Die Diskussionen, die seit Anfang der 1990er Jahre über Kinder, Kindheit und Bilder von Kindern geführt wurden, intensivierten sich nach dem ersten PISA-Schock 2001. Doch die Kultusminister dachten kurioser Weise nicht in erster Linie an eine Schulreform oder über Möglichkeiten nach, wie man Unterricht besser, effektiver und vielleicht auch kindgerechter gestalten könnte. Sie überlegten, ob man in Deutschland Bildungspläne nach skandinavischem Vorbild einführen sollte. Es ging also um Bildung von Anfang an und darum, die Zukunft der Nation zu sichern, denn durch den Geburtenrückgang der letzten Jahrzehnte, werden Kinder eine immer wertvollere und wichtigere Ressource. Diese zukunftswichtige – und nun auch gesellschaftliche – Aufgabe, wollte man nicht der Beliebigkeit der verschiedenen Einrichtungen, deren Konzepten und MitarbeiterInnen überlassen, weshalb man eine gewisse Norm bzw. eine Orientierung geben wollte und ab 2003 anfing, in den einzelnen Bundeslän-dern Bildungspläne einzuführen.
Diese Arbeit hat die Aufgabe, den hessischen Bildungs- und Erziehungsplan und das Berliner Bildungsprogramm hinsichtlich ihres Umgangs mit Migrantenkindern oder Kinder mit Migrationshintergund zu vergleichen, da die heutige Kinderpopulation zu einem Drittel aus diesen Kindern besteht. Da frühkindliche Forschung über multikulturelle Kindheit erst langsam in den Blick gerät, soll untersucht werden, ob die Bildungspläne Unterschiede zwischen autochthonen und nicht autochthonen Kindern machen und wenn ja welche, bzw. an welchen Stellen respektive in welchen Bildungsbereichen. Dabei beschränkt sich der Vergleich und auch die ganze Arbeit, auf die vorschulische Kindheit, da sich Bildungspläne an diese Altersgruppe richten – trotz des Novums des hessischen Bildungsplans, der sich an Kinder von 0-10 Jahren richtet.
Bevor die beiden Pläne hinsichtlich ihres Umgangs mit Migrantenkindern oder Kindern mit Migrationshintergrund analysiert und verglichen werden, erfolgt ein kurzer allgemeiner Vergleich der Pläne, denn es ist wichtig zu wissen, welchen Ansatz und welches Bild vom Kind die beiden Pläne haben, da sich daraus ihre Praxis ableitet. Es soll dahingehend analysiert und verglichen werden, ob die Pläne unterschiedliche Bilder von autochthonen und nicht autochthonen Kindern haben, oder ob sie Unterschiede in der pädagogischen Arbeit mit Migrantenkindern oder Kindern mit Migrationshintergund vorsehen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretische Vorbemerkungen und Grundlagen
2.1 Kind, Kindheit und Kindheitsbilder- bzw. Perspektiven
2.2 Was ist ein Kind?
2.3 Was ist Kindheit heute?
2.4 Kindheitsbilder aktuell und warum/ zu welchem Zweck gibt es sie?
3. Der hessische Bildungs- und Erziehungsplan und das Berliner Bildungsprogramm im Vergleich
3.1 Was ist ein Bildungsplan und was ist dessen Zweck?
3.2 Der hessische Bildungs- und Erziehungsplan – ein Kurz-Portrait
3.3 Das Berliner Bildungsprogramm – ein Kurz-Portrait
3.4 Vergleich der Bildungspläne unter besonderer Berücksichtigung auf den Umgang mit Migrantenkinder bzw. Kinder mit Migrationshintergrund
3.4.1 Allgemeine Aspekte der Entstehung und Einführung
3.4.2 Allgemeine Handlungsanforderungen bzw. allgemeine pädagogische Prinzipien
3.4.3 Pädagogisches Bildungsverständnis
3.4.4 Migrantenkinder bzw. Kinder mit Migrationshintergrund
4. Resümee und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Diese Hausarbeit analysiert und vergleicht den hessischen Bildungs- und Erziehungsplan sowie das Berliner Bildungsprogramm hinsichtlich ihres Umgangs mit Migrantenkindern. Ziel der Arbeit ist es zu untersuchen, ob diese Bildungspläne Unterschiede in der pädagogischen Herangehensweise zwischen autochthonen Kindern und Kindern mit Migrationshintergrund formulieren und wie diese Kindheitsbilder in den jeweiligen Dokumenten konstruiert werden.
- Vergleich von Bildungsplänen als Steuerungsinstrumente in der frühkindlichen Bildung.
- Analyse aktueller Kindheitsbilder und deren Einfluss auf pädagogische Konzepte.
- Untersuchung der interkulturellen Ausrichtung von Bildungsplänen.
- Diskussion über das Spannungsfeld von institutioneller Normierung und individueller Förderung.
- Reflexion über die Rolle des Kindes als Akteur vs. als Ressource für die Gesellschaft.
Auszug aus dem Buch
3.4.4 Migrantenkinder bzw. Kinder mit Migrationshintergrund
Wenn man die Bildungspläne jedoch unter der Fragestellung liest, wie sie mit Migrantenkindern oder mit Kinder mit Migrationshintergrund umgehen, stellt man fest, dass es in beiden Plänen an 19 Stellen – mal mehr und mal weiniger ausführlich – um Kinder mit anderem kulturellen, religiösen oder ethnischen Hintergrund geht. Es werden in beiden Plänen keine Unterschiede zwischen den Kindern und ihrer Herkunft gemacht, allerdings werden in den unterschiedlichen Herkünften Potentiale und Chancen gesehen, die für die Entwicklung aller von Vorteil wären.
Eine zentrale Aufgabe kommt im Berliner Bildungsprogramm der Sprachförderung zu. Wie oben erwähnt, ist sie der Schlüssel zur Weltbildung und erweitert die eigenen Grenzen. Sprachförderung bezieht sich nicht auf bestimmte Gruppen von Kindern, sondern auf alle Kinder in Tageseinrichtungen, ungeachtet ihrer Herkunft. Der Anspruch, alle Kinder gleich zu behandeln i.S. von gleichen Bildungschancen, geht u.a. auf die PISA-Ergebnisse zurück, welche Leistungsunterschiede auf ethisch-kulturelle Herkunft zurückführten. Ziel des Plans ist es also, diesen Unterschieden schon frühzeitig entgegenzutreten und die Kinder nach Möglichkeit auf ein Level zu bekommen. Weiterhin soll in den Einrichtungen auf familiäre, kulturelle und/oder religiöse Hintergründe eingegangen und bei Regelungen auf sie geachtet werden, da so jedes Kind in seiner Individualität berücksichtigt wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung beleuchtet die Entstehung von Bildungsplänen seit dem PISA-Schock 2001 und skizziert das Ziel, den hessischen und Berliner Plan hinsichtlich ihres Umgangs mit Migrantenkindern zu vergleichen.
2. Theoretische Vorbemerkungen und Grundlagen: Hier werden Definitionen von Kind und Kindheit erarbeitet sowie die Rolle von Kindheitsbildern in der modernen Gesellschaft und Wissenschaft diskutiert.
3. Der hessische Bildungs- und Erziehungsplan und das Berliner Bildungsprogramm im Vergleich: Dieses Hauptkapitel analysiert die Struktur, Ziele und methodischen Ansätze beider Pläne sowie deren spezifische Konzepte im Umgang mit kultureller Diversität und Migrationshintergrund.
4. Resümee und Ausblick: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen, kritisiert die Verstaatlichung der Kindheit und fordert mehr interdisziplinäre Forschung sowie eine stärkere Einbeziehung der kindlichen Lebenswelt.
Schlüsselwörter
Kindheit, Bildungspläne, Migrationshintergrund, Frühpädagogik, Sprachförderung, Bildungsstandard, Sozialkonstruktivismus, Kindheitsbilder, Interkulturelle Erziehung, Bildungsqualität, PISA-Schock, institutionelle Bildung, Integration, Partizipation, Kompetenzentwicklung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie deutsche Bildungspläne – beispielhaft anhand von Hessen und Berlin – auf die wachsende Zahl von Kindern mit Migrationshintergrund reagieren.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Konstruktion von Kindheit, der Funktion von Bildungsplänen als Steuerungsinstrument und der inklusiven Gestaltung vorschulischer Bildung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist der Vergleich, ob und wie die untersuchten Bildungspläne Unterschiede in der pädagogischen Behandlung von Migrantenkindern und autochthonen Kindern definieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine deskriptive und vergleichende Analyse, die sich auf fachwissenschaftliche Literatur und die Originaltexte der Bildungspläne stützt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil enthält Kurzporträts der Pläne, eine Analyse ihres Bildungsverständnisses und eine detaillierte Gegenüberstellung ihres Umgangs mit kulturellen Differenzen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Kindheit, Migrationshintergrund, Sprachförderung, Bildungspläne und pädagogische Professionalität.
Warum spielt das Thema "PISA" eine Rolle für Bildungspläne?
Der PISA-Schock 2001 fungierte als Katalysator, der den politischen Druck zur Normierung frühkindlicher Bildung erhöhte, um Bildungsunterschiede frühzeitig auszugleichen.
Wie gehen die Pläne mit kirchlichen Einrichtungen um?
Aufgrund ihrer religiösen Verortung wird kirchlichen Einrichtungen in beiden Plänen ein gewisser Spielraum eingeräumt, der sich von staatlich-neutralen Modellen unterscheidet.
Was kritisiert der Autor an der aktuellen Forschung?
Der Autor kritisiert, dass Kinder mit Migrationshintergrund in vielen Studien ignoriert werden und dass der Fokus zu stark auf einer "normativen" bzw. homogenen deutschen Kindheit liegt.
- Quote paper
- Daniel Rahn (Author), 2011, Kindheiten, Kinderbilder und Bildungspläne, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/171528