Das Solidaritätsverständnis der Bewegung Solidarische Ökonomie: Eine Dokumentenanalyse von Texten von Altvater, Giegold/Embshoff und Voß


Seminararbeit, 2011

43 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Bewegung Solidarische Ökonomie in Deutschland
2.1 Entstehung
2.2 Grundannahmen und Ziele

3. Durkheims Solidaritätskonzept
3.1 Mechanische Solidarität
3.2 Organische Solidarität

4. Methode und Durchführung der Dokumentenanalyse
4.1 Qualitative Inhaltsanalyse
4.2 Zugang, Auswahl und Überprüfung der Dokumente
4.3 Analyse der Entstehungssituation
4.4 Festlegung von Analyserichtung und Kategorienbildung

5. Analyse der Texte von Altvater, Giegold/Embshoff und Voß
5.1 Altvaters „Solidarisches Wirtschaften: prekär oder emanzipativ“
5.1.1 Kontext des Dokuments
5.1.2 Zusammenfassende Inhaltsanalyse
5.1.3 Explizierende Inhaltsanalyse
5.1.4 Strukturierende Inhaltsanalyse
5.2 Giegolds/ Embshoffs „Solidarische Ökonomie im globalisierten Kapitalismus“
5.2.1 Kontext des Dokuments
5.2.2 Zusammenfassende Inhaltsanalyse
5.2.3 Explizierende Inhaltsanalyse
5.2.4 Strukturierende Inhaltsanalyse
5.3 Voß’ „Wegweiser Solidarische Ökonomie“
5.3.1 Kontext des Dokuments
5.3.2 Zusammenfassende Inhaltsanalyse
5.3.3 Explizierende Inhaltsanalyse
5.3.4 Strukturierende Inhaltsanalyse

6. Vergleich der Solidaritätsverständnisse

7. Theoretische Verankerung der Solidaritätsverständnisse
7.1 Widersprüchliche Bezüge zu Durkheim bei Altvater
7.2 Parallelen zu Durkheims organischer Solidarität bei Voß
7.3 Bezüge zu Durkheims Vertragssolidarität bei Giegold und Embshoff

8. Zusammenfassung und Ausblick

Literaturverzeichnis

Internetquellen

Anhang

Dokument 1: Altvaters „Solidarisches Wirtschaften: prekär oder emanzipativ“

Dokument 2: Giegolds/ Embshoffs „Solidarische Ökonomie im globalisierten

Kapitalismus“

Dokument 3: Voß’ „Wegweiser Solidarische Ökonomie

Kodetabelle

1. Einleitung

Solidarität ist ein Begriff, den sich zahlreiche Organisationen – wie Parteien, Gewerkschaften, religiöse Gruppen und NGOs – gerne auf die Fahnen schreiben. Verbunden wird damit häufig ein gesellschaftlicher Zusammenhalt, die Zusammengehörigkeit einzelner Gruppen und gegenseitige Unterstützung (vgl. Dallinger 2009, 21). Die Reichweite und Charakteristika von Solidarität werden jedoch je nach Definition sehr unterschiedlich bestimmt. Diese kann sich sowohl auf große anonyme Kollektive beziehen also auch auf kleine soziale Zusammenhänge (ebd., 21). Unterschiedliche Auffassungen existieren ebenso darüber, wie Solidarität erzeugt wird und ob sie eher „von unten“ durch die Betroffenen selbst oder „von oben“ durch den Staat entsteht (Iben/ Kemper/ Maschke 1999, 17ff.). Differenziert wird zwischen der organisierten Entstehung von Solidarität im Rahmen konstituierter Sozialzusammenhänge und ihrem spontanen Zustandekommen in unstrukturierten Situationen (Kaufmann 2002, 40). Je nach damit verbundenen Interessen wird der Solidaritätsbegriff somit sehr unterschiedlich verwendet.

Auch die Bewegung Solidarische Ökonomie sieht Solidarität als zentrales Konzept an. Ihre Vertreter setzen sich für eine Wirtschaft ein,

„bei der in den drei Bereichen Produktion, Konsum und Verteilung die handelnden Akteure darauf verzichten, vorhandene Chancen auf Durchsetzung ihrer Bedürfnisse auch gegen Widerstreben und auf Kosten der Bedürfnisse der übrigen Akteure zu nutzen“ (Flieger 2006, 47).

Darüber was das Solidarische dieser Wirtschafsform genau ausmacht existiert innerhalb der Bewegung bisher kein einheitliches Verständnis (vgl. Giegold/Embshoff 2008b, 13; Voß 2010, 11). Für die Zusammenarbeit ihrer verschiedenen Strömungen ist es jedoch von zentraler Bedeutung, „sich über die Definition des Begriffes und damit über das Gemeinsame und Einigende eines neuen Bewegungsschubs ökonomischer Selbstorganisation zu verständigen.“ (Giegold/ Embshoff 2008b, 14f.) Welche gemeinsame Basis existiert hinsichtlich des Solidaritätsbegriffes innerhalb der Bewegung Solidarische Ökonomie? Welche unterschiedlichen Verständnisse sind vorhanden? Diese Fragen sollen in der vorliegenden Arbeit untersucht werden. Dazu werden Texte von den Vertretern der Bewegung, Elmar Altvater, Sven Giegold/ Dagmar Embshoff und Elisabeth Voß, analysiert und Gemeinsamkeiten und Unterschiede ihrer Solidaritätskonzepte herausgearbeitet. Schließlich soll untersucht werden, inwiefern diese in Durkheims Solidaritätstheorie verankert sind. Der französische Soziologe war einer der ersten, der sich wissenschaftlich mit dem Solidaritätsbegriff auseinandersetzte, hatte einen prägenden Einfluss auf spätere Auseinandersetzungen über das Thema und eignet sich somit als theoretischer Vergleichshorizont für die Analyse (vgl. Dallinger 2009, 11, 13). Zur Solidarischen Ökonomie in Deutschland liegen bisher fast nur Texte von Mitgliedern der Bewegung vor, die ihre Konzepte und Projekte vorstellen. Die vorliegende Arbeit stützt sich somit hauptsächlich auf Primärquellen.

Zum Hintergrund der Analyse werden zuerst die Entstehung und Ziele der Bewegung Solidarische Ökonomie in Deutschland nachgezeichnet (Kapitel 2). Im dritten Kapitel wird auf das Solidaritätskonzept von Durkheim eingegangen, auf das sich die Autoren der untersuchten Texte teilweise beziehen. Anschließend werden die Methode der qualitativen Inhaltsanalyse und die Durchführung der Analyse dargestellt (Kapitel 4), bevor im Hauptteil der Arbeit das dabei herauskristallisierte Soldidaritätsverständnis von Altvater, Giegold/ Embshoff und Voß präsentiert wird (Kapitel 5). Im sechsten Kapitel werden die unterschiedlichen Verständnisse von Solidarität miteinander verglichen und im siebten Kapitel auf Bezüge zu Durkheims Solidaritätstheorie hin untersucht. Eine Zusammenfassung und ein Ausblick runden die Arbeit ab (Kapitel 8).

2. Die Bewegung Solidarische Ökonomie in Deutschland

2.1 Entstehung

Der Begriff „Solidarische Ökonomie“ wurde in den 1970er Jahren vom chilenischen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Luis Razeto Migliaro geprägt (Voß 2010, 13). Das Konzept an sich ist jedoch nicht erst zu diesem Zeitpunkt entstanden, sondern wurzelt in der europäischen Arbeiter- und Genossenschaftsbewegung, die sich ab Anfang des 19. Jh. als Antwort auf die mit der Industrialisierung einhergehende Arbeitslosigkeit und Armut entwickelte (Müller-Plantenberg 2007, 55). Die Gründung von Genossenschaften stellte einen Versuch der Arbeiter dar, Beschäftigung und ihre wirtschaftliche Autonomie zurück zu gewinnen (ebd., 55). Die Bewegung der Solidarischen Ökonomie knüpft ebenfalls an die neuen sozialen Bewegungen der Nachkriegszeit an, die sich u.a. für Frieden, Umweltschutz und Gleichberechtigung einsetzten und entwickelte sich als deren wirtschaftlicher Teil (ebd., 56f.). 1978 wurde das Netzwerk Selbsthilfe und der Theoriearbeitskreis Alternative Ökonomie gegründet (Voß 2010, 21). In den 1980er Jahren folgte die Gründung weiterer Vereine und Zeitschriften. Mit Zusammenbruch des sozialistischen Systems verlor die Alternativenbewegung an Kraft (ebd., 24). In den letzten Jahren wurden jedoch wieder verstärkt Initiativen wirtschaftlicher Selbsthilfe gegründet. Seit dem internationalen Kongress Wie wollen wir wirtschaften? Solidarische Ökonomie im globalisierten Kapitalismus in Berlin im Jahr 2006 erlangte die Bezeichnung „Solidarische Ökonomie“ in Deutschland zunehmende Bekanntheit (Embshoff/ Giegold 2008b, 11).

Die Bewegung unterteilt sich in zwei Varianten: im engeren Sinne, in die praktische Projektarbeit, wie z.B. die Selbstverwaltung von Betrieben, und im weiteren Sinne in die „Arbeit am systemischen Neuentwurf einer lebensdienlichen Wirtschaftensweise“ (Winkelmann et al. 2011, 9). Initiativen Solidarischer Ökonomie sind vor allem in Lateinamerika, allen voran Brasilien und Argentinien stark vertreten, aber auch in Deutschland existieren inzwischen zahlreiche Projekte zum solidarischen Arbeiten und Zusammenleben (Voß 2010, 13). Birkhölzer zufolge umfasst der Sektor in Deutschland inzwischen 2,5 Millionen Arbeitsplätze (2008, 128). Solidarische Wirtschaftsformen sind z.B. die betriebliche Selbstverwaltung durch die Arbeiter, Wohnungsgenossenschaften, fairer Handel, Tauschringe und vieles mehr (Giegold/ Embshoff 2008a, 226f.). Neben der Projektarbeit wird in den letzten Jahren auch verstärkt an der Entwicklung eines systematischen Konzepts gearbeitet, wie z.B. der „Richtungsentwurf einer solidarischen Ökonomie“ von Winkelmann et al. (2011) zeigt. Die Bewegung ist in sich jedoch bisher in zahlreiche Untergruppen zersplittert und verfügt über keine gemeinsame Interessensvertretung (Giegold/ Embshoff 2008b, 12, 17).

2.2 Grundannahmen und Ziele

Trotz der Vielfalt der Gruppierungen, die sich der Solidarischen Ökonomie verbunden fühlen, existieren einige Grundannahmen und Ziele, die die meisten ihrer Mitglieder teilen (Voß 2010, 14, 16). So liegt ihr ein Weltbild zugrunde, in dem

„alle Menschen allein aufgrund ihres Menschseins das Recht und die Möglichkeit haben, auf eine menschenwürdige Art Zugang zu all dem zu haben, was sie physisch, psychisch und geistig benötigen, um ein gutes Leben in selbstgewählten sozialen Zusammenhängen führen zu können“ (Voss 2010, 14).

Statt Konkurrenz, Gewinnmaximierung und Wachstum stehen der Mensch und seine Bedürfnisse im Mittelpunkt. Er wird dabei als Gemeinschaftswesen, das erst durch die soziale Teilhabe lebensfähig wird, als empathiefähig und Sinn suchend aufgefasst (Winkelmann et al. 2011, 10f.). Dem Erhalt des Ökosystems der Erde und dem Leitprinzip der Nachhaltigkeit wird eine besondere Bedeutung beigemessen (ebd., 2). Die Wirtschaft wird vor allen ökonomischen und Sonderinteressen als dem Dienst am Gemeinwohl verpflichtet angesehen. Um dies zu gewährleisten ist eine weitere Prämisse der Bewegung Solidarische Ökonomie das Primat des Politischen gegenüber der Wirtschaft (ebd., 2).[1]

Ausgehend von diesen Grundannahmen wenden sich die Vertreter der Bewegung gegen das kapitalistische System und neoliberale Politik- und Gesellschaftskonzepte (Altvater 2006b, 9; Giegold/ Embshoff 2008b, 15; Voß 2010, 9). Sie kritisieren die Unterwerfung aller Lebens- und Arbeitsbereiche der angeblich alternativenlosen Marktlogik. Ebenso nehmen sie eine Wirtschaftspolitik in die Kritik, die hohe Arbeitslosigkeit, zunehmende Armut und Umweltkrisen in Kauf nimmt (Altvater/ Sekler 2006, 7).

Befürworter der Solidarischen Ökonomie setzen der marktwirtschaftlichen Konkurrenzlogik die Entwicklung alternativer Wirtschafts-, Arbeits- und Lebensformen entgegen, die durch Selbstbestimmung und Solidarität gekennzeichnet sind (ebd., 7). Betont wird dabei die Bedeutung der Qualität und Sicherheit von Arbeitsplätzen, angemessener Entlohnung, der Gestaltung der Arbeitsbedingungen und der demokratischen Entscheidungspartizipation (Altvater 2006b, 12). Der Wandel soll durch die Rückkehr zu einer wertegeleiteten Wirtschaft, die Überwindung der Abschöpfungs- und Bereicherungsmechanismen und eine Ersetzung der Wachstums- durch eine Gleichgewichtsökonomie erreicht werden (Winkelmann et al. 2011, 12). Grundlegend für die angestrebte neue Wirtschaftsform ist das Konzept der Solidarität, die zum Leitmotiv des Wirtschaftens und der Gesellschaft werden soll (ebd., 2).

3. Durkheims Solidaritätskonzept

Da sich die untersuchten Solidaritätsverständnisse der Vertreter der Bewegung Solidarische Ökonomie alle implizit oder explizit auf Durkheim beziehen, wird im Folgenden sein Konzept der mechanischen und der organischen Solidarität dargestellt. Mit der Unterscheidung dieser beiden Solidaritätsformen beschreibt der französische Begründer der Soziologie die Veränderung der sozialstrukturellen Grundlagen von Solidarität und deren Auswirkungen auf die verschiedenen Formen sozialer Integration (Dallinger 2009, 47). Durkheim bezeichnet Solidarität als „soziales Band“, das Zusammenhalt bewirkt, die Menschen miteinander verbindet und zu ihrer Integration in die Gesellschaft beiträgt (1930/1992, 111). In seinem Werk „Über soziale Arbeitsteilung. Studie über die Organisation höherer Gesellschaften“ leitet er die Solidaritätsform, die einer Gesellschaft zugrunde liegt, aus dem in ihr dominierenden Rechtstypus ab (ebd.).

3.1 Mechanische Solidarität

Das repressive Strafrecht, das in traditionellen Gesellschaften vorherrscht, ahndet Durkheim zufolge Verbrechen, weil sie die kollektiven Gefühle der Gemeinschaft verletzen (ebd., 135, 153). Das soziale Band, das das Individuum an die Gesellschaft bindet, beruht dabei auf Ähnlichkeit (ebd. 156). Diese Form der Solidarität ist darauf zurückzuführen, „dass eine gewisse Anzahl von Bewusstseinszuständen allen Mitgliedern einer [sic!] und derselben Gesellschaft gemeinsam ist“ (ebd., 160). Ihr „kollektiver Typ“, d.h. die Gesamtheit ihrer Glaubensüberzeugungen und Gefühle, ist das Ergebnis einer historischen Entwicklung und der geteilten Erfahrungen der Gesellschaft (ebd., 157, 181). Durkheim bezeichnet diese Solidaritätsform als „mechanische Solidarität“, da die Individuen sich automatisch dem Kollektivtypus entsprechend verhalten und wie Moleküle anorganischer Körper zusammenhängen (ebd., 182). Sie geht mit einer gering ausgeprägten persönlichen Autonomie einher und führt dazu, dass sich die Persönlichkeit im Kollektivwesen „auflöst“ (ebd., 182). Die Mitglieder in traditionellen Gemeinschaften sind häufig durch (reale oder postulierte) Verwandtschaft miteinander verbunden, unterhalten „häusliche“ Beziehungen und tragen Verantwortung für das gesamte Kollektiv (ebd., 230f.) Gleichzeitig sind sie jedoch auch ersetzbar, da der Austritt bisheriger und der Eintritt neuer Mitglieder die Ökonomie der Gemeinschaft nicht stört (ebd., 204f.).

3.2 Organische Solidarität

Durkheim setzt sich intensiv mit der Frage auseinander, wie sich der mit der Industrialisierung ab dem Ende des 18. Jh. einhergehende gesellschaftliche Wandel und die zunehmende Arbeitsteilung auf den sozialen Zusammenhalt auswirken. Er leitet die Solidaritätsform der modernen Gesellschaft erneut über die Analyse ihres Rechtssystems her. Das diese charakterisierende Restitutivrecht zielt im Gegensatz zum Strafrecht nicht auf Sühne, sondern auf Wiederherstellung des ursprünglichen Zustands ab (ebd., 162). Die Form der Solidarität, die in diesem Rechtssystem zum Ausdruck kommt, entsteht laut dem Soziologen durch die mit der Arbeitsteilung verbundene Notwendigkeit der Kooperation (ebd., 179). Durkheim bezeichnet die moderne Gesellschaft als „ein System von verschiedenen und speziellen Funktionen, die bestimmte Beziehungen vereinigen“ (ebd., 181). Er vergleicht sie mit einem Organismus und ihre Mitglieder mit dessen Organen, die unterschiedliche Funktionen erfüllen und erst gemeinsam lebensfähig werden (ebd., 183). Die auf Arbeitsteilung beruhende Solidarität bezeichnet er deshalb als „organische“ (ebd., 162). Das Kollektivbewusstsein verliert bei dieser an Bedeutung und es entstehen mehr Freiheiten für das Individuum, dessen Persönlichkeit gerade die Voraussetzung für die Spezialisierung darstellt (ebd., 183).

Durkheim zufolge weicht beim Wandel von einer einfachen traditionellen zu einer komplexen modernen Gesellschaft die mechanische durch Ähnlichkeit geprägte Solidarität zunehmend einer organischen aus der Arbeitsteilung resultierenden Solidarität, die diese an Kohäsionskraft übertrifft (ebd., 228, 201). Die Arbeitsteilung übernimmt dabei die Rolle, die früher das Kollektivbewusstsein hatte, indem sie aufgrund der stärkeren Verflechtung der Funktionen und Austauschprozesse eine wechselseitige Abhängigkeit und Aufeinanderangewiesensein der Menschen erzeugt (ebd., 228, 269): „Jede der Funktionen, die [die Mitglieder einer Gesellschaft] ausüben, hängt ständig von anderen ab und bildet mit diesen ein solidarisches System“ (ebd., 284). Das starke Gefühl der Abhängigkeit führt Durkheim zufolge nicht nur zu notwendigen „täglichen Opfern“, sondern auch teilweise zu „Taten völliger Entsagung und ungeteilter Selbstverleugnung“, also altruistischen Formen von Solidarität (ebd., 285).

Neben der Arbeitsteilung wirken sich Durkheim zufolge auch Verträge auf den sozialen Zusammenhalt aus. Er bezeichnet die Vertragssolidarität als „[e]ine der bedeutendsten Spielarten der organischen Solidarität“ (ebd., 450). Durch die verstärkte Spezialisierung entwickeln sich ihm zufolge auch zunehmend vertragliche Beziehungen, die den Austausch regeln. Verträge erreichen ihre bindende Kraft, wenn sie gerecht sind, auf Gegenseitigkeit beruhen und die Vertragspartner ihnen freiwillig zustimmen (ebd., 451, 453, 455).

4. Methode und Durchführung der Dokumentenanalyse

4.1 Qualitative Inhaltsanalyse

Das Solidaritätsverständnis von Altvater, Giegold/Embshoff und Voß wurde in Anlehnung an die qualitative Inhaltsanalyse von Mayring (1983/2008) analysiert. Diese Methode eignet sich für die Analyse von jeder Art von Textmaterial (Flick 2002, 279). Ziel von Inhaltsanalysen ist die systematische und regelgeleitete Untersuchung von Kommunikation und der Rückschluss auf bestimmte darin beinhaltete Aspekte (Mayring 1983/2008, 13). Die qualitative Inhaltsanalyse zeichnet sich zusätzlich durch die Berücksichtigung des Kontextes des Materials, die Verwendung eines Kategoriensystems und den Gegenstandsbezug des Verfahrens aus (ebd., 42ff.). Kategorien können entweder aus theoretischen Modellen abgeleitet werden, oder induktiv aus dem Material entwickelt werden (Flick 2002, 279).

Im ersten Schritt wird das für die Forschungsfrage relevante Untersuchungsmaterial ausgewählt (Mayring 1983/2008, 54). Als zweites wird die Erhebungssituation analysiert und das Material nach formalen Kriterien analysiert. Es folgt die Festlegung der Analyserichtung, also „was man eigentlich [aus dem Text] herausinterpretieren möchte“ (ebd., 50). Im nächsten Schritt wird die Bestimmung der Analysetechniken und des konkreten Ablaufs vorgenommen. Die eigentliche Analyse besteht aus der zusammenfassenden Paraphrase, der Explikation durch Einbeziehung von Kontextmaterial und der formalen, inhaltlichen oder typisierenden Strukturierung, die anhand der Kategorien vorgenommen wird. Zuletzt erfolgt die Interpretation der Ergebnisse hinsichtlich der Hauptfragestellung (ebd., 54).

[...]


[1] Die hier dargestellten Grundannahmen sind das Ergebnis einer Tagung der Akademie Solidarische Ökonomie (vgl. Winkelmann 2011, 1) und finden sich in ähnlicher Form auch in Texten anderer Vertreter der Bewegung wieder.

Ende der Leseprobe aus 43 Seiten

Details

Titel
Das Solidaritätsverständnis der Bewegung Solidarische Ökonomie: Eine Dokumentenanalyse von Texten von Altvater, Giegold/Embshoff und Voß
Hochschule
Technische Universität Chemnitz  (Organisation)
Veranstaltung
Solidarität in Gesellschaft und Organisationen
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
43
Katalognummer
V171657
ISBN (eBook)
9783640913213
ISBN (Buch)
9783640912131
Dateigröße
567 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Solidarität, Solidarisch Ökonomie, Solidaritätskonzept, Giegold, Emshoff, Altvater, Voß, Dokumentenanalyse, Durkheim
Arbeit zitieren
Susanne Held (Autor:in), 2011, Das Solidaritätsverständnis der Bewegung Solidarische Ökonomie: Eine Dokumentenanalyse von Texten von Altvater, Giegold/Embshoff und Voß , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/171657

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