Am 17. Februar 2008 entstand mit der Unabhängigkeitserklärung Kosovos der jüngste Staat in Europa. Damit verwirklichte die albanische Mehrheitsbevölkerung in der zuvor serbischen Provinz Jugoslawiens einen Jahrzehnte alten Traum. Die Souveränität dieses neuen Staates ist von den USA, vielen europäischen und anderen Staaten anerkannt worden. Ein nicht unbedeutender Teil der Weltgemeinschaft hält die einseitige Unabhängigkeitserklärung des Kosovo, die keine Legitimation durch die VN besitzt, hingegen für völkerrechtswidrig . Prinzipiell geht es im Kosovo-Konflikt „um die Herrschaft über ein klar umgrenztes Territorium – allerdings nicht zwischen zwei souveränen Staaten (Albanien hat nie einen Anspruch auf das Kosovo erhoben), sondern zwischen zwei Volksgruppen, die beide auf diesem Territorium leben “. Seit dem Ende des Luftkrieges der NATO im Juni 1999 steht das Kosovo unter der Verwaltungshoheit der Vereinten Nationen (VN). Die United Nations Interim Administration Mission in Kosovo (UNMIK) hat den umfassenden Auftrag, den Frieden wiederherzustellen und den Wiederaufbau zu betreiben. Sie hat neben Peace-keeping auch die Aufgabe, Peacebuilding zu betreiben und die Entwicklung provisorischer Einrichtungen zur demokratischen Selbstregierung zu überwachen.
Schwerpunkt dieser Arbeit soll diese Interimsverwaltung der Vereinten Nationen im Kosovo (UNMIK) mit ihrer Arbeitsweise und Struktur darstellen. Dabei soll vor allem auf den Widerspruch zwischen Nation- und State-building eingegangen werden. Die internationale Gemeinschaft befindet mit ihrem Engagement im Kosovo dahingehend in einem Widerspruch, als dass ihre Handlungen nicht immer ihre Vorsätze wiedergespiegelt haben. So wird der UNMIK beispielsweise häufig vorgeworfen, im Kosovo State-building betrieben zu haben, obwohl sie ihrem Auftrag zufolge lediglich im Rahmen des Peace- und Nation-building agieren sollte. Obwohl die Vorgabe von allen westlichen Ländern in den Statusverhandlungen diejenige war, dass eine Unabhängigkeit des Kosovo nicht zur Debatte stehe, so erkannte doch ein Großteil dieser Länder den unabhängigen Staat Kosovo im Jahr 2008 an. Es soll vor allem darum gehen, herauszufinden, ob die VN mit ihrem Aufbau von Institutionen den Kosovo-Albanern den Weg in die Unabhängigkeit geebnet haben, oder ob dies nur eine nicht zu verhindernde Folge war, wenn man effektives Konfliktmanagement in der Krisenregion „Balkan“ betreiben will.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Internationales Krisen- und Konfliktmanagement
3. Kosovo – Der Weg in Krise und Krieg
3.1 Ethnische Zusammensetzung des Kosovo
3.2 Eskalation der Gewalt
3.3 Internationale Interventionen
4. Die Vereinten Nationen im Kosovo
4.1 Die Resolution 1244 des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen
4.2 Die Struktur der UNMIK
4.3 Arbeitsweise
5. Nation-building versus State-building
5.1 Entwicklungen im Kosovo seit 1999
5.2 Widersprüche im Handeln der internationalen Gemeinschaft
6. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle der Vereinten Nationen bei der Interimsverwaltung des Kosovo (UNMIK) sowie die daraus resultierenden Widersprüche zwischen dem geforderten Aufbau provisorischer Institutionen und dem tatsächlichen Prozess der Staatsbildung unter unklaren Statusvoraussetzungen.
- Die Arbeitsweise und Struktur der UNMIK als Instrument des internationalen Konfliktmanagements.
- Die historische Genese des serbisch-albanischen Konflikts im Kosovo.
- Der Zielkonflikt zwischen internationalem Peace-building und dem nationalen State-building der Kosovo-Albaner.
- Die Auswirkungen der Resolution 1244 auf die politische Entwicklung im Kosovo.
- Die kritische Würdigung der internationalen Protektoratslösung bis zur Unabhängigkeitserklärung 2008.
Auszug aus dem Buch
3. Kosovo – Der Weg in Krise und Krieg
„Obwohl die ethnischen Auseinandersetzungen im Kosovo eine sechshundertjährige Geschichte haben, die Wurzeln des Konflikts der 1990er sind in den Geschehnissen am Ende des 19. Jahrhundert und während des letzten Jahrhunderts zu finden13“. Seit 1912/13, als Serbien in den Balkankriegen das Kosovo vom Osmanischen Reich eroberte, ist die politische Zugehörigkeit zwischen Albanern und Serben umstritten14. Beide Konfliktparteien erheben mit politischen, historischen, juristischen und bevölkerungsgeschichtlichen Argumenten Anspruch auf die Provinz.
Auf der einen Seite verlangen die Kosovo-Albaner unter Berufung auf das Selbstbestimmungsrecht ihren eigenen Staat, während Belgrad auf der anderen Seite die Provinz als integralen Bestandteil Serbiens betrachtet und die Wahrung seiner staatlichen Souveränität und territorialen Integrität einklagt15. Die Frage, wer dabei Recht hat, ist für die Lösung des Problems zweitrangig. „Beide Seiten haben seit langem nur die eigenen Ziele vor Augen und weigern sich, die legitimen Interessen der jeweils Anderen anzuerkennen16“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung umreißt die Ausgangslage des Kosovo-Konflikts und stellt die Forschungsfrage nach der Rolle der UNMIK im Spannungsfeld zwischen Peace-building und Staatsbildung.
2. Internationales Krisen- und Konfliktmanagement: Dieses Kapitel definiert die theoretischen Grundlagen des Krisenmanagements der Vereinten Nationen und erläutert die verschiedenen Instrumente wie Peacekeeping und Peace-building.
3. Kosovo – Der Weg in Krise und Krieg: Es erfolgt eine historische Analyse der serbisch-albanischen Konfliktgeschichte sowie der eskalierenden Gewalt seit Ende des 19. Jahrhunderts bis zur NATO-Intervention.
4. Die Vereinten Nationen im Kosovo: Das Kapitel widmet sich der UN-Resolution 1244, der daraus resultierenden Struktur der UNMIK (Vier-Säulen-Modell) sowie der konkreten Arbeitsweise der Mission.
5. Nation-building versus State-building: Hier werden die Widersprüche zwischen dem internationalen Mandat und der tatsächlichen Entwicklung des Kosovo sowie die Auswirkungen der politischen Weichenstellungen seit 1999 kritisch betrachtet.
6. Zusammenfassung: Das abschließende Kapitel resümiert die Arbeit und bewertet das UN-Modell der Protektoratsverwaltung als zwar erfolgreiches, aber im Hinblick auf die Statusfrage hochproblematisches Experiment.
Schlüsselwörter
Kosovo, Vereinte Nationen, UNMIK, Nation-building, State-building, Konfliktmanagement, Resolution 1244, Balkan, Friedenssicherung, Unabhängigkeit, Minderheitenrechte, Institutionenaufbau, Krisenprävention, Serben, Albaner.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Tätigkeit der Vereinten Nationen (UNMIK) im Kosovo zwischen 1999 und 2008 unter dem Aspekt des internationalen Konfliktmanagements.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die historische Genese des Kosovo-Konflikts, die Struktur der UN-Interimsverwaltung und der Zielkonflikt zwischen staatlichem Aufbau und der ungeklärten völkerrechtlichen Statusfrage.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es herauszufinden, ob die Vereinten Nationen durch den Aufbau von Institutionen den Weg in die Unabhängigkeit des Kosovo aktiv geebnet haben oder ob dies eine unbeabsichtigte Folge effektiven Konfliktmanagements war.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin stützt sich auf eine Analyse des Konfliktverlaufs, die Auswertung von UN-Dokumenten (insb. Resolution 1244) und die Untersuchung der theoretischen Konzepte von Nation- und State-building.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung des historischen Kontextes, die detaillierte Analyse der UNMIK-Struktur (Vier-Säulen-Modell) sowie eine kritische Auseinandersetzung mit der Problematik von Standards vor dem Status.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie UNMIK, Friedenssicherung, institutioneller Aufbau, Sezession und das Spannungsfeld zwischen der albanischen Mehrheit und der serbischen Minderheit charakterisiert.
Inwiefern spielte die "doppelte Mehrheit" eine Rolle im Kosovo-Konflikt?
Die "doppelte Mehrheit" beschreibt das Problem, dass die Kosovo-Albaner zwar innerhalb des serbischen Staates eine Minderheit waren, aber innerhalb des Kosovo eine erdrückende Mehrheit stellten, was den ethnisch definierten Konflikt verschärfte.
Warum war das Modell der "Vier Säulen" für die UNMIK entscheidend?
Das Vier-Säulen-Modell ermöglichte eine klare Aufgabenverteilung zwischen verschiedenen Organisationen (UN, UNHCR, OSZE, EU) unter einer einheitlichen UN-Führung, was Flexibilität und Effizienz bei der zivilen Verwaltung fördern sollte.
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- Julia Leib (Autor), 2009, Vereinte Nationen und das Kosovo, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/171552