Dienstmädchenverein zu Leipzig

Quelleninterpretation: Erste Sitzung des Dienstmädchenvereins zu Leipzig


Quellenexegese, 2011
9 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bildquelle: http://library.fes.de/library/netzquelle/bilder/frauen06.jpg Stand: 02.05.2011

„Erste Sitzung des Dienstmädchenvereins zu Leipzig – Vortrag des Präsidenten Gustchen“

C.W.B. Naumburg Verlag

Leipzig 1848

Lithographie; 21,3 x 27,3cm

Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum

Quelleninterpretation – Erste Sitzung des Dienstmädchenvereins

Die vorliegende Quelle ist eine Lithographie mit dem Titel „Erste Sitzung des Dienstmädchenvereins zu Leipzig – Vortrag des Präsidenten Gustchen“. Veröffentlicht wurde sie von dem C.W.B. Naumburg Verlag 1848 in Leipzig, wobei der Künstler nicht bekannt ist. Das Original ist heute im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg ausgestellt.

Eine Lithographie wird mittels des Flachdruckverfahrens hergestellt und gehörte im 19. Jahrhundert zu den am meisten angewendeten Drucktechniken für farbige Drucksachen. Durch diese Technik konnten mehrere gleiche Lithographien hergestellt werden, was dafür spricht, dass die vorliegende Quelle weit verbreitet war.

Auf Grund der verschiedenen Veröffentlichungen des C.W.B. Naumburg Verlag kann man davon ausgehen, dass dieser eine revolutionär-nationaler Verlag war. Dem entsprechend ist die Lithographie nicht als Karikatur, wie es in anderen Fällen über den Dienstmädchenverein zu Leipzig der Fall ist, erschienen, sondern als rationale Abbildung. Das lässt darauf schließen, dass der Verlag mit den Bestrebungen und Forderungen der Dienstmädchen konform ging. Dadurch, dass die Lithographie in einem Verlag veröffentlicht wurde, ist es eine Traditionsquelle. Sie wurde demnach mit der Absicht gedruckt um für die Nachwelt erhalten zu bleiben und weite Verbreitung zu finden. Es ist daher möglich, dass der Sachverhalt der Lithographie verändert wurde um künstlerische Aspekte aufnehmen zu können. Darauf soll jedoch im späteren Verlauf nochmals genauer eingegangen werden.

Auf der 21,3 x 27,3cm großen Lithographie ist ein Saal mit Kronleuchter, Säulen und Stuck an den Decken zu erkennen, der von vielen Menschen besucht wird. Links im Bild ist eine Frau, die an einem Pult mit zwei Kerzen, einigen Blättern und einen Glocke steht und ca 1/3 der Lithographie einnimmt und durch ein helles Licht in Szene gesetzt wird. Der Schwerpunkt liegt daher auf dieser Frau. Sie hat ein Kleid mit einer Schürze an und trägt ein Halstuch. Rechts neben dem Pult sitzt eine Frau auf einem Stuhl und beobachtet den Raum. Sie hat, so wie alle dargestellten Frauen, ähnliche Kleider an wie die Frau am Pult und die Haare zum Dutt gebunden. Die anderen Frauen stehen im Halbkreis um den Pult herum und schauen zu diesem hinauf. Nur eine Frau im Publikum scheint den Beobachter der Lithographie zu betrachten, sie schaut dabei leicht nach oben. Im Publikum steht rechts in der Ecke ein Mann mit einem Zylinder und einem Anzug. Er hat lange Haare und einen Schnurrbart und schaut ebenfalls zu der Frau am Pult. Er ist der einzige Mann zwischen den vielen Frauen. Im Hintergrund sind weitere Männer mit Zylinder zu sehen, diese sind jedoch sehr skizzenhaft dargestellt und scheinen erhöht auf Rängen zu stehen. Von unten nach oben nimmt das Publikum der Frauen mit dem einen Mann die Hälfte der Lithographie ein. Das Publikum der Männer hingegen nur ¼ und die Decke ebenfalls ¼, die durch die schwache Beleuchtung und der skizzenhaften Darstellungen in den Hintergrund gerückt werden.

Die Lithographie zeigt, wie der Titel schon verrät, die „Erste Sitzung des Dienstmädchen Vereins zu Leipzig“ und ist eine aufsteigende diagonale Komposition vom Mann rechts in der Ecke zur Frau am Pult. Dabei steht die Frau höher als der Mann, was darauf schließen lässt, dass sich die traditionellen Werte geändert haben. Zur Zeit der Revolution 1848/49, sowie davor und danach, hatten Frauen keine besonderen Rechte. Diese Tatsache beruht auf der Auffassung, dass der aktive, vernünftige und konfliktfähige Mann der Öffentlichkeit angehörte, die den Erwerb und die politische Meinungs- und Entscheidungsbildung umfasste. Die Frau hingegen beschränkte ihr passives und emotional geleitetes Wesen auf den häuslich-familiären Bereich.[1] Eine Gleichstellung zwischen den Geschlechtern war von keiner Seite angestrebt. Zwar gab es während der Zeit der Revolution einzelne Frauen die ihre Rechte einforderten, jedoch war das eher die Ausnahme. Das die Frau am Pult höher steht als die dargestellten Männer kann daher als ein Auflehnen gegen die bestehenden Gesellschaftsordnungen gesehen werden.

Vereine an sich sind freie Selbstorganisationen formal gleichberechtigter Personen zur Verfolgung eines gewählten Zwecks. Sie galten in der bürgerlichen Bewegung des Vormärzes als Universialformel zur Konfliktlösung.[2] Politische Vereine brachten unterschiedliche Menschen zusammen, sie formulierten Eingaben, organisierten Rednerabende und Versammlungen, betrieben politische Bildungsarbeit, stellten Kandidaten auf und führten Wahlkämpfe. Insgesamt können diese Vereine als Vorform des deutschen Parteiensystem gesehen werden. Die Vereine waren jedoch nicht nur politisch orientiert: es gab Turnvereine, Sängervereine und Berufsvereine. Diese diskutierten und stimmten über die Zukunft, Rechte und Pflichten der eigenen Tätigkeit ab. Außerdem gab es Arbeitervereine, die verschiedene Tätigkeiten in sich als gewerkschaftlicher Dachverband vereinten. Hier wurden meist Kongresse abgehalten und Petitionen verfasst um die Arbeits- und Lebensbedingungen der Mitglieder zu verbessern. Vereine wurden meist von Bürgerlichen gegründet und auch von Bürgerlichen abgehalten. Es gibt jedoch Belege für Vereine, die auch die ländliche Bevölkerung und die Unterschichten erfassten. Das geschah vorrangig in Südwestdeutschland, Unterfranken, Thüringen und Schlesien. In der dargestellten Szene handelt es sich um Unterschichtsfrauen, was als Skandal gewertet werden kann. So wie Juden, Arme und Heimatlose waren auch Frauen und Unselbstständige von der Politik ausgeschlossen. Da es sich bei Dienstbotinnen um unselbstständige Frauen handelt, sie der Verein ein doppelter Angriff auf die alten Gesellschaftsnormen.

[...]


[1] Alexa Geisthövel: Restauration und Vormärz 1815-1847, Paderborn 2008, S.70-71

[2] Frank Lorenz Müller: Die Revolution von 1848/49, 3te Auflage, Darmstadt 2009, S.77

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Dienstmädchenverein zu Leipzig
Untertitel
Quelleninterpretation: Erste Sitzung des Dienstmädchenvereins zu Leipzig
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Die Revolution 1848/49
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
9
Katalognummer
V171279
ISBN (eBook)
9783640905638
ISBN (Buch)
9783640905492
Dateigröße
423 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Leipzig, Revolution, 1848, 1849, Dienstmädchen, Dienstboten, Verein, Vormärz, Frauenbewegung, Frauen, Emanzipation, Quelle, Bedeutung, Bewertung, Urteil, Frau, Dienstbotin, Quelleninterpretation
Arbeit zitieren
Anne Biernath (Autor), 2011, Dienstmädchenverein zu Leipzig, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/171279

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