Die Realität der Massenmedien

Kritische Betrachtung der Luhmannschen Theorie


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

19 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Realität der Massenmedien
2.1 Definitionsversuch durch technische Abgrenzung
2.2 Illusion und Realitätskonstruktion
2.3 Codierung
2.4 Programmbereiche

3. Massenmedien als Funktionssystem

4. Öffentlichkeit
4.1 Luhmanns Definitionsversuch
4.2 Weiterentwicklung durch Görke und Kohring

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien.“(Luhmann 2009:9) Mit diesem Satz beginnt Niklas Luhmann 1996, über die Realität der Massenmedien zu schreiben, was auch das Thema der folgenden Arbeit sein wird. Fokussiert wird dabei auf die Fragestellung, ob Luhmanns Ansichten heutzutage noch aktuell und auf das auch auf das Gesellschaftssystem anwendbar sind. Thematisiert werden hauptsächlich die Funktionen von Journalismus, PR und Öffentlichkeit und ihre Relationen untereinander. Luhmanns Systemtheorie wird dabei genauer analysiert, kritisiert und gleichzeitig betrachtet, welche Weiterentwicklungen und Präzisierungen aus der Forschung entsprungen sind. Besonders bei der Frage, wo Öffentlichkeit im System zu verorten ist, fehlt es der Luhmannschen Theorie an konkreten Aussagen. Antworten darauf liefern Alexander Görke und Matthias Kohring, deren Ansätze genauer dargestellt werden sollen, da sie Öffentlichkeit als Funktionssystem betrachten. Sie zeigen, wo Öffentlichkeit ihren Platz im Gesellschaftssystem findet und wie sie dort ihre Funktion erfüllen kann. Aufgrund der Komplexität der Theorien und des Umfanges dieser Arbeit kann nur ein kleiner Ausschnitt der Luhmannschen Theorie und der aktuellen Forschung analysiert werden. Daher müssen Grundbegriffe und -operationen der Systemtheorie vorausgesetzt werden. Auch weitere Forschungsansätze, wie die von Marcinkowski, Rühl, Schmidt, Blöbaum und Spangenberg können leider im Einzelnen nicht ausführlich erläutert werden. Beginnend bei Luhmanns Versuch, eine allgemeine und abgrenzende Definition für das Massenmediensystem zu finden, beschäftigt sich diese Arbeit weiterhin mit den Realitäten der Massenmedien, der Codierung und den Programmbereichen. Das dritte Kapitel beinhaltet eine Auseinandersetzung mit den Massenmedien als Funktionssystem der Gesellschaft. Anschließend wird der Begriff der Öffentlichkeit aufgegriffen und genauer analysiert. Dabei werden die Theorieansätze von Görke und Kohring genutzt, um Luhmanns Theorie zu ergänzen und aktueller zu gestalten.

Alle Ansätze können leider nur ausschnittartig dargestellt werden, da ihre vollständige Analyse den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde.

2. Die Realität der Massenmedien

2.1 Definitionsversuch durch technische Abgrenzung

Luhmann definiert Massenmedien als „alle Einrichtungen der Gesellschaft […], die sich zur Verbreitung von Kommunikation technischer Mittel der Vervielfältigung bedienen.“ (Luhmann 2009:10) Dabei schreibt er der Technik eine Schlüsselrolle zu und nutzt technische Verbreitung und maschinelle Herstellung als entscheidendes Kriterium für die Zugehörigkeit zu Massenmedien (Vgl.Luhmann 2009:10). Eine weitere Abgrenzung erfolgt daraus, dass Sender und Empfänger durch die Zwischenschaltung von Technik nie direkt miteinander interagieren können und somit eine Interaktion unter Anwesenden ausgeschlossen wird (Vgl.ebd). Unschlüssig ist dabei jedoch, warum Massenmedien das einzige System darstellen, in welchem Interaktionen nicht zugelassen werden, denn in allen anderen Funktionssystemen sind diese möglich (Vgl.Görke 1999:242). Für Luhmann ist daher nicht wichtig, was kommuniziert wird, sondern wie es verbreitet wird. Zu den Massenmedien zählt er folglich alle, durch Druckpresse hergestellten Medien[1], alle Herstellungen durch fotografische oder elektronische Kopierverfahren, Kommunikation über Funk[2] und die Verbreitung jeder Art von Kommunikation über Filme, Disketten und CD´s. Kritisch ist zu betrachten, dass Luhmann die Entwicklung des Internets und des interaktiven Fernsehens vernachlässigt, die es dem Publikum bzw. den Empfängern ermöglichen, zu interagieren und Feedback zu geben. Diese Möglichkeit der Rückmeldung widerspricht auch der Luhmannschen Dreiteilung des Kommunikationsbegriffes[3]. Demnach liegen Information und Mitteilung auf der Seite des Senders – das Verstehen aber beim Empfänger. Das bedeutet, dass der Sender erst durch die Beobachtung von Anschlusskommunikation weiß, ob seine Nachricht vom Empfänger verstanden wurde. Hier entsteht zwangsläufig die Frage, ob Luhmanns Definitionen noch aktuell sind und, ob sie mit den neuen Medien[4] und den neuen Möglichkeiten, die diese bieten, kompatibel sind, denn das Publikum bekommt durch interaktives Fernsehen, Blogs und Twitter-Plattformen die Möglichkeit, direktes Feedback zu geben, aktiv am Medium teilzunehmen und es zu beeinflussen. Einige Definitionen, wie Luhmann sie nutzt, müssten dabei neu erarbeitet, aktualisiert und konkretisiert werden, denn in der vollständigen Definition und der klaren Abgrenzung von Begriffen liegt das große Problem seiner Theorie. Er schafft es nicht, die Begriffe Massenmedien und Massenkommunikation, sowie generalisiertes Kommunikationsmedium und technisches Verbreitungsmedium klar voneinander zu trennen. Bei der Bestimmung der Massenmedien widerspricht er sich selbst, indem er sie technisch abgrenzt, obwohl er selbst sagt, dass die Grenze eines Systems durch Sinnstrukturen definiert sei und Technik folglich keine Sinngenze darstellt (Vgl.Krause 2005:13). Trotzdem Luhmanns Definition von Massenmedien fraglich ist, dient sie für ihn als Grundlage, und es soll im folgenden Kapitel betrachtet werden, was die Massenmedien darstellen und wie sie operieren.

2.2 Illusion und Realitätskonstruktion

Massenmedien beobachten. Sie beobachten sich selbst und ihre Umwelt. Luhmann spricht dabei von Selbst- und Fremdreferenz, wobei das System seine Grenze zur Umwelt noch einmal in sich hinein kopiert und somit eine systeminterne Differenz schafft. Dieser Vorgang wird „re-entry“ (Vgl.Luhmann 2009:19,Hervorhebung C.K.) genannt. Das System operiert, indem es diese Differenz zur Umwelt erzeugt. Das ist gleichzeitig die Voraussetzung für Realitätskonstruktion, da erst Inkonsistenzen geschaffen werden müssen bevor etwas konstruiert werden und als Realität aufgenommen werden kann (Vgl.ebd:116). Zusätzlich beobachtet das System der Massenmedien indem es Unterscheidungen nutzt, um etwas zu bezeichnen. Durch diese „Sequenz von Beobachtungen“ (Luhmann 2009:12) kommt es zur Realitätsverdopplung. Da die Massenmedien nicht einfach annehmen können, dass sie die Wahrheit sind, müssen sie eine eigene und eine andere Realität konstruieren. Die erste Realität ist eine Beobachtung erster Ordnung und Luhmann bezeichnet diese reale Realität als „ […] die in [den Massenmedien] ablaufenden, sie durchlaufenden Kommunikationen […].“ (Luhmann 2009:12) Die zweite Realität der Massenmedien ist eine konstruierte Realität und bezeichnet das, „[...] was für sie oder durch sie für andere als Realität erscheint.“ (Luhmann 2009:12) Hierbei handelt es sich um eine Beobachtung zweiter Ordnung und eine für den Empfänger erzeugte Illusion. Diese Illusion kann zwar durchschaut werden, aber nicht so beseitigt, dass sie nicht mehr auftritt. Die Realität ist dennoch nicht konsenspflichtig, da der Rezipient das Wahrgenommene mit den schon vorhandenen Vorstellungen und Einstellungen kombiniert und folglich jeder diese Realität anders wahrnimmt. Es entsteht ein Hintergrundwissen, welches der Empfänger als Grundlage für weitere Kommunikationen nutzen kann. Luhmann setzt dabei die Beobachtung zweiter Ordnung mit Reflexion durch Selbstbeobachtung gleich, beachtet aber nicht, dass die Beobachtung eines Beobachters mit nur einem Code nicht als Reflexion bezeichnet werden kann, da Reflexivität das Operieren mit unterschiedlichen Codes voraussetzt (Vgl.Stark 1994:145). Dieser Code, mit dem Luhmann die Zugehörigkeit zum System der Massenmedien definiert, soll nun erläutert und kritisch betrachtet werden.

2.3 Codierung

Luhmann nutzt, um die System-Umwelt-Differenz neu zu definieren, einen binären Code, der bestimmt, was zum System gehört und was ausgeschlossen wird (Vgl.Luhmann 2009:27f.). Demnach gehört alles, was man nicht mit diesem Code erfassen kann, nicht mehr zur Zuständigkeit des Systems. Der Code besitzt einen positiven Wert, der die im System gegebene Anschlussfähigkeit der Operationen kennzeichnet und einen negativen Wert, der eigentlich nur als Gegenstück und zur Definition des Positivwertes dient. Die interne Grenze des Codes trennt den positiven und den negativen Wert, während die externe Grenze die Differenz zwischen Selbst- und Fremdreferenz definiert (Vgl.ebd). Im System der Massenmedien nutzt Luhmann den Code Information vs. Nicht-Information[5]. Besonderer Wert wird dabei auf die Zeitdimension des Codes gelegt, denn Informationen lassen sich nicht wiederholen. Sobald sie zur Nachricht werden, bleibt zwar der Sinn erhalten, aber der Informationswert geht verloren (Vgl.Luhmann 2009:31). Das bedeutet für das System der Massenmedien, dass es ständig veraltet und kontinuierlich für Nachschub neuer Informationen sorgen muss[6]. Diese ständige Umwandlung von Informationen in Nicht-Informationen erzeugt ein Informationsdefizit, also einen stetigen Informationsverlust, was die Autopoesis des Systems sichert (Vgl.ebd:32).

In Anlehnung an Bateson wird auch bei Luhmann Information definiert als „[...]a difference which makes a difference.“ (Bateson 2000:459) Aber den genannten Unterschied macht nur, was kurz- oder langfristig im Gedächtnis bleibt und das geschieht nur durch Wiederholung der Informationen. Laut Luhmann können Informationen aber nicht wiederholt werden, da sie sofort in Nicht-Informationen umgewandelt werden und daher auch keinen Unterschied ausmachen können. Luhmann widerspricht sich damit selbst und unterstreicht wiederholt die Definitionsprobleme seiner Theorie (Vgl.Luhmann 2009:30). Ein weiteres Problem ist, dass eine Information Bestandteil jeder Kommunikation ist und gleichzeitig die Bezeichnung des Präferenzwertes[7] des Codes darstellt. Damit wäre jede Kommunikation, auch aus anderen Teilsystemen, eine Information für das System der Massenmedien und würde dadurch auch in deren Zuständigkeitsbereich fallen. Die Unklarheiten zwischen den Begriffen der Information und der Kommunikation führen dazu, dass man beispielsweise nicht genau definieren kann, ob eine Information aus der Wirtschaft eine Wirtschaftsinformation und folglich Wirtschaftskommunikation wäre (Vgl.Görke 1999:244f.). Es fehlt sowohl eine klare Definition, als auch eine differenzierte Darstellung der strukturellen Kopplungen zwischen den Systemen. Das System der Massenmedien wäre demnach das einzige Funktionssystem, welches die Kommunikation aller anderen Systeme und seine eigene erfassen und mit reduzierter Komplexität wiedergeben könnte. Es muss quasi die gesamte Beobachtungsleistung der Gesellschaft erbringen und das Beobachtete ohne Eigenwerte zur Verfügung stellen, doch der Codebegriff ist dafür zu allgemein gehalten und schafft es nicht, zur Komplexitätsreduktion beizutragen.

[...]


[1] Zum Beispiel Zeitungen, Bücher und Zeitschriften.

[2] Die Kommunikation über Funk zählt nur zu den Massenmedien, sofern sie für die Allgemeinheit zugänglich ist.

[3] Luhmann teilt den Kommunikationsbegriff in 3 Selektionsstufen – Information, Mitteilung und Verstehen.

[4] Unter den „Neuen Medien“ wird hier die Technologie des Internets, des Web 2.0 und alle Medien verstanden, die es ermöglichen, die Empfänger interaktiv am Geschehen teilhaben zu lassen.

[5] Information stellt hierbei den Designationswert dar und Nicht-Information den Reflexionswert.

[6] Auch Marcinkowski betont diesen temporalen Aspekt, indem er im System Publizistik den Code

veröffentlicht vs. nicht-veröffentlicht einsetzt. Kritisch ist hierbei jedoch zu betrachten, dass dieser

Code keinen Wechsel zwischen positivem und negativem Wert zulässt, da bereits Veröffentlichtes

nicht mehr unveröffentlicht sein kann (Vgl.Marcinkowski 1993:65).

[7] In mediengesteuerter Kommunikation gibt es immer eine Präferenz für den positiven Wert des Codes (Vgl.Stark 1994:74).

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Realität der Massenmedien
Untertitel
Kritische Betrachtung der Luhmannschen Theorie
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Kommunikationswissenschaft)
Note
2,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
19
Katalognummer
V171336
ISBN (eBook)
9783640906413
ISBN (Buch)
9783640906840
Dateigröße
428 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Luhmann, Massenmedien, öffentliche Kommunikation, Systemtheorie
Arbeit zitieren
Carolin Kertscher (Autor), 2010, Die Realität der Massenmedien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/171336

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