In dieser Arbeit wird die Entwicklung Sansibars von einer feudal anmutenden Monarchie über die Zeit der britischen Kolonialherrschaft bis hin zur sozialistischen Revolution nach der Entlassung in die Unabhängigkeit analysiert. In weniger als einem Jahrhundert wurde aus dem unabhängigen Sultanat Sansibar, Objekt der Begierde mehrerer Kolonialmächte, eine Volksrepublik nach marxistischem Muster, welche sich wenig später mit dem ebenfalls einen sozialistischen Kurs verfolgenden Tanganjika zur Union von Tansania vereinigte. Um diese Entwicklung zu verstehen ist es notwendig den Gesellschaftlichen Aufbau Sansibars – die Swahili-Mischkultur – zu kennen sowie die Entwicklungen während der Zeit des Protektorats unter indirekter Kolonialherrschaft. Im weiteren Verlauf der Arbeit wird die Frage beantwortet, wie und weshalb Sansibar indirekt beherrscht wurde und warum gerade diese Form des Kolonialismus hier zu einem gesellschaftlichen Umsturz führte. Die Erhaltung des Status Quo durch die langjährige Kolonialherrschaft ermöglichte erst eine revolutionäre Umwälzung wie sie in diesem Staat stattfand. Die britischen Kolonialherren hatten also wider Willen durch den Versuch der Erhaltung der Stabilität genau das befürchtete Gegenteil erreicht: einen gewaltsamen marxistischen Umsturz.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II.1 Historischer Prätext
II.1.a Besiedlung Sansibars und die Entstehung der Swahili-Kultur
II.1.b Die Ablehnung des Afrikanischen durch die Waswahili und die daraus resultierende Einstellung zur Sklaverei
II.2 Weshalb und wie wurde die Kolonie Sansibar indirekt beherrscht?
II.2.a Definition der indirekten Kolonialherrschaft und Gründe für ihre Anwendung
II.2.b Die Durchsetzung indirekter Kolonialherrschaft und Konflikte mit der bestehenden auf Sklavenarbeit beruhenden Wirtschaftsordnung
II.3 Anachronistische Herrschaft und die finale Revolution
II.3.a Die Freiheit der Sklaven unterminiert die Legitimation der lokalen Eliten und führt zu deren Machtverlust
II.3.b Eine nicht reformfähige anachronistische Regierung wird gestürzt
II.4 Die Volksrepublik Sansibar im Kontext des Ost-West Konflikts
II.4.a Die Gesellschaftliche Umgestaltung nach sowjetischem Muster
II.4.b Die Tansanische Union und der Afrikanische Sozialismus
III. Schlussfolgerung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit analysiert die gesellschaftspolitische Entwicklung Sansibars von einer feudal geprägten Monarchie unter britischer indirekter Kolonialherrschaft bis hin zur sozialistischen Revolution nach der Unabhängigkeit. Dabei wird insbesondere untersucht, inwiefern die langfristige Aufrechterhaltung kolonialer Machtstrukturen und der späte Umgang mit der Sklaverei einen gewaltsamen gesellschaftlichen Umbruch begünstigten.
- Historische Genese der Swahili-Kultur und die Rolle der Sklaverei
- Mechanismen und Effizienz der britischen indirekten Kolonialherrschaft
- Die Auswirkungen der Sklavenbefreiung auf die Legitimation lokaler Eliten
- Der Übergang zur Volksrepublik und die Einbettung in den Ost-West-Konflikt
- Vergleich der sozialistischen Ansätze in Sansibar und Tansania
Auszug aus dem Buch
II.2.a Definition der indirekten Kolonialherrschaft und Gründe für ihre Anwendung
Es gibt viele verschiedene Definitionen indirekter Kolonialherrschaft. Ich werde in dieser Arbeit diejenige von Michael W. Doyle verwenden, der indirekte Herrschaft als „die Verwaltung von umfangreichen Bereichen der Kolonie […], die Mitgliedern der einheimischen Elite unter der Aufsicht imperialer Statthalter anvertraut wird“ [„the governance of extensive districts of the colony […] entrusted to members of the native elite under the supervision of imperial governors”]23. Doyle beschreibt des Weiteren das Ziel der britischen indirekten Kolonialherrschaft als die Kontrolle über die auswärtigen Beziehungen Sansibars, und die gleichzeitige Unversehrtheit der inneren Politik. [„to control Zanzibar’s foreign relations, leaving domestic politics intact”].24 Um das Sultanat zu kontrollieren, bedurfte es also nur der symbolischen Präsenz eines Konsulats und eines sog. British Resident, der die Funktion des Vizepräsidenten des höchsten Regierungsgremiums (des Protectorate Council), innehatte, dessen Vorsitzender der Sultan nur noch symbolisch war.25 Im Gegensatz zu dieser winzigen Kolonialpräsenz in Sansibar sah es zum Beispiel in Tanganjika – einer direkt beherrschten Kolonie – sehr anders aus: noch 1961 direkt vor der Unabhängigkeit waren alle Beamten in Daressalam, alle Provinzverwalter und 55 der 57 Kreisverwalter noch immer britische Überseebeamte.26 Bei der Begründung der indirekten Herrschaft über Sansibar ist also der Aspekt der Effizienz sehr wichtig. Es war schlicht nicht notwendig die bestehenden Herrschaftsstrukturen komplett umzuwälzen, weil es auch möglich war die eigenen Ziele – die Dominanz über den Archipel Sansibar – zu erreichen ohne augenscheinliche Veränderungen an der lokalen Herrschaftsweise vorzunehmen.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Diese Einleitung führt in die historische Ausgangslage Sansibars ein und definiert das Ziel, die Entwicklung von der feudalistischen Monarchie hin zur sozialistischen Revolution zu analysieren.
II.1 Historischer Prätext: Das Kapitel beleuchtet die Entstehung der Swahili-Kultur und die komplexe historische Einstellung zur Sklaverei innerhalb dieser Gesellschaft.
II.2 Weshalb und wie wurde die Kolonie Sansibar indirekt beherrscht?: Hier werden die Definition und Anwendung der indirekten Kolonialherrschaft sowie deren Auswirkungen auf die lokale Wirtschaftsordnung dargelegt.
II.3 Anachronistische Herrschaft und die finale Revolution: Dieses Kapitel beschreibt den Legitimationsverlust der herrschenden Elite nach der Sklavenbefreiung und den daraus resultierenden gewaltsamen Regierungssturz.
II.4 Die Volksrepublik Sansibar im Kontext des Ost-West Konflikts: Diese Sektion untersucht die Neuausrichtung Sansibars als sozialistischer Staat und die spätere Union mit Tanganjika.
III. Schlussfolgerung: Das Fazit fasst zusammen, wie das koloniale Erbe und die soziale Spaltung des Landes zur unvermeidbaren Revolution führten.
Schlüsselwörter
Sansibar, Britische Kolonialherrschaft, Indirekte Herrschaft, Swahili-Kultur, Sklaverei, Entkolonialisierung, Volksrepublik, Soziale Ungerechtigkeit, Revolution, Ost-West-Konflikt, Tansania, Julius Nyerere, Protektorat, Feudalismus, Klassenkampf
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem historischen Transformationsprozess Sansibars vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zur Mitte der 1960er Jahre unter Berücksichtigung kolonialer und postkolonialer Einflüsse.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Auswirkungen der indirekten britischen Herrschaft, das Sklavensystem der Swahili-Gesellschaft, die sozioökonomische Ungleichheit und der Umbruch zum sozialistischen Staat.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, wie die Erhaltung des Status quo durch die Kolonialmacht und die ungelösten sozialen Spannungen zur marxistisch geprägten Revolution führten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine historische Analyse, die sich auf die Auswertung von Fachliteratur sowie zeitgeschichtliche Dokumente stützt, um kausale Zusammenhänge zu rekonstruieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des historischen Erbes, die Analyse der indirekten Herrschaftsmechanismen sowie die Darstellung der revolutionären Umwälzungen und deren Einbettung in den Kalten Krieg.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Sansibar, indirekte Kolonialherrschaft, Swahili-Kultur, Sklavenbefreiung, Revolution, Sozialismus und die Tansanische Union.
Warum wird die Rolle der Sklaverei als so bedeutsam für die Revolution hervorgehoben?
Die Sklaverei prägte die soziale Hierarchie; ihre Abschaffung untergrub die Legitimität der alten Eliten, während die ehemaligen Sklaven in wirtschaftlicher Abhängigkeit verblieben, was den sozialen Unmut nährte.
Inwiefern unterschied sich die Entwicklung in Sansibar von der in Tanganjika?
Während Sansibar einen radikalen, auf Klassenkampf basierenden sozialistischen Weg wählte, verfolgte Tanganjika unter Julius Nyerere einen moderateren, auf traditionellen Werten basierenden "Afrikanischen Sozialismus".
Welche Bedeutung hatte der Kiembe-Samaki-Vorfall für die weitere Entwicklung?
Er fungierte als ein Frühwarnzeichen für den eskalierenden sozialen Konflikt und die tiefe gesellschaftliche Spaltung, die schließlich in der gewaltsamen Revolution von 1964 mündete.
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- Julian Fitz (Author), 2011, Die Effekte der indirekten britischen Kolonialherrschaft über Sansibar und die Konsequenzen der anschließenden Entkolonialisierung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/171417