Untersuchungen zur Funktion der Tafel in Hartmann von Aues Werk „Gregorius“


Seminararbeit, 2010
11 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Funktion der Tafel für die Mutter
2.1 Die Intentionen der Mutter in Bezug auf die Erziehung ihres Sohnes
2.2 Das Wiedererkennen des Sohnes durch die Tafel

3. Die Funktion der Tafel für Gregorius
3.1 Die Markierung der Sünde
3.2 Der Verlust der Tafel als Möglichkeit der Befreiung
3.3 Die Tafel als Zeichen der Vergebung

4. Zusammenfassung

5. Literaturangabe

1. Einleitung

Das mittelhochdeutsche Werk „Gregorius“, verfasst von Hartmann von Aue um 1150, zählt noch heute zu den bedeutendsten Texten des ausgehenden 12. Jahrhunderts.

Es erzählt die Geschichte des „guten Sünders“ Gregorius, welcher der inzestuösen Verbindung zweier adeliger Geschwister entstammt und ausgesetzt wird. Aufgefunden von einem Fischer, wird das Findelkind unter Leitung eines Abtes aufgezogen und im Kloster ausgebildet. Als Jüngling zieht Gregorius in die Welt hinaus und kommt unbekannterweise in das Land seiner Mutter. Er heiratet sie und regiert fortan mit ihr gemeinsam sein Land. Zufällig erfährt die Mutter von der Herkunft ihres Mannes, erkennt ihn als ihren Sohn und beide trennen ihre Wege, um künftig in Buße zu leben. Gregorius büßt auf einem Felsen im Meer, bis er von Gott erlöst und zum Papst gekrönt wird.

Im Verlauf der Handlung wird die Tafel, in Form eines Dyptichons, zum entscheidenden Objekt, da sie direkt „handlungsauslösend“[1] wirkt. Die Tafel wird dem Kinde Gregorius von seiner Mutter mitgegeben, bevor es ausgesetzt wird und schreibt ihm damit einen Lebensweg ein, der im Verlauf der Arbeit erläutert werden soll. Die Intention der Arbeit ist ferner die Darstellung der Funktion der Tafel für die Mutter und Gregorius selbst, in Verbindung mit der Erörterung der jeweiligen Folgen. Dabei wird auch auf die Bedeutung der Tafel im Hinblick auf Sünde, Buße und Vergebung eingegangen.

2. Die Funktion der Tafel für die Mutter

Die Tafel diente der Mutter zunächst als Möglichkeit, die adelige Abstammung des Kindes sowie dessen inzestuöse Familiengeschichte zu offenbaren und detaillierte Anweisungen für die Erziehung ihres Sohnes zu geben. Dazu wurde eine Tafel aus Elfenbein, verziert mit Gold und Edelsteinen, gewählt und beschriftet. Alle Beigaben, der Kasten“…ein väzzelîn vil veste und hie dar zuo daz beste daz deheinez möhte sîn.“ (V. 705-708)[2], der Seidenstoff …“alsô rîchiu sîdîn wât daz niemen bezzere hât.“ (V. 711-712), wie die Tafel selbst …“daz ich nie deheine alsô guote gewan.“ (V. 724-725) werden als qualitativ hochwertig beschrieben. Diese Umstände lassen darauf schließen, dass der Mutter sehr am Wohle ihres Kindes gelegen war, da sie sonst dieses in Sünde empfangene Kind nicht mit den für ein Überleben nötigen Mitteln ausgestattet. Auch geht aus dem Text der großer Kummer der Mutter hervor, den sie bei dem Abschied von ihrem Sohn empfunden hat…“dâ wart daz schoene kindelîn mit manigen trahen in geleit,“ (V. 708-709). Daher schließe ich, dass die Tafel für die Mutter zunächst auch eine emotionale Bedeutung des Abschieds von ihrem Sohn hatte. Dabei erhielt sie durch die Beschriftung der Tafel die Möglichkeit, die Erziehung ihres Sohnes – in ihrem Interesse – zu beeinflussen.

2.1 Die Intention der Mutter in Bezug auf die Erziehung ihres Sohnes

Die zweite wichtige Funktion der Tafel ist das „Erziehungsmandat“[3], welches aus der Tafel von dem Abt abgelesen werden kann. Da zu dieser Zeit die Alphabetisierungsrate gering war und sich auf die akademische Intelligenz beschränkte, ist anzunehmen, dass die Mutter die Tafel nur für bestimmte Adressaten zugänglich machen wollte. So können beispielsweise die Fischer die Tafel nicht lesen und der Abt verschweigt dessen Inhalt (Vgl. V. 1040-1045). Edith und Horst Wenzel identifizieren in ihrem Aufsatz ‚Die Tafel des Gregorius‘ ebenfalls das Erziehungsmandat als wichtige Funktion der Tafel. Danach soll das Kind getauft werden, also ein gottesfürchtiges Leben führen und fromm erzogen werden. Ferner soll das Kind die Ausbildung eines Gelehrten erhalten und mit dem Gold aufgezogen werden, welches die Mutter ihrem Kind mitgegeben hat. Sie bittet um die Aufbewahrung der Tafel, damit der Sohn im Mannesalter selbst die Möglichkeit erhält, die Tafel zu lesen und für die Sünde seiner Eltern Buße zu tun. Damit wird dem Kind Gregorius gleichsam mit der Wachstafel ein Lebensweg vorbestimmt und metaphorisch betrachtet eingeschrieben. Diese Ansicht vertritt auch André Schnyder: „So betrachtet ritzt die Mutter ihre Vorstellungen vom künftigen Weg des Kindes also nicht bloss in die reale Wachstafel ein: […] Die Mutter schreibt diesen sehr klaren Plan auch dem Leben ihres Kindes ein.“[4] Konträr zu den Vorstellungen der Mutter über ein frommes Leben ihres Sohnes steht jedoch die Materialität der Tafel, des Seidentuchs und selbst des Kästchens, in dem das Baby gefunden wird. Auch André Schnyder bemerkt die Diskrepanz zwischen dem gewünschten Leben in Bescheidenheit und dem offensichtlich zur Schau gestellten Prunk, welcher jedoch faktisch betrachtet dem sozialen Status des Kindes entspricht: „Medium und Inhalt stehen zueinander in Spannung.“[5] Anderseits darf nicht außer Acht gelassen werden, dass das Gold der Mutter für das Überleben des Findelkindes von existenzieller Bedeutung ist, denn die Fischerfamilie wäre ohne diese Unterstützung nicht in der Lage den Jungen großzuziehen (Vgl. V. 1063-1108), gleichzeitig ist dies dramaturgisch betrachtet wichtig. Gregorius muss am Leben bleiben, denn er nimmt stellvertretend ihre Schuld auf sich und befreit damit durch seinen Austritt aus der Gesellschaft diese von den Folgen der Sündentat seiner Eltern. Dabei stimme ich mit den Auffassungen von Peter Strohschneider überein: „Gregorius ist zunächst im genaueren Sinne ein Sündenbock. Deswegen muß das ausgesetzte Kind so ausgestattet werden, daß es am Leben bleibt, damit nicht durch Verlust des Stellvertreters dessen Last auf das Kollektiv zurückfalle.“[6] Bereits zu diesem Zeitpunkt, der Beschriftung der Tafel und der damit verbundenen Ausstattung des Kindes, scheint die Katastrophe vorbestimmt.

[...]


[1] Vgl. SCHNYDER, A.: ‚Das Buch im Buch‘. Berlin 2005. S. 132.

[2] Der Arbeit liegt folgender Text zugrunde: HARTMANN VON AUE: Gregorius. Hrsg. von Hermann Paul. Neu bearb. von Burghart Wachinger. 15., durchges. u. erweiterte Auflage. Max Niemeyer Verlag.

[3] Vgl. WENZEL, E. u. H.: ‚Die Tafel des Gregorius‘. München 1996. S. 113f.

[4] Vgl. SCHNYDER, A.: ‚Das Buch im Buch‘. Berlin 2005. S. 134f.

[5] Vgl. SCHNYDER, A.: ‚Das Buch im Buch‘. Berlin 2005. S. 134f.

[6] Vgl. STROHSCHNEIDER, P.: ‚Inzest-Heiligkeit‘. Tübingen 2000. S. 126 f.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Untersuchungen zur Funktion der Tafel in Hartmann von Aues Werk „Gregorius“
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Sprach-Literatur- und Kulturwissenschaft)
Veranstaltung
Proseminar Gregorius
Note
2,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
11
Katalognummer
V171777
ISBN (eBook)
9783640913831
ISBN (Buch)
9783640912575
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
untersuchungen, funktion, tafel, hartmann, aues, werk
Arbeit zitieren
Katja Neumann (Autor), 2010, Untersuchungen zur Funktion der Tafel in Hartmann von Aues Werk „Gregorius“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/171777

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