Der Zusammenhang von Wahnsinn und Wald in der mittelalterlichen Erzählung "Der Busant"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
13 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die Rolle des Waldes in der mittelalterlichen Literatur .
1.1. Der Versuch einer Waldtypologie
1.1.1. Locus amoenus
1.1.2. Der Wald als Zufluchtsort
1.1.3. Der wilde Wald
1.1.4. Der Jagdwald
1.2. Natur vs. Kultur

2. Der Wald im Busanten
2.1. Der Baumgarten
2.2. Die Waldlichtung
2.2.1. Der Busant - ein Waldwesen .
2.3. Der Wald und seine Benutzer

3. Die verschiedenen Etappen des Wahnsinns im „Busanten“
3.1. Das Wahnsinnigwerden
3.1.1. Die Vergehen
3.1.2. Der Ringraub
3.2. Der Wahnsinn
3.3. Die Heilung
3.3.1.Die Rolle des Busanten bei der Heilung

Fazit

Bibliographie

Einleitung

Vorliegende Seminararbeit setzt sich mit der Rolle des Waldes in der mittelalterlichen Literatur auseinander und untersucht, ob der Wald allenfalls einen Einfluss auf den Geisteszustand einer Person haben kann. Zahlreiche Literaturwissenschaftler haben sich bereits mit der Waldszene im Iwein (Hartmann von Aue) oder im Parzival (Wolfram von Eschenbach) auseinandergesetzt, so beispielsweise Dirk Matejovski1, Marianne Stauffer2 oder auch Bernhard Waldmann3. Die mittelalterliche Erzählung Der Busant wurde, Dirk Matejovski ausgenommen, der ihr ein eigenes Kapitel widmete ( Wahnsinn und h ö fisches Ritualhandeln: Der Bussard ), bisher kaum besprochen. Dies soll mit dieser Seminararbeit nachgeholt werden.

In einem ersten Kapitel soll die Rolle des Waldes in der mittelalterlichen Literatur, in einem allgemeinen Rahmen besprochen werden. Neben dem Versuch einer Typisierung von verschiedenen Waldtypen, soll auch das Zwischenspiel zwischen Natur und Kultur untersucht werden. Ich stütze mich dabei auf das Werk von Robert Pogue Harrison, der darin einen Überblick über die kulturelle Vorstellung des Waldes im Westen gibt.4

Das zweite Kapitel wendet die Theorie auf die Praxis an und beschäftigt sich explizit mit den Stellen im Busanten , wo der Wald thematisiert wird. Damit sollen die verschiedenen Etappen der Verwilderung aufgezeigt werden. Zusätzlich soll besprochen werden, inwiefern der Busant ein Wesen des Waldes ist und welche Rolle er in der Maere einnimmt.

Schlussendlich sollen die verschiedenen Etappen des Wahnsinns betrachtet werden, vom Vergehen, das den Wahnsinn auslöste, über den Wahnsinn selbst, bis hin zum zweigeteilten Heilungsverfahren.

1. Die Rolle des Waldes in der mittelalterlichen Literatur

Im höfischen Roman des Mittelalters taucht der Wald immer wieder als eines der Hauptmotive auf und dient häufig als Schauplatz für ritterliches Geschehen. Fern ab von Zivilisation muss der Ritter seinen Heldenmut beweisen und kann nach bestandener Prüfung gestärkt in die höfische Welt zurückkehren. Aber Wald ist nicht gleich Wald; im Folgenden soll versucht werden, anhand einer Typisierung des Waldes die verschiedenen Merkmale die dieser haben kann, hervorzuheben.

1.1. Der Versuch einer Waldtypologie

Am Anfang jeglicher Zivilisation war der Wald, diese Urtümlichkeit blieb ihm zu allen Zeiten erhalten: im Verständnis der Menschen blieb der Wald etwas Unkontrollierbares mit vielen unbekannten Faktoren. Er bot Unterschlupf für Menschen, die sich von der Zivilisation fernhalten wollten oder mussten. So konnte sich beispielsweise das Heidentum, unentdeckt von der katholischen Kirche, über lange Zeit erhalten. Der mittelalterliche Wald präsentiert sich in einer Vielfältigkeit, die Peter Wunderli folgendermassen umschreibt:

„Der Wald kann sich unter den verschiedensten Blickwinkeln präsentieren: als wilder, unkultivierter und weitgehend menschenfreier Wald; als Aufenthaltsort von Ausgestossenen und „Aussteigern“, als Königsforst, dessen Jagdmöglichkeiten nur vom Herrscher genutzt werden dürfen; als Variante des locus amoenus usw.“5

Für die Kategorisierung des Waldes stütze ich mich auf die Typisierung von Peter Wunderli6, übernehme aber nur jene Typen, die mir für die Besprechung des Busanten interessant erscheinen und ergänze diese nach Bedarf.

1.1.1. Locus amoenus

Der Lustort Locus amoenus stellt einen idealen Naturausschnitt dar. Es handelt sich um einen idyllischen Ort im Wald mit singenden Vögeln, einer Quelle, schattenspendenden Bäumen, zu dem man nur durch den Wald gelangen kann. Dieser idyllische Ort kann eine Lichtung, eine Wiese oder auch eine Wegkreuzung sein, es handelt sich dabei nicht um eigentlichen Wald, sondern vielmehr um eine Waldeslichtung. Man könnte diesen Ort als eine Zwischenetappe zwischen Natur und Kultur bezeichnen.

1.1.2. Der Wald als Zufluchtsort

Der Wald, weil er „die absolute Negation der in der Gemeinschaft begründeten Menschlichkeit [ist]“7, dient als Zufluchtsort für Ausgestossene der Gesellschaft. Dabei kann es sich um Übeltäter, wie Räuber, Mörder oder Entführer handeln, die sich aufgrund ihres Lebenswandels von der Gesellschaft fernhalten müssen. Er bietet aber auch Unterschlupf für Personen, die sich kein gewöhnliches Verbrechen zu Schulde haben kommen lassen, aber deren Leben nicht gesellschaftskonform ist, so beispielsweise Personen, die vom Wahnsinn befallen sind und sich in den Wald flüchten oder auch Eremiten, die in der Abgeschiedenheit die Nähe zu Gott suchen. Der Wald bietet auch Schutz für Liebespaare, deren Bindung von den Eltern oder von der Gesellschaft nicht akzeptiert wird. Für die meisten Waldbewohner ist der Aufenthalt im Wald nur temporär und häufig auch unfreiwillig, über kurz oder lang möchten die meisten Waldbewohner wieder in die Zivilisation zurückkehren.

1.1.3. Der wilde Wald

Der wilde Wald ist unwirtlich und bietet kaum eine Lebensgrundlage für einen normalen Menschen. Falls jemand trotzdem dazu verdammt ist, in einem wilden Wald zu leben, so ist sein Leben von Mangel und Entbehrung gezeichnet. Der Bewohner des wilden Waldes hat seine menschlichen Züge verloren oder ist dabei sie zu verlieren und entwickelt eine Animalität, um sein Überleben zu sichern. Marianne Stauffer definiert dies wie folgt: „Beschaffung der Nahrung und ihre Zubereitung, Essen, Schlafen, Errichten dürftiger Unterkunftsmöglichkeiten, das sind die Tätigkeiten, die das Dasein der Verbannten ausfüllen, die somit auf das Niveau primitivster Lebensformen zurücksinken.“8 Der wilde Wald beherbergt auch phantastische Tiergestalten, Peter Wunderli erwähnt neben Drachen und Wunderschlangen auch Löwen und Elefanten.9

1.1.4.Der Jagdwald

Die Jagd ist eine höfische Aktivität, aber gleichzeitig symbolisiert sie auch eine aventiure- Tätigkeit, die in genügender Entfernung vom Hof durchgeführt werden muss. Die Jagd kann der Erzählung dazu verhelfen, eine Handlung in Gang zu bringen oder auch eine Wende herbeizuführen, es handelt sich dabei also um eine häufig angewendete Strukturierungshilfe.

1.2. Natur vs. Kultur

Mit Hilfe der Kategorisierung des Waldes wurden dessen verschiedene Merkmale beleuchtet, eine solche Kategorisierung ist jedoch ein rein theoretischer Akt, in der Praxis lässt sich eine Typisierung des Waldes nicht aufrecht erhalten. Die verschiedenen Typen koexistieren und bedingen einander, ein Jagdwald kann auch ein wilder Wald sein und gleichzeitig Unterschlupf für ein Liebespaar bieten. Der Wald definiert sich nicht nur durch seine Bewohner und Eigenheiten, sondern vor allem durch seine Loslösung von der Zivilisation, von der höfischen Welt.

Es wurde bereits erwähnt, dass der Wald die Negierung der höfischen Welt beinhaltet, dies impliziert einerseits, dass in ihm die Ausgestossenen der Gesellschaft leben, „the outcasts, the mad, the lovers, brigands, hermits, saints, lepers, the maquis , fugitives, misfits, the persecuted, the wild men”, wie Robert Pogue Harrison sie nennt.“10 Zusätzlich handelt es sich aber auch um eine Verneinung der höfischen Werte, die im Wald ungültig werden, der Wald hat folglich seine eigenen Gesetze, die nicht konform sind mit jenen der höfischen Welt.

Ein junger Ritter, der ein Leben im Rahmen der höfischen Gemeinschaft geführt hat, sich selbst jedoch noch nicht gefunden hat, der hat in der Abgeschiedenheit des Waldes die Möglichkeit, seine Individualität zu entdecken. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit, die Überwindung des noch unfertigen-Ichs , ermöglichte es dem Ritter, sein individuelles Schicksal zu entwickeln und in der Folge als richtiger Held in die höfische Welt zurückzukehren. Der Wald wird somit zur Stätte der gesteigerten Lebenserfahrung, in der man sich zuerst verlieren muss, um sich wiederzufinden.

[...]


1 Matejovski, Dirk: Das Motiv des Wahnsinns in der mittelalterlichen Dichtung. Frankfurt 1996.

2 Stauffer, Marianne: Der Wald. Zur Darstellung und Deutung der Natur im Mittelalter, Bern 1959.

3 Waldmann, Bernhard: Natur und Kultur im höfischen Roman um 1200. Überlegung zu politischen, ethischen und ästhetischen Fragen epischer Literatur des Hochmittelalters, Erlangen 1983.

4 Harrison, Robert Pogue: Forests. The shadow of civilization, London 1984.

5 Wunderli, Peter: Der Wald als Ort der Asozialität. Aspekte der altfranzösischen Epik, In: Semmler, Josef (Hg.): Der Wald in Mittelalter und Renaissance, Düsseldorf 1991, S. 69.

6 Vgl.: Ebd., S. 70f.

7 Stauffer, 1959, S. 60.

8 Sauffer, 1959, S. 57f.

9 Vgl.: Wunderli, 1991, S. 77.

10 Harrison, 1984, S. 61.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Der Zusammenhang von Wahnsinn und Wald in der mittelalterlichen Erzählung "Der Busant"
Hochschule
Universität Zürich
Autor
Jahr
2010
Seiten
13
Katalognummer
V171386
ISBN (eBook)
9783640907441
ISBN (Buch)
9783640907564
Dateigröße
470 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
zusammenhang, wahnsinn, wald, erzählung, busant
Arbeit zitieren
Nadja Leuenberger (Autor), 2010, Der Zusammenhang von Wahnsinn und Wald in der mittelalterlichen Erzählung "Der Busant", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/171386

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der Zusammenhang von Wahnsinn und Wald in der mittelalterlichen Erzählung "Der Busant"


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden