"Migrantenliteratur"

Konstruktion der Rezeption - Rezeption der Konstruktion. Am Beispiel einer empirischen Studie zum Rezeptionsverhalten von Studierenden


Seminararbeit, 2011
35 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Hinführung

2. Konstruktion der Rezeption - Rezeption der Konstruktion
2.1 Forderung nach Authentizität
2.2 Zuschreibung von Fremdheit

3. Empirische Untersuchung
3.1 Korpus, Methode und Zielsetzung
3.2 Ergebnisanalyse

4. Abschließende Überlegungen und Ausblick

5. Quellenverzeichnis

6. Anhang

1. Hinführung

„Überlegt, wie ausländischen Kindern und Jugendlichen das Leben in Deutschland er- leichtert werden kann? Was könnt ihr tun?“ So lautet einer der von Brunner1 untersuchten Arbeitsaufträge in Schulbüchern. Sie stellt fest, dass in vielen deutschen Schulbüchern dasselbe Bild vom Ausländerkind, das sich zwischen zwei Stühlen befindet, nicht nur beschrieben, sondern auch mit der immer gleichen Abbildung dargestellt wird. Es be- dient das Klischee, solche Kinder lebten zwischen zwei Kulturen, was ausschließlich Konflikte und Desorientierung bedeute, ebenso wie Kulturdifferenz auch immer Kultur- konflikt zur Folge habe. Die Kinder hätten mit Identitätsproblemen zu kämpfen und wüssten nicht, wo ihre Heimat sei. Auffällig ist, dass die türkische Kultur als das proto- typisch Fremde erscheint. Es wird Kindern Fremdsein attestiert, die oftmals bereits zur sogenannten dritten Migrantengeneration gehören. Das Fremde erscheint also als das Kulturfremde, womit auf markante Weise kulturelle Differenzen überbetont werden und Ausländerkinder als eine besondere, von Natur aus problembeladene Gruppe stigmati- siert werden.

Diese Schulbücher stammen aus den späten neunziger Jahren und man könnte hoffen, dass sich die Darstellungen geändert haben. Im Reclam-Heft Migrantenliteratur. Arbeits- texte für den Unterricht2 aus dem Jahr 2007 ist allerdings im Vorwort immer noch zu lesen, die Schüler begegneten durch die Lektüre der Arbeitstexte „fremden Lebensweisen und Mentalitäten ebenso wie der ganz eigenen Kultur der Ausländer in Deutschland.“3 Und weiter:

Wenn Deutsche zu einer solchen inter- und transkulturellen Auseinandersetzung bereit sind, leis- ten sie einen Beitrag zur Integration von Einwanderern in unsere Gesellschaft. Vielleicht ist es nur ein kleiner Schritt, aber immerhin ein Schritt, um zwischen den Kulturen Brücken zu schlagen.4

Das Beispiel zeigt eindrucksvoll, dass außerhalb des akademischen Rahmens die aktuel- len Konzepte der Forschung noch nicht angekommen zu sein scheinen. Die skizzierte Lesart, die an künftige Generationen von Lesern5 weitergegeben, also sozialisiert wird, erinnert an die Anfänge der Rezeption von Migrantenliteratur6 in den achtziger Jahren, die als Gastarbeiterliteratur oder Ausländerliteratur7 kategorisiert und ausschließlich im Kontext der (Arbeits-)Migration gelesen wurde. Heute liegen die Verhältnisse in der For- schung wesentlich komplizierter. Es ist eine Vielzahl von Begriffen im Umlauf, die mehr oder weniger Ähnliches bezeichnen sollen. Einige, denen man regelmäßig begegnet, sind Migrantenliteratur, Migrationsliteratur8, interkulturelle Literatur9 oder transkulturelle Literatur10. Um die Benennungsschwierigkeiten11 und die damit verbundenen Auseinan- dersetzungen soll es nicht gehen, ich möchte jedoch in diesem Zusammenhang einige grundlegende Aspekte hervorheben, die für diese Arbeit wesentlich erscheinen.

Migrantenliteratur scheint den bisher existierenden begrifflichen Rahmen der germanisti- schen Literaturwissenschaft in Frage zu stellen. Sie lässt sich nämlich weder aus außerli- terarischen und biographischen Phänomenen, noch aus rein ästhetischen, formalen oder thematischen Aspekten erschöpfend herleiten.12 Die aus der deutschen hermeneutischen Tradition stammende leitende Idee des Verstehens des Fremden ist im Zuge des cultural turns dem aus dem angloamerikanischen Raum stammenden Konzept von Kulturalität gewichen.13 Weitgehend durchgesetzt hat sich die Einsicht, dass Kulturen keine abge- schlossenen Wesenheiten sind und dass von einem Dazwischen nicht gesprochen werden kann. Ein Dazwischen suggeriert nämlich, es handle sich um zwei homogene Kulturen, zwischen denen ein ebenso homogenes Drittes entsteht, in welchem sich Mig- ranten als instabile Elemente aufhalten.14

Die vorher genannte Einsicht wird meistens mit dem Schlagwort Hybridität belegt, das aus der postkolonialen Theorie stammt und mit dem Literaturtheoretiker Homi K. Bhab- ha15 verbunden wird. Mit diesem Konzept verbindet sich eine spezifische Räumlichkeit, ein Dritter Raum, in dem die Konstitution von Identität und Alterität weder als multikulturelles Nebeneinander noch als dialektische Vermittlung, sondern als unlösbare und wechselseitige Durchdringung von Zentrum und Peripherie […] modelliert wird.16

Wenn Hybridität das Zusammengesetztsein einer Kultur bedeutet, dann ist sie „weder ein spezielles Merkmal noch eine zu vermeidende Gefahr, sondern ein grundlegendes Charakteristikum jeder Kultur.“17

Bei der Verwendung des Begriffs18 kann jedoch häufig beobachtet werden, dass das Hyb- ride fälschlicherweise auch weiterhin als aus zwei homogenen Kulturen bestehend be- trachtet wird und der Zwischenraum als Brücke zwischen den Kulturen verstanden wird. Dies hat zur Folge, dass Migrantenautoren (auch oder vor allem durch die Literaturkritik) auf die Brücke verbannt werden, um zu verbinden, „was in der ‚Verbindung‘ säuberlich getrennt bleiben soll.“19

Diese Arbeit untersucht die Rezeption von Migrantenliteratur. In einem ersten Schritt geht es darum, herauszuarbeiten, welche Erwartungen im Hinblick auf Authentizität an Texte von Migrantenautoren geknüpft werden. Dabei werden Parallelen von der Erwar- tungshaltung der Rezipienten an die Gastarbeiterliteratur zum aktuellen Rezeptionsver- halten gezogen und Gemeinsamkeiten herausgestellt. Es wird außerdem umrissen, wie Migrantenautoren dieser Erwartungshaltung begegnen. Im zweiten Schritt wird auf die Zuschreibung von Fremdheit hingewiesen und untersucht, auf welche Weise Fremdheit sowohl den Autoren als auch ihren Texten vor allem durch den Literaturbetrieb zugeschrieben wird und welche Funktion das hat.

Anschließend soll in einer empirischen Studie mit der Methode der Inhaltsanalyse überprüft werden, inwiefern sowohl Forderungen der Rezipienten nach Authentizität als auch Zuschreibungen von Fremdheit an Migrationsliteratur gemacht werden. Eine Zusammenfassung der Ergebnisse sowie ein Ausblick schließen die Arbeit.

2. Konstruktion der Rezeption - Rezeption der Konstruktion

In diesem Kapitel geht es um die Forderung nach Authentizität in der Migrantenliteratur, die mit dem Klischee des sich zwischen zwei Kulturen bewegenden Migranten, der weder zur einen noch zur anderen Seite richtig dazugehört, verknüpft ist. Desweiteren wird untersucht, wie durch paratextuelle Elemente sowohl den Autoren als auch ihren Texten Fremdheit zugeschrieben wird. Dabei wird vor allem auf die Praxis des Literaturbetriebs einzugehen sein, der diese Elemente für seine Zwecke einsetzt.

2.1 Forderung nach Authentizität

Authentizität des Selbsterlebten als ästhetisches Kriterium oder normative Idee ist wohl obsolet geworden;20 von der Textsorte der Migrantenliteratur wird aber genau solche Au- thentizität gefordert. Dazu gehört die Vorstellung, der Migrant fühle sich zwischen zwei Kulturen und ständig zwischen seiner und der deutschen zerrieben. Durch den Erwar- tungshorizont gegenüber der Migrantenliteratur werden stetig dieselben Erfahrungen antizipiert, was vordergründig auf das kollektive, weniger auf das individuelle Gedächt- nis bezogen wird. Dabei geht es nicht um konkrete Alltagserfahrungen, sondern um de- ren Referenz auf interkulturelle Probleme.21 Volker Dörr formuliert es pointiert wie folgt:

Texte von Migranten werden gelesen als Dokumente eines gewissermaßen ‚interkulturellen Gedächtnisses‘. Und dieses […] konstituiert sich nicht als Summe der betroffenen kulturellen Gedächtnisse, sondern als deren Differenz. Der prototypische Migrant ist eben nicht etwa Türke und Deutscher, sondern er ist weder Deutscher noch Türke.22

Harald Weinrich forderte von der Gastarbeiterliteratur vor allem einen „Zuwachs an exis- tentieller und gesellschaftlicher Erfahrung“, die eine „poetische Mitgift“23 der Autoren bedeute. Hier ist also die Rede von einer Authentizität der Texte, die dadurch zustande kommt, dass Migranten auch nur über Migration schreiben, denn dies stellt im Vergleich zum deutschen Autor die besondere, eben „existentielle“ Erfahrung dar. Über diese Erfahrung verfügt nur der Migrant und deshalb darf er darüber schreiben und so einen Teil, zumeist als wichtiger Teil beschrieben, zur deutschen Literatur beitragen.

Auch wenn die engen Gattungsgrenzen der Gastarbeiterliteratur (scheinbar) überwunden sind, kann man in Weinrichs Forderungen weiterhin Parallelen mit der heutigen Forde- rung an die Migrantenliteratur feststellen. Die Sehnsucht danach, dass die im Text be- schriebenen (migrantischen) Geschehnisse auch im Leben des Autors tatsächlich stattge- funden haben sollen, besteht weiterhin. Dabei ist es heute geradezu absurd, erstens über- haupt von Migranten zu sprechen, wenn es sich um die zweite oder gar dritte Migranten- generation handelt und zweitens den zum überwiegenden Teil in Deutschland geborenen, sozialisierten, studierten und mit der deutschen Sprache aufgewachsenen Autoren The- men zuzuschreiben, die sie weder „existenziell“ erlebt haben konnten noch es als ihre Aufgabe ansehen, zu einer Art Repräsentanten nationaler Identitäten zu werden - weil sie es nicht sind und weil das eigentlich keiner ist.

Eine Parallele zu Weinrich lässt sich auch in Karl Esselborns Ausführungen feststellen, wenn er die Reduzierung ausgerechnet der Literatur der Migration […] auf den die Literaturwissenschaft ver- meintlich allein legitimierenden Kernbereich, die ‚Literarizität‘ der Texte, und die tabuisierende Ausblendung des gesamten gesellschaftlichen Kontexts als Rahmen literarischer Kommunikation für „schwer nachvollziehbar“24 hält. Er kritisiert zudem das Konzept der Neuen Weltliteratur, das Elke Sturm-Trigonakis25 entwickelt hat und in dem die Biographie des Autors, seine sprachliche Kompetenz sowie der soziale und politische Kontext als außerliterarische Aspekte ausgegrenzt werden. Diese können nur in ihrer literarischen Umsetzung als literarische Motive oder ästhetische Strategien erscheinen. Esselborn dazu:

Das bedeutet letztlich, dass die konkreten komplexen Erfahrungen von Migration, kultureller Fremde, Hybridisierung und Globalisierung, die meist zum Anlass und Ausgangspunkt des Schreibens wurden, auf literarästhetische Strategien der ‚Verfremdung‘ reduziert werden. Kulturelle Differenzen und Konflikte werden so ästhetisch neutralisiert.26

Ich möchte dazu einige Anmerkungen machen, um auf die problematische Sichtweise auf Migrantenliteratur zu verweisen oder besser: auf die Ambivalenz in der Rezeption, die sich unnachgiebig durchzuziehen scheint. Auf der literarästhetischen Ebene sollten für jegliche Literatur dieselben ästhetischen Maßstäbe gelten. Wenn das so gilt, dann kann keine Rede von einer „Neutralisierung kultureller Differenzen und Konflikte“ sein, denn dann ist Literatur schlicht Literatur und hat nicht die Rolle einer Vermittlerin zwischen zwei Kulturen zu erfüllen, „eine Rolle, die sie kaum ausfüllen kann und die es auch gar nicht gibt, weil die beiden Instanzen, zwischen denen vergeblich zu vermitteln ist, so nicht existieren.“27

Außerdem ist ein literarischer Text nicht von Natur aus politisch, sozialkritisch oder eben migrantisch oder fremd. Diese Interpretationsleistung erbringt der Leser und wenn dieser textimmanent interpretiert, dürfte das literarische Motiv der Migration keine größere oder andere Bedeutung haben, nur weil es von einem Autor verwendet wird, dessen Name fremdländisch klingt. Doch es passiert meist das Gegenteil; die Biographie des Autors wird zur Grundlage der Rezeption und, wie oben zitiert, als „Ausgangspunkt und Anlass“ des literarischen Schaffens angenommen.

Immacolata Amodeo weist darauf hin, dass der Lebenslauf nur eine der Quellen der Schreibmotivation und Inspiration bildet.28 Allerdings greifen Leser und Kritiker gerne Passagen aus den Texten auf, vergleichen diese mit dem Lebenslauf oder setzen sie gleich. Insofern wird die Frage, „ob und wie das alles wirklich passiert ist, was in seinen literarischen Texten steht, […] einem Schriftsteller wohl am häufigsten gestellt.“29 Sei- tens der Literaturkritiker oder des Publikums einer Lesung wird immer wieder ein be- schränktes Repertoire an Fragen angebracht. Oftmals wird ein grundsätzlicher kultureller Unterschied zwischen dem Autor und dem deutschen Lesepublikum vorausgesetzt. Es sind Fragen nach der Vereinbarkeit zweier Welten, die als eine Bereicherung angesehen werden, aus der man schöpft oder eben die Vermutung, dass die Kulturen unvereinbar seien und der Migrant sich zwischen den Stühlen sitzend fühle. Außerdem wird danach gefragt, ob sich die Wahrnehmung des eigenen Andersseins mit zunehmendem Alter verändere, was in Zusammenhang mit dem Grad der Integration gebracht wird.30

Sudabeh Mohafez wird bei ihren Vortragsreihen oft gebeten, die Kurzgeschichte Sedi- ment31 vorzutragen. Darin geht es um Erfahrungen der Migration, die eine bestimmte Erwartungshaltung der Zuhörer zu bedienen scheinen, weshalb die Erzählung, so Moha- fez, zwar nicht ausschließlich, aber eben auch deshalb immer wieder nachgefragt wird. Erstaunlich daran ist, dass Mohafez sich zwar „noch nie im Leben als Migrantin bezeich- net [hat]. Ich habe eine deutsche Mutter. Ich habe, seit ich geboren bin, einen deutschen Pass. Ich bin Deutsche.“32 Doch die Rezipienten scheint das nicht zu verwirren, das heißt, dass es gar keine echte Authentizität zu sein braucht, es genügt eine durch den Rezipien- ten selbst konstruierte. Insofern können die folgenden von Dörr gestellten Fragen bejaht werden: „Ist es nicht vielleicht so, dass man vom Migranten erwartet, dass er über Mig- ration schreibt? Und dass Migrationsliteratur dann authentischer wird, wenn der Autor selbst Migrant ist (oder wenigstens seine Eltern es sind)?“33

2.2 Zuschreibung von Fremdheit

Eng mit der Sehnsucht nach Authentizität verknüpft ist die Zuschreibung von Fremdheit an die Texte von Autoren „mit nichtdeutscher oder beinahe nichtdeutscher Mutterspra- che“34. Migrantenliteratur erweist sich „als eine Textsorte, die in einem Maße, wie man es sonst nur von Autobiographien kennt, auf Paratextualität angewiesen [ist].“35 Dass beispielsweise die im Text verwendete Fremdsprache die Muttersprache des Autors ist, das vermittelt der Text nicht selbst, das geschieht paratextuell, zum Beispiel durch den Klappentext, den fremdländisch klingenden Autornamen oder auch das Autorenbild, das bei genügend fremdländischem Aussehen den Erwartungshorizont des Lesers entspre- chend steuert.36 Durch solche Angaben kommt es auch dazu, dass Autoren wie Emine Sevgi Özdamar in den Regalen der Buchhandlungen unter Rubriken wie Türkische Lite- ratur oder Türkei einsortiert werden.37

Gérald Genette spricht in diesem Zusammenhang davon, dass man von den paratextuel- len Elementen oftmals nicht wisse, ob man sie dem Text zuschreiben solle, dass diese aber den Text umgeben und verlängern […], um ihn im üblichen, aber auch im vollsten Sinn des Wortes zu prä- sentieren: ihn präsent zu machen, und damit seine ‚Rezeption‘ und seinen Konsum […] zu ermög- lichen.38

So wird der Autor mithilfe von Personalisierung durch Paratexte in Szene gesetzt, wobei es um die „außerliterarische Sichtbarkeit“39 des Autors geht, das heißt um Merkmale wie Alter, Geschlecht, Aussehen oder eben auch Herkunft. Diese inszenierte Sichtbarmachung der Autoren hat sich in den letzten Jahren erheblich professionalisiert; der Autor wird als Marke konzipiert (und diese ist bei Bedarf exotisch).40

Diese Art von Paratext nennt Genette faktischen Paratext, welcher „nicht aus einer aus- drücklichen (verbalen oder nichtverbalen) Mitteilung besteht, sondern aus einem Faktum, dessen bloße Existenz, wenn diese der Öffentlichkeit bekannt ist, dem Text irgendeinen Kommentar hinzufügt oder auf seiner Rezeption lastet.“41 Dass paratextuelle Informatio- nen die Rezeption beeinflussen, das kann nicht bestritten werden, oder, um es mit Genet- te zu sagen: „Ich sage nur, daß diejenigen, die davon wissen, nicht so lesen, wie diejeni- gen, die nicht davon wissen, und daß uns diejenigen zum Narren halten, die diesen Un- terschied leugnen.“42

Seit Beginn des Jahres 2006 findet verstärkt eine mediale Debatte um Ausländerintegra- tion und Parallelgesellschaften statt. Diese beeinflusst die Rezensionen (oder: die Rezep- tion im Allgemeinen) enorm; die ethnische Herkunft des Autors - seine Fremdheit - wird zunehmend in den Mittelpunkt gerückt und verstellt so den Blick auf den literari- schen Text.43

[...]


1 Vgl. Brunner, Maria E.: „Migration ist eine Hinreise. Es gibt kein ‚Zuhause‘, zu dem man zurück kann.“ Der Migrationsdiskurs in deutschen Schulbüchern und in Romanen deutsch-türkischer AutorInnen der neunziger Jahre. In: Die andere deutsche Literatur. Istanbuler Vorträge. Hg. von Manfred Durzak/ Nilüfer Kuruyazıcı u. a. Würzburg 2004. S. 71-90. Hier: S. 72-73.

2 Vgl. Müller, Peter und Jasmin Cicek (Hrsg.): Migrantenliteratur. Arbeitstexte für den Unterricht. Stuttgart 2007.

3 Ebd. S. 9.

4 Ebd.

5 Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf eine geschlechterdifferenzierende Schreibweise verzichtet. Es sind jedoch stets beide Geschlechter gleichermaßen angesprochen.

6 Ich lehne mich an Dörrs Vorschlag der pragmatischen Verwendung dieses Begriffs an. Bei Migrantenliteratur handelt es sich nicht nur um Literatur von Migranten, sondern auch um die der Migranten der zweiten und dritten Generation, obwohl dies, darauf weist Dörr hin, ein Oxymoron darstellt. Vgl. Dörr, Volker C.: „Gastarbeiter“ vs. „Kanaksta“: Migranten-Biographien zwischen Alterität, Hybridität und Transkulturalität. In: AutoBioFiktion. Konstruierte Identitäten in Kunst, Literatur und Philosophie. Hg. von Christian Moser. Bielefeld 2006. S. 145-166. Hier: S. 148.

7 Es entstand ein stark politisch motiviertes Ausländer-Lesebuch (Schaffernicht, Christian: Zu Hause in der Fremde. Ein Ausländer- Lesebuch. Reinbek 1984. Siehe darin vor allem Biondi, Franco und Rafik Schami: Literatur der Betroffenheit. S. 136-150.) sowie mehrere dtv-Anthologien aus einem Preisausschreiben des Münchner Instituts für Deutsch als Fremdsprache, das von Harald Wein- rich und Irmgard Ackermann initiiert wurden. Ackermann, Irmgard (Hrsg.): Als fremder in Deutschland. Berichte, Erzählungen, Gedichte von Ausländern. München 1983. Dies. (Hrsg.): In zwei Sprachen leben. Berichte, Erzählungen, Gedichte von Ausländern. München 1984. Dies. (Hrsg.): Türken deutscher Sprache. Berichte, Erzählungen, Gedichte. München 1984. Außerdem entstand ein Sammelband aus einem Kolloquium, bei dem es um eine nicht nur deutsche Literatur ging. Ackermann, Irmgard und Harald Wein- rich (Hrsg.): Eine nicht nur deutsche Literatur. Zur Standortbestimmung der „Ausländerliteratur“. München 1986.

8 Vgl. Schenk, Klaus (Hrsg.): Migrationsliteratur. Tübingen 2004.

9 Vgl. Gutjahr, Ortrud: Interkulturalität als Forschungsparadigma der Literaturwissenschaft. Von den Theoriedebatten zur Analyse kultureller Tiefensemantiken. In: Zwischen Provokation und Usurpation. Interkulturalität als (un)vollendetes Projekt der Literatur- und Sprachwissenschaften. Hg. von Dieter Heimböckel. München 2010. S. 17-39. Außerdem dies.: Alterität und Interkulturalität. Neuere deutsche Literatur. In: Germanistik als Kulturwissenschaft. Eine Einführung in neue Theoriekonzepte. Hg. von Claudia Ben- thien und Hans Rudolf Velten. Reinbek 2002. S. 345-369. Und zudem Chiellino, Carmine: Interkulturelle Literatur in Deutschland. München 2000.

10 Vgl. Welsch, Wolfgang: Zur Veränderten Verfassung heutiger Kulturen. In: Hybridkultur. Medien, Netze, Künste. Hg. von Irmela Schneider und Christian Werner Thomsen. Köln 1997. S. 67-90.

11 Vgl. zur Darstellung und Kritik aktueller Begriffsprägungen Dörr, Volker C.: Multi-, Inter-, Trans- und Hyper-Kulturalität und (deutsch-türkische) „Migrantenliteratur“. In: Zwischen Provokation und Usurpation. Interkulturalität als (un)vollendetes Projekt der Literatur- und Sprachwissenschaften. Hg. von Dieter Heimböckel. München 2010. S. 71-86.

12 Vgl. Schmitz, Helmut: Einleitung: Von der nationalen zur internationalen Literatur. In: Von der nationalen zur internationalen Literatur. Transkulturelle deutschsprachige Literatur und Kultur im Zeitalter globaler Migration. Hg. von dems. Amsterdam/ New York 2009.

13 Vgl. Dörr, Volker C.: „Third Space” vs. Diaspora. Topologien transkultureller Literatur. In: Von der nationalen zur internationalen Literatur. Transkulturelle deutschsprachige Literatur und Kultur im Zeitalter globaler Migration. Hg. von Helmut Schmitz. Amsterdam/ New York 2009. S. 59-76. Hier: S. 59-60.

14 Vgl. Vlasta, Sandra: Das Ende des „Dazwischen“. Ausbildung von Identitäten in Texten von Imran Ayata, Yadé Kara und Feridun Zaimoglu. In: Von der nationalen zur internationalen Literatur. Transkulturelle deutschsprachige Literatur und Kultur im Zeitalter globaler Migration. Hg. von Helmut Schmitz. Amsterdam/ New York 2009. S. 101-116. Hier: S.103.

15 Vgl. Bhabha, Homi K.: Die Verortung der Kultur. Tübingen 2000.

16 Griem, Julika: Hybridität. In: Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. Ansätze - Personen - Grundbegriffe. 3. aktl. Aufl. Hg. von Angsar Nünning. Stuttgart 2004. S. 269-270. Hier: S. 269.

17 Bronfen, Elisabeth und Benjamin Marius: Einleitung zur anglo-amerikanischen Multikulturalismusdebatte. In: Hybride Kulturen. Beiträge anglo-amerikanischen Multikulturalismusdebatte. Hg. von dens. Tübingen 1997.

18 Zur Kritik an der Entpolitisierung und Enthistorisierung des Begriffs der Hybridität vgl. Ha, Kein Nghi: Hype um Hybridität.
Kultureller Differenzkonsum und postmoderne Verwertungstechniken im Spätkapitalismus. Bielefeld 2005. Darin kritisiert Ha, dass aufgrund der Enthistorisierung und Postmodernisierung des Hybriditätskonzeptes Machtstrukturen und real existierende gesellschaftliche Missstände wie Diskriminierung, Unterdrückung, Gewalt usw. ausgeblendet werden, sodass Hybridität als „Bild eines bunten Völkerfestes und lustigen Kulturkonsumbetriebs, in dem sich jeder frei und kreativ im Rahmen seiner ethnisch-kulturellen Ressourcen, Grenzen und Kompetenzen einbringt,“ inszeniert wird. Hier: S. 94.

19 Dörr, Volker C.: „Third Space“ vs. Diaspora. S. 64.

20 Vgl. Dörr, Volker C.: „Gastarbeiter“ vs. „Kanaksta“. S. 151.

21 Vgl. ebd. S. 151-152. Außerdem ders.: Deutschsprachige Migrantenliteratur. Von Gastarbeitern zu Kanakstas, von der Interkultu- ralität zur Hybridität. In: Literatur der Migration - Migration der Literatur. Hg. von Karin Hoff. Frankfurt/Main 2008. S. 17-34. Hier: S. 26.

22 Ebd. S. 153.

23 Weinrich, Harald: Um eine deutsche Literatur von außen bittend. In: Merkur (37). 1983. S. 911-920. Hier: S. 917.

24 Esselborn, Karl: Neue Zugänge zur inter/transkulturellen deutschsprachigen Literatur. In: Von der nationalen zur internationalen Literatur. Transkulturelle deutschsprachige Literatur und Kultur im Zeitalter globaler Migration. Hg. von Helmut Schmitz. Amsterdam/ New York 2009. S. 43-58. Hier: S. 53. [Hervorh. A. M.].

25 Vgl. Sturm-Trigonakis, Elke: Global playing in der Literatur. Ein Versuch über die neue Weltliteratur. Würzburg 2007.

26 Esselborn, Karl: Neue Zugänge zur inter/transkulturellen deutschsprachigen Literatur. S. 53. [Hervorh. A. M.].

27 Dörr, Volker C.: Deutschsprachige Migrantenliteratur. S. 32.

28 Amodeo, Immacolata/ Heidrun Hörner u. a. (Hrsg.): Literatur ohne Grenzen. Interkulturelle Gegenwartsliteratur in Deutschland: Porträts und Positionen. Salzburg/ Taunus 2009. S. 71.

29 Ebd. [Hervorh. A. M.].

30 Amodeo, Immacolata: Literatur ohne Grenzen. S. 97.

31 Mohafez, Sudabeh: Wüstenhimmel Sternenland: Erzählungen. Zürich 2004.

32 Amodeo, Immacolata: Literatur ohne Grenzen. S. 99. [Erg. A. M.].

33 Dörr, Volker C.: Deutschsprachige Migrantenliteratur. S. 18.

34 Weinrich, Harald: Ein vorläufiges Schlußwort. In: Eine nicht nur deutsche Literatur. Hg. von Irmgard Ackermann und dems. 1986.

S. 98.

35 Dörr, Volker C.: Deutschsprachige Migrantenliteratur. S. 23. [Erg. A. M.].

36 Vgl. ebd.

37 Vgl. Lübcke, Alexandra: Enträumlichung und Erinnerungstopographien: Transnationale deutschsprachige Literaturen als historiographisches Erzählen. In: Von der nationalen zur internationalen Literatur. Transkulturelle deutschsprachige Literatur und Kultur im Zeitalter globaler Migration. Hg. von Helmut Schmitz. Amsterdam/ New York 2009. S. 77-97. Hier: S. 77.

38 Genette, Gérald: Paratexte. Das Buch zum Beiwerk des Buches. Frankfurt/ Main 1989. S. 9.

39 Reichwein, Marc: Diesseits und Jenseits des Skandals. Literaturvermittlung als zunehmende Inszenierung von Paratexten. In: Literatur als Skandal. Fälle - Funktionen - Folgen. Hg. von Stefan Neuhaus und Johann Holzner. Göttingen 2007. S. 89-99. Hier: S. 91-92.

40 Vgl. ebd.

41 Genette, Gérald: Paratexte. S. 14.

42 Ebd. S. 15.

43 Vgl. Lotz, Gabriele: „Fremd“ in der deutschen Literatur? „Die Töchter des Schmieds“ von Selim Özdogan und „Der Schwimmer“ von Zsuzsa Bánk. In: Europäische Literatur auf Deutsch? Hg. von Christoph Parry. München 2008. S. 202-213. Hier: S. 203.

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
"Migrantenliteratur"
Untertitel
Konstruktion der Rezeption - Rezeption der Konstruktion. Am Beispiel einer empirischen Studie zum Rezeptionsverhalten von Studierenden
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Germanistik II)
Veranstaltung
Deutsch-türkische Literatur
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
35
Katalognummer
V172212
ISBN (eBook)
9783640919901
ISBN (Buch)
9783640919956
Dateigröße
788 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Im Anhang befinden sich der Fragebogen, Interpretationen der Probanden, Ergebnisse, Einladungsmail.
Schlagworte
Migranten, Migrantenautor, Migrantenliteratur, Rezeption, Konstruktion, Rezeptionsverhalten, empirische Studie, Interkulturalität, Multikulturalität, Hybridität, Kultur, Fremdsein, Schubladendenken, Kategorisierung, Migration, Migrationshintergrund, Transkulturalität, Cultural Turn, Irmgard Ackermann, Harald Weinrich, Volker Dörr, Wolfgang Welsch, Ortrud Gutjahr, Ausländer, Kein Nghi Ha, Ethnie, kulturelle Identität, Authentizität, Paratextualität, Gerard Genette, Gastarbeiter, Gastarbeiterliteratur, Karl Esselborn, Immacolata Amodeo, fremd, migrantisch, Migrantisierung, exotisch, Orientalismus, Edward Said, Homogenität, Rezension, Literaturbetrieb, Kritiker, Feuilleton, Zehra Cirak, soziale Erwünschtheit
Arbeit zitieren
Aljona Merk (Autor), 2011, "Migrantenliteratur", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/172212

Kommentare

  • Will keep this in mind, even when/if I am not an immigrant, to any country, where I write in a non-maternal language.

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