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Mensch, wohin?

Title: Mensch, wohin?

Non-fiction book , 2026 , 248 Pages

Autor:in: Karl-Heinz Steffen (Author)

ThinkShelf: Non-fiction books
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Summary Excerpt Details

Der Mensch lebt im Zeitalter der Krisen: politisch verunsichert, ökologisch überfordert, technologisch getrieben und moralisch orientierungslos. In einer Welt permanenter Beschleunigung stellt sich dringlicher denn je die Frage: Wo stehen wir – und wohin führt unser Weg?

Dieses Buch ist eine kritische, essayistische Erkundung der Lage des Menschen in seiner Zeit und Welt. Der Verfasser, Dr. Karl-Heinz Steffen, fragt nach Verantwortung, Freiheit und Würde in einer komplexen Gegenwart und zeichnet ein schonungsloses, zugleich verständliches Bild unserer gesellschaftlichen Realität.

Ohne akademische Attitüde, aber mit philosophischer Tiefe verbindet der Autor Beobachtung, Deutung und Zuspitzung. Er will nicht belehren, sondern zum Denken anregen und zum Widerspruch einladen. Im Zentrum steht der Bürger, gefangen im Labyrinth von Staat, Gesellschaft und Selbsttäuschung. Gibt es einen Ausweg? Und wenn ja – wohin führt er?

Ein Buch für alle, die nicht nur verstehen wollen, was geschieht, sondern auch, was zu tun ist.

Excerpt


Inhalt

Vorwort

Worum geht es?

Der Mensch

Was ist der Mensch?

Die Würde des Menschen

Der vernünftige Mensch

Der Mensch als soziales Wesen

Der religiöse und der säkulare Mensch

Der freie Mensch

Der verantwortliche Mensch

Der gute und der böse Mensch

Was bedeutet es, ein Mensch zu sein?

Das Zeitalter des Menschen

Anthropozän

Die Rolle der Technik

Die Rolle des Kapitalismus

Der Geist des Kapitalismus

Kapitalismus – positiv gewendet

Erweiterung des Kapitalismusbegriffes

Kapitalismus als Ersatzreligion

Zur Lage des Menschen im Anthropozän

Das existenzielle Gebot im Anthropozän

Gesellschaftsvertrag

Anthropozentrismus

Humanismus

Transhumanismus

Posthumanismus

Vision eines Transformationsergebnisses

Postwachstumsgesellschaft

Zusammenfassung zur Lage des Anthropos im Anthropozän.

Die Welt des Menschen

Der Mensch in seiner Welt

Politische Welt – Der politische Zwerg im Menschenzeitalter

Ökonomische Welt – „Der Kunde als König“ im Menschenzeitalter

Soziale Welt – Der Mensch in der Gesellschaft des Menschenzeitalters

Kulturelle Welt – Das Kulturwesen Mensch im Menschenzeitalter

Religiöse Welt – Smartphone oder Bibel. Was garantiert Orientierung?

Die natürliche Welt und ihre Beziehung zur kulturellen Welt

Zur Lage Deutschlands

Ulf Poschardt (2024), Shitbürgertum

Auszüge aus dem Buch

Cover: Mensch, wohin?

Worum geht es?

Es war einmal – ein Geburtstag. Ein neues Erdzeitalter wurde geboren. Geburtshelfer waren die Naturwissenschaftler. Sie tauften das neu entstandene Erdzeitalter auf den Namen „Anthropozän“, das Menschenzeitalter. Menschen kamen zusammen und diskutierten, rätselten darüber, was es wohl mit diesem neuen Namen auf sich hatte. Es stellte sich heraus, dass damit die umfassende Präsenz und Dominanz des Menschen auf der Erde gewürdigt werden sollte. Der Mensch hatte sich nach der Auffassung von Experten um die Erde verdient gemacht. Ihren hohen Entwicklungsstand habe die Erde dem Menschen zu verdanken. Dem hielten Kritiker entgegen, dass der Mensch auch für den gegenwärtigen krankhaften Zustand der Erde und für ihre Genesung und ihre zukünftige Entwicklung verantwortlich sei. Die Erde sei infiziert durch das Virus des menschengemachten Klimawandels. Die Entzündung nehme immer größere Ausmaße an. Die Natur der Erde sei reduziert durch das Aussterben vieler Tierarten und durch Ressourcenverbrauch. Umweltverschmutzung schränke darüber hinaus das natürliche Leben ein.

Der sich durch das Anthropozän selbst ehrende, stolze Mensch ist mehr oder weniger beeindruckt von der Diagnose. Er verharmlost Ursachen und verdrängt Ängste, wenn das Erhalten der menschlichen Gattung infrage gestellt wird. „Ich kann mich nicht um alles kümmern. Dazu ist das Leben zu komplex. Solange es mir gut geht, habe ich keinen Grund zur Panik. Was nach mir geschieht, interessiert mich nicht. Wie das gegenwärtige Erdzeitalter heißt, ist mir egal.“ So lautet die durchschnittliche Meinung als der Geburtstag endet.

Das Anthropozän ist Realität - sowie der angegriffene Gesundheitszustand des Planeten Erde. Wenn eine Gesundung nicht gelingt, dann wären alle Anstrengungen in Vergangenheit und Gegenwart vergebens. Das ist aber nicht alles. Auch die Wohlstandsgesellschaft des Anthropozäns ist nicht gesund. Sie krankt an Integrationsproblemen durch Migration, an der inneren und äußeren Unsicherheit und an der existenzgefährdenden wirtschaftlichen Situation. Das Geschwür der Überregulierung und Überbürokratie lähmt ihre natürlichen Abläufe. Der Sozialpsychologe Harald Welzer versucht 2021 der Situation etwas Positives abzugewinnen, indem er in „Alles könnte anders sein“ schreibt:

„Die fetten Jahre sind vorbei“ könnte ja auch als frohe Botschaft verstanden werden, in einer Welt, in der mehr Menschen an Übergewicht als an Unterernährung leiden, in der die Autos, die Schiffe, die Häuser immer fetter werden. Jetzt kommen leichtere, schlankere, sportlichere Zeiten“.

Die Botschaft ist deutlich. Sie sieht die Gesellschaft auf dem falschen Weg und will aufrütteln. Welzer mahnt in seinem Buch eine weitere Entwicklung der Zivilisation an und ruft dazu auf, die Fantasielosigkeit, die in jeder Hinsicht auf dem Vormarsch sei, zu überwinden. Ich füge hinzu: Die in jeder Hinsicht übersättigte Gesellschaft hat es sich im Bewusstsein ihres Wohlstandes auf dem Sofa gemütlich gemacht und möchte in ihrer Bequemlichkeit nicht gestört werden. Sie wird erst wieder aktiv, wenn sie Hunger verspürt, der wehtut. Dazu gehört kurzfristig der Hunger nach innerem und äußerem Frieden, längerfristig der Hunger nach Schutz vor Klimakatastrophen. Welzer ist grundsätzlich nicht hoffnungslos, wenn er den Verlust der „fetten Jahre“ als „frohe Botschaft“ versteht und bei fantasievoller zivilisatorischer Entwicklung eine leichtere, schlankere und sportlichere Zukunft für möglich hält.

Ähnlich eingeschränkt hoffnungsvoll ist der Philosoph Peter Sloterdijk, der 2014 in seinem Buch „Die schrecklichen Kinder der Neuzeit“ kritisch unter die Lupe nimmt. Der Titel ist Programm. Sloterdijk verwirft dabei den Ausruf von Madame de Pompadour „Nach uns die Sintflut“. Den schrecklichen Kindern der Neuzeit widmet er die Aussage von Laetitia Ramolino, Napoleons Mutter „Wenn das nur gutgeht auf die Dauer“. Es könne deshalb nicht schaden, sich in der verlernten Kunst des Dauerns, also der Beständigkeit, der Standhaftigkeit zu üben. Der Hinweis enthält die Empfehlung zur Gelassenheit, sich durch die Schnelligkeit des Wandels und der Entwicklung nicht aus der Ruhe bringen zu lassen.

Möchte man Welzer und Sloterdijk auf einen gemeinsamen Nenner bringen, könnte man von einem Vorschlag zur fantasievollen zivilisatorischen Entwicklung in Standhaftigkeit und Beständigkeit sprechen. Ist das ein realistisches Bild unseres Weges in die Zukunft?

Vor diesem Hintergrund zweier selbstkritischer Gegenwartsdiagnosen stellt sich die Herausforderung, sich mit dem Menschen in seinem Zeitalter intensiver zu beschäftigen. Was wissen wir über den Menschen, der als Identifikationsfigur für ein ganzes Erdzeitalter auserkoren wurde? Was berechtigt diese Prägung? Was bedeutet sie für den Menschen? Wie ist seine Lage in dieser Zeit, in der er lebt? Wie ist seine Lage und welche Rolle spielt er in der pluralistischen Welt, die ihn umgibt? Wohin sollte er sich orientieren? Diese Fragen zu reflektieren ist das Anliegen dieses Buches.

Ich beginne mit einigen Gedanken dazu, was es bedeutet, die Frage nach dem Sein und Dasein des Menschen zu stellen. Danach stelle ich das Anthropozän mit einem Schwergewicht auf die Rollen der Technik und des Kapitalismus vor und versuche mich an einer Zusammenfassung zur Lage des Menschen im Anthropozän. Es folgen spezifischere Betrachtungen zur Lage des Menschen in der politischen, ökonomischen, sozialen, kulturellen, religiösen Welt und in der Welt der Natur sowie zur Lage Deutschlands. Abschließend werde ich überlegen, ob und wie die Lage des Menschen im Anthropozän durch eine weitere Aufklärung verbessert werden kann.

[...]

Das kranke Schlaraffenland

Es war einmal ein Land, das es mit seiner innovativen Elite, seinen leidenschaftlichen, intelligenten Politikern und seinen fleißigen, strebsamen Menschen zu einem weltweit anerkannten Land mit Vorbildcharakter gebracht hatte. In dem Land war alles im Überfluss vorhanden. Es war stolz auf seine Kultur, historisch vor allem durch Literatur, Musik und Philosophie geprägt. Ältere Generationen, die in den 1950er- und 1960er-Jahren zur Schule gegangen waren, hatten in der Schule noch Volkslieder gelernt, etwa „Kein schöner Land in dieser Zeit, als hier das unsere weit und breit, wo wir uns finden wohl untern Linden zur Abendzeit…“ So wurden ihnen beruhigende Vorstellungen aus dem Zeitalter der Romantik vermittelt. Parallel dazu entwickelte sich der unruhige Rock´n´Roll. Romantische Träumereien wurden zum Ende der 1960er-Jahre abrupt beendet, als die Studenten begannen unter den Talaren der Professoren den Muff von 1000 Jahren zu beseitigen. Ein damaliger Bundeskanzler versuchte die Unruhe durch den Aufruf „Mehr Demokratie wagen“ einzuhegen. Die Politik begann damit, mehr Gleichheit zu verwirklichen. Das Ergebnis zeigte sich für den Schul- und Hochschulbereich später in der durchschnittlichen Qualität der Absolventen. Für die Kontinuität des Gleichheitsgedankens sorgte der immer umfangreicher werdende Sozialstaat. Der Wohlstand nahm immer weiter zu, die Arbeitsmoral nahm immer weiter ab. Ein späterer Bundeskanzler versuchte dem mit der Formel „Fordern und Fördern“ entgegenzuwirken. Die Abhängigkeit der Menschen vom Staat wurde immer größer. Die Bedeutung der Demokratie wurde immer geringer. Die Bedeutung der Parteien nahm immer mehr zu. Das Schlaraffenland hatte eine Verfassung, wonach die Abgeordneten Vertreter des ganzen Volkes, an Aufträge und Weisungen nicht gebunden und nur ihrem Gewissen unterworfen waren. Tatsächlich waren sie Angestellte ihrer Fraktionen und hatten sich dem Parteiwillen zu beugen. Machtfragen kamen vor Sachfragen. Wahlversprechen wurden nicht eingehalten und dienten nur dem Machtgewinn und dem Machterhalt der Politiker. Das Volk wurde getäuscht. Die Menschen misstrauten den Politikern und interessierten sich immer mehr für private als für öffentliche Angelegenheiten. Sie ließen träge den bevormundenden Staat gewähren und verharrten ohne existenzielle Sorgen in ihrer Komfortzone. Das brachte sie auf dumme Gedanken. Manche begannen, die Sprache durch Gendern zu verändern oder machten sich zum woken dauerempörten Hüter gegen vermeintliche Diskriminierung. Dabei waren sie rigoros. Wer gegen die selbstgemachten moralischen Regeln verstieß, wurde ausgestoßen. Wer nicht ausgestoßen werden wollte, war verunsichert, ob er seine Meinung frei äußern durfte. Die Meinungsfreiheit als zentrales Element der Demokratie war in Gefahr. Damit nicht genug. Die biologischen Geschlechter „weiblich“ und „männlich“ wurden infrage und zur Disposition gestellt. Der Staat ermöglichte den Menschen durch ein Gesetz, über ihr Geschlecht selbst zu bestimmen. Die kommunalen Standesämter freuten sich über die zusätzliche interessante Tätigkeit.

Es gab auch andere Angebote für die im Wohlstand gelangweilten Menschen. Das Hobby-Dogging erlaubte ihnen mit einer imaginären Leine ohne Hund spazierenzugehen, Kommandos zu geben, ohne dass ein echter Hund anwesend war. Das war platzsparend und machte sich deshalb gut auf Weihnachtsmärkten. Die waren früher Orte der Freude und Besinnung und mussten jetzt wegen einer wachsenden brutalen Kriminalität intensiv bewacht werden. Das Sicherheitsgefühl der anderen Besucher wurde nicht verletzt, wenn der ein oder andere imaginäre Hundebesitzer das Bellen seines Hundes imitierte. Dass die Gesellschaft immer dümmer wurde, war bei den schlechten oder fehlenden Bildungsabschlüssen der Kinder und Jugendlichen aber zu befürchten. Schuld war die hilflose Bildungspolitik.

Der Anteil unqualifizierter kindlicher oder jugendlicher Migranten war besorgniserregend und eines der Indizien für das Scheitern der Idee der multikulturellen Gesellschaft.

Zum Schlaraffenland gehörten früher gepflegte Verkehrswege, Brücken, pünktliche öffentliche Verkehrsmittel, eine gute öffentliche Hoch- und Tiefbausubstanz, z.B. gepflegte Schul- und Hochschulgebäude, also das, was allgemein als öffentliche Infrastruktur bezeichnet wurde. Das Verkehrsprojekt „Stuttgart 21“ war ein wundersames Gegenbeispiel unter vielen und ist deshalb für ein Märchen gut geeignet. Das Projekt wurde 1994 erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Die Bauarbeiten begannen im Februar 2010. Die Inbetriebnahme war zunächst für Dezember 2019 geplant, wurde danach aber mehrmals verschoben. Eine Eröffnung war zuletzt für Dezember 2026 geplant, dieser Termin wurde Ende 2025 abgesagt. Ein neuer Termin wurde nicht benannt. Die offiziellen Kostenschätzungen des Projekts stiegen mehrmals: von 2,6 Mrd. € bei Planungsbeginn über 4,1 Mrd. € bei Baubeginn auf über 11,4 Mrd. € im Juni 2024.

Karikatur erstellt mit DALL-E

Der bisherige Verlauf des Märchens lässt darauf schließen, dass dem einstigen Schlaraffenland die üppige Normalität mit Konsumrausch, Freiheit und Freizeitverdruss nicht gutgetan hat. Es ist in einen anormalen, krankhaften Zustand geraten. Goethe wusste schon vor mehr als 200 Jahren: „Nichts ist schwerer zu ertragen, als eine Reihe von guten Tagen“.

Da kommt das zur Person erwachte Anthropozän um die Ecke und ruft „Hey Deutschland – was ist los mit Dir?“ Es fährt fort:

„Ist Dir klar, dass prominente Länder wie Du mit ihren wunderbaren, wertvollen Menschen maßgeblich dazu beigetragen haben, dass ich mich als Erdzeitalter „Menschenzeitalter“ nennen darf? Ich gebe Dir den Rat, Dein hohes Potenzial richtig einzusetzen. Dazu gehört eine Gesellschaft, die nicht im Wohlstand verwahrlost, nicht nur auf Gefühle, sondern auf Tatsachen setzt, nicht durch Übermoralisierung und Überempfindlichkeit ihre Widerstandsfähigkeit und Meinungsfreiheit aufs Spiel setzt. Dazu gehört eine Gesellschaft, die sich aus der staatlichen Vormundschaft befreit und mehr Eigenverantwortung übernimmt, dabei Mut zeigt und auf Feigheit verzichtet – eine Gesellschaft mit Rückgrat. Der reduzierte Staat sollte mit einer Staatsquote von 25% für die Kernaufgaben zufrieden sein. Deine Staatsquote macht als Anteil der Staatsausgaben am Bruttosozialprodukt derzeit rd. 50% aus. Der Staat sollte sich um einen wirtschaftlichen Aufschwung aus der Talsohle kümmern, die in Deutschland noch nie so lange so tief war. Eine wirtschaftliche Energiepolitik mit ausreichender Versorgungssicherheit und bezahlbaren Preisen, günstige Steuern und ein rigoroser Bürokratieabbau wären erforderlich. Eine realistische Klimapolitik dürfte nicht vergessen werden. Mein Aufruf, auch an die Unternehmer, lautet: Aus der Traum eines veralteten deutschen Wohlfahrtsmodells mit billiger Energie aus Russland, Absatzmarkt in China und Sicherheit zum Nulltarif durch die USA! Das sollte aber nicht als Bedrohung interpretiert werden. Mein Aufruf an die Regierung lautet: Erledige die Reformen und formuliere eine positive, glaubhafte, schlüssige Zukunftserzählung, wenn du von den Menschen erwartest, dass sie anpacken! Geh mit gutem Beispiel voran. Verzichte auf Ankündigungen, endlose Diskussionen, Kommissionen und Kompromisse auf niedrigstem Konsensniveau – handele!

Die Zahl der Politiker und der ihnen zuarbeitenden NGOs, wissenschaftlichen Berater usw. müsste reduziert werden. Weniger Quantität bei mehr Qualität sollte die Devise sein. Hohe Intelligenz und gute Kompetenz dank einer abgeschlossenen guten Ausbildung und Berufs-/Lebenserfahrung sowie gute politische Leistungen sollten dazu berechtigen, sich zur politischen Elite zugehörig zu fühlen. Der Abgeordnetenstatus allein reicht nicht. „Politische Elite“ meint nicht Majestätsmentalität, sondern setzt das Bewusstsein einer dem Volk dienenden Oberschicht voraus. „Minister“ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „Diener“. Gefragt ist „dienendes Führen“! Schaut zurück auf Preußens moderne, pragmatische Staatsführung, die durch das „Ich bin der erste Diener meines Staates“ von Friedrich dem Großen symbolisiert wurde.

Schließlich müsste auf eine tatsächlich gerechte Umverteilung von Einkommen und Vermögen und vor allem darauf geachtet werden, dass der Sozialstaat nicht den Rechtsstaat frisst. Unter Rechtsstaat subsumiere ich alles, was nicht Sozialstaat ist. Eines habe ich mir bis zum Schluss aufgehoben: die Bildungspolitik. Wird die Schulausbildung nicht endlich aus dem anormalen Zustand ideologischer, theoretischer, wirklichkeitsfremder, träumerischer Experimente befreit und in einen normalen Zustand der Realität, Qualität und Zukunftsfähigkeit überführt, die verschulte Hochschulausbildung nicht endlich von Marktnützlichkeit auf hochschulgerechte Menschenbildung umgestellt - in beiden Fällen könnte ein Blick zurück sinnvoll sein - wird die Gesundung des kranken Schlaraffenlandes nicht gelingen. Ich rufe Euch zu: Stoppt die Dekadenz. Lasst Euch Euer schönes Land nicht kaputtmachen. Euer überbürokratisierter Staat ist zu einem übergewichtigen Sozialstaat und einem überregulierten Rechtsstaat mit eingeschränkter Funktionsfähigkeit mutiert. Die politische Elite beschäftigt sich gern mit sich selbst. Ihr fehlt die Kompetenz, das Gemeinwohl des Volkes auf der Basis des demokratischen Mehrheitsprinzips engagiert und angemessen zu vertreten. Sie neigt zu Kompromissen auf niedrigem Niveau und trifft ungern notwendige (Reform-) Entscheidungen. Ein Mangel an staatlichen Einnahmen dürfte dafür kein Entschuldigungsgrund sein. Sie müssten nur richtig eingesetzt werden.

Das Volk ist der Souverän! Ihr solltet nicht leiden ohne zu klagen, aber auch nicht klagen ohne zu leiden. Glaubt an Euch! Packt an – notfalls mit der Kettensäge. Ich würde mich freuen, wenn wir die nächsten 10.000 Jahre gemeinsam miteinander verbringen könnten.“

So endete die Rede des Anthropozäns. Und Kenner wissen, dass ein Märchen typischerweise mit „Es war einmal …“ beginnt und mit „Wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“ endet. Das Anthropozän hat seinen letzten Satz nicht märchengerecht formuliert. Das wäre ihm auch erst in 10.000 Jahren möglich gewesen. Erdzeitalter halten erfahrungsgemäß so lange durch - Schlaraffenländer nicht.

Dieses kleine Märchen soll den Übergang zwischen der umfangreichen Diagnose zur Lage in vorhergehenden Kapiteln und einer Therapie im folgenden letzten Kapitel herstellen. Dazu werde ich versuchen, eine allgemeine und grundsätzliche Frage zu beantworten, die auf die Konsequenzen meiner Erzählung zur bedenklichen Lage des Menschen zielt:

Das kranke Schlaraffenland

Excerpt out of 248 pages  - scroll top

Details

Title
Mensch, wohin?
Author
Karl-Heinz Steffen (Author)
Publication Year
2026
Pages
248
Catalog Number
V1718443
ISBN (eBook)
9783389187852
ISBN (Book)
9783389187869
Language
German
Tags
Zur Lage Deutschlands Deutschland Gesellschaftskritik politisches Sachbuch Deutschland Anthropozän Menschenbild der Gegenwart Philosophie der Gegenwart Kapitalismus Kritik Gesellschaft im Wandel Krise der modernen Gesellschaft Nachhaltigkeit und Gesellschaft Aufklärung heute Menschenwürde und Ethik Deutschland im 21. Jahrhundert Kulturkritik Deutschland philosophisches Sachbuch
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Karl-Heinz Steffen (Author), 2026, Mensch, wohin?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1718443
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