Der polnische Positivismus und seine emanzipatorischen Ansätze am Beispiel von "Nad Niemnem"


Hausarbeit, 2007

21 Seiten, Note: 1.7


Leseprobe

Inhalt

1.Einleitung

2. Grundzüge des polnischen Positivismus
2.1. Exkurs: Der biografische Hintergrund von Eliza Orzeszkowa

3. Die positivistischen Postulate und das Bild der Frau in Nad Niemnem
3.1. Die Handlung in Nad Niemnem
3.2. Der Arbeitskult in Nad Niemnem
3.3. Der Utilitarismus und der Evolutionismus in Nad Niemnem
3.4. Die Idee der Emanzipation in Nad Niemnem
3.4.1. Im Vergleich zu Prus und Sienkiewicz

4. Schluss

Quellenverzeichnis

1. Einleitung

In der vorliegenden Arbeit möchte ich den Blick auf die literarische Strömung der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Polen richten, die allgemein unter der Bezeichnung Positivismus bekannt wurde. Die Frage „Was ist Positivismus?“ stellte schon 1892 Wojciech Deduszycki. Wie schwer es ist, eine präzise Antwort zu geben, weiß auch Jan Tomkowski, der sich in seinem Werk „Mój pozytywizm” ausgiebig damit beschäftigt hat.1 Auch unter Literaturwissenschaftlern herrscht keine Einigkeit, was den Begriff angeht. Er stellt insofern eine Schwierigkeit da, als dass er die Einordnung der polnischen Periode in den Prozess der europäischen literarischen Entwicklung, wo man mit den Begriffen Realismus und Naturalismus operiert, erschwert. Die Vertreter des Positivismus selbst, wie Chmielowski und Prus, bedienten sich in ihrer späteren Schaffensphase des Begriffes „realistische Literatur” - als Gegenpart zur idealistischen Literatur. Nach dem 2. Weltkrieg hat sich der Begriff „kritischer Realismus” eingebürgert. Heute wird erneut immer mehr der Begriff Positivismus gebraucht.2

Diese Bezeichnung übernahmen die jungen Literaten von dem Terminus des französischen Philosophen Auguste Comte, der seine Ansichten im „System der positiven Philosophie” (1824) darlegte. Die Ideen verdanken die polnischen Positivisten weniger Comte, sondern vielmehr den englischen Utilitaristen, vor allem Herbert Spencer und John Stuart Mill.3

Ziel der Arbeit soll es sein, im Hinblick auf die vom Positivismus propagierte Emanzipation das in den Romanen und Erzählungen dargestellte Bild der Frau zu erörtern. Hierzu beabsichtige ich zunächst einige grundlegende Merkmale und Forderungen der positivistischen Bewegung abzubilden. Im Anschluss daran soll am Beispiel von Eliza Orzeszkowas Nad Niemnem (1888) versucht werden, herauszuarbeiten, inwieweit die Postulate praktisch in den Roman einfließen. Insbesondere der Aspekt der Emanzipation soll anhand von verschiedenen weiblichen Charakteren näher beleuchtet werden.

Zeitlich gesehen erscheint Nad Niemnem in einer ziemlich späten Phase des Positivismus, die auch „reifer Realismus” 4 genannt wird, in der zwar schon offensichtlich wurde, dass die positivistischen Postulate in ihrer Realisierung nicht immer den ursprünglichen Idealen und Zielen entsprachen. Dennoch erachte ich diesen Roman als geeignet für die beabsichtigten Betrachtungen, und zwar zum einen weil gerade Eliza Orzeszkowa - auch aufgrund ihres persönlichen Lebensverlaufs- als Pionierin der Emanzipation gesehen wird. Zum anderen trifft man in Nad Niemnem auf Heldinnen mit besonderer Charakterstärke, die auf reale und sehr umfassende Art und Weise zum Ausdruck kommt. Abschließend möchte ich noch auf andere positivistische Heldinnen blicken, um allgemeiner die Charakterzüge einer „Lady“ in der positivistischen Literatur formulieren zu können.

2. Grundzüge des polnischen Positivismus

Der westeuropäische Positivismus ist vor allem eine philosophische Strömung, zu deren tragenden Figuren unter anderem Auguste Comte, Herbert Spencer und John Stuart Mill zählen.

Auguste Comte, der Autor des Werkes „Kurs der positiven Philosophie“, forderte, dass die Wissenschaft sich damit beschäftigen sollte, was auf dem Weg der Erfahrung überprüfbar ist. Das Wissen dient der Forderung „savoir pour prévoir“, was soviel besagt, wie, dass Erscheinungen zunächst als Tatsachen angenommen werden sollen, woraufhin sie nach gewissen Gesetzen geordnet werden können, um dann aus den erkannten Gesetzen zukünftige Erscheinungen vorherzusehen.5 Herbert Spencer übertrug die biologischen Gesetze auf die menschliche Gesellschaft. Seiner Ansicht nach unterliegt die Welt einem allgemeinen Gesetz der ständigen Veränderung, bei dem die einzelnen Teile des Organismus sich im immer größerem Einklang zum Fortschritt entwickeln, d.h., dass seiner Vorstellung nach die immer höhere Spezialisierung und Differenzierung mit der Zeit zu einem immer harmonischeren Zusammenspiel der Einzelteile führt.6

Der Einfluss von John Stuart Mill auf die positivistische Philosophie steht in Verbindung mit der Erkenntnis- und Methodenproblematik und der Ethik. Er versuchte eine einheitliche Methodologie für alle Wissenschaften zu begründen. Nach ihm ist die Erfahrung die einzige Quelle von Erkenntnis. Daraus folgt, dass Induktion, also die Schlussfolgerungen vom Einzelfall auf das Allgemeine, das einzige zulässige Erkenntnisverfahren ist. In seiner an Jeremy Benthams angelehnten Ethik besteht das Ziel allen Handelns darin, das Glück zu mehren und das Leid zu lindern.7

Diese neuen Strömungen gelangten in einer Zeit nach Polen, in der das Land auf der Landkarte Europas nicht existierte. Es gab nur das polnische Volk, das zu dem Zeitpunkt die erst kürzlich erlebte Niederlage des Januaraufstandes beweinte und als eine Folge des Aufstandes unter verstärkten Repressionen seitens der Besatzer, insbesondere des absolutistischen Russlands und des von Bismarck regierten Preußens litt. Während aber im deutsch besetzten Gebiet die parlamentarischen Formen einige Freiheiten zuließen, wie etwa legale Proteste gegen die Unterdrückung oder Formen von wirtschaftlicher Selbstbehauptung, war im russischen Besatzungsgebiet der Kampf gegen das Polentum besonders stark. Die Panslawisten der russischen Rechten argumentierten, dass Russland der Protektor aller Slaven wäre. Polen aber war ihrer Meinung nach ein Verräter der slavischen Familie, weil es sich „okzidentalisiert“ und „latinisiert“, also verwestlicht hat. Einzig die Bauern sahen sie als wahre Slaven, während es den Adel, den katholischen Klerus, die westlich orientierte Intelligenz und den städtischen Mittelstand als slavischen Feind auszulöschen galt. Infolgedessen gab man den Bauern Land und jegliche Bevorzugungen, während den anderen Klassen gegenüber harte Maßnahmen ergriffen wurden, zu denen unter anderem Massendeportationen gehörten, oder auch hohe Steuern für Grundbesitz und Beschlagnahmen des Besitzes derjenigen, die man der Befürwortung oder der Teilnahme am Januaraufstand verdächtigte. Jegliche Überreste der Autonomie des Polnischen Königreichs wurden beseitigt. In allen Schulen wurde Russisch als Pflichtsprache eingeführt.8

Einzig in Gallizien nahmen die Repressionen nicht derartig drakonische Formen an. Hier wurde dem polnischen Volk eine gesetzgebende Autonomie eingestanden, dem polnischen Einfluss in Verwaltung, Gerichts- und Schulwesen wurde Eingang gewährt und es herrschten allgemein gute Bedingungen für die Entwicklung der polnischen Kultur.9

Das polnische Volk aber lebte und existierte und es galt, den Menschen ein „Überlebensprogramm“ zu geben. Nach der Niederlage des Januaraufstandes schien die romantische Kampfhaltung nicht mehr sehr überzeugend. Die Positivisten lehnten viele Aspekte der romantischen Weltanschauung ab, so unter anderem die messianistische Haltung und das metaphysische Verständnis der Geschichte. Sie betrachteten auch den Schriftsteller nicht länger als einen übermenschlichen Seher, sondern eher als Wissenschaftler und aktiven Mitbürger. Während der romantische Held noch überwiegend von Gefühlen und Vorstellungskraft geleitet wurde, sollte sich der positivistische Held seines Verstandes und seines Willens bedienen.

Die Literatur verlor ihren metaphysischen Charakter und erhielt immer mehr eine metaphysische Funktion. Als Folge davon dominierten die epischen Formen. Schon in den 50er Jahren des 19.Jahrhunderts nahm der Roman eine führende Rolle in der Literatur ein. Es wurde angenommen, dass gerade der Roman am besten dazu geeignet ist, gegenwärtige Erscheinungen abzubilden. Überdies erreicht er dank seines Unterhaltungscharakters ein breiteres Publikum und beeinflusst das Bewusstsein. Orzeszkowa schrieb in „Kilka uwag nad powieścią” (1866): „Powieść łatwo jest nabyć, łatwo przeczytać, łatwo zapamiętać. Dramat w niej zamknięty sprawionym wrażeniem wdziera się w umysł, a jeśli w dramacie tym spoczywa myśl zacna i wyższa, więc i ona wpłynie na istotę człowieka, pobudzi go do rozmyślań, rozświeci przed nim nieznane lub przyćmione dotąd światy pojęć.”10

Vielfach wurde aber auch die „funktionale Versklavung”, die so typisch für den polnischen Roman ist, unter anderem von den Schriftstellern selbst beklagt. Außerdem wurde der polnischen Literatur vorgeworfen, dass sie aufgrund ihrer funktionalen Last oft nicht übersetzbar und unverständlich für Außenstehende sei und überdies eine Primitivität in der Psychologie und ein Fehlen von essentiellen und metaphysischen Themen aufweise.11 Diese Kritik mag in vielerlei Hinsicht gerechtfertigt sein. Eine gewisse Engstirnigkeit in der polnischen Literatur mag eine Tatsache sein- vielleicht so eine Tatsache wie, dass man einem Eskimo kein Sonnenschutzmittel anbieten würde. William Faulkner schrieb einmal an Malcolm Cowley: „The only book foreward I ever remembered was one I read when I was about sixteen [in Sienkiewiczs Pan Michael ], something like, ‘This book written in travail (he may even say in agony and sacrifice) for the uplifting of men’s hearts.’ Which I believe is the one worthwhile purpose of any book.”12 Die gesellschaftspolitische Funktion nutzten die Positivisten, um dem Volk zu vermitteln, dass die Unabhängigkeit nicht auf dem Weg der Rebellion, sondern durch mühevolle gemeinsame Arbeit und durch stufenweise Veränderung erlangt werden muss. Diese Bestrebungen stützten die Positivisten auf einige grundlegende Überzeugungen.

Hierzu gehört zunächst der Szientismus, das Vertrauen in den Wert von wissenschaftlichen Erkenntnissen. Im Sinne des Szientismus geht man davon aus, dass die Erkenntnisse aus den Naturwissenschaften es erlauben, Rückschlüsse auf universelle Wahrheiten des Funktionierens der Gesellschaft zu ziehen. Dies steht im Zusammenhang mit dem Naturmonismus, der besagt, dass die empirische Welt und damit auch die Gesellschaft einen homogenen Charakter hat, der durch die Gesetze der Natur bestimmt wird. Die Gesellschaft wird hierbei mit einem Organismus verglichen, in dem jedes Mitglied ein Element einer komplizierten Struktur ist, von dem das Funktionieren der Gesamtheit abhängt. 13 Ergänzt werden diese Ansichten durch die Spencersche evolutionistische Philosophie und die Erkenntnisse von Darwin, zu dessen eifriger Leserschaft sich die Positivisten zählten. Hiernach verändert sich die Welt ständig. Die Evolution, sowohl die Natur als auch die Gesellschaft betreffend, ist unumkehrbar und durchläuft eine Reihe von nicht direkt wahrnehmbaren Veränderungen. Fälschlicherweise gingen sie davon aus, dass jeder Zustand dem vorausgehenden gegenüber ein besserer sein musste, die Evolution auch immer ein positiver Fortschritt war. Die gesellschaftliche Evolution sollte auf fast selbstverständliche Art und Weise die überflüssigen Elemente eliminieren und nur die besten Errungenschaften überliefern. In der späteren Phase des Positivismus schwächte diese Überzeugung sicherlich ab, doch waren es zu Anfang wohl gerade diese Elemente, die die Betonung auf das organische Wachstum oder das allmähliche Reifen anstatt auf den revolutionären Umbruch legten.14

[...]


1 Vgl. Tomkowski, Jan, Mój pozytywizm , 1993, S. 7ff.

2 Vgl. Krzyżanowski/ Hernas, Literatura polska, 1985, S.229.

3 Vgl. Miłosz, Czesław, Historia literatury polskiej , 1993, S. 326.

4 Markiewicz, Henryk, Pozytywizm, 1999, S.135.

5 Vgl. Hanczakowski/Kuzik/Zawadzki/Żynis, Epoki literackie, 2001, S.230.

6 Vgl. Hanczakowski/Kuzik/Zawadzki/Żynis, Epoki literackie, 2001, S.232.

7 Vgl. http://www.philolex.de/philolex.htm (04.05.2007)

8 Vgl. Miłosz, Czesław, Historia literatury polskiej , 1993, S. 324f.

9 Vgl. Markiewicz, Henryk, Pozytywizm, 1999, S.16.

10 Zit. nach Markiewicz, Henryk, Pozytywizm, 1999, S.99.

11 Najder, Zdzisław, The Development of the Polish Novel:Functions and Structure. In: Slavic Review, Vol.29, No.4, S.661.

12 Cowley, Malcolm, The Faulkner-Cowley File, 1966, S.115. (Das Zitat stammt allerdings vom Nachwort zu Pan Micha ł ).

13 Vgl. Hanczakowski/Kuzik/Zawadzki/Żynis, Epoki literackie, 2001, S.234.

14 Vgl. Hanczakowski/Kuzik/Zawadzki/Żynis, Epoki literackie, 2001, S.235.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Der polnische Positivismus und seine emanzipatorischen Ansätze am Beispiel von "Nad Niemnem"
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut für Slavistik)
Note
1.7
Autor
Jahr
2007
Seiten
21
Katalognummer
V172041
ISBN (eBook)
9783640923601
ISBN (Buch)
9783640923625
Dateigröße
471 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
2. Grundzüge des polnischen Positivismus 2.1. Exkurs: Der biografische Hintergrund von Eliza Orzeszkowa S.83.Die positivistischen Postulate und das Bild der Frau in Nad Niemnem 3.1.Die Handlung in Nad Niemnem 3.2. Der Arbeitskult 3.3. Der Utilitarismus und der Evolutionismus 3.4.Die Idee der Emanzipation 3.4.1. Im Vergleich zu Prus und Sienkiewicz
Schlagworte
positivismus, ansätze, beispiel, niemnem
Arbeit zitieren
Agnes Skorka (Autor), 2007, Der polnische Positivismus und seine emanzipatorischen Ansätze am Beispiel von "Nad Niemnem", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/172041

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