Nutzen fiktiver Gewaltdarstellungen


Essay, 2011

8 Seiten, Note: 1.3


Leseprobe

Jeder fürchtet sich vor Gewalt. Die meisten versuchen Situationen zu umgehen, in denen sie angewendet wird und negative Folgen hat. Dennoch ist es erstaunlich, wie viele Menschen sich freiwillig mit der fiktiven medialen Gewalt auseinandersetzen. Über die Hälfte der Fernsehkonsumenten nutzen intensiv das Angebot an gewalthaltigen Filmen wie beispielsweise Horrorfilme oder Action[1].

Zunächst soll der Begriff Gewalt erläutert werden, dessen Bedeutung zwar jedem klar sein wird, hier jedoch eingegrenzt werden soll. Sie tritt in verschiedensten Formen auf: Menschen schlagen und treten, schießen um sich und zerstören Gegenstände oder drohen und erniedrigen andere. Derjenige, der Gewalt ausübt, besitzt Macht und Mittel über jemanden zu bestimmen. Das Konzept Gewalt lässt sich insgesamt auf zwei verschiedenen Ebenen definieren. Die erste Art von Gewalt beschreibt ein aktives Handeln einer Person gerichtet gegen eine andere, wodurch nicht nur körperliche Beeinträchtigungen entstehen können, sondern auch psychische, denn anfängliche physische Verletzungen gehen oft in psychische Störungen über, wie beispielweise Furcht, Unsicherheit und Angstzustände. Die zweite Form von Gewalthandlungen wird von Institutionen (z.B. Mafia) ausgeführt und resultiert meistens aus ungleichen Machverhältnissen in einem gesellschaftlichen System. Beide Formen von Gewalt werden in großer Vielfalt in den Medien, wie etwa im Fernsehen oder Internet, dargeboten. Im Folgenden wird jedoch nur auf die fiktiven Gewaltdarstellungen eingegangen.

Die Medienwirkungsforschung beschäftigt sich seit langem mit Effekten, die Gewaltdarstellungen z.B. in Filmen oder Computerspielen bei ihren Rezipienten bewirken. Je nach Inhalt, Realitätsnähe, aber auch der Persönlichkeit der Konsumenten und den situativen Bedingungen während und nach dem Medienkonsum wird die Wirkung untersucht. Oft werden gewalthaltige Szenarien als schlechter Einflussfaktor, als Gefahr für die geistige und körperliche Entwicklung vor allem Jugendlicher betrachtet, doch bedarf es der genauen Klärung des Bedürfnisses in einer Gesellschaft nach Gewaltszenen und der Faszination der Zuschauer an diesen. Warum kann es einer Person Vergnügen bereiten zu sehen, wie Menschen sterben oder gefoltert werden? Diese Arbeit wird verschiedene Theorien angehen, insbesondere aber die Sichtweisen von Thomas Hausmanninger[2] und einige Erklärungen des Phänomens aus der Wirkungsforschung.

Die Wahrnehmung hilft einem sich im Alltag zurechtzufinden. Oft wird vieles auch einfach so ohne Zweck wahrgenommen. Doch obwohl das Wahrnehmen von etwas in diesem Fall als Nebeneffekt betrachtet werden kann, bleibt jeder Mensch auch beim passiven Betrachten aktiv und konstruktiv, weil die Information verarbeitet, systematisiert und mit bereits vorhandenen Erfahrungen in Verbindung gesetzt wird. Anthropologisch gesehen kann jede auch zwecklose Wahrnehmung für uns von Nutzen sein und im Stadtverkehr beispielsweise das Leben retten. Für das sogenannte ästhetische Verhalten ist diese Zwecklosigkeit spezifisch. Zum ästhetischen Verhalten zählen Aktivitäten wie Spielen, Kunstgalerien besuchen oder auch Filme anschauen, die nur der Unterhaltung, d.h. einem Selbstzweck dienen. Sowohl die Tätigkeiten mit einem Zweck als auch ohne einen erwecken in uns eine Funktionslust bzw. ästhetisches Vergnügen, das automatisch produziert wird und die Lebensfreude aktiviert. Die Funktionslust wirkt wiederum als eine Motivationskraft das Erlebte zu wiederholen und wieder das innere Vergnügen zu erleben[3]. Insgesamt gibt es vier Grundformen des ästhetischen Ich-Vergnügens: sensomotorische, emotionale, kognitive und reflexive[4]. Wie diese Ebenen des Erlebens durch das auditive und optische Konsumieren von medialen Gewaltszenarien in Filmen angeregt werden, wird im Folgenden dargestellt.

Vor allem in Filmen wird man nicht mit der realen Gewalt, sondern mit ihrer fiktiven Darstellung konfrontiert. Im Gegensatz zu echten Gewaltsituationen besitzt dessen medial inszenierte Darbietung einen künstlichen Charakter, in einigen Medienprodukten mehr, in anderen weniger. Vor allem bei Zeichentrickfilmen wie „Tom and Jerry“ wird die Action- und Zeichentrickgewalt als nicht schlimm und eher lächerlich angesehen, wenn sich die dargestellte Gewalt im Sinne des guten Medienhelden rechtfertigen lässt und wenn die Folgen der Gewalthandlungen nicht sichtbar sind. Trotz dessen, dass die Bilder meist außeralltäglich sind, besitzt die Gewalt Merkmale wie z.B. Durschlagkraft, die unsere psychisch-physische Integrität verletzen kann, weil die Szenen emotional und kognitiv oft schlüssig erscheinen. Dramaturgische Elemente wie Licht, genrespezifische Hintergrundmusik oder Geräusche und Handlungsaufbau können die Szenen sehr real wirken lassen. Auf der sensomotorischen Ebene verursachen Gewaltszenen deshalb unterschiedlichste Körperreaktionen: wir zucken zusammen, schwitzen, die Muskeln spannen sich an und das Adrenalin wird ausgestoßen. Man vertieft sich in die Darstellung und kann sich auf die Stimulation des Organismus konzentrieren ohne sich darüber Gedanken machen zu müssen, wie man aus dieser gefährlichen Situation rauskommt, denn man weiß genau, dass alles irreal ist. Kurz gesagt, der Zuschauer empfindet es als lustvoll und angenehm die banalen sensomotorischen Fähigkeiten seines Körpers auszuleben und kennen zu lernen, was ihm ein Erlebnis von persönlicher Unantastbarkeit, Energie und Lebendigkeit sichert. Die zweite Erlebnisebene, die kognitive, ist sehr eng mit der sensomotorischen verbunden, weil parallel zu körperlichen Reaktionen eine zweckfreie Entfaltung von Gefühlen wie Angst, Trauer oder Mitgefühl stattfindet. Die durch die Dramaturgie vermittelten drohenden Ereignisse lösen im Zuschauer z.B. Angst aus, worauf der Körper mit Zittern antwortet. Man wird mit dem inneren Reichtum an eigenen Emotionen konfrontiert, wodurch man sich selbst auch ein Stück weit kennen lernt. Doch es wird nicht nur der Reiz an Gefühlen verspürt, sondern auch die emotionalen Schwankungen zwischen diesen. Nach einigen empirischen Untersuchungen wurde bewiesen, dass der Zuschauer sich in den meisten Fällen mit dem Opfer identifiziert und deshalb auch dieser Person gegenüber Empathie aufbaut. Aber auch der moralisch negative Held in der Geschichte kann in uns Mitleid hervorrufen, wenn er am Anfang der Handlung selbst Opfer von Gewalt gewesen ist.

[...]


[1] Vgl. Thomas Hausmanninger: Vom individuellen Vergnügen und lebensweltlichen Zweck der Nutzung gewalthaltiger Filme. In: Ders./Thomas Bohrmann (Hg.): Mediale Gewalt. Interdisziplinäre und ethische Perspektiven. München 2002, S. 231

[2] Vgl. dazu Ebd., S. 231-259

[3] Vgl. Ebd., S. 232

[4] Vgl. Ebd., S. 234f.

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Nutzen fiktiver Gewaltdarstellungen
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut)
Veranstaltung
Theoretische und exemplarische Felder europäischer Kulturforschung: Populäre Medien und soziale Gewalt
Note
1.3
Autor
Jahr
2011
Seiten
8
Katalognummer
V171983
ISBN (eBook)
9783640918768
Dateigröße
436 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gewalt, Gewaltdarstellungen, Nutzen, Kulturwissenschaft, Hausmanninger, Medien, Funktionslust
Arbeit zitieren
Oxana G. (Autor), 2011, Nutzen fiktiver Gewaltdarstellungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/171983

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