. Einleitung

Am 15. August 1947 erlangte Indien die Unabhängigkeit von Großbritannien. Im Gegensatz zu den in Europa entstandenen Nationalstaaten, zeichnete sich die neue indische Nation jedoch weder durch eine gemeinsame Sprache, noch eine ihre Bürger vereinende Religion oder kulturelle Tradition aus. “India is merely a geographical expression. It is no more a single country than the equator”, beschrieb Winston Churchill diesen Zustand.[1] Auf dem indischen Subkontinent existieren 23 offiziell anerkannte Sprachen und tausende von Dialekten (Tharoor 2008, 77). Alle großen Weltreligionen, der Hinduismus, der Buddhismus, der Islam, das Christentum und zahlreiche weitere Religionen sind vertreten. Dazu praktizieren ethnisch vielfältige aus Indoariern, Draviden, Adivasi, etc. bestehende und verschiedenen Kasten zugehörige Bevölkerungsgruppen vielfältige kulturelle Bräuche. Mit der großen Vielfalt der Gruppenzugehörigkeiten der Bevölkerung ist auch eine Vielzahl konkurrierender Identitäten verbunden (Stietencron 1995, 112).

Mit der Entstehung des indischen Staates stellte sich jedoch die Frage, worauf dessen, für seinen Zusammenhalt nötige, kollektive Identität beruhen sollte. Bereits unter der britischen Kolonialherrschaft hatte eine Debatte über eine spezifisch indische Identität eingesetzt (Parekh 2003, 117). Verschiedene nationalistische Bewegungen präsentierten dabei konkurrierende Identitätsentwürfe. Eine der wichtigsten Personen im Kampf für die indische Unabhängigkeit und den Entwurf der neuen Nation war, neben Mahatma Ghandi, dessen engster Vertrauter, Jawaharlal Nehru. Als Präsident der ersten provisorischen Regierung von 1946 und erster Ministerpräsident Indiens von 1947 bis 1964 war Nehru stark an der Konstruktion einer auf eine säkulare, demokratische und liberale Philosophie beruhenden indischen Identität beteiligt (Ebd., 118). Seine mythisch verankerte Idee eines neuen Indiens veranschaulicht er in seiner Rede “Tryst with Destiny”[2] am Vorabend der indischen Unabhängigkeit, die als eine der denkwürdigsten in die indische Geschichte eingegangen ist.

Ziel dieser Arbeit ist es, die Konstruktion einer nationalen Identität ab dem 19. Jahrhundert bis zur Entstehung des indischen Staates nachzuzeichnen und die von Jawaharlal Nehru in seiner Unabhängigkeitsrede präsentierte Vision der indischen Identität zu analysieren. Dazu wird zuerst auf den Hintergrund der indischen Identitätskonstruktion eingegangen, wobei die Herstellung und Mythen nationaler Identität, sowie der historische Kontext der indischen Identitätskonstruktion beleuchtet werden (Kapitel 2). Im dritten Kapitel wird die Konstruktion einer nationalen Identität in Indien anhand der ab dem 19. Jahrhundert einsetzenden Identitätsdebatte und der nationalen Bewegungen des “Composite Nationalism” und des säkularen Nationalismus nachgezeichnet. Der Hauptteil der Arbeit beschäftigt sich mit Nehrus Unabhängigkeitsrede (Kapitel 4). Darin wird zuerst auf die bei der Untersuchung verwendete Methode der qualitativen Inhaltsanalyse eingegangen. Anschließend werden die einzelnen Analyseschritte dargestellt, die zur Untersuchung von Nehrus Konstruktion einer nationalen indischen Identität in der Rede durchgeführt wurden. Eine Zusammenfassung und ein Ausblick runden die Arbeit ab (Kapitel 5).

2. Theoretischer und historischer Hintergrund der indischen Identitätskonstruktion

Um den Prozess der Entwicklung einer indischen nationalen Identität besser einordnen zu können und einen Rahmen für die Analyse von Nehrus Unabhängigkeitsrede zu schaffen, sollen zuerst einige theoretische Gedanken zur Konstruktion nationaler Identität und mit dieser verbundener Mythen vorangestellt werden. Im Anschluss daran wird ein kurzer Überblick über den historischen Kontext gegeben, in dem die Debatte über die indische Identität vom 19. Jh. bis zur Unabhängigkeit stattfand.

2.1 Konstruktion und Mythen nationaler Identität

Nationen sind keine naturgegeben Einheiten, sondern stellen “imagined political communities” dar (Anderson zit. n. Cillia/ Reisigl/ Wodak 1999, 153). Sie sind also abstrakte, mentale Konstruktionen politischer Gemeinschaften. Gleichzeitig figurieren Nationen als wichtigste moderne Form kollektiver Identität (Talgeri 2010, 191). Jan Assman definiert kollektive Identität als „das Bild, das eine Gruppe von sich aufbaut und mit dem sich deren Mitglieder identifizieren“ (1992, 132). Sie beruht auf „kollektiv geteilten Merkmale[n], die eine auf Ähnlichkeit gründende Gemeinsamkeit stiften“ (Straub 2004, 299). Nationale Identitäten, als eine spezielle Form kollektiver Identität, werden diskursiv produziert und haben die Funktion als vereinende Kraft in einer Gesellschaft zu wirken.[3] Straub betont, dass kollektive Identität „zum Vokabular der ideologisch-politischen Mobilmachung“ gehört (2004, 293). Die Idee einer spezifischen nationalen Gemeinschaft wird zu diesem Zweck regelmäßig durch symbolische Reden von Politikern und durch die Medien aktualisiert (Cillia/ Reisigl/ Wodak 1999, 153).

Das westliche Nationenmodell setzt weitgehend homogene kulturelle Gemeinschaften voraus, deren nationale Identität durch eine gemeinsame Sprache, religiöse Überzeugungen und eine kollektive Erinnerung historischer Ereignisse, Symbole und Traditionen geprägt ist (Bell 2003, 66). Die meisten dieser Bedingungen waren aufgrund der Diversität der indischen Bevölkerung als Indikator für die nationale Zusammengehörigkeit Indiens ungeeignet (Stietencron 1995, 114). Für die Erschaffung und Erhaltung von Nationen und ihrer Identitäten spielen jedoch nicht nur reale Gemeinsamkeiten ihrer Mitglieder, sondern auch Mythen eine zentrale Rolle. Sie werden verwendet, um ein Gefühl der Zugehörigkeit und Einheit zu schaffen und um Menschen zu Gemeinschaften zu verbinden.[4] Smith (1999) unterscheidet sechs Haupttypen von Mythen, die von Nationen verwendet werden: Zeit, Ort, Abstammung, Heldenzeitalter, Niedergang und Regenerierung. Der Mythos des zeitlichen Ursprungs datiert die Herkunft der Gemeinschaft und befasst sich mit der Entstehung der Nation (Ebd., 63). Er steht in engem Zusammenhang mit dem Mythos der örtlichen Herkunft ihrer Bürger, die ebenfalls einen wichtigen Rahmen für die Identifikation mit der Gruppe darstellt. Der Abstammungsmythos stellt eine symbolische Verbindung zwischen allen Mitgliedern der Gemeinschaft mit ihren gemeinsamen Ahnen her und etabliert sie als ein Volk, das sich von anderen abgrenzt (Ebd., 64). Auf eine mystische, glorreiche Zeit für die Gemeinschaft, wird im Mythos des Heldenzeitalters angespielt, das mit Nostalgie verbunden ist und dessen Zustand wieder erreicht werden soll (Ebd., 65f). Im Mythos des Niedergangs wird der Verfall dieses utopischen goldenen Zeitalters beschrieben. Dieser ist häufig mit dem Mythos der Regenerierung verbunden, der die Bürger zum kollektiven Handeln aufruft, um den einstigen Idealzustand wiederherzustellen (Ebd., 67f).

Diese hypothetischen gemeinsamen Ursprünge und der kollektive Handlungsauftrag der Mitglieder einer Nation schaffen ein Bewusstsein einer imaginären Einheit und emotionalen Zugehörigkeit (Talgeri 2010, 191f). Im Abschnitt 4.5 dieser Arbeit wird darauf eingegangen, inwieweit Nehru bei seiner Unabhängigkeitsrede auf die von Smith genannten Typen nationalen Mythen zurückgreift.

2.2 Historischer Kontext der indischen Identitätskonstruktion

Um die Konstruktion einer indischen Identität im Zuge der Unabhängigkeitsbewegung besser einordnen zu können, soll nun der historische Kontext, in dem diese stattfand, skizziert werden. Altindische Dynastien wie die Maurya (320 bis 180 v. Chr.) und die Gupta (330 bis ca. 550 n. Chr.), sowie die muslimischen Mogulkaiser (1526 bis 1858 n. Chr. ) regierten große Gebiete des indischen Subkontinents, keiner der Herrscher konnte jedoch das gesamte Territorium des heutigen Indien unter seine Kontrolle bringen (Stietencron 1995, 112). Erst unter der Kolonialmacht Großbritannien, die das Land ab 1858 der britischen Krone unterwarf, entstand eine politische Einheit der regionalen, kulturell höchst unterschiedlichen Reiche des Subkontinents (Ebd., 112).

In Opposition zu Großbritannien entwickelte sich rasch eine nationalistische Bewegung, die sich gegen die ökonomische Ausbeutung Indiens und die Bevormundung seiner Bürger durch die Kolonialmacht mobilisierte. 1885 wurde der Indische Nationalkongress – die spätere Kongresspartei – gegründet, der die führende Rolle im indischen Unabhängigkeits­kampf übernahm.[5] Zu Beginn waren Hindus und Muslime in der Kongresspartei vereint, 1906 gründete die sich benachteiligt fühlende muslimische Minderheit jedoch die rivalisierende Muslimliga, die unter der Führung von Mohammed Ali Jinnah ab den 1930ern die Gründung eines unabhängigen muslimischen Staates anstrebte. Die Spannungen zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen nahmen in den folgenden Jahren zu und steigerten sich bis zu massiven Unruhen, bei denen tausende Menschen getötet wurden.[6] Die Briten verloren immer mehr die Kontrolle über die Kolonie und sahen sich gezwungen, die Teilung des Subkontinentes in ein hauptsächlich hinduistisches, säkulares Indien und in ein muslimisches Pakistan zu akzeptieren und die beiden neuen Nationen am 15. August 1947 in die Unabhängigkeit zu entlassen.[7]

3. Konstruktion einer nationalen Identität in Indien

In diesem Kapitel wird zunächst die ab dem 19. Jahrhundert in Indien einsetzende Diskussion über eine kollektive indische Identität nachgezeichnet. Anschließend wird auf die beiden für die Identitätskonstruktion wichtigsten nationalistischen Bewegungen eingegangen: den von konservativen Hinduisten dominierten “Composite Nationalism” und den von liberalen Mitgliedern der Kongresspartei propagierten säkularen Nationalismus.

3.1 Identitätsdebatte ab dem 19. Jahrhundert

Indien war eines der ersten nicht-westlichen Länder, in dem eine Debatte über nationale Identität einsetzte. Ab Anfang des 19. Jahrhunderts diskutierten führende indische Politiker intensiv über die Gründe für die wiederholte Eroberung des indischen Territoriums durch ausländische Mächte (Parekh 2003, 117). Sie kamen zu dem Schluss, dass diese durch den brüchigen Nationalcharakter und die mangelnde kollektive Identität des Subkontinents ermöglicht wurde. Die politische und kulturelle Regenerierung Indiens und die Schaffung einer neuen, modernen indischen Identität wurden somit ab der zweiten Hälfte des 19. Jh. zu einem wichtigen Ziel der nationalen Bewegung (Ebd., 117, 120). Das Unterfangen eine nationale Identität zu konstruieren wurde zwar dadurch erschwert, dass das Land nicht auf eine gemeinsame durchgängige Vergangenheit zurückgreifen konnte und auf dem Subkontinent eine Vielzahl konkurrierender Identitäten existierte. Der gemeinsame Widerstand gegen die Kolonialmacht und der Kampf für die Unabhängigkeit Indiens hatte jedoch auch eine einende Wirkung (Stietencron 1995, 111).

Gleichzeitig fand die Debatte über eine kollektive Identität unter dem Einfluss der britischen Kolonialherren statt, die erstmals die Idee eines Nationalstaates mit einem spezifischen Territorium und Staatsvolk nach Indien brachten (Khilnani 2003, 21). Die Briten beeinflussten durch ihre Auffassung der hohen Bedeutung von Religion und religiösen Gemeinschaften für die indische Gesellschaft[8] auch den Rahmen, in dem indische Politiker, die zumeist aus der westlich ausgebildeten höheren Mittelschicht stammten, die Entwicklung einer nationalen Identität diskutierten (Stietencron 1995, 112; Mondal 2005, 6, 8). Durch ihre Sprachpolitik verbreitete die Kolonialmacht die englische Sprache, die zur Vermittlungssprache der indischen Eliten wurde. Gleichzeitig förderte sie das bis 1800 nicht als Literatursprache existierenden Hindi[9], das später neben dem Englischen zur offiziellen Amtssprache Indiens wurde (Stietencron 1995, 114ff).

Im Laufe der Identitätsdebatte wurden von verschiedenen nationalistischen Bewegungen unterschiedliche Identifikationsangebote zur nationalen Integration Indiens gemacht, die im Folgenden dargestellt werden sollen (Ebd., 111).

[...]


[1] Zit. n. Tharoor, Shashi (05.08.2007.): An adventure called India. In: The Hindu.

www.hinduonnet.com/thehindu/mag/2007/08/05/stories/2007080550100300.htm

[2] Nehru, Jawaharlal (14.08.1947): Speech on the granting of Indian Independance. Modern History Source Book. www.fordham.edu/halsall/mod/1947nehru1.html

[3] Daniels, Christie (o.J.): Constructing a new India: Nation, Myth and Salman Rushdie’s “Midnight’s children”. www.fw.uri.br/publicacoes/literaturaemdebate/artigos/n3_10-costructing.pdf, 1.

[4] Ebd., 1.

[5] Betz, Joachim (18.01.2007): Epochen der indischen Geschichte bis 1947. Von den Hindu-Königreichen über

Mogul-Herrschaft und Kolonialzeit zur Republik. Bundeszentrale für politische Bildung.

www.bpb.de/themen/LOWA43,1,0,Epochen_der_indischen_Geschichte_bis_1947.html

[6] Laut Schätzungen wurden in den ersten Monaten nach der Unabhängigkeit über eine Million Menschen

ermordet und ca. 10 Millionen Menschen sahen sich infolge der Teilung gezwungen ihre Heimat zu verlassen.

Mann, Michael (18.01.2007): Die Teilung Britisch-Indiens 1947. Blutiger Weg in die Unabhängigkeit. Bundeszentrale für politische Bildung.

www.bpb.de/themen/4OJUFG,0,0,Die_Teilung_BritischIndiens_1947.html

[7] Ebd.

[8] Die britische “Divide and rule”-Politik drückte sich u.a. in einer Politik verschiedener Elektorate für religiöse Gemeinschaften aus.

Betz, Joachim (18.01.2007): Epochen der indischen Geschichte bis 1947. Von den Hindu-Königreichen über Mogul-Herrschaft und Kolonialzeit zur Republik.

www.bpb.de/themen/LOWA43,1,0,Epochen_der_indischen_Geschichte_bis_1947.html

[9] Hindi war eine im Mogulreich benutzte, dem Urdu verwandte, Verkehrssprache, die ab dem 19. Jahrhundert

mit Sanskritwörtern und Stilmitteln bereichert und zur Hochsprache erhoben wurde (Stietencron 1995, 115).

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Konstruktion einer nationalen Identität in Indien
Untertitel
Das Beispiel von Nehrus Rede zur indischen Unabhängigkeit
Hochschule
Technische Universität Chemnitz  (Interkulturelle Kommunikation)
Veranstaltung
Alltagskultur und kultureller Wandel in Südostasien
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
25
Katalognummer
V171256
ISBN (eBook)
9783640905560
ISBN (Buch)
9783640905416
Dateigröße
542 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Indien, Nationale Identität, Identität, Nehru, Tryst with destiny
Arbeit zitieren
Susanne Held (Autor), 2011, Konstruktion einer nationalen Identität in Indien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/171256

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Konstruktion einer nationalen Identität in Indien



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden