Diese Masterarbeit untersucht die Darstellung von Menschen im Autismus-Spektrum in Film- und Serienporträts. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass Autismus ein vielschichtiges und individuelles Phänomen ist, das in der Öffentlichkeit häufig durch Medien geprägt wahrgenommen wird. Vor diesem Hintergrund wird der Frage nachgegangen, wie Figuren im Autismus-Spektrum in audiovisuellen Medien inszeniert werden und welche Bilder, Stereotype oder Differenzierungen dabei entstehen.
Im theoretischen Teil der Arbeit werden zunächst die Grundlagen des Autismus-Spektrums erläutert, einschließlich Definitionen, diagnostischer Kriterien, zentraler Merkmale sowie historischer Entwicklungen. Ergänzend wird die Rolle von Unterhaltungsmedien beleuchtet, insbesondere im Hinblick auf deren Einfluss auf gesellschaftliche Wahrnehmung, Mediensozialisation und die Darstellung von Diversität. Dabei wird auch diskutiert, welche Chancen und Risiken mit medialen Repräsentationen von Autismus verbunden sind.
Der empirische Teil der Arbeit widmet sich der Analyse ausgewählter Film- und Serienporträts, in denen Figuren im Autismus-Spektrum dargestellt werden. Ziel ist es, typische Darstellungsweisen herauszuarbeiten und kritisch zu reflektieren, inwiefern diese zur Aufklärung beitragen oder bestehende Vorurteile und Mythen verstärken. Insgesamt leistet die Arbeit einen Beitrag zum Verständnis medialer Repräsentationen von Autismus und deren Bedeutung für gesellschaftliche Wahrnehmungsprozesse.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Autismus-Spektrum
2.1 Autismus-Spektrum-Störung – eine Modediagnose?
2.2 Der geschichtliche Hintergrund
2.3 Klassifikationssysteme und Diagnostik
2.3.1 Autistische Trias
2.3.2 ICD-10
2.3.3 ICD-11
2.3.4 DSM-V
2.3.5 Diagnostik
2.3.6 Komorbidität
2.4 Begriffsbestimmung
2.4.1 Frühkindlicher Autismus
2.4.2 Asperger-Syndrom
2.4.3 Atypische Autismus
2.5 Weitere Merkmale im autistischen Spektrum
2.5.1 Theory of Mind
2.5.2 Empathie
2.5.3 Emotionen
2.5.4 Zentrale Kohärenz
2.5.5 Wahrnehmungsbesonderheiten
2.5.6 Intelligenz
2.5.7 Savant-Syndrom
2.5.8 Overloads, Meltdowns und Shutdowns
2.5.9 Weitere Merkmale
2.6 Ätiologie
2.7 Therapie und professionelle Unterstützungsmöglichkeiten
2.7.1 Verhaltenstherapeutische Ansätze
2.7.2 Medikation
2.7.3 Sonstiges
2.8 Neurodiversität
3. Unterhaltungsmedien
3.1 Alte vs. neue Medien
3.1.1 Filme und Serien
3.2 Medienwirksamkeit
3.2.1 Der Kultivierungsansatz
3.2.2 Agenda Setting-Ansatz
3.2.3 Der Einfluss von (Unterhaltungs-)Medien auf die Einstellung
3.3 Mediensozialisation
3.4 Diversität in den Medien
4. Das Autismus-Spektrum und die Unterhaltungsmedien
4.1 Allgemein: Behinderung und Unterhaltungsmedien
4.2 Mediale Darstellungen in Film- und Serienporträts
4.2.1 Stereotype und Vorurteile
4.2.2 Gefahren und Grenzen
4.2.3 Chancen und Ziele
4.2.4 Erfahrungen autistischer Menschen
4.3 Aktueller Forschungsstand und Ziel der Arbeit
5. Methodik
5.1 Forschungsdesign
5.1.1 Exkurs: Klassische Filmanalyse
5.1.2 Konstruktion des Analysebogens
5.1.3 Gütekriterien
5.1.4 Auswahl der Stichprobe
5.1.5 Pretest
5.1.6 Auswertungsmethode
6. Analyse und Auswertung
6.1 Spielfilm Rain Man
6.1.1 Inhaltsangabe
6.1.2 Raymond Babbitt – die Darstellung des Protagonisten im Autismus-Spektrum
6.2 Serie Atypical
6.2.1 Inhaltsangabe
6.2.2 Sam Gardner – die Darstellung des Protagonisten im Autismus-Spektrum
6.3 Vergleich
7. Diskussion der Ergebnisse
7.1 Limitation
8. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Masterarbeit untersucht die mediale Repräsentation von Menschen im Autismus-Spektrum, um zu analysieren, inwieweit diese Darstellungen Stereotypen unterliegen und welchen Einfluss sie auf die öffentliche Wahrnehmung haben. Die zentrale Forschungsfrage lautet: „Wie werden Menschen im Autismus-Spektrum in Film- und Serienporträts dargestellt?“
- Theoretische Fundierung des Autismus-Spektrums (Diagnostik, Merkmale, Ätiologie)
- Medienwirkungsforschung und deren Relevanz für soziale Einstellungen
- Analyse der Darstellung von Autismus in den Medien (Stereotype, Vorurteile, Diversität)
- Empirische Untersuchung anhand des Spielfilms Rain Man und der Serie Atypical
- Vergleich der Darstellungsformen über verschiedene Jahrzehnte hinweg
Auszug aus dem Buch
2.5.8 Overloads, Meltdowns und Shutdowns
Ein Overload ist eine Form der Reizüberflutung, die gerade bei Menschen im Autismus-Spektrum aufgrund ihrer Reizfilterstörung auftreten kann. Die Unfähigkeit, Hintergrundgeräusche auszublenden oder Reize nach wichtig und unwichtig zu sortieren kann dazu führen, dass Autist:innen von diesen Reizen überflutet werden (vgl. Habermann und Kißler 2022, S. 61f). Eine Autistin beschreibt dies wie folgt:
„Furchtbar fühlt sich ein Overload an. Als würden lauter Menschen an einem ziehen in lauter Richtungen und plötzlich wird alles, was um einen rum passiert, noch viel intensiver. […] Also alle Reize, die um einen herum sind, werden zwar irgendwie gleichzeitig einzeln wahrgenommen, aber das ganze vermischt sich dann auch zu einem ganz großen super unangenehmen Reiz, aus dem es dann auch teilweise echt schwer ist rauszukommen.“ (funk 100percentme, 2020b).
Auf einen Overload folgt häufig ein sogenannter Meltdown, bei dem es zu einem mentalen Zusammenbruch kommt (vgl. Habermann und Kißler 2022, S. 61f). Meltdowns sind Reaktionen, die durch zu viele oder zu intensive Umweltreize hervorgerufen werden, wie zum Beispiel aggressives Verhalten. Diese Verhaltensweisen gehen häufig mit einem Kontrollverlust einher und sind von Verzweiflung geprägt. Typische Beispiele sind das Schlagen des Kopfes gegen die Wand, Weglaufen oder Schreien. Oft endet der Meltdown nicht sofort, wenn die Reizflut aufhört, da die Anspannung und Belastung des Körpers und der Psyche noch einige Zeit nachwirken können. In einer solchen Situation muss dem Menschen ein Ausweg aus der für ihn unerträglichen Situation ermöglicht werden, da es sonst zu einem Shutdown kommen kann (vgl. Habermann und Kißler 2022, S. 64f). Ein Shutdown kann die Folge eines Meltdowns, aber auch die direkte Folge eines Overloads sein und ist vergleichbar mit einem Computerabsturz. Danach ist häufig eine Erholungsphase für die Betroffenen notwendig, die Stunden bis Wochen dauern kann. Eine Folge kann der Verlust der Sprachfähigkeit sein oder der Rückzug in die Embryonalstellung sein, verbunden mit Schaukelbewegungen und Brummen (vgl. Habermann und Kißler 2022, S. 67).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Relevanz der medialen Darstellung von Autismus ein und definiert die zentrale Forschungsfrage der Arbeit.
2. Das Autismus-Spektrum: Dieser Abschnitt vermittelt ein theoretisches Grundverständnis von Autismus, inklusive Diagnostik, Kernsymptomen und komorbider Störungen.
3. Unterhaltungsmedien: Hier werden theoretische Grundlagen der Medienwirkungsforschung und Mediensozialisation dargelegt, um deren Einfluss auf gesellschaftliche Einstellungen zu verdeutlichen.
4. Das Autismus-Spektrum und die Unterhaltungsmedien: Dieses Kapitel verknüpft die beiden Schwerpunkte und diskutiert mediale Stereotype sowie Chancen und Gefahren der Darstellung von Menschen mit Behinderung.
5. Methodik: Es wird das Forschungsdesign beschrieben, inklusive der Auswahl des Beobachtungsbogens als Instrument zur Filmanalyse und der methodischen Gütekriterien.
6. Analyse und Auswertung: In diesem Teil erfolgt die inhaltliche Untersuchung der Darstellungen im Spielfilm Rain Man und der Serie Atypical, gefolgt von einem Vergleich.
7. Diskussion der Ergebnisse: Die Ergebnisse werden im Hinblick auf die Fragestellungen interpretiert und die theoretischen Leitthemen werden kritisch reflektiert.
8. Fazit und Ausblick: Das Fazit fasst die Kernerkenntnisse zusammen und gibt einen Ausblick auf die zukünftige Bedeutung einer diverseren medialen Repräsentation.
Schlüsselwörter
Autismus-Spektrum-Störung, ASS, Medienwirkungsforschung, Unterhaltungsmedien, Filmanalyse, Stereotype, Neurodiversität, Rain Man, Atypical, Inklusion, Mediensozialisation, Savant-Syndrom, Overload, Meltdown, Repräsentation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Menschen, die dem Autismus-Spektrum angehören, in populären Filmen und Serien dargestellt werden und welche Auswirkungen diese medialen Porträts auf die gesellschaftliche Wahrnehmung haben.
Was sind die zentralen Themenfelder der Studie?
Die zentralen Felder sind die medizinisch-psychologische Perspektive auf Autismus sowie medienwissenschaftliche Theorien zur Wirkung von Inhalten auf das Publikum.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es zu beantworten, wie Menschen im Autismus-Spektrum medial dargestellt werden, um kritische Stereotype aufzuzeigen und ein Verständnis für eine realistischere Darstellung zu fördern.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt eine systematische Inhaltsanalyse, wobei ein Beobachtungsbogen zur Untersuchung des ausgewählten Filmmaterials (Spielfilm und Serie) als Instrument dient.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung in das Autismus-Spektrum und die Medienwirkung, gefolgt von der praktischen Analyse des Films „Rain Man“ und der Serie „Atypical“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Autismus-Spektrum-Störung, Medienwirkungsforschung, Stereotype, Neurodiversität und Inklusion charakterisieren.
Inwiefern spielt der Vergleich zwischen „Rain Man“ und „Atypical“ eine Rolle?
Der Vergleich verdeutlicht den Wandel in der Darstellung von Autismus über drei Jahrzehnte hinweg – von einer medizinischen Fixierung auf Inselbegabungen in den 1980ern hin zu einem differenzierteren, inklusiven Bild in neueren Serien.
Welche Bedeutung haben die Begriffe „Overload“ und „Meltdown“ in der Untersuchung?
Diese Begriffe beschreiben Kernphänomene autistischer Reizverarbeitung, deren Darstellung in den untersuchten Medien für die Realitätsnähe der Porträts von zentraler Bedeutung ist.
Warum betont die Autorin die Rolle von Neurodiversität?
Die Perspektive der Neurodiversität dient als Kontrastpunkt zur rein defizitorientierten Sichtweise auf Autismus, um Autismus als neurologische Variation statt als bloße Störung zu begreifen.
- Quote paper
- Pauline Berger (Author), 2024, Zwischen Pinguinen und Arithmetik. Eine Analyse der Darstellung von Menschen im Autismus-Spektrum in Film- und Serienporträts, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1714378