>>Da ist keine Sprache, da sind keine Worte, mit deren Hilfe Du das Unsagbare sagen, das
Unbegreifliche erklären könntest. Kein Sprachgewand, das über das Skelett Deiner
Erfahrungen geworfen werden könnte. Keine Buchstaben für den Schrei. […] und
solltest du auch mit Engels- und Teufelszungen reden, es würde kaum nützen, […] die
Menschen wollen nicht hören.1<<
Im Februar 1944 wird Primo Levi nach Auschwitz deportiert. Erst im Herbst
1945, nach dem die Überlebenden des bereits zerbombten Lagers von den Russen
befreit werden, kann er die Heimkehr nach Italien antreten. Sein Drang das
Erlebte aufzuschreiben und zu bezeugen, ist so stark, dass er sogar auf den
Rückseiten von Zugtickets oder Papierschnipseln Erinnerungsblitze notiert.2
Innerhalb von zehn Monaten verleiht Primo Levi dem Schrecken seiner KZErfahrungen
Ausdruck in Se questo è un uomo.3 Dass die Erstausgabe nach
langem Hin und Her den Titel Shemà, was dem Hebräischen für Ascolta!
entspricht und Teil des hebräischen Glaubensbekenntnis ist4, erhalten hat5,
symbolisiert bereits den Kernpunkt der hier zu besprechenden Thematik, denn
dieser Titel zeigt, ebenso wie der bereits erwähnte Drang zu schreiben, einen
wichtigen Aspekt der KZ-Erfahrung auf: Traumatische Erfahrungen drängen
darauf, erzählt zu werden, denn nur im Akt der narrativen Wiedergabe, die
ihrerseits einen Zuhörer bzw. einen Leser voraussetzt, kann das Erlebte in die
narrative Erinnerungsstruktur integriert werden und damit auch gleichzeitig eine
Erinnerungskultur begründen. Dies wiederum stellt die Grundvoraussetzung dar,
die es benötigt, um traumatische Erlebnisse zu verarbeiten. Es ist also die
Selbstheilungsfähigkeit des Organismus, welcher den Erzähldrang begründet.
==
1 Edvardson, Cordelia, Für Primo Levi, S. 369-373, in: Levi, Primo, Ist das ein Mensch? Carl Hanser Verlag,
München und Wien, 1988, S. 369.
2 Thomson, Ian, Writing If This Is a Man, S. 141- 160, in: Farrell, Joseph (Hg.), Primo Levi, Peter Lang, Oxford,
Bern, u.a., 2004, S. 142.
3 1947 erstmals bei De Silva unter der Herausgabe Franco Antonicellis erschienen.
4 In Levis einleitendem Gedicht Se questo è un uomo wird das hebräische Shemà intertextuell aufgerufen.
5 Vgl. De Luca, Vania, Tra Giobbe e i buchi neri, Istituto Grafico Editoriale Italiano, Neapel, 1991, S. 18.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Sprachverlust und Trauma
1.1 Annullierung des Menschen
1.2 Entleerung der Wörter
1.3 Schweigende Leerstellen
1.4 Trauma als sprachloser Schrecken
2. Sprachfindung und Trauma
2.1 Die Form
2.2 Das Kollektiv - Distanzierung und Trauma
2.3 Traumatische Zeitgefüge
a) Gegenwärtigkeit
b) Chronologie
2.4 Intertextualität
2.4.1 Babylonische Sprachverwirrung
2.4.2 Danteske Hölle
a) In der Tiefe
b) Il Canto di Ulisse
3. Der Drang zu erzählen
4. Abschließende Betrachtungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, wie Primo Levi in seinem Werk "Se questo è un uomo" trotz der sprachlichen Blockade durch traumatische KZ-Erfahrungen einen narrativen Ausdruck findet. Die zentrale Forschungsfrage fokussiert dabei auf die Rolle von literarischen Verfahren wie Kollektivität, Intertextualität und Zeitstrukturen bei der Zeugenschaft.
- Analyse des Spannungsfeldes zwischen Sprachverlust und Sprachfindung.
- Untersuchung literarischer Distanzierungsverfahren zur Traumabewältigung.
- Bedeutung der Intertextualität (insbesondere Dante) für die Sinnkonstitution.
- Rolle der Zeugenschaft und des Erzählens als Mittel der Identitätsrückgewinnung.
- Neurobiologische und psychologische Aspekte der traumatischen Sprachlosigkeit.
Auszug aus dem Buch
1.1 Annullierung des Menschen
Chi potrebbe distinguere i nostri visi? per loro noi siamo “Kazet”, neutro singolare.12
Primo Levi thematisiert das Problem der Sprachfindung seiner Erlebnisse an verschiedenen Stellen seines Berichts13 dezidiert. Am deutlichsten drückt er dies gleich zu Beginn seiner Schilderungen aus: Die so eben eingetroffenen Italiener werden in einer Art Duschraum zusammengepfercht. Sie sind nackt, frieren, leiden Durst und können doch nicht aus den Leitungen trinken; so verbringen sie die ganze Nacht. Am Morgen werden sie, nackt wie sie sind, ins Freie gescheucht, um zur hundert Meter entfernten Baracke durch den Schnee zu laufen. „Allora per la prima volta ci siamo accorti che la nostra lingua manca di parole per esprimere questa offesa, la demolizione di un uomo.”14 Sprachverlust und Vernichtung gehen Hand in Hand und es lässt sich ableiten, dass der Mensch, der keine passenden Worte mehr für sein Erleben findet, einen der wichtigsten Aspekte seines menschlichen Daseins einbüßt, was einer Vernichtung gleichkommt. Levi führt das Bild dieser Vernichtung bis zur Annullierung des Menschen fort, wenn er schreibt: „Condizione umana piú misera non c`è, non è pensabile.”15 Der okzidentale Mensch, der sich seit Descartes durch „Ich denke also bin ich“16 definiert, löst sich in diesem Bild auf: Er kann nicht mehr denken, also ist er auch nicht mehr, und wenn er doch noch ist, dann wird dieser Mensch dem gleichen logischen Vorstellungsbild folgend, zum verkörperten Hunger, denn „Il Lager è la fame: noi stessi siamo la fame, la fame vivente.“
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Problematik der Sprachlosigkeit angesichts extremer traumatischer Erlebnisse am Beispiel von Primo Levis Haft in Auschwitz.
1. Sprachverlust und Trauma: Untersuchung der Entmenschlichung, des Verlusts der Bedeutung von Wörtern und des Phänomens des Traumas als sprachloser Schrecken.
2. Sprachfindung und Trauma: Analyse der literarischen Verfahren wie Distanzierung im Kollektiv, spezifische Zeitstrukturen und intertextuelle Bezüge als Mittel der Sprachfindung.
3. Der Drang zu erzählen: Betrachtung der existenziellen Notwendigkeit des Erzählens als Akt der Zeugenschaft und Identitätswiederherstellung.
4. Abschließende Betrachtungen: Zusammenfassende Bewertung der eingesetzten Verfahren und Schlussfolgerung über die untrennbare Verbindung von Trauma, Holocaust und literarischer Spracharbeit.
Schlüsselwörter
Primo Levi, Se questo è un uomo, Trauma, Sprachlosigkeit, Holocaust, Zeugenschaft, Intertextualität, Dante, Auschwitz, Dissoziation, Narrativ, Kollektivität, Identitätsverlust, Sprachfindung, Erinnerungskultur
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit untersucht, wie Primo Levi in seinem Werk über das KZ Auschwitz die Herausforderung bewältigt, unerträgliche traumatische Erlebnisse in Sprache zu fassen, die eigentlich als "unsagbar" gelten.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Arbeit deckt die Bereiche Traumaforschung, Literaturwissenschaft und Zeugnisliteratur ab, wobei der Fokus auf dem Zusammenhang von Sprache, Identität und Überlebensstrategien liegt.
Was ist die zentrale Forschungsfrage?
Die Autorin fragt, durch welche literarischen Verfahren Levi die Sprachblockade, die durch ein Trauma entsteht, umgeht, um dennoch ein Zeugnis der Ereignisse ablegen zu können.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär angewandt?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Textanalyse, die Levis Bericht mit psychotraumatologischen Theorien und intertextuellen Analysen (insbesondere zu Dantes "Divina Commedia") verknüpft.
Welche Aspekte stehen im Hauptteil im Mittelpunkt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Sprachverlusts, der Sprachfindung durch Distanzierungsverfahren, der Bedeutung der Intertextualität und des existenziellen Drangs zu erzählen.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit beschreiben?
Zu den prägenden Begriffen gehören Trauma, Sprachlosigkeit, Zeugenschaft, Intertextualität, Dissoziation und Identitätsrückgewinnung.
Inwiefern spielt Dante Alighieri eine Rolle für Levis Erzählweise?
Dante dient Levi als Referenzpunkt, um das Grauen von Auschwitz durch Vergleiche mit der Hölle erfahrbar zu machen und durch Zitate eine soziale Interaktion sowie eine humanistische Würde zu wahren.
Warum wird im Text die "Poetik der Dissoziation" erwähnt?
Die "Poetik der Dissoziation" beschreibt, wie Levis literarischer Stil – etwa durch das Präsens und die fragmentarische Struktur – das traumatische Erleben als gegenwärtigen Zustand widerspiegelt, statt es als abgeschlossene Vergangenheit zu erzählen.
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- Laura Gemsemer (Autor), 2010, Trauma und Sprache in Primo Levis Se questo è un uomo, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/171400