Die Thematik der Magie und Hexerei beflügelt die Fantasie der Menschen schon seit jeher und fließt bereits in der Antike in die Literatur ein. Als Beispiele wären hier etwa die magiebegabte Circe bei Homer oder die Figur der Medea anzuführen. Dabei bleibt es jedoch nicht unbedingt ausschließlich bei der künstlerischen Beschäftigung mit einer fiktiven Figur, kaum eine Gesellschaft kann in ihrer Entwicklungsgeschichte keinen Glauben an real existierende Hexen und Zauberer vorweisen, dieser gilt jedoch mittlerweile in modernen Industrieländern als primitiver Aberglaube.
Unter allen Hexendarstellungen gilt die der ‚Weird Sisters‘ aus Shakespeares Tragödie "Macbeth" als die wohl bekannteste und einflussreichste auf die Konzeption der Hexe im modernen Europa. In "Macbeth" tötet der gleichnamige Protagonist, ermutigt durch seine ehrgeizige Frau und die Prophezeiung dreier Schicksalsschwestern/Hexen den schottischen König und verkehrt damit die ‚natürliche Ordnung‘. Die Tragödie behandelt die psychologischen Konsequenzen von Schuld und Macht. Durch seine frühe Inszenierung der ‚Weird Sisters‘ prägt Shakespeare wie kein Zweiter das Stereotyp der modernen Hexe.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Hexen, Frauen und das Andere
2.1 Die Frau als das Andere in feministischer Theorie
2.2 The Weird Sisters – das Andere in Macbeth
2.3 the… other one: Pratchetts Wyrd Sisters
3. Stereotype Weiblichkeitsentwürfe und deren Subversion
3.1 Mutterschaft als Mittel zur Unterdrückung oder Selbstermächtigung?
3.2 The Weird Sisters und Lady Macbeth als Macbeths (Anti)Mütter
3.3 Mütterlichkeit bei Pratchett
4. Genderperformanz und Narrative Kausalität
4.1 Genderperformanz bei Butler
4.2 Geschlechterrollen bei Lord und Lady Macbeth
4.3 Materialisation und performatives Theater bei Pratchett
5. Fazit
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Konstruktion und Subversion von Weiblichkeitsentwürfen anhand der Hexenfiguren in Shakespeares Macbeth und Pratchetts Wyrd Sisters. Ziel ist es aufzuzeigen, wie durch den intertextuellen Vergleich und die Anwendung feministischer Theorien – insbesondere von Beauvoir, Cixous und Butler – stereotype Genderrollen hinterfragt und parodistisch aufgebrochen werden.
- Analyse der Hexe als "Anderes" im patriarchalen Diskurs bei Shakespeare.
- Untersuchung der parodistischen "Normalisierung" und Subversion durch Terry Pratchett.
- Diskussion von Mütterlichkeit als Instrument der Unterdrückung versus Selbstermächtigung.
- Anwendung von Judith Butlers Konzept der Genderperformanz auf die Darstellung von Geschlechterrollen.
- Reflektion über das Genre der Fantasy als Raum für die Dekonstruktion von Gender-Stereotypen.
Auszug aus dem Buch
The Weird Sisters – das Andere in Macbeth
“What are these? So withered and so wild in their attire, [t]hat look not like the inhabitants of the earth (eigene Kennzeichnung), [a]nd yet are on’t?”50 fragt Banquo, als er die drei Gestalten erblickt, die sich selbst die ‚weird sisters‘51 nennen, und bemerkt im selben Absatz: „You should be women, [a]nd yet your beards forbid me to interpret [t]hat you are so.“52 Shakespeares Weird Sisters sind also auf den ersten Blick als ‚unnatürlich‘ erkennbar, sie sind im eindeutigen System der binären Oppositionen nicht klar zu verorten. Zwar sehen sie nicht wie Erdbewohner aus und haben auch körperliche Eigenschaften, die im Bereich des Irrealen liegen (wie etwa, sich in Luft aufzulösen53), sind jedoch dennoch anwesend und können somit nicht eindeutig in das Gegensatzpaar Real-Imaginär eingeordnet werden. Auch das System maskulin-feminin scheint auf sie aufgrund ihrer äußeren Erscheinung nicht anwendbar.
Spricht man mit der Terminologie Cixous‘, kann aus der Ambiguität der drei Schwestern geschlossen werden, dass diese die eindeutige Zuordnung des patriarchal geprägten binären Systems schwächt, was nach Cixous auch die écriture feminine leistet. In einer differenzfeministischen Lesart stellen die Weird Sisters also subversive Elemente dar, die sich außerhalb der binären Normen bewegen und über das Potential verfügen, hierarchische Strukturen aufzubrechen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Hinführung zum Thema der Magie und Hexerei in der Literatur sowie Vorstellung des Forschungsinteresses an den Weird Sisters und Wyrd Sisters.
2. Hexen, Frauen und das Andere: Theoretische Grundlegung des Konzepts der Frau als „Anderes“ bei Beauvoir und Cixous sowie erste Analyse von Macbeth.
3. Stereotype Weiblichkeitsentwürfe und deren Subversion: Analyse der Rolle der Mutter und der Antimutter bei Shakespeare und deren parodistische Spiegelung bei Pratchett.
4. Genderperformanz und Narrative Kausalität: Anwendung von Butlers Performativitätstheorie auf die Geschlechterrollen und die Materialisierung von Identität.
5. Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der Ergebnisse zur Subversion stereotypen Rollenverhaltens durch Literatur und komische Distanz.
Schlüsselwörter
Weiblichkeitsentwürfe, Subversion, Macbeth, Wyrd Sisters, Simone de Beauvoir, Hélène Cixous, Judith Butler, Hexenfigur, Feministische Literaturtheorie, Genderperformanz, Antimutter, Comic Fantasy, Dekonstruktion, Patriarchat, Mütterlichkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie literarische Darstellungen von Hexen – von Shakespeares Macbeth bis zu Pratchetts Wyrd Sisters – genutzt werden, um traditionelle Weiblichkeitsentwürfe darzustellen, zu festigen oder zu untergraben.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen feministische Theorie (Gleichheits-, Differenz- und spiritueller Feminismus), das Konzept der Mutterschaft, Genderperformanz und die parodistische Nutzung des Fantasy-Genres.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie Pratchett durch den Vergleich mit Shakespeare und den Einsatz komischer Effekte stereotype Rollenbilder dekonstruiert, während Macbeth diese eher reproduziert.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Autorin verwendet eine feministisch-literaturwissenschaftliche Analyse, gestützt auf die Theorien von Simone de Beauvoir, Hélène Cixous, Judith Butler und Michel Foucault.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in drei große Analyseschritte: Die Verortung der Frau als „Anderes“, die kritische Betrachtung von Mütterlichkeit als soziales Konstrukt und die Untersuchung von Geschlechterrollen durch das Konzept der Performativität.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit zeichnet sich durch Begriffe wie Weiblichkeitsentwürfe, Subversion, Genderperformanz, Dekonstruktion und die Gegenüberstellung von Patriarchat und weiblicher Selbstermächtigung aus.
Inwiefern unterscheidet sich Pratchetts Darstellung von jener Shakespeares?
Während bei Shakespeare die Hexen als bedrohliches „Anderes“ und dämonisierte Antimütter fungieren, nutzt Pratchett komische Elemente und „Headology“, um diese Stereotype zu normalisieren und die Hexen zu eigenständigen, handelnden Subjekten zu machen.
Welche Rolle spielt der Begriff „Headology“ bei Pratchett?
„Headology“ bezeichnet die psychologische Manipulation, durch die Pratchetts Hexen ihre Ziele verfolgen, anstatt sich auf übernatürliche Magie zu verlassen, was ihre menschliche Agency stärkt.
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- Anonym (Author), 2019, Weird Sisterhood. Weiblichkeitsentwürfe und deren Subversion bei den Hexenfiguren in Shakespeares "Macbeth" und Pratchetts "Wyrd Sisters", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1718703