Die Effekte der indirekten britischen Kolonialherrschaft über Sansibar und die Konsequenzen der anschließenden Entkolonialisierung

Von der Sklavenbefreiung bis zur sozialistischen Revolution


Hausarbeit, 2011
16 Seiten, Note: 16,5/20

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II.1 Historischer Prätext
- II.1.a Besiedlung Sansibars und die Entstehung der Swahili-Kultur
- II.1.b Die Ablehnung des Afrikanischen durch die Waswahili und die daraus resultierende Einstellung zur Sklaverei
II.2 Weshalb und wie wurde die Kolonie Sansibar indirekt beherrscht?
- II.2.a Definition der indirekten Kolonialherrschaft und Gründe für ihre Anwendung
- II.2.b Die Durchsetzung indirekter Kolonialherrschaft und Konflikte mit der bestehenden auf Sklavenarbeit beruhenden Wirtschaftsordnung
II.3 Anachronistische Herrschaft und die finale Revolution
- II.3.a Die Freiheit der Sklaven unterminiert die Legitimation der lokalen Eliten und führt zu deren Machtverlust
- II.3.b Eine nicht reformfähige anachronistische Regierung wird gestürzt
II.4 Die Volksrepublik Sansibar im Kontext des Ost-West Konflikts
- II.4.a Die Gesellschaftliche Umgestaltung nach sowjetischem Muster
- II.4.b Die Tansanische Union und der Afrikanische Sozialismus

III. Schlussfolgerung

Bibliographie

I. Einleitung

Der Kenianische Schriftsteller Binyawanga Wainaina beschreibt in einem seiner Essays, dass man immer Titel benutzen sollte wie 'Africa', 'Darkness' oder 'Safari', Untertitel können Wörter beinhalten wie 'Zanzibar', 'Massai', 'Zulu'” oder ähnliche den (westlichen) Lesern bekannte Begriffe.1 Allein durch seinen Namen löst Sansibar schon eine mysteriöse und orientalische Konnotation bei vielen Menschen aus, welche nur wenige durch nähere Analysen und Untersuchungen zu ergründen versuchen. Dieses Verhalten ist für Wainaina nur allzu verständlich, da er anweist Afrika so darzustellen als wäre es ein Land2 und man solle sich nicht durch genauere Beschreibungen aufhalten lassen [“get bogged down with precise descriptions”]. Im Gegensatz zu diesen Aussagen möchte ich meiner Analyse so viel Tiefe und Differenziertheit wie möglich verleihen, jedoch ist mir bewusst, dass ich niemals vollständig in der Lage sein werde meiner eigenen Gedankenwelt und ihrem eurozentrischen Standpunkt zu entkommen.

In der folgenden Hausarbeit werde ich die Entwicklung Sansibars von einer feudal anmutenden Monarchie über die Zeit der britischen Kolonialherrschaft bis hin zur sozialistischen Revolution nach der Entlassung in die Unabhängigkeit analysieren. In weniger als einem Jahrhundert wurde aus dem unabhängigen Sultanat Sansibar, Objekt der Begierde mehrerer Kolonialmächte,3 eine Volksrepublik nach marxistischem Muster, welche sich wenig später mit dem ebenfalls einen sozialistischen Kurs verfolgenden Tanganjika zur Union von Tansania vereinigte. Um diese Entwicklung zu verstehen ist es notwendig den Gesellschaftlichen Aufbau Sansibars - die Swahili-Mischkultur - zu kennen sowie die Entwicklungen während der Zeit des Protektorats unter indirekter Kolonialherrschaft. Im weiteren Verlauf der Arbeit werde ich mich der Frage widmen, wie und weshalb Sansibar indirekt beherrscht wurde und warum gerade diese Form des Kolonialismus hier zu einem gesellschaftlichen Umsturz führte. Die Erhaltung des Status Quo durch die langjährige Kolonialherrschaft ermöglichte erst eine revolutionäre Umwälzung wie sie in diesem Staat stattfand. Die britischen Kolonialherren hatten also wider Willen durch den Versuch der Erhaltung der Stabilität genau das befürchtete Gegenteil erreicht: einen gewaltsamen marxistischen Umsturz. Wesentlichen Anteil an der Revolution hatte die (de jure abgeschaffte) Sklaverei und der daraus resultierende große Prozentsatz unzufriedener Bevölkerung.

II.1 Historischer Prätext

II.1.a Besiedlung Sansibars und die Entstehung der Swahili-Kultur

Die Geschichte Sansibars reicht bis in die Antike zurück. Genaue Daten sind nicht nachzuweisen, aber man geht davon aus, dass schon im 1. Jahrhundert n. Chr. Handelswege zwischen Sansibar und anderen Regionen des Indischen Ozeans existiert haben sollen.4 Die ursprünglich autochthone Bevölkerung, welche vermutlich vom Festland aus den Archipel besiedelt hatte, stand somit schon früh in Kontakt mit einer Vielzahl anderer Kulturen, vor allem der Indischen und denen der Arabischen Halbinsel. Da diese frühen Kontakte stark auf reisenden Händlern beruhten, wird davon ausgegangen, dass diese frühen Entdecker und Seefahrer keine politischen Ziele verfolgten und es sogar häufig zu Mischehen mit der einheimischen Bevölkerung kam.5 Im 8. Jahrhundert wurde schließlich der Islam durch arabische Seefahrer eingeführt, und wurde schnell zur gesellschaftlich herrschenden Religion.6 Zu dieser Zeit wurde Sansibar auch zu einem immer wichtigeren, womöglich sogar zum wichtigsten Handelsknotenpunkt in Ostafrika.7 Durch die beschriebene Mischung aus verschiedenen Kulturen Ostafrikas, Arabiens, Indiens oder Persiens und ihren jeweiligen Sprachen sowie durch die verbindende Gemeinsamkeit der Religion entstand eine genuin neue Kultur, deren Volk sich Waswahili nennt8 und deren Sprache - Kiswahili - heute eine der meistgesprochenen afrikanischen Sprachen ist.

Nach einer Periode portugiesischer Herrschaft im 16. Und 17. Jahrhundert über fast ganz Ostafrika, einschließlich Sansibars, wurde der Archipel durch einen erfolgreichen Krieg gegen die Europäischen Kolonialherren Teil des Sultanats Oman, dessen Hauptstadt wenig später sogar nach Sansibar verlegt wurde.9 Wegen eines Herrschaftsstreits lösten sich die ostafrikanischen Besitzungen aber wenig später vom Sultanat und wurden zu einer eigenständigen Monarchie unter einem arabischen Omani- Sultan.10 Unter der Herrschaft der Sultane von Sansibar wurden die Inseln endgültig zu Ostafrikas wichtigsten Handelsschauplatz.11 Um den Handel auszubauen, förderte der Sultan Zuwanderung aus Arabien und insbesondere Indien, da die Sikhs und Hindus aus Sindh und Punjab problemlos Geld verleihen und Kredite vergeben konnten, da sie anders als Muslime diesbezüglich keine religiösen Beschränkungen hatten.12 Durch zahlreiche oftmals kreditfinanzierte Handelsreisen in das Innere des afrikanischen Kontinents konnten die Waswahili von ihrer Ausgangsbasis in Sansibar aus auch lange Zeit ein „informelles Reich“ bis zu den Großen Seen im Kongobecken aufrecht erhalten.13 Im Verlauf des 19. Jahrhunderts wurden aber diese Gebiete, die zuvor wirtschaftlich vom Sultanat abhängig waren, zu europäischen Kolonien.14 Nach dem Helgoland-Sansibar Vertrag von 1890 zwischen Deutschland und Großbritannien wurde schließlich sogar das eigentliche Sultanat am 4. November desselben Jahres zu einem britischen Protektorat.15.

II.1.b Die Ablehnung des Afrikanischen durch die Waswahili und die daraus resultierende Einstellung zur Sklaverei

Obwohl die Swahili-Kultur eine Mischung aus verschiedensten Menschen mit unterschiedlichen Abstammungen und Hintergründen war, in der lange kaum rassistische Schranken bestanden, kann es durchaus verwundern, dass neben Gold, Elfenbein und Nelken auch Sklaven zu den natürlichsten Gütern gezählt wurden, die zu handeln den Waswahili fast so lange legitim erschienen hatte, wie ihre Kultur existierte.16 Bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts hatte die Anzahl der Sklaven in Sansibar diejenige der freien Menschen erreicht, und sollte weiterhin rasch ansteigen.17 Im weiteren Verlauf dieser Arbeit werde ich aufzeigen, dass Sklaven als normal akzeptiert und in verschiedenen Bereichen eingesetzt wurden. Die Vorstellung der Sklaverei unterscheidet sich hierbei aber von der Europäischen. Dennoch hatten ihre Überreste durchaus Einfluss auf die spätere Revolution im Lande.

Im Laufe der Entwicklung der Swahili-Kultur versuchten sich ihre Mitglieder von den als primitiv empfundenen Afrikanern des Festlandes abzusetzen.18 Die Nichtafrikanische Abstammung wurde häufig als Argument der Andersartigkeit angeführt und noch heute bezeichnen sich viele Einwohner Sansibars als Shirazi und nehmen dabei Bezug auf eine Region Persiens, aus der viele Einwanderer Sansibars stammen sollen.19 Dieses Verhalten ist nicht unbedingt ungewöhnlich und fand auch in anderen Zusammenhängen statt. So betonte die Tutsi-Oberschicht Ruandas lange Zeit ihre hamitische Abstammung und ihre angebliche Verwandtschaft mit den Äthiopiern, um sich von der Unterschicht zu unterscheiden.20 Die herrschende Klasse der Swahili in Sansibar wollte also auch nicht mehr mit der primitiv erscheinenden Unterschicht - meist Arbeiter oder Sklaven vom nahe gelegenen Festland - in Verbindung gebracht werden; dennoch hielt sie an dem Anspruch fest, die historisch legitime und ursprüngliche Kultur der ostafrikanischen Inseln zu sein.21 Treffend beschreibt Christof Marx die Selbstwahrnehmung der Waswahili als Bewohner des Randgebietes des Indischen Ozeans, welchen die Islamische Welt zum damaligen Zeitpunkt als Binnenmeer betrachtete.22

II.2 Weshalb und wie wurde die Kolonie Sansibar indirekt beherrscht?

II.2.a Definition der indirekten Kolonialherrschaft und Gründe für ihre Anwendung

Es gibt viele verschiedene Definitionen indirekter Kolonialherrschaft. Ich werde in dieser Arbeit diejenige von Michael W. Doyle verwenden, der indirekte Herrschaft als „die Verwaltung von umfangreichen Bereichen der Kolonie […], die Mitgliedern der einheimischen Elite unter der Aufsicht imperialer Statthalter anvertraut wird“ [„the governance of extensive districts of the colony […] entrusted to members of the native elite under the supervision of imperial governors”]23. Doyle beschreibt des Weiteren das Ziel der britischen indirekten Kolonialherrschaft als die Kontrolle über die auswärtigen Beziehungen Sansibars, und die gleichzeitige Unversehrtheit der inneren Politik. [„to control Zanzibar’s foreign relations, leaving domestic politics intact”].24 Um das Sultanat zu kontrollieren, bedurfte es also nur der symbolischen Präsenz eines Konsulats und eines sog. British Resident, der die Funktion des Vizepräsidenten des höchsten Regierungsgremiums (des Protectorate Council), innehatte, dessen Vorsitzender der Sultan nur noch symbolisch war.25 Im Gegensatz zu dieser winzigen Kolonialpräsenz in Sansibar sah es zum Beispiel in Tanganjika - einer direkt beherrschten Kolonie - sehr anders aus: noch 1961 direkt vor der Unabhängigkeit waren alle Beamten in Daressalam, alle Provinzverwalter und 55 der 57 Kreisverwalter noch immer britische Überseebeamte.26 Bei der Begründung der indirekten Herrschaft über Sansibar ist also der Aspekt der Effizienz sehr wichtig. Es war schlicht nicht notwendig die bestehenden Herrschaftsstrukturen komplett umzuwälzen, weil es auch möglich war die eigenen Ziele - die Dominanz über den Archipel Sansibar - zu erreichen ohne augenscheinliche Veränderungen an der lokalen Herrschaftsweise vorzunehmen.

[...]


1 http://www.granta.com/Magazine/92/How-to-Write-about-Africa/Page-1

2 Vergleiche hierzu die Wahrnehmung deutscher Politiker: http://www.youtube.com/watch?v=zXTMKNw7HlE

3 JAMES, S. 262 f., sowie S. 280 f.

4 http://www.zanzinet.org/zanzibar/history/historia.html, caption Early History

5 http://www.zanzinet.org/zanzibar/history/historia.html, caption Early History

6 BAKARI, S. ii

7 OLIVER and ATMORE, S. 78

8 MOMANYI, S. 15-16

9 BEKHA, S. 92

10 OLIVER and ATMORE, S. 77 f.

11 OLIVER and ATMORE, S. 78

12 MARX, S. 41

13 ANSPRENGER, S. 72

14 ANSPRENGER, S. 72 f.

15 HAULE, S. 217

16 OLIVER and ATMORE, S. 78

17 ILIFFE, S. 244

18 KAPUSCINSKI, S. 85

19 http://www.zanzinet.org/zanzibar/history/historia.html, Abschnitt Ethnic Groups 4

20 MEREDITH, S. 486

21 BAKHER, S. xxviii f., S. 117

22 MARX, S. 40 f.

23 Nach LANGE, S. 27

24 DOYLE, S. 359

25 HAULE, S. 9

26 MEREDITH, S. 91

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Effekte der indirekten britischen Kolonialherrschaft über Sansibar und die Konsequenzen der anschließenden Entkolonialisierung
Untertitel
Von der Sklavenbefreiung bis zur sozialistischen Revolution
Hochschule
Sciences Po Paris, Dijon, Nancy, Poitier, Menton, Havre  (Institut d'Etudes Politiques)
Note
16,5/20
Autor
Jahr
2011
Seiten
16
Katalognummer
V171417
ISBN (eBook)
9783640907922
ISBN (Buch)
9783640907724
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
effekte, kolonialherrschaft, sansibar, konsequenzen, entkolonialisierung, sklavenbefreiung, revolution
Arbeit zitieren
Julian Fitz (Autor), 2011, Die Effekte der indirekten britischen Kolonialherrschaft über Sansibar und die Konsequenzen der anschließenden Entkolonialisierung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/171417

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