Der monströse Körper in Bezug auf Mary Shelleys "Frankenstein"


Hausarbeit, 2002

9 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Gliederung

1. Frankenstein im kulturhistorischen Kontext seiner Zeit

2. Die groteske Gestalt des Leibes

3. Dr. Frankensteins Kreatur als grotesker Leib

4. Referenzen bei M. Shelleys .Frankenstein" im Bezug auf Fay Weldons "The life and loves of a she-devil"

5. Unterschiede der Körperkonstruktion beider Werke

Literaturverzeichnis

1. Frankenstein im Kulturhistorischen Kontext seiner Zeit

Mary Shelley schuf 1818 im kulturhistorischen Kontext des anfangenden Industriezeitalters und den neuen wissenschaftlichen Entdeckungen ihr romantisch-schauriges Werk .Frankenstein oder der moderne Prometheus'1

Die Epoche zwischen Aufklärung und Romantik ist gekennzeichnet von einer explosionsartigen Wissensvermehrung und Theorienvielfalt in der Medizin und in den Naturwissenschaften. Die alten Vorstellungen über den Körper und seine Funktionen wurden revolutioniert und die Diskussion über die eigentlichen Ursachen des Lebens fanden nicht nur in Gelehrtenkreisen sondern auch unter gebildeten Laien statt. Besonders eine Frage erregte die Gemüter: Unterliegt der Mensch in seinen körperlichen, geistigen und seelischen Funktionen ausschließlich mechanischen Naturgesetzen oder waltet in ihm ein spezielles nicht­materielles Lebensprinzip?" 2

Dieser Diskurs, einen Menschen künstlich zu erschaffen, beeinflusst bis heute eine Vielzahl von Drehbuchautoren und Schriftstellern wie z.B. H.G. Wells .The Island of Dr.Moreau" , H.P. Lovekraft .Chuluum" oder Fay Weldon .The lifes and loves of a she-devil".

Die Idee einen Menschen künstlich zu kreieren entstand jedoch schon sehr lange vor M. Shelley; so wird z.B. in der Hebräischen Mystik im Buch der Kabbala der sogenannte "Golem" oder .Humunqulus" was aus dem Latein übersetzt Mensch/ein bedeutet erwähnt. Der große Unterschied jedoch ist, das diesen Sagengestalten das Leben in einen hölzernen Körper oder einem Körper aus Lehm modelliert durch Magie eingehaucht wurde. M. Shelley dagegen, beeinflusst durch die Experimente von Luigi Galvani (1737-1798), der toten Fröschen elektrische Entladungen verpasste, so dass muskulöse Zuckungen in den Schenkeln der Tiere verursacht wurden"3, hat dieses Thema auf einer mehr wissenschaftlichen Ebene als auf einer mystischen Ebene bearbeitet.

Die Ähnlichkeit zwischen L. Galvani, der totes Fleisch mit Hilfe elektrischer Impulse zum Leben zu erwecken scheint und Viktor Frankenstein, der seine Kreatur mittels eines Blitzschlages ins Leben ruft ist nicht von der Hand zu weisen. Auch lässt M. Shelley ihren Dr. Frankenstein nicht mit hölzernen oder gar mechanischen Utensilien (was uns sehr an Androiden bzw. Roboter erinnern würde) arbeiten sondern mit Leichenteilen verschiedener Menschen, die er zu einem Ganzen kombiniert, was zu jener Zeit eine absolute Tabu- Verletzung gewesen ist.

Viktor Frankenstein wollte keinen Sklaven im Sinne des Golem-Begriffes schaffen und auch keine Menschen ähnliche Maschine im Sinne der Terminologie des Roboters sondern einen eigenständigen freien Menschen.

2. Die groteske Gestalt des Leibes

Laut Schneegans beginnt die Groteske dort, wo die Übertreibung phantastische Ausmaße annimmt. Die Vermengung menschlicher und tierischer Züge ist eine der ältesten Formen der Groteske. Die Form des Kopfes, die Ohren und selbst die Nase erhalten nur dann einen grotesken Charakter, wenn sie tierische oder dingliche Formen annehmen. Die Augen sind für die groteske Gestalt des Gesichtes vollends unwesentlich, sie drücken lediglich das eigengesetzliche innere Leben des Menschen bzw. der Kreatur aus.

Der groteske Leib ist ein werdender Leib. Er ist niemals fertig, niemals abgeschlossen. Er ist immer im Aufbau begriffen, im Erschaffenwerden." 4

3. Dr. Frankensteins Kreatur als grotesker Leib

Ursprünglich ist die Intention des grotesken Leibes auf das "Lachen" oder das "Fluchen" gerichtet,"5 was man in Bezug auf Frankensteins Monster nicht in Rechnung tragen darf, da M. Shelley den grotesken Körper in ihrem Roman nicht als das "Auszulachende" (Pharse Figur)

postuliert. Vielmehr ist der entstellte Körper der Kreatur eine Art Warnung, die Wissenschaftler davon abhalten soll die Grenzen von Moral und Ethik zu überschreiten. Parallelen zu den Definitionen des grotesken Leibes von M. Bachtin kann man jedoch durchaus auf Frankenstein ziehen. So lässt uns M. Shelley etwa durch die Ansammlung von schönen und guten Körperteilen, die Viktor beschafft, vermuten das hier ein perfekter Mensch konstruiert wird jedoch tritt genau das Gegenteil ein. Schöne und gute Leichenteile kombiniert ergeben ein groteskes Ganzes.

So sagt Viktor Frankenstein: "His limbs were in proportion, and I had selected his features as beautiful. Beautiful! - Great God!" 6

Auch die These dass der groteske Leib ein werdender Leib ist 7 lässt sich auf das Monster beziehen. Das Wesen das Viktor erschaffen hat ist zum Zeitpunkt seines Entstehens ein "weißes Blatt" (Tabula Rasa) und muss alles neu erlernen durch Beobachten und Nachahmen und durch eine erlesene Auswahl an hoher Literatur wie z.B. Miltons .Paradise lost" etc., was er als "geheimer Untermieter" bei der Familie der de Laceys auch erfolgreich schafft. Der Wendepunkt, der gleichzeitig eine Art Ende seiner Persönlichkeitsbildung darstellt kommt als er von den de Laceys gesehen wird und sie vor seinen entsetzlichen Äußeren die Flucht ergreifen. Man kann also sagen, dass das Monster bis zu seiner Entdeckung ein werdender Leib im Sinne des Grotesken ist. Von diesen Zeitpunkt an seine Gedanken allerdings nur noch darauf lenkt Viktor, seinen "Schöpfer" bzw. "Vater" zu finden, damit er ihm eine Braut erschaffe, die zu ihm passt (gemäß dem traditionellen Arche Noah Prinzip; Mann und Frau als Paar bilden eine Einheit). Als ihm sogar dies verweigert wurde und es merkte, dass all seine Anstrengungen umsonst waren und es niemals so etwas wie Glück erfahren würde, funktionierte es seinen monströsen Körper zu einer Art Rachemaschine um. So sagt die Kreatur: "Evil thenceforth became my good' 8

Und so dreht sich der Spieß um; das Anfangs abstoßende aber gutmütige (im Sinne des Rousseauschen Naturmenschen, der von Geburt an gut ist, durch Umwelt und Erfahrungen erst böse wird) Wesen wird zu einer Furie, die ihre große Statur und ihre Muskeln dazu gebraucht die Strapazen der Alpen zu überwinden, Viktor bis ins "Ewige Eis" zu locken und natürlich seine Opfer, Freunde und Familie von Viktor, zu ermorden.

4. Referenzen bei M. Shelleys "Frankenstein" in Bezug auf Fay Weldons “The life and loves of a she-devil"

Fay Weldons kontemporaner Roman .The life and loves of a she-devi!" ist weder eine Nachahmung noch eine Weiterführung des Frankenstein Diskurses, dennoch lassen sich Parallelen zu diesen ziehen. Im Bezug auf den Plot, nicht aber auf die Figuren lassen sich diverse versteckte Referenzen zu M. Shelleys Werk .Prankenstein" erkennen.

Beide Werke lassen deutlich die tradierte kulturtypische Determination, ein monströses Äußeres beinhalte eine böse Seele, erkennen. Auch agieren beide Charaktere, Frankensteins Monster sowie Ruth aus dieser kulturtypischen Determination heraus. Das Monster löscht systematisch die geliebten Personen von Viktor aus und Ruth löscht bzw. erneuert ihren klobigen Körper, ihre Familie und ihr altes Leben.

Eine Versteckte Referenz ist z.B. in der Rolle der Ärzte die Ruth operieren, Mr. Ghengis und Mr. Black zu erkennen. So werden sie von Ruth als ihre Schöpfer benannt und Mrs. Black bezeichnet ihren Mann sogar explizit als Frankenstein: .Mrs. Black frequently cal!ed her husband Frankenstein over the breakfast table, ... ,,9.

Mr. Ghengis nennt sich in einem Eigenkommentar Pygmalion (Ein Mann, der einen Frauenkörper modelliert bzw. schafft) von Ruth: "I am her Pygmalion", he cried. "I made her and she is cold, cold!"10

Die deutlichste Referenz ist jedoch die .Schöpfungsszene" bei F. Weidon, in der ein Gewitter ausbricht gleichwie beim Schöpfungsakt in .Frankenstein", Dieses Gewitter wird zudem noch stark emphatisiert durch die Worte von Mr. Ghengis: .God's angry" ,said Mr. Ghengis,suddenly frightened, longing to go back into obstetrics. .You're defying Him. I wish we could stop all this"- .Of course He's angry", said Ruth.

"I am remaking rnyself"!11

Auch das Aussehen von Ruth vor ihrer Wandlung kann man durchaus mit der Kreatur von Dr. Frankenstein vergleichen. So wird Ruth als übergroß, klobig, schwergewichtig und äußerst unattraktiv beschrieben:

"Tell me about your wife" ,she would have murmured, after love. ­.clurnsy", he would have said,,12.

Ebenfalls kann man Parallelen zwischen beiden Werken bei dem Schöpfungsprozess ziehen. F. Weldon beschreibt im Gegensatz zu M. Shelley diese langen chirurgischen Eingriffe besonders detailliert und teilweise makaber, was M. Shelley auslässt, doch die Vorgehensweise bei beiden ist ähnlich. So werden Ruth unter vielen anderen Operationen die Beine verkürzt, was so brutal beschrieben wird, das es einen an die Entstehung des Monsters erinnert, dem die Gliedmaßen teilweise auch angenäht wurden.

Zuletzt ist das Fehlen der Mütter in beiden Werken (Viktors Mutter ist im Kindbett gestorben, die Kreatur hat ebenfalls keine Mutter bzw. richtigen Vater und Ruths Mutter lebt mit einem neuen Mann und mit ihren neuen Kindern glücklich und getrennt von ihr) auffällig, das sich wie ein Roter Faden durch die Werke zieht.

5. Unterschiede der Körperkonstruktion beider Werke

Fay Weldon lässt in ihrem Roman deutlich eine "ugly duckling" (hässliches Entlein) Struktur erkennen, d.h. Ruth, beeinflusst durch ihre Umwelt und vor allem durch ihr Schönheitsideal, das dem zierlichen Körper und dem hübschen Gesicht von Mary Fisher entspricht, erfährt eine bewusste Wandlung vom hässlichen, monströsen Körper zum zierlichen und schönen Körper. Viktor Frankenstein dagegen versucht einen schönen Körper mittels schöner Leichenteile zu schaffen und konstruiert dabei ein Wesen, vor dem er sich selbst so sehr erschrickt, dass er in Panik wegläuft. Hierbei ist zu erwähnen, dass die Kreatur ihr Äußeres nicht selbst mitbestimmen konnte und der gesamte Schöpfungsprozess unfreiwillig geschieht.

Teilweise geprägt von dem Antiken Körperideal eines schlanken, athletischen und schönen Körpers, wie man ihn in zahlreichen Skulpturen (z. B. Michel Angelos .David" etc.) und in der Malerei sehen kann erstaunt es, dass sich in einem Zeitraum vom 17. Jahrhundert bis jetzt mit Ausnahme des Barock (Rubens, etc.) dieses Ideal nicht verändert hat. Im Gegenteil, dieses Ideal Bild eines Menschen hat sich heutzutage, bedingt durch die neuen Medien, sogar so sehr etabliert, dass eine regelrechte Diät- Hysterie bei Mädchen vor allem im Alter von 13 bis 25 Jahren ausgebrochen ist und Essstörungen wie Bolemie oder Magersucht und psychische Krankheiten wie Depression eine traurige Folge dieses neuen Körper- Kultes sind. Dieses Problem ist natürlich nicht nur auf das weibliche Geschlecht reduziert, was sich an dem stetigen Ansturm von Männern auf Fitness Studios, Sport Vereine und Kliniken, in denen man sich Fett absaugen lassen kann, zeigt.

F. Weldon hat uns mit ihrem Werk, dass in den Achtziger Jahren entstand bereits auf eine schockierende Art und Weise auf diesen krankhaften Wahn, schlank und schön zu sein, hingewiesen und wenn man heute Werbung, Kino oder Mode betrachtet scheint sich diese Entwicklung immer weiter fortzusetzen.

Sowohl zu M. Shelleys Zeiten als auch zu Fay Weldons Zeiten sprich heutzutage scheint eine schöne und gute Seele einen hässlichen und abstoßenden Körper nicht zu ersetzen.

Literaturverzeichnis:

- Mary Shelley .Frankensteln" (1818 Text) in World's c1assics, Oxford 1994
- “Frankenstein" Mary Shelley edited by Johanna M. Smith in Bedford Books, Boston 1992
- .Frankeosteln, Creation and Monstrosity" edited by Stephen Bann in Reaktion Books Vlg. ,1990
- Studien zur Englischen Romantik, Hrsg. Günther Blaicher, .Mary Shelleys „Frankenstein" Text, Kontext, Wirkung; Vlg. Die Blaue Eule, 1993 (S.100-112)
- Fay Weldon .The life and loves of a she-devil" in Coronet Books, 1987
- Michail Bachtin "Literatur und Karneval" (Zur Romantheorie und
Lachkultur) in Ullstein Vlg. ,Frankfurt 1985 (S.15-32)
- Der Große Brockhaus, in F.A. Brockhaus Wiesbaden 1956; Bnd. 4, Bnd. 9

[...]


1 Prometheus Sohn des Titanen lapeteus wurde von Zeus als Strafe, das er den Menschen das Feuer des Olymps brachte an das Kaukasus Gebirge gekettet, wo ein Adler ihm täglich seine wieder nachwachsende Leber herauspickte, bis er schließlich von Herkules befreit wurde.Der Große Brockhaus Bnd.9,S.416

2 M .Shelleys .Frankenstein" Text, Kontext, Wirkung (Studien zur englischen Romantik) Aufsatz: Viktor Frankenstein zwischen medizingeschichtlicher Realität und literarischer Fiktion. S.1 00

3 Der Große Brockhaus Bnd. 4, S.372

4 Michail Bachtin "Literatur und Karneval" S.16

5 Michail Bachtin "Lit." S.17

6.Frankenstein" M.8helley edited by Johanna M.8mith, 8.58

7 M.Bachtin .tn..: 8.16

8 M.8helley .Frankenstein" (1818 Text) 8.188

9 Fay Weldon .The life and loves of a she-devil" Coronet Vig. S.223

10 FayW. "life ... " S223

11 Fay W ,,life." S.233

12 Fay W. "live ... " S.9

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Der monströse Körper in Bezug auf Mary Shelleys "Frankenstein"
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Anglistik)
Veranstaltung
Proseminar
Note
1
Autor
Jahr
2002
Seiten
9
Katalognummer
V172242
ISBN (eBook)
9783640920518
ISBN (Buch)
9783640920310
Dateigröße
416 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
körper, bezug, mary, shelleys, frankenstein
Arbeit zitieren
M.A. Oliver Kneip (Autor), 2002, Der monströse Körper in Bezug auf Mary Shelleys "Frankenstein" , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/172242

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