Die Begründung des augusteischen Principats im Spiegel der antiken Literatur


Masterarbeit, 2011

77 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die antiken Autoren - Kurzporträts
2.1. Augusteische Zeit
2.1.1. Vergil
2.1.2. Horaz
2.1.3. Ovid
2.2. Nachaugusteische Zeit
2.2.1. Tacitus
2.2.2. Sueton
2.2.3. Cassius Dio

3. Octavian auf dem Weg an die Macht
3.1. Vergil
3.2. Horaz
3.3. Ovid
3.4. Tacitus
3.5. Sueton
3.6. Cassius Dio

4. Die Konstituierung der neuen Ordnung
4.1. Vergil
4.2. Horaz
4.3. Ovid
4.4. Tacitus
4.5. Sueton
4.6. Cassius Dio

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

ἐπεὶ δἐ πάνυ καλῶς πέπαισται , δότε κρότον καὶ πάντες ἡμᾶς μετὰ χαρᾶς προπέμψατε.1

Mit diesen Worten - so berichtet uns der Biograph Sueton - habe sich Augustus am Totenbett von seinen Vertrauten verabschiedet, ehe er seine ultima verba 2 an seine Ehefrau Livia richtete und daraufhin im Alter von knapp 76 Jahren aus dem Leben schied. Augustus, der nun seit weit mehr als 50 Jahren ununterbrochen - zuerst als Triumvir, dann seit der Schlacht bei Actium allein - an der Spitze des römischen Staates stand, ist als erster römischer Kaiser in die Geschichte eingegangen. Zu Recht bezeichnet BRINGMANN Augustus als „wirkungs- mächtigste und widersprüchlichste Gestalt der römischen Geschichte“3, bedenkt man den ambivalenten Weg, den Augustus zurücklegte. Auf der einen Seite stieg er nach der Ermordung Caesars in den entflammten Bürgerkrieg ein, hatte wenig für Recht und Gesetz übrig, beseitigte seine politischen Widersacher und stellte sich schlussendlich als Princeps, also als „erster Bürger“, an die Spitze des Staates. Dessen Lenkung übertrug er zwar nach eigener Aussage wieder in senat[us populique Rom]ani [a]rbitrium 4, aber faktisch behielt er sie fortwährend; denn Augustus stellte entgegen seiner Behauptung die Republik nicht wieder her, sondern schuf ein monarchisches Regierungssystem, das aufgrund seiner Stellung als Principat bezeichnet wird. Auf der anderen Seite stellte er jedoch Recht und Gesetz wieder her, verhalf dem Imperium zu einem immensen wirtschaftlichen sowie kulturellen Aufschwung und wurde - mit unzähligen Ehren bedacht - als pater patriae zum Begründer eines lange anhaltenden Friedens, der ihm zu Ehren als Pax Augusta bezeichnet wird.

Wie lang das Leben, die Regierungsdauer und wie zahlreich die Taten des Augustus waren, so unterschiedlich fällt das Urteil in der neueren Forschung bezüglich seiner Person und Herrschaft aus. Nannte MOMMSEN den Principat noch eine Herrschaftsform, die „staatsrechtlich keineswegs als Monarchie, auch nicht als beschränkte, bezeichnet werden darf“5, sondern als Dyarchie zwischen Princeps und Senat, so sah SYME in Augustus einen skrupellosen Machtmenschen, der als Revolutionär die Gunst der Stunde erkannte, sich brutal an die Macht kämpfte und fortan als Diktator herrschte.6 SYME schrieb - man mag sagen, als Fazit - über Augustus: „For power he had sacrificed everything.“7 BLEICKEN hingegen, der mit Kritik an Augustus sicher nicht sparte und den Princeps u.a. als einen Schauspieler bezeichnete,8 kommt am Ende seiner Augustus-Biographie zu einem eher positiven Urteil: „Die herausragende Leistung des Augustus liegt in der Rettung von Staat und Reich aus einer existentiellen, fast aussichtslos erscheinenden Krise.“9 Zudem habe Augustus das Reich konsolidiert und dürfe als der „Baumeister des Römischen Kaiserreichs“10 gelten. Zu einem gänzlich positiven Urteil gelangt KIENAST, der in seinem Fazit sagt, dass „Augustus die Macht nicht um ihrer selbst willen und zur Befriedigung seiner persönlichen Bedürfnisse geübt“11 habe; vielmehr zielte seine Herrschaft darauf ab, „die widerstrebenden Kräfte in der römischen Gesellschaft [zu] binden“12 sowie Frieden, Recht und Gesetz zu gewährleisten - und das hatte er letztendlich geschafft. Ein KIENAST sehr ähnliches Fazit zieht auch BRINGMANN: Die große Leistung des Augustus sei es gewesen - nachdem offensichtlich war, dass die Republik die Probleme des Staats nicht mehr lösen konnte -, eine Herrschaft geformt zu haben, die als Grundlage für das lange währende Kaiserreich galt. Mit seinem weitsichtigen Handeln habe Augustus zudem „den Beweis erbracht, dass ihm der Besitz der Macht kein Selbstzweck war.“13

Diese Arbeit möchte nun einen genaueren Blick auf die Darstellung des augusteischen Principats in der antiken Literatur, die ihrerseits genau wie die neuere Forschung nicht mit einer Stimme sprach, werfen. Die Literatur der augusteischen (und nachfolgenden) Zeit war äußerst ergiebig - und dies nicht zuletzt, da sie sich u.a. durch den Princeps selbst, aber auch durch Maecenas, einen Freund des Princeps, einer starken Förderung erfreute. An die antiken Textzeugnisse lassen sich viele Fragen stellen: Wie beschrieben die Autoren, die zu Zeiten des Augustus wirkten, das politische Geschehen? Wie schilderten es Autoren, die mit größerem zeitlichen Abstand schrieben? Gab es uneingeschränkte Zustimmung für die Taten des späteren Princeps oder gar Kritik an seiner Regierung? Unterscheiden sich hierbei die augusteischen von den nachaugusteischen Autoren - das heißt Autoren aus der Hohen Kaiserzeit und der severischen Zeit? Diese und andere Fragen sollen im Folgenden an die Textzeugnisse sechs ausgewählter14 Autoren gestellt werden: Vergil, Horaz, Ovid, Tacitus, Sueton und Cassius Dio.

Der Aufbau der vorliegenden Arbeit wird sich dabei an zwei übergeordneten Kapiteln orientieren. Nachdem die sechs Autoren anhand von Kurzporträts eingeführt wurden, soll mit dem Kapitel „Octavian auf dem Weg an die Macht“ begonnen werden, an das sich „Die Konstituierung der neuen Ordnung“ anschließt und näher betrachtet werden soll. Jeweils zu Beginn der einzelnen Kapitel wird ein einführender ereignisgeschichtlicher Überblick gewährt, ehe anhand ausgewählter Textbeispiele der antiken Autoren spezielle Aspekte der historischen Geschehnisse beleuchtet werden, um schließlich prüfen zu können, ob - um mit den oben zitierten Worten Suetons zu sprechen - auch ihnen das Schauspiel, das Augustus ihnen bot, gefallen hat.

2. Die antiken Autoren - Kurzporträts

2.1. Augusteische Zeit

2.1.1. Vergil

Publius Vergilius Maro,15 so sein vollständiger Name, wurde im Konsulatsjahr des Pompeius am 15. Oktober 70 v. Chr. in der Nähe von Mantua, einem kleinen Ort in Norditalien, geboren. Seine Eltern waren nicht sonderlich begütert, der Vater war vermutlich Töpfer und betrieb eine Bienenzucht.16 Am 15. Oktober 55 v. Chr. legte Vergil die Männertoga an.17 Ihm wurde vom Vater eine schulische (rhetorische) Ausbildung ermöglicht und im Zuge dieser Studien verbrachte Vergil die folgenden Jahre in Cremona, später in Mailand, Rom und Neapel. Zudem war er ein Schüler des epikureischen Philosophen Siro.18 Als Caesar an den Iden des März 44 v. Chr. ermordet wurde, stand Vergil im 26. Lebensjahr und erlebte demnach die Zeit der Bürgerkriege mit vollem Bewusstsein. Nachdem Vergil, der wahrscheinlich anfangs ein Anhänger des Antonius war, anschließend durch die Landkonfiszierungen Octavians zur Veteranenansiedlung nach dem Perusinischen Krieg seinen Besitz verloren oder zu verlieren gedroht hatte, stand ihm die Armut bevor. Doch durch Vermittlungsversuche des Cornelius Gallus bekam Vergil seinen Besitz wieder bzw. verlor ihn nicht und stand seitdem Octavian nahe, in dem er den Garant des Friedens sah.19 Im Anschluss an dieses Ereignis, wohl zwischen 41 und 39 v. Chr., verfasste er seine ersten Dichtungen,20 die Bucolica, bestehend aus zehn Hirtengedichten. Seit dem Jahr 37 v. Chr. schrieb Vergil an seiner Georgica, einer Dichtung über den Landbau, die er auf Anraten des Maecenas, in dessen Kreis er zu dieser Zeit aufgenommen wurde, begonnen und diesem schließlich auch gewidmet hatte.21 29 v. Chr. wurde das Werk veröffentlicht und Vergil las Octavian, zu dem er Dank Maecenas nun eine enge Bindung hatte, persönlich daraus vor.22 Wohl auch aus dieser Verbindung heraus trat Octavian noch im selben Jahr mit der Bitte an Vergil heran, ein Epos zu schreiben, in dem er seine Taten preisen sollte. Vergil schrieb daraufhin die nächsten zehn Jahre an der Aeneis. Sie blieb schließlich unvollendet und sollte nach dem testamentarischen Wunsch ihres Schöpfers, dem Augustus sich jedoch widersetzte, verbrannt und nicht veröffentlicht werden.23 Denn noch vor der Fertigstellung des Epos verstarb Vergil am 21. September 19 v. Chr. in Brundisium. Bestattet wurde er in Neapel und sein Grabmonument soll (u.a. laut der Vita Donatiana 24 ) folgende Inschrift gehabt haben:

Mantua me genuit, Calabri rapuere, tenet nunc Parthenope; cecini pascua, rura, duces. 25

2.1.2. Horaz

Zum Leben des Quintus Horatius Flaccus26 sind uns durch die vita Horati Suetons, die bei Donatus indirekt überliefert wurde, und diverse Angaben des Horaz in seinen eigenen Werken viele Informationen zugänglich.27 Demnach wurde Horaz am 8. Dezember 65 v. Chr. in Venusia,28 einem kleinen Städtchen in Süditalien, als Sohn eines Freigelassenen geboren. Obwohl sein Vater nicht sonderlich reich war, ermöglichte er ihm unter großen (finanziellen) Anstrengungen eine vorzügliche Ausbildung, die Horaz in Venusia begann und später sowohl in Rom als auch Athen fortsetzte.29 Nach Caesars Ermordung kämpfte Horaz, der in Athen weilte, als ranghoher Militärtribun (tribunus militum) auf Seiten der Caesarmörder in der Schlacht von Philippi. Die Schlacht ging verloren und Horaz konnte gerade noch sein Leben retten. Seinen gesamten Besitz verlor er in Folge der nun durchgeführten Enteignungen - er stand vor dem Ruin. Doch er hatte Glück, wurde begnadigt und konnte fortan als Sekretär am Schatzamt und Staatsarchiv in Rom arbeiten und auf diese Weise sein Auskommen sichern. In dieser Zeit begann er zu dichten. Kurze Zeit später wurde Horaz durch seinen Freund Vergil mit Maecenas vertraut gemacht und in dessen Kreis aufgenommen.30 Maecenas schenke Horaz ein Landgut in den Sabinerbergen und machte Horaz mit Octavian vertraut, der ihn später (als Augustus) sogar zu seinem Privatsekretär machen wollte; doch Horaz lehnte ab, was ihm der Princeps jedoch nicht übel nahm. Um 35 v. Chr. gab Horaz sein erstes (uns erhaltenes) Werk heraus, die Satiren (Buch 1); es folgten ein weiteres Satirenbuch, Epoden, Oden, Epistulae, 17 v. Chr. das carmen saeculare und die ars poetica.31

Mit 57 Jahren verstarb Horaz am 27. November 8 v. Chr. in Rom, nur 59 Tage nach dem Tod des Maecenas, neben dem er auf dem Esquilin beigesetzt wurde. Als Erben, so berichtet uns Sueton in der vita Horati, setzte er Augustus ein.

2.1.3. Ovid

Zur Vita des Publius Ovidius Naso32 erfahren wir das meiste aus seinen eigenen Werken, speziell aus trist. 4,10.33 Dieses Gedicht stellt eine Sphargis zum vierten Buch dar und der Dichter vermittelt dem Leser darin biographische Informationen. Nach seinem eigenen Zeugnis ist Ovid am 20. März 43 v. Chr. in Sulmo, einer kleinen Stadt etwa 90 Meilen von Rom entfernt, geboren. Seine Familie war sehr wohlhabend, gehörte einem alten Rittergeschlecht an und ermöglichte ihm und seinem älteren Bruder, der bereits mit 20 Jahren verstarb, eine (rhetorische) Ausbildung in Rom. In der Folgezeit hatte Ovid niedrige Ämter bekleidet, doch er gab die politische Laufbahn, für deren körperliche und geistige Anforderungen und Strapazen er sich nicht hinreichend gewappnet sah, auf und widmete sich - gegen den Willen des Vaters, der darin nur brotlose Kunst sah - vollends der Dichtung. Befreundet war Ovid nach eigener Aussage mit Properz, ebenso bekannt mit Horaz und Tibull, Vergil hat er noch gesehen. Seine ersten kleineren carmina las er bereits mit etwa 18 oder 19 Jahren öffentlich in der Stadt vor und wurde sogleich berühmt.

Ovids erste Dichtungen waren die Amores, Liebeselegien, die ursprünglich aus fünf getrennt voneinander herausgegebenen Büchern bestanden. Überliefert ist uns jedoch nur eine überarbeitete und auf drei Bücher reduzierte Ausgabe, die ihrerseits vermutlich erst um die Zeitenwende herausgegeben wurde. Es folgte wahrscheinlich die uns nicht überlieferte Tragödie Medea, sodann die Heroides, Elegien, die in Form von Briefen mythischer Frauen an ihre Männer verfasst sind.34 Daraufhin schrieb Ovid die elegischen Lehrgedichte Ars Amatoria, Remedia Amoris und Medicamina. In den Jahren 1 bis 8 n. Chr. schuf Ovid mit den Metamorphoses und den Fasti seine Hauptwerke. Die Metamorphoses sind ein Epos, das von Verwandlungs- geschichten in fünfzehn Büchern erzählt, die Fasti rechnet man zur aitiologischen Elegie. Ovid beschreibt den römischen Festkalender der Monate Januar bis Juni in sechs Büchern. Die zweite Jahreshälfte verfasste bzw. veröffentlichte Ovid nicht mehr, sollte sie überhaupt schon als Entwurf - und das ist umstritten - existiert haben.35

Im Jahre 8 n. Chr. wurde Ovid von Augustus nach Tomi am Schwarzen Meer ins Exil verbannt. Seinen Besitz durfte er behalten, jedoch nicht wieder nach Rom zurückkehren. Über die wahren Gründe der Verbannung wird bis heute in der Forschung spekuliert,36 doch dürfte zumindest ein Grund die Ars Amatoria sein, die mit ihrem unzüchtigen Inhalt im Widerspruch zu den Sittengesetzen des Princeps stand. Auch eine Verstrickung Ovids in einen Skandal innerhalb der Familie des Kaisers kommt in Betracht.37 Ovid nutzte jedenfalls die Zeit, die er in Tomi hatte, und war literarisch sehr produktiv. Er verfasste die Tristia und Epistulae ex Ponto, Elegien, in denen er sein Schicksal beklagt und mit denen er versuchte, eine Aufhebung des Exils zu erwirken, was ihm jedoch nicht gelang. Des Weiteren schrieb er die Ibis, eine briefähnliche Verfluchung im elegischen Versmaß, die wohl als literarische Übung betrachtet werden darf.38

Auch nach dem Regierungsantritt des Tiberius wurde die Verbannung Ovids nicht aufgehoben und so verstarb er im Jahre 17 n. Chr. schließlich in Tomi, ohne je wieder nach Rom gekommen zu sein.39

2.2. Nachaugusteische Zeit

2.2.1. Tacitus

Zum Leben des Tacitus40 besitzen wir aufgrund fehlender Quellen nur sehr wenige und auch nicht immer gesicherte Informationen. Sogar das Praenomen kann nicht als sicher gelten, doch nimmt man an, da es in einem Codex überliefert wurde, dass der vollständige Name Publius Cornelius Tacitus lautet. Er dürfte etwa um 55 n. Chr. in Gallien geboren worden sein und war wahrscheinlich der Sohn oder der Neffe des Cornelius Tacitus, der seinerseits ritterlicher Procurator der Gallia Belgica war.41 Tacitus erhielt u.a. bei Marcus Aper und Iulius Secundus42 eine rhetorische Ausbildung, die ihn auf die senatorische Laufbahn im Staat vorbereiten sollte. Er wurde, nachdem er wohl 78 n. Chr. die Tochter des aus Gallien stammenden Iulius Agricola geheiratet hatte, 88 n. Chr. Praetor und war zudem quindecimvir sacris faciundis. 97 n. Chr. war er consul suffectus, ehe er 112/13 n. Chr. zum Proconsul der Provinz Asia ernannt wurde.43

Etwa 98 n. Chr. veröffentlichte Tacitus sein erstes Werk, Agricola (De vita et moribus Iulii Agricolae), eine Lobrede auf seinen verstorbenen Schwiegervater, der Statthalter in Britannien war. Kurze Zeit später folgte die Germania (De origine et situ Germanorum), eine geo- und ethnographische Schrift, in der Tacitus in zwei Teilen zum einen allgemein von der Herkunft und den Sitten der Germanen und zum anderen von den speziellen Charakteristika der einzelnen Stämme berichtet.44 Zwischen den Jahren 102 und 107 n. Chr. entstand der Dialogus de oratoribus, eine Abhandlung, in der Tacitus seinem Vorbild Cicero (auch stilistisch) nachzueifern versuchte. Der Autor lässt in seinem Dialogus die Gesprächspartner über die vermeintlichen Gründe des Verfalls der Beredsamkeit streiten. Tacitus’ Hauptwerke, die Historiae und die Annales (Ab excessu divi Augusti), entstanden etwa in den Jahren 105 bis 109 und 110 bis zu (oder kurz vor) seinem Tode, also vermutlich um 120 n. Chr.45 Beide Werke sind nur teilweise erhalten. Die Historiae, welche die Zeit der flavischen Kaiser (69 bis 96 n. Chr.) behandelten, bestanden vermutlich aus 12 oder 14 Büchern, von denen jedoch nur die ersten vier gänzlich erhalten sind, das fünfte nur zum Teil. Von den Annales besitzen wir ebenfalls nur Teile, insgesamt etwa zwei Drittel ihres ursprünglichen Umfangs. Sie bestanden einst aus 16, vielleicht auch 18, Büchern und behandeln die römische Geschichte in der Zeit vom Tode des Augustus bis zum Tode Neros 68 n. Chr.46

2.2.2. Sueton

Gaius Suetonius Tranquillus47 wurde vermutlich um 70 n. Chr.48 in Hippo Regius, im heutigen Algerien, als Sohn eines Ritters geboren. Seine Ausbildung erhielt er in Rom und er lernte auch dort Plinius d. J. kennen, mit dem ihn in den folgenden Jahren ein freundschaftliches Verhältnis verband. So war es Plinius, der Sueton in das contubernium 49, also als Schüler, aufnahm und ihm u.a. das ius trium liberorum unter Traian verschaffte.50 Zudem war Sueton zuerst unter Traian, dann unter Hadrian am Hof beschäftigt und bekleidete die Ämter a studiis, a bibliothecis und ab epistulis; doch im Jahre 121/2 verlor er seine Anstellung infolge des Sturzes von Septicius Clarus, einem Praetorianerpraefekten.51 In der Folgezeit befasste sich Sueton bis zu seinem Lebensende ausschließlich mit seinem literarischen Vorhaben. Ein genaues Todesdatum existiert nicht, doch wird aufgrund verschiedener Textzeugnisse und des großen Umfangs seines literarischen Schaffens vermutet, dass Sueton frühestens kurz nach 130 n. Chr. starb, wobei auch ein Datum um 140 n. Chr. nicht unrealistisch zu sein scheint.52

Das Werk Suetons, das uns beinahe gänzlich erhalten blieb (es fehlt die Widmung und eine evtl. existierende Einleitung), sind die Kaiserviten, De vita Caesarum. Es enthält die Viten aller zwölf Caesaren von Gaius Iulius Caesar bis Domitian. Dabei folgen Aufbau und Inhalt der verschiedenen Biographien einem strikten Muster: Es werden jeweils die Kategorien Abstammung, Kindheit, Erziehung, Amtsantritt, Tod, Statistiken und Beisetzung behandelt. Zudem beschreibt Sueton in allen Viten etwa Charakterzüge oder auch Geschichten aus dem Privatleben der Caesaren.53 Die Entstehungszeit der Kaiserviten präzise zu bestimmen, ist nicht möglich. Vermutlich wurden sie von Sueton schon vor 120 n. Chr. begonnen und erst nach 122 n. Chr. fortgesetzt bzw. beendet.

Ein weiteres Werk Suetons, das uns jedoch nur zu einem geringen Teil erhalten ist, heißt De viris illustribus. Es enthielt Lebensbeschreibungen verschiedener Personenkreise, darunter Geschichtsschreiber, Grammatiker, Rhetoren, Dichter, Redner; erhalten sind nur die Biographien der Grammatiker und der Anfang der Rhetoren. Die Viten der Dichter sind darüber hinaus teils durch die Überlieferungen zu den Dichtern selbst auf uns gekommen; sie sind in ihrer Echtheit jedoch nicht alle unumstritten.54

Viele weitere (kleinere) Werke Suetons sind gänzlich verloren, lediglich eine ganze Reihe an Werktiteln sind für uns noch fassbar, die in der Suda verzeichnet sind - einer Enzyklopädie aus dem 10. Jh. Anhand der in der Suda aufgelisteten Titel lässt sich erahnen, wie thematisch vielfältig Sueton geschrieben haben muss; die Biographie war nicht die einzige literarische Gattung, die sein Interesse geweckt hatte.55

2.2.3. Cassius Dio

Über Cassius Dio Cocceianus56 erfahren wir vieles aus seinem eigenen Werk; so wurde er wahrscheinlich im Zeitraum zwischen den Jahren 155 und 164 n. Chr. in Nikaia, einer Stadt in Bithynien, als Sohn des Cassius Apronianus, der dem römischen Senat angehörte, geboren.57 Cassius Dio sollte seinem Vater folgen und ebenfalls eine senatorische Laufbahn einschlagen. Er ging nach Rom und unter dem Kaiser Commodus gelangte er (wahrscheinlich noch vor dem Jahre 192 n. Chr.) schließlich in den Senat.58 In der Folge wurde er zum Prätor, Statthalter in östlichen Provinzen und unter Septimius Severus zum consul suffectus. Kaiser Macrinus machte Cassius Dio zum Curator von Smyrna und Pergamon, ehe er um 223 n. Chr. vom Kaiser Alexander Severus zum Proconsul von Africa, Dalmatien und Oberpannonien ernannt wurde.59 229 n. Chr. wurde Cassius Dio schließlich noch zum consul ordinarius, ehe er in seine Heimat Bithynien zurückkehrte und dort vermutlich um 235 n. Chr. verstarb.60

Cassius Dio verfasste während der Herrschaft des Septimius Severus eine panegyrische Schrift auf den Kaiser, die jedoch verloren ist. Sein Hauptwerk ist eine in griechischer Sprache verfasste „Römische Geschichte“ - ῾Ρωμαικά ἱστορία - in 80 Büchern, die von der Gründung Roms bis in seine eigene Zeit reichte. Dio arbeitete vermutlich mehr als zwölf Jahre61 - etwa bis 216 n. Chr. - daran. Von diesem annalistisch aufgebauten historiographischen Werk sind die Bücher 36 bis 60, die den Zeitraum zwischen 68 v. Chr. und 47 n. Chr. beschreiben, nahezu vollständig erhalten geblieben; die restlichen Bücher sind teilweise in Fragmenten und/oder mittelalterlichen Exzerpten überliefert.62

3. Octavian auf dem Weg an die Macht

Als C. Iulius Caesar an den Iden des März 44 v. Chr. einem Attentat zum Opfer fiel, begann eine Zeit erneuter Wirren im römischen Staat.63 Der Großneffe Caesars, Octavian,64 war vom ermordeten Diktator testamentarisch adoptiert und zum Erben ernannt worden. Octavian wurde als C. Octavius am 23. September im Jahre 63 v. Chr. in Rom geboren65 und entstammte der Familie der Octavier, die nach neueren Erkenntnissen der Forschung66 nicht zur Nobilität, wohl aber zum Ritterstand zählte.67 Aufgewachsen ist er in dem in den Albaner Bergen gelegenen Ort Velitrae, aus dem die Familie der Octavii stammte.68 Bereits früh kümmerte sich Caesar um Octavian, förderte ihn und stattete ihn mit zahlreichen und teilweise - sein Alter und seine Stellung betreffend - unüblichen Ehren69 aus, was einen vermuten lassen könnte, dass Caesar bereits daran dachte, einen Nachfolger aufzubauen.70

Octavian weilte aus Studiengründen in Apollonia, als ihn die Nachricht vom Tode Caesars erreichte.71 Alsbald machte er sich auf den Weg nach Italien, ohne zu diesem Zeitpunkt etwas von seiner Adoption oder Erbschaft zu wissen. In Unkenntnis der (politischen) Lage und aus Angst, in Unruhen zu geraten, zog er es vor, in Lupiae zu landen. Hier erfuhr er von der Adoption, dem Testament und den Verhältnissen in Rom, die sich zu Gunsten der Caesarianer entwickelt hatten, und ging nach Brundisium. Von hier reiste er unter dem Beifall der von Caesar stationierten Truppen, die nun zu Octavians Klientel zählten, weiter nach Rom, um im Mai 44 v. Chr. offiziell das Testament anzunehmen.72 Nach Erbstreitigkeiten mit Antonius, der in Octavian bereits einen Konkurrenten sah und sich weigerte, Gelder aus dem Erbe Caesars an Octavian auszuzahlen, die u.a. für eine Legate an die plebs und die Veteranen bestimmt waren, veranstaltete Octavian im Juli auf eigene Kosten die ludi victoriae Caesaris, wobei ein Komet, das sidus Iulium, ihm dabei half, das Volk glauben zu lassen, dass Caesaris animam inter deorum inmortalium numina 73 aufgestiegen sei. In der Folge verschärften sich die Differenzen zwischen Antonius und Octavian, wobei beide versuchten, verschiedene Legionen auf ihre Seite zu ziehen, um sich für eine militärische Auseinandersetzung zu wappnen. In dieser sich entwickelnden Konfrontation sollte eine Person eine mehr als entscheidende und folgenreiche Rolle spielen - Cicero. Er war ein Verfechter der alten Ordnung, also der Republik, und fürchtete, dass aus dem Zweikampf erneut eine Diktatur erwachsen könnte. So versuchte er, Octavian im Kampf gegen Antonius den Rücken zu stärken, da er den noch jungen Mann für lenkbar hielt74 und hoffte, ihn für die Sache der Republik nutzbar machen zu können. Octavian seinerseits konnte sich der Unterstützung Ciceros nicht entsagen, musste er doch eine Legitimation seines Handelns anstreben und brauchte dafür Verbündete im Senat.75 Dies ging sogar so weit, dass Octavian, der den Mord an seinem Adoptivvater rächen wollte, als Vertrauensbeweis gegenüber Cicero einen der Caesarmörder als Volkstribun anerkannte. BLEICKEN formulierte die skurril anmutende Koalition zwischen Octavian und Cicero, der politisch auf der entgegen gesetzten Seite stand, treffend: „Octavian stand nun mit den Caesarmördern gegen die Caesarianer. Der Lohn des Verrats an seinem Adoptivvater, dem Diktator, war die Macht.“76 Denn im Gegenzug für das Treuebekenntnis sorgte Cicero dafür, dass Octavian in den Senat aufgenommen wurde, sich mehr als zehn Jahre vor der Altersfrist um Ämter bewerben durfte und ein proprätorisches Kommando erhielt, wodurch seine Truppenaushebungen nachträglich auf eine legale Basis gestellt wurden. Zudem sollte Antonius, obwohl er amtierender Konsul war, zum Staatsfeind erklärt werden.77 Es folgte der Mutinensische Krieg, den Octavian und das republikanische Lager, trotz des Verlusts der beiden Konsuln Pansa und Hirtius, gegen Antonius für sich entscheiden konnten. Antonius wurde nun zum Staatsfeind erklärt. Octavian ging aus dieser Schlacht gestärkt hervor, wurde aber von Cicero nicht hinreichend gewürdigt - im Gegenteil. Cicero wollte Octavian mit einer ovatio, einem kleinen Triumph abspeisen und dachte bereits daran, ihn von der politischen Bühne zu entfernen.78 Doch Cicero, der sich schon im „Hochgefühl des Sieges“79 befand, schätze - wie sich zeigen sollte - die Situation falsch ein. Denn Octavian ließ Antonius nach dem Mutinensischen Krieg nicht nur entkommen, sondern er war nun sogar im Begriff, die politische Seite zu wechseln und ein Bündnis mit Antonius einzugehen.

Nachdem Pansa und Hirtius beide in der Schlacht gefallen waren und das Konsulat somit vakant war, forderte Octavian dieses Amt für sich ein.80 Denn sein proprätorisches Kommando hätte ihm vom Senat, der ihm unter Führung Ciceros nun nicht mehr gut gesonnen war, jederzeit aberkannt werden können und dies hätte ihn wieder zum Privatmann degradiert. Das galt es für ihn zu verhindern, um seinen Einfluss in Rom aufrecht zu erhalten und um weiterhin in einem legalen Rahmen agieren zu können. Cicero und der Senat verweigerten ihm jedoch das Amt des Konsuls und so marschierte Octavian mit seinem Heer gegen Rom. Die vom Senat zur Hilfe gerufenen Truppen liefen jedoch zu Octavian über und unter dem Druck der Waffen fand eine „staatsrechtliche Farce“81 statt, an deren Ende der Senat Octavian am 19. August 43 v. Chr. zum Konsul machte. Daraufhin wurde durch die lex curiata Octavians Adoption durch Caesar endlich offiziell bestätigt,82 was den Erben - unter Rückgriff auf die Staatskasse - in die Lage versetzte, die noch immer ausstehende Legate an die Soldaten und die plebs auszuzahlen. Des Weiteren nutze er seine neue Stellung dazu, die unter Drängen Ciceros ausgesprochene Acht gegen Antonius und Lepidus aufzuheben und sogleich die Caesarmörder Brutus und Cassius, die sich mit Kommanden ausgestattet im Osten des Reiches befanden, zu Staatsfeinden zu erklären. Octavian hatte nun endgültig das politische Lager gewechselt, was auch Cicero anerkennen musste.83

Noch im Oktober 43 v. Chr. trafen sich Lepidus, Antonius und Octavian, um ein Bündnis einzugehen - das zweite Triumvirat. Sie teilten die Machtbereiche untereinander auf und ließen ihre Herrschaft noch im November durch die lex titia formaljuristisch für die Dauer von fünf Jahren auf ein legales Fundament stellen - faktisch stand dies jedoch außerhalb aller Gesetze. Die drei Machthaber hießen nun offiziell tresviri rei publicae constituendae und besaßen u.a. ein imperium proconsulare. Um ihre Machtposition zu festigen, um das Lager der Republikaner in Rom zu schwächen und vor allem um Gelder für den bevorstehen Krieg gegen die Caesarmörder im Osten zu erhalten, ließen sie Proskriptionen gegen die Caesarmörder bzw. ihre Verbündeten folgen,84 denen auch Cicero am 7. Dezember zum Opfer fiel.

Im Oktober und November des folgenden Jahres kam es in der Doppelschlacht bei Philippi zur entscheidenden Auseinandersetzung der beiden Lager, in der die Caesarmörder Brutus und Cassius unterlagen.85 Mit ihrem Tod „war denn auch das Schicksal der Römischen Republik besiegelt.“86 Die Triumvirn hatten nun den Osten des Reiches unter ihre Kontrolle gebracht und teilten die Machtbereiche neu auf, wobei Lepidus annähernd entmachtet wurde. Antonius sollte seine führende Stellung im Triumvirat behaupten; er behielt die Gallia Comata und Narbonensis und sollte im Osten Geld für die Veteranenansiedlung in Italien eintreiben, für die Octavian zuständig war. Diese Aufgabe war für den jungen Caesar auf den ersten Blick undankbar, war die Ansiedlung doch mit Enteignungen verbunden, die das Ansehen Octavians beim Volk drastisch zu verschlechtern drohten. Doch andererseits konnte sich Octavian dem Zuspruch der Veteranen, der politisch von großer Bedeutung war, sicher sein. Das wusste auch Lucius Antonius, der Bruder des Triumvirn, und Konsul des Jahres 41 v. Chr.; er zögerte die Veteranenansiedlung deshalb heraus und versuchte, Octavian in den Senatorenkreisen zu diskreditieren. Dieser Streit mündete im Winter 41/40 v. Chr. im Perusinischen Krieg, den Octavian für sich entschied. Er gewährte zwar Lucius Antonius die Flucht, aber richtete unter den Bewohnern von Perusia ein Blutbad an und überließ die Stadt den Soldaten zur Plünderung.87 Eine offene Konfrontation zwischen Octavian und Antonius schien nun bevorzustehen.

Doch im Herbst 40 v. Chr. kam alles anders: Antonius landete zwar in Brundisium und wollte Octavian belagern, doch die Truppen der beiden Triumvirn waren kampfesmüde und nötigten sie zu einer Aussöhnung. Im „Vertrag von Brundisium“ einigte man sich nun u.a. darauf, dass Octavian der Westen zufiel, Antonius der Osten. Zudem sollte Octavian Sextus Pompeius bekämpfen, der mit seiner Flotte die Getreidelieferungen nach Italien behinderte und somit für Hungersnöte und Aufstände in Italien sorgte. Octavian, der noch keine Flotte besaß, musste im Angesicht der gegenwärtigen Situation aber zunächst einen Frieden mit Sextus Pompeius eingehen. In diesem „Frieden von Misenum“, der im Frühjahr 39 v. Chr. geschlossen wurde, gewährte Octavian Sextus Pompeius die Herrschaft über Korsika, Sizilien und Sardinien; dafür erklärte sich Sextus Pompeius bereit, seine Truppen von der italienischen Küste abzuziehen und die Getreidelieferung wieder durchzulassen.88 Der Vertrag hingegen sollte sich alsbald als nichtig erweisen. Sofort begann Octavian mit der Errichtung einer Flotte, um gegen Sextus Pompeius zu ziehen. Doch verlor er die ersten Gefechte kläglich und betraute daraufhin Agrippa mit dem Bau einer Flotte und dem Krieg.89 Auch Antonius kam im Frühjahr 37 v. Chr. Octavian zur Hilfe. Zuerst verlängerten die beiden Triumvirn eigenmächtig und ohne rechtliche Grundlage in Tarent das bereits im Dezember des Vorjahres ausgelaufene Triumvirat nachträglich um weitere fünf Jahre,90 dann überlies Antonius Octavian 120 Schiffe und erhielt dafür im Gegenzug das (nie eingelöste) Versprechen, 20.000 Soldaten für seinen Partherfeldzug zu erhalten.91 Mit dieser Hilfe und der Unterstützung von Lepidus konnte Octavian schließlich nach vielen Gefechten und unter großen Verlusten am 3. September 36 v. Chr. in der Seeschlacht bei Naulochos Sextus Pompeius endgültig besiegen.92 Dazu entmachtete er Lepidus völlig, nachdem dieser die Besitzungen des Sextus Pompeius für sich gefordert hatte. Das gesamte Reich war nun in den Händen von Octavian (im Westen) und Antonius (im Osten), der seinerseits große Verluste im Partherfeldzug hatte hinnehmen müssen. Ein entscheidender Zweikampf stand nun unmittelbar bevor.

Nachdem Octavian wieder nach Rom gelangt war, wurden ihm diverse Ehren zuteil und er ließ sich als Garant für den nun errungenen Frieden preisen.93 Antonius hingegen verblieb im Osten und musste zusehen, wie Octavian sich immer größerer Beliebtheit und Macht erfreute. Als dieser 33 v. Chr. zum zweiten Mal das Konsulat bekleidete, begann er damit, Antonius öffentlich anzugreifen. Er hielt ihm vor, die Provinzen im Osten in Klientelfürstentümer umzuwandeln und so den Einfluss Roms zu schwächen. Zudem kritisierte er die Stellung Kleopatras.94 Als jedoch am Ende des Jahres die bereits einmal verlängerte Zeit des Triumvirats ausgelaufen war, stand Octavian ohne Amtsgewalt da. Des Weiteren waren die beiden Konsuln für das Jahr 32 v. Chr. Anhänger des Antonius, die ihre Stellung sogleich nutzten, um Octavian zu diskreditieren. Aber in Folge von Drohungen und der immensen militärischen Präsenz von Truppen Octavians flohen die Konsuln und mit ihnen etwa 300 Senatoren in den Osten zu Antonius.95 Die Fronten waren nun geklärt und Octavian genoss den Rückhalt des Senats. Des Weiteren spielte es Octavian in die Karten, dass Lucius Munatius Plancus, ein Anhänger des Antonius, mit seinem Neffen zu ihm überlief. Durch ihn bekam Octavian Informationen zum Testament des Antonius, in dem Antonius angeblich u.a. den Wunsch äußerte, nach seinem Tod neben Kleopatra in Alexandria bestattet zu werden. Zudem wurde das Gerücht verbreitet, Antonius wolle Kleopatra Rom zum Geschenk machen, wenn er den Krieg siegreich beendet hätte, und die Hauptstadt des Reiches nach Ägypten verlegen.96 Diese von Octavian verbreitete Schreckensnachricht führte dazu, dass der Senat Antonius das Konsulat für das folgende Jahr sowie seine Kommanden aberkannte und Kleopatra, die augenscheinlich eine große Gefahr für Rom darstellte, offiziell den Krieg erklärte.97 Octavian, der jedoch nur Privatmann war und keinerlei Amtsgewalt besaß, ließ nun vom ganzen westlichen Reich einen Treueeid auf seine Person schwören,98 der ihn ohne jegliches Amt dazu legitimierte, den Krieg zu führen.99 Die entscheidende Schlacht sollte am 2. September 31 v. Chr. zur See bei Actium geschlagen werden, die Octavian mit der Unterstützung Agrippas für sich entschied. Kleopatra und Antonius gelang die Flucht, doch seine Truppen liefen wenige Tage später zu Octavian über. Sein endgültiges Ende fand der Zweikampf zwischen Octavian und Antonius am 1. August 30 v. Chr., als Antonius ein letztes verzweifelt geführtes Gefecht vor Alexandria gegen Octavian verlor und seine restlichen Truppen ihn verließen. Daraufhin nahm er sich das Leben und auch Kleopatra tat es ihm einige Tage später gleich100 - Octavian war nun der alleinige Herrscher.

3.1. Vergil

Bereits in den frühen Texten des Dichters, der einen Großteil seines Lebens in Zeiten politischer Unruhen verbracht hat, kann man die Sehnsucht nach friedlicheren Verhältnissen klar fassen.101 In seinem ersten Werk, den Bucolica, stimmt Vergil bereits lobende Worte, wenn auch (noch) indirekter Natur, auf Octavian an, obwohl zu dieser Zeit noch lange nicht abzusehen war, dass jener dereinst der alleinige Herrscher des Imperiums werden sollte. Das so frühe Lob mag darin begründet liegen, dass sich Vergil dank Octavian dem drohenden Verlust des eigenen Besitzes in Folge der Enteignungen nach dem Perusinischen Krieg entziehen konnte. So eröffnet der Dichter die 1. Ekloge mit dem Schicksal des Meliboeus, der seinen Besitz verlor. Ihm entgegnet sein Gesprächspartner Tityrus:

O Meliboee, deus nobis haec otia fecit.
namque erit ille mihi semper deus, illius aram saepe tener nostris ab ovilibus imbuet agnus. ille meas errare boves, ut cernis, et ipsum ludere quae vellem calamo permisit agresti. 102

Der deus 103 kann demnach als Octavian gedeutet werden, ob hingegen Tityrus tatsächlich direkt das Schicksal Vergils widerspiegelt, wird noch immer kontrovers in der Forschung diskutiert.104 Als uneingeschränktes Lob für die Taten Octavians kann die 1. Ekloge jedoch nicht verstanden werden, legt doch Meliboeus, stellvertretend für die Enteigneten, sein Schicksal in der Ekloge ausführlich dar. Es lässt sich aber an ihr dennoch erkennen, dass Vergil bereits zu diesem Zeitpunkt der Überzeugung war, „in diesen Jahren an einer Wende der Zeiten zu stehen“105, die mit Octavian Besserung bringen sollten.

In der wohl berühmtesten und am meisten diskutierten, der 4. Ekloge,106 die höchstwahrscheinlich nach dem Perusinischen Krieg107 und schon „unter dem Eindruck des Friedens von Brundisium verfasst“108 wurde, geht Vergil einen großen Schritt weiter. Dort heißt es:

iam redit et Virgo, redeunt Saturnia regna; iam nova progenies caelo demittitur alto. tu modo nascenti puero, quo ferrea primum desinet ac toto surget gens aurea mundo, casta fave Lucina: tuus iam regnat Apollo. teque adeo decus hoc aevi, te consule inibit, Pollio, et incipient magni procedere menses; 109

Der Dichter besingt also einen puer, der dereinst unter dem Konsulat des Pollio - also 40 v. Chr. - ein goldenes Zeitalter herbeiführen wird. Doch wer ist dieser puer ? Die Vermutungen sind u.a., dass es sich um einen der noch nicht geborenen Söhne der Octavia und des Antonius oder des Octavian und der Scribona handeln könnte, die aber schließlich beide ein Mädchen wurden.110 Ebenso existiert(e) die im Mittelalter aufgekommene Interpretation, Vergil habe bereits damals von der Geburt des Heilands Jesus Christus gekündet. Doch ein interessanter und denkbarer Ansatz findet sich bei BINDER, der auf SEEL zurückgreift. Er vermutet, dass Vergil die 4. Ekloge in einer Retrospektive schrieb und mit dem puer den 63 v. Chr. geborenen Octavian meinte, der nun unter dem Konsulat des Pollio das neue goldene Zeitalter herbeiführen wird.111 Es wird sich zwar, wie auch KIENAST sagt, niemals „eine sichere Antwort auf die Frage nach der Identität des Kindes“112 gewinnen lassen, doch scheint mir der Ansatz von BINDER insofern sinnvoll, da er ein konsequent voranschreitendes Lob für den späteren Augustus impliziert,113 das sich in der Georgica fortsetzt.

[...]


1 Suet. Aug. 99,1.

2 Zu den ultima verba bei Sueton vgl. GUGEL 1977: 95ff.

3 BRINGMANN 2007: 13.

4 Aug. RG 34.

5 MOMMSEN31887: 748.

6 Vgl. SYME 1939: 509ff.

7 SYME 1939: 524.

8 Vgl. BLEICKEN 1998: 671.

9 BLEICKEN 1998: 678.

10 BLEICKEN 1998: 687.

11 KIENAST4 2009: 517.

12 KIENAST4 2009: 519f.

13 BRINGMANN 2007: 244.

14 Allein der begrenzte Umfang dieser Arbeit zwingt zur Auswahl; es wurden mit Bedacht die Autoren gewählt, die einen großen Fundus an bedeutenden Texten für die betreffende Zeit bieten; weitere Autoren, die hätten bedacht werden können, sind u.a. Properz, Tibull, Livius, Plinius, Velleius Paterculus, Appian und Nikolaos von Damaskus.

15 Allgemein zu Vergil und die neuere Forschung im Überblick vgl. MARTINDALE 1997.

16 Vgl. BÜCHNER 1955: 1021-1264. BÜCHNER verweist hier auch sehr detailliert auf die verschiedenen vorliegenden vitae Vergils, aus denen die meisten Angaben zu seinem Leben zu erfahren sind; siehe auch Fußnote 24.

17 Mart.12,67,5.

18 Vgl. Verg. Catalepton 8.

19 Vgl. KIENAST42009: 293.

20 Vergil hat wohl schon früher gedichtet, jedoch ist die Echtheit vieler Werke, die in der Appendix Vergiliana zusammengefasst sind, umstritten. Näheres dazu u.a. bei ALBRECHT21994: 561-564.

21 Vgl. GRAF 1997: 197.

22 Donat. Vita Verg. 27.

23 Vgl. Plin. nat. 8,114.

24 Die Vita ist enthalten in: Vitae Vergilianae antiquae. Vita Donati, vita Servii, vita Probiana, vita Focae, S. Hieronymi excerpta, ed. C. HARDIE, London 1966.

25 Donat. Vita Verg. 36.

26 Allgemein zu Horaz und der neuesten Forschung im Überblick vgl. HARRISON 2007.

27 Die folgenden Angaben zur Vita beruhen - sofern nicht anders angegeben - auf der vita Horati, die der Ausgabe von KLINGER (Quinti Horati Flacci Opera, F. KLINGER Leipzig 31959) vorangestellt ist.

28 Vgl. Hor. sat. 2,1,34f.

29 Vgl. Hor. sat. 1,6,71-78 und epist. 2,2,41-45.

30 Vgl. Hor. sat. 1,6,52-64.

31 Die Aufzählung ist nicht chronologisch; viele Werke entstanden parallel und/oder zeitlich versetzt. Die Datierung der ars poetica ist zudem umstritten; vgl. dazu auch ALBRECHT21994: 566.

32 Allgemein zu Ovid und der neuesten Forschung im Überblick vgl. KNOX 2009

33 Die folgenden Angaben zum Leben Ovids beruhen - falls nicht anders angegeben - auf Ov. trist. 4,10.

34 Die genaue Chronologie der Werke vor der Verbannung Ovids ist umstritten, vgl. dazu auch KENNEY 1998: 111.

35 Vgl. CONTE 1999: 355f.

36 Vgl. DÖPP 1992: 21.

37 Ovid selbst sagte: scite, precor, causam (nec vos mihi fallere fas est) / errorem iussae, non scelus, esse fugae (Ov. trist. 4,10,89f.).

38 Vgl. KENNEY 1998: 116.

39 Vgl. CONTE 1999: 340. Das Todesjahr lässt sich, so CONTE, auch auf 18 n. Chr. durch einen Verweis in den Fasti datieren.

40 Immer noch grundlegend zu Tacitus ist SYME 1958; ein Überblick über die neueste Forschung findet sich bei WOODMAN 2009.

41 Vgl. Plin. nat. 7,76.

42 So die eigene Aussage in Tac. dial. 2,1.

43 Vgl. ALBRECHT21994: 869f.

44 Vgl. FLAIG 2001: 1209.

45 Vgl. FLAIG 2001: 1210.

46 Vgl. ALBRECHT21994: 875.

47 Allgemein zu Sueton vgl. BALDWIN 1983.

48 Das Geburtsdatum lässt sich vage aufgrund von Suet. Nero 57,2 und Domitian 12,2 erschließen.

49 Plin. epist. 10,94.

50 Plin. epist. 10,94-95.

51 Vgl. SALLMANN 2001: 1084f.

52 Vgl. CONTE 1999: 546.

53 Vgl. SALLMANN 2001: 1085.

54 Vgl. ALBRECHT21994: 1105.

55 Vgl. CONTE 1999: 546f.

56 Allgemein zu Cassius Dio vgl. auch HOSE 1994.

57 Cass. Dio 75,15,3.

58 Cass. Dio 72,16,3.

59 Cass. Dio 49,36,4 und 80,1,2f.

60 Vgl. zu den Lebensdaten und Ämterstationen auch LENDLE 1992: 254f.

61 Cass. Dio 72,23 und 74,3.

62 Vgl. LENDLE 1992: 255.

63 Detailliertere Darstellungen dieses Kapitels finden sich in den verschiedenen Augustusbiographien, etwa BLEICKEN 1998: 7-298, BRINGMANN 2007: 17-86 und KIENAST42009: 1-59.

64 Zur Vereinfachung wird in der Folge der Name „Octavian“ für die Zeit vor 27 v. Chr. verwendet, der Name „Augustus“ für die Zeit danach; zu den genauen Namen Octavians und ihren Bedeutungen vgl. etwa SCHLANGE-SCHÖNINGEN 2005: 3ff.

65 Suet. Aug. 5.

66 Vgl. hierzu Kienast 42009: 2.

67 Vell. Pat. 2,59,2.

68 Vgl. hierzu und zu einzelnen Familienangehörigen im Detail Suet. Aug. 1ff.

69 Octavian wurde von Caesar schon mit sechszehn Jahren zum pontifex und später zum magister equitum gemacht, mit der dona militaria ausgezeichnet und in den Stand der Patrizier erhoben; vgl. dazu auch KIENAST42009: 3ff.; Vell. Pat. 2,59,3; Suet. Aug. 8,1.

70 Vgl. zu den Ehren und der Theorie zur Nachfolge ALFÖLDI 1976: 17f.

71 Vell. Pat. 2,59,4.

72 Vgl. Cass. Dio 45,3-6.

73 Plin. nat. 2,94.

74 Cic. Att. 16,14,2.

75 Vgl. KIENAST42009: 31 und ALFÖLDI 1976: 111.

76 BLEICKEN 1998: 102.

77 Cic. Phil. 3,14; vgl. zudem die mehr als lobenden Worte Ciceros für Octavian als einen divinum adulescentulum (Cic. Phil. 5,43) und einen conservator rei publicae (Cic. Phil. 3,14); Cicero versuchte auch, die Bedenken der Senatoren zu zerstreuen, Octavian stehe nicht für die res publica ein, wenn er sagt: nihil est illi re publica carius, nihil vestra auctoritate gravius, nihil bonorum virorum iudicio optatius, nihil vera gloria dulcius (Cic. Phil. 5,50); zudem habe Octavian mehr als sein Vater den Namen parens patriae verdient (Cic. Phil. 13,25).

78 Octavian sei ein laudandum adulescentem, ornandum, tollendum (Cic. fam. 11,2,1).

79 BLEICKEN 1998: 123.

80 Vgl. Cass. Dio 46,39,1; Suet. Aug. 11. An diesen Stellen wird zudem vom damaligen Gerücht berichtet, Octavian hätte evtl. etwas mit dem Tod der beiden zu tun, um sich des Konsulats bemächtigen zu können.

81 BRINGMANN 2007: 58.

82 Vgl. Cass. Dio 46,47,4.

83 Vgl. Cic. ad Brut. 1,18,3.

84 Vgl. Suet. Aug. 27 und Cass. Dio 47,7, wonach Octavian sich zunächst noch - da er keine persönlichen Feinde besäße - sträubte, dann aber doch an den Proskriptionen teilnahm.

85 Vell. Pat. 2,70.

86 SCHLANGE-SCHÖNINGEN 2005: 58.

87 Vgl. Cass. Dio. 48,14,3f.; Suet. Aug, 15; App. b. c. 5,201ff.

88 Cass. Dio 48,36.

89 Vgl. zum Krieg gegen Sextus Pompeius und den Flottenbau Agrippas Cass. Dio 48,45-51.

90 Octavian ließ es im folgenden Jahr noch vom Volk bestätigen, Antonius verzichtete hierauf; vgl. dazu auch KIENAST42009: 53.

91 App. b. c. 5,396.

92 Cass. Dio 49,10f.

93 App. b. c. 5,130.

94 Vgl. Cass. Dio 50,1. Verbunden mit der Stellung Kleopatras kritisierte Octavian zudem, dass Antonius Caisarion als wahren Sohn Caesars anerkannte.

95 Cass. Dio 50,2,5.

96 Cass. Dio 50,3f.

97 Cass. Dio 50,4,3.

98 Aug. RG 25; Cass. Dio 50,4,2.

99 Vgl. zur Legitimation durch den consensus universorum und zur Rechtsgültigkeit der Beschlüsse KIENAST42009: 68.

100 Suet. Aug. 17.

101 Vergils Sehnsucht nach Frieden ist gut herausgearbeitet bei PÖSCHL 1981: 710ff.102 Verg. ecl. 1,6-10.

103 Vgl. zu deus als Octavian BÖMER 1951: 34.

104 Dass Tityrus Vergil entspricht, vertreten u.a. KIENAST42009: 290, STRASBURGER 1983: 48 und BÖMER 1951: 30, hingegen widerspricht entschieden u.a. BINDER 1995: 141.105 BÖMER 1951: 36.

106 Allgemein zur 4. Ekloge siehe auch ALFÖLDI 1930: 369ff.

107 Die genaue Datierung der Eklogen, die in ihrer edierten Reihenfolge gewiss nicht der Chronologie entsprechen, ist umstritten, vgl. KIENAST42009: 290 m. Anm. 261. 108 KUBUSCH 1986: 91.

109 Verg. ecl. 4,6-12.

110 Vgl. KIENAST42009: 291 m. Anm. 263.

111 Vgl. BINDER 1983: 102ff.

112 KIENAST42009: 292.

113 Mit Bezug auf die 9. Ekloge, die in einer Art Ringkomposition das Gegenstück zur 1. Ekloge bildet. Näheres zur 9. Ekloge u.a. bei STRASBURGER 1983: 57f.

Ende der Leseprobe aus 77 Seiten

Details

Titel
Die Begründung des augusteischen Principats im Spiegel der antiken Literatur
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Veranstaltung
Alte Geschichte/Latein
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
77
Katalognummer
V171320
ISBN (eBook)
9783640907007
ISBN (Buch)
9783640906956
Dateigröße
939 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
begründung, principats, spiegel, literatur, Augustus, Ovid, Vergil, Horaz, Tacitus, Cassius Dio, Sueton
Arbeit zitieren
Aljoscha Riehn (Autor), 2011, Die Begründung des augusteischen Principats im Spiegel der antiken Literatur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/171320

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