Poppy hat gelernt, unsichtbar zu sein. In ihrem Job wird sie übersehen, klein gehalten - und Schweigen ist ihr einziger Schutz.
Bis zu der Nacht, in der sie gesehen wird.
Arina ist ruhig, kontrolliert und gefährlich faszinierend. Eine Frau, die sie nicht nur bemerkt, sondern auswählt. Was mit einem einzigen Blick beginnt, zieht Poppy immer tiefer in eine Welt aus Nähe, Kontrolle und Verlangen, die sie nicht mehr loslässt.
Zum ersten Mal fühlt sie sich verstanden. Sicher. Und genau das macht es so gefährlich.
Denn je näher sie Arina kommt, desto deutlicher spürt sie, dass hinter dieser Faszination etwas Dunkles verborgen liegt.
Und dass manche Begegnungen dich nicht retten - sondern dich nur näher an deinen Abgrund führen.
Triggerwarnung / Content Note: In diesem Roman werden unter anderem folgende Inhalte thematisiert: Mobbing und psychische Belastung, Darstellung von Macht- und Kontrollverhältnissen (BDSM), emotionale Abhängigkeit und intensive Beziehungsdynamiken, Gewalt sowie angedeutete und dargestellte Tötung, Tod und Verlust, toxische Beziehungen.
Bitte achte beim Lesen auf deine eigenen Grenzen und pausiere, wenn du merkst, dass dir die Inhalte zu nahegehen.
Auszüge aus dem Buch
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Kapitel 1
Die Dunkelheit in meinem Schlafzimmer war kein sanftes Ruhekissen; sie fühlte sich an wie ein schwerer, erdrückender Vorhang aus Samt, der mir die Luft zum Atmen nahm. Ich lag da, seit gefühlt Stunden, und starrte mit weit geöffneten Augen an die Decke. Im Halbdunkel zeichneten sich die Umrisse der Stuckverzierungen wie fremdartige, drohende Gebilde ab, während mein Verstand sich in einem endlosen Kreislauf aus Sorgen und leisen Selbstvorwürfen verfing. Heute war wieder ein neuer Tag. Ein Tag, der nichts weiter versprach als neue Herausforderungen, endlosen Stress und diese beklemmende Erwartungshaltung, der ich kaum noch gerecht wurde. Ich fragte mich in diesen einsamen Stunden oft, wie ich es überhaupt so weit hatte kommen lassen. Wie war mein Leben in dieses enge Korsett aus Erwartungen und Leistungsdruck geraten? Ich war doch eigentlich immer nur Poppy gewesen. Poppy Arden. Ein Name, der für Zuverlässigkeit stand, für Sorgfalt, für die Arbeit im Hintergrund, während andere sich die Lorbeeren abholten. Ich war das Zahnrad, das funktionierte, ohne Lärm zu machen. Mein einziger Wunsch in Momenten wie diesen war es, mich einfach in meiner kleinen, zerbrechlichen Wolke aus Frieden zu vergraben und die Welt da draußen auszusperren. Ein Ort, an dem niemand meine Grenzen austestete und an dem die Kälte des Alltags keinen Zutritt hatte. Doch das Leben war kein Rückzugsort; es war ein unerbittlicher Mechanismus, der niemals schlief und sich niemals eine Auszeit nahm. Die Realität wartete vor der Tür, bereit, mich wieder in ihren Mahlstrom zu ziehen. Mit einem tiefen, zittrigen Seufzer wandte ich den Kopf zur Seite. Das blasse, digitale Leuchten meines Weckers stach in der Finsternis fast in meinen Augen: 4:30 Uhr.
Ich hätte noch dreißig Minuten liegen bleiben können. Eine weitere halbe Stunde der relativen Sicherheit, in denen die Welt noch nicht von mir verlangte, jemand zu sein, der ich nicht war. Doch mein Körper verweigerte mir diese Gnade. Die innere Unruhe, die mich seit Tagen begleitete, saß wie ein Stachel in meiner Brust.
„Auf in einen neuen Tag“, flüsterte ich leise zu mir selbst. Meine Stimme klang in der Stille des Raumes fremd und zerbrechlich, ein dünner Faden, der im Nichts verhallte. Ich schwang die Beine aus dem Bett und spürte die kühlen Dielen unter meinen nackten Füßen, die mich schlagartig in die Wirklichkeit zurückholten. Mein Körper fühlte sich schwer an, als trüge ich das Gewicht der kommenden Stunden bereits jetzt auf meinen Schultern. Ich brauchte dieses Wasser. Ich brauchte die Hitze, um den Schleier der Erschöpfung von meiner Haut zu waschen. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, schlurfte ich ins Bad. Das helle Licht der Spiegelleuchten blendete mich kurz, und für einen Moment sah ich mein eigenes Spiegelbild: blasse Haut, müde Augen, eine Haltung, die zu viel ertragen hatte. Ich stieg unter die Dusche und drehte den Hahn auf, bis das Wasser heiß, fast schon schmerzhaft auf meine Schultern prasselte. Ich ließ es über mich strömen, atmete den aufsteigenden Dampf ein und versuchte, die aufkommende Panik vor dem, was der Tag bringen würde, gemeinsam mit dem Wasser in den Abfluss fließen zu lassen. Doch die Kälte in meinem Inneren blieb, unberührt von der Wärme, die meine Haut benetzte. Der Tag hatte begonnen, und ich war , wie immer, vollkommen unvorbereitet darauf. Das heiße Wasser prasselte unbarmherzig auf mich ein, doch es reichte nicht aus, um das Zittern in meinen Gliedern vollständig zu vertreiben. Ich stand da, die Augen fest geschlossen, und ließ den Strahl über mein Gesicht laufen, bis die Haut fast brannte. In diesem künstlichen Regen versuchte ich, die letzten Reste der nächtlichen Angst abzuwaschen, aber sie klebte an mir wie eine zweite Haut. Ich seifte mich ein, mechanisch, ohne jeden Gedanken. Meine Bewegungen waren einstudiert, ein Abfolgemuster, das mir half, nicht über den Tag nachzudenken, der vor mir lag. In einer Stunde würde ich im Büro sein, umgeben von den kalten Oberflächen aus Glas und Stahl, umgeben von Menschen, die nur darauf warteten, dass ich einen Fehler machte und einknickte. Besonders sie. Lauren, Vanessa, Chloe. Ihre Stimmen hallten schon jetzt in meinem Kopf wider, schneidend und voller Spott. Als ich aus der Dusche stieg, beschlug der Spiegel sofort. Ich wischte mit dem Handrücken eine Bahn frei und sah mich an. Poppy Arden. Die Architektin, die in einem Meer aus Deadlines und unerfüllbaren Erwartungen langsam unterging. Ich wirkte zerbrechlich, fast durchsichtig, als würde mich ein starker Windhauch einfach davontragen. Ich griff nach meinem Handtuch, trocknete mich ab und schlüpfte in meine Kleidung. Nichts Besonderes. Eine beige Stoffhose, eine schlichte weiße Bluse, die mein Dekolleté so gut es ging verdeckte. Ich wollte unsichtbar sein. Wenn ich unsichtbar blieb, gab es keine Angriffsfläche. Wenn ich niemanden provozierte, blieb ich sicher.
Das ist die Lüge, mit der du dich jeden Morgen belügst, Poppy, dachte ich, während ich mir die Haare zu einem strengen Zopf zurückband.
Ich ging in die Küche. Die Kaffeemaschine summte leise – das einzige Geräusch in meiner kleinen Wohnung, das sich halbwegs freundlich anfühlte. Während der dunkle Kaffee in die Tasse lief, starrte ich aus dem Fenster auf die schlafende Stadt. Dallas wirkte von hier oben so ruhig, so geordnet. Man sah die Gewalt nicht, die in den Schatten lauerte, man sah die Intrigen nicht, die hinter den glänzenden Fassaden der Hochhäuser gesponnen wurden. Ich nahm einen Schluck von dem bitteren Kaffee und spürte, wie das Koffein langsam meine Sinne wachrüttelte – ein notwendiges Übel, um den Tag zu überstehen. Mein Blick fiel auf meine Tasche, die ordentlich neben der Tür stand. Darin: die Skizzen für das Plano-Projekt. Mein Projekt. Meine einzige Chance, endlich aus dem Schatten der anderen herauszutreten, sofern man mich ließ. Ich seufzte und stellte die Tasse ab. Die Zeit der Ruhe war vorbei. Der Wecker, der mir eben noch wie eine Warnung vorkam, war jetzt nur noch ein fernes Geräusch. Ich nahm meine Tasche, warf mir den Blazer über und trat in den Flur. Als ich die Wohnungstür öffnete, schlug mir die kühle Morgenluft entgegen. Sie roch nach Abgasen und dem beginnenden Leben einer Metropole, die niemals innehielt. Ich schloss die Tür hinter mir und wusste: Sobald ich den ersten Schritt auf die Straße setzte, würde die Welt wieder an mir zerren. Poppy Arden musste heute funktionieren. Es gab keinen Raum mehr für Zweifel, keinen Raum mehr für das Mädchen, das sich wünschte, in einer Wolke aus Frieden zu bleiben.
Der Gehweg unter meinen Sohlen fühlte sich hart und unerbittlich an. Es war diese spezielle Stunde des Morgens, in der Dallas noch in ein bläuliches, unentschlossenes Dämmerlicht getaucht war. Die Straßenlaternen flackerten ein letztes Mal, bevor sie erloschen, und die ersten Lieferwagen begannen, durch die leeren Straßenzüge zu rumpeln. Ich zog meinen Blazer enger um den Körper; die morgendliche Feuchtigkeit schien bis auf meine Haut zu kriechen. Ohne die Kopfhörer wäre die Stille der Stadt zu laut gewesen – zu voll von den Gedanken, die ich so verzweifelt zu verdrängen versuchte. Mit einer fast reflexartigen Bewegung zog ich mein Handy aus der Tasche und schob mir die Stöpsel in die Ohren. Ich tippte auf meine Playlist, die ich „Fluchtmodus“ getauft hatte. Sanfte, melancholische Klänge füllten sofort meinen Gehörgang und bildeten eine schützende Barriere zwischen mir und der Außenwelt. Die Welt um mich herum wurde zu einem stummen Film, den ich zwar sah, der mich aber nicht mehr direkt berühren konnte. Ich erreichte die Bushaltestelle gerade, als der digitale Anzeiger zu flackern begann. Linie 402 – 3 Minuten.
Ich lehnte mich gegen die kalte Glaswand des Wartehäuschens und sah auf meine Hände. Sie zitterten nicht mehr so stark wie noch vor einer Stunde, aber die Anspannung war immer noch da, ein feines, elektrisches Summen unter meiner Haut. Ich beobachtete die anderen Wartenden: eine müde Reinigungskraft mit einer Thermoskanne, ein verschlossener Geschäftsmann, der bereits in sein Tablet vertieft war. Alle waren wir in unseren eigenen Welten gefangen, vereint nur durch das Warten auf diesen Bus, der uns in unsere jeweiligen Leben zurückbringen würde. Als der Bus schließlich mit zischenden Bremsen am Bordstein zum Stehen kam, stieg ich als eine der Ersten ein. Ich wählte einen Platz ganz hinten am Fenster. Der Sitz war noch kühl und roch nach abgestandenem Reinigungsmittel und der Stadt – ein Geruch, an den ich mich trotz meiner Sehnsucht nach Frieden längst gewöhnt hatte. Die 40-minütige Fahrt begann. Während sich der Bus langsam durch den erwachenden Verkehr kämpfte, sah ich aus dem Fenster, wie die Stadt an mir vorbeizog. Die Skyline von Dallas wuchs am Horizont langsam in die Höhe, eine Ansammlung aus Glas- und Stahlmonolithen, die in der aufgehenden Sonne zu brennen schienen. Für die nächsten vierzig Minuten war ich sicher. Hier im Bus musste ich keine Entscheidungen treffen, niemanden beeindrucken und keine Angriffe abwehren. Ich beobachtete, wie die Ampeln auf Rot sprangen und sich die Autos auf den Zubringerstraßen stauten. Ich ließ mich in den Rhythmus der Musik fallen, während die Welt draußen in einem verwischten Grauton vorbeizog.
Der Bus hielt mit einem gequälten Quietschen der Bremsen. Ich stieg aus, den Blick fest auf den Boden gerichtet, das Kinn tief in den Kragen meines Blazers gedrückt. Das Bürogebäude ragte wie ein gläserner Mahnstein vor mir auf. Mein einziger Plan war simpel: den Haupteingang durchqueren, den Aufzug in den vierten Stock nehmen und mich in meinem kleinen, abgetrennten Arbeitsbereich in der Ecke des Großraumbüros verschanzen. Wenn ich nur schnell genug wäre, würde niemand bemerken, dass ich da war. Doch als ich den Empfangsbereich betrat, erstarb meine Hoffnung augenblicklich. Mein Herz machte einen schmerzhaften Satz gegen meine Rippen. Dort, bei den Kaffeemaschinen, standen sie: Lauren, Vanessa und Chloe. Die Unheilige Dreifaltigkeit des Studios. Sie hielten ihre Tassen wie Waffen in der Hand, und als ihre Augen auf mich fielen, wusste ich, dass der Tag offiziell als verloren gelten konnte. Vanessa stieß die anderen an, ihre Augen blitzten vor dieser grausamen Art von Vergnügen, die sie nur mir gegenüber zeigten.
„Na, wer kommt denn da?“, rief sie durch den Raum, ihre Stimme ein zuckriger, aber giftiger Singsang. Ich versuchte, mein Tempo zu verlangsamen, als ob ich sie nicht gehört hätte, doch sie bewegten sich wie ein Raubtierrudel auf mich zu. Sie stellten sich in einem Halbkreis vor mir auf und blockierten den Weg zum Flur.
„Das kleine Mauerblümchen ist wieder da“, spottete Lauren und musterte mich von oben bis unten mit einer Verachtung, die so echt war, dass sie fast schon bewundernswert wirkte. Sie trat einen Schritt näher, bis ich ihren beißenden Parfümgeruch wahrnehmen konnte. „Hast du den Kleiderschrank deiner Großmutter geplündert oder kam das aus der Altkleidersammlung für Bedürftige?“ Chloe kicherte hysterisch und griff mit einem angewiderten Gesichtsausdruck in den Stoff meiner Bluse. Sie zerrte daran, als wolle sie sich die Finger verbrennen.
„Sie war wohl wieder in einem Altkleidergeschäft. Igitt, Poppy, das Material fühlt sich ja an wie Kartoffelsack. Man sieht dir die Armut förmlich an.“
„Lass das bitte“, sagte ich geduckt, meine Stimme kaum mehr als ein zittriges Flüstern. Ich sah zu Boden, starrte auf die sauberen Fliesen, in denen sich das grelle Deckenlicht spiegelte. Ich wollte nur, dass sie aufhörten. Ich wollte einfach nur an meinen Schreibtisch, hinter meine Monitore, in meine Sicherheit. Aber das Spiel hatte gerade erst begonnen.
„Sie kann sogar sprechen!“, lachte Vanessa und legte den Kopf schief, als würde sie ein interessantes, aber degeneriertes Haustier beobachten. Sie trat so nah an mich heran, dass ihre Knie meine berührten.
„Sag mal, Poppy, hast du dir den Blazer eigentlich selbst zusammengenäht? Man sieht doch genau, wie billig du bist. Keine Ahnung, wie du es überhaupt geschafft hast, in diesem Büro zu überleben. Vielleicht leckst du ja die richtigen Stiefel, was? Oder bist du zu hässlich, um dich hochzuschlafen?“ Lauren schnaubte verächtlich.
„Sie? Hochschlafen? Wer sollte sich denn so eine graue Maus antun? Die braucht doch wahrscheinlich eine Bedienungsanleitung, um überhaupt aus der Hose zu kommen. Wahrscheinlich ist sie so langweilig im Bett, dass selbst der Typ, der die Toiletten reinigt, schreiend weglaufen würde.“
„Sie ist eine statistische Nullnummer“, fügte Chloe hinzu, während sie mir demonstrativ einen Kaffeefleck auf den Ärmel meiner Bluse „wischen“ wollte, den sie zuvor mit Absicht von ihrer Tasse abgetupft hatte.
„Ein menschlicher Fehler im System. Jeder hier im Studio weiß, dass du nur noch da bist, weil man Mitleid mit dir hat. Niemand braucht deine Entwürfe, Poppy. Deine Statik-Berechnungen sind so fehlerhaft wie dein ganzes erbärmliches Leben.“ Sie lachten alle drei, ein hartes, schrilles Geräusch, das wie Nadelstiche in meinen Ohren schmerzte. Ich spürte, wie mir die Hitze in den Nacken stieg, wie die Tränen der Demütigung hinter meinen Lidern brannten. Ich wollte weglaufen, doch meine Beine fühlten sich an wie Blei. Ich war gefangen in ihrem Netz aus Worten, die mich jedes Mal ein Stück kleiner machten, bis ich mich fühlte, als würde ich gleich ganz in den Boden sinken. Und das Schlimmste war: Sie hatten noch lange nicht genug. Die Worte brannten in meinem Hals wie geschlucktes Glas, doch irgendwo tief in meinem Inneren – an einem Ort, den ich selbst kaum noch kannte – regte sich etwas. Es war kein Zorn, dazu war ich zu erschöpft, aber es war ein plötzlicher, messerscharfer Funke von Gerechtigkeit. Sie konnten meinen Stil kritisieren, sie konnten mich als hässlich bezeichnen, aber sie durften meine Arbeit nicht entwerten. Nicht, nachdem ich nächtelang an diesen Vektoren gefeilt hatte, um die strukturelle Integrität des Plano-Projekts zu retten. Ich straffte die Schultern, so gut ich konnte, und zwang mich, den Blick kurz von den Fliesen zu heben. Mein Herz hämmerte so laut gegen meine Rippen, dass ich fürchtete, sie könnten es hören.
„Das stimmt nicht“, sagte ich. Meine Stimme zitterte anfangs, festigte sich dann aber mit einer unerwarteten Härte.
„Meine Berechnungen sind nicht fehlerhaft. Sie sind präzise. Die Statik für Plano basiert auf meinen Zahlen, und sie werden für das gesamte Projekt genutzt – von allen hier im Team.“ Einen Moment lang herrschte Stille. Der Lärm im Büro schien sich um uns herum zu verlangsamen. Chloe ließ ihre Hand sinken, die sie eben noch an meinem Ärmel gehabt hatte. Vanessa blinzelte zweimal, als hätte sie gerade nicht gehört, was Poppy Arden, das Mauerblümchen, gewagt hatte zu sagen. Dann brach das Lachen los. Es war kein belustigtes Lachen mehr, es war das hämische, aggressive Gebrüll von Frauen, die sich in ihrem Stolz verletzt fühlten.
„Oh mein Gott, habt ihr das gehört?“, kreischte Lauren und warf die Arme in die Luft.
„Das kleine Nichts hat eine Meinung! Sie glaubt tatsächlich, dass ihre Zahlen zählen!“
Vanessa trat einen Schritt auf mich zu, ihre Augen zu schmalen Schlitzen verengt. Sie war jetzt so nah, dass ich die Hitze ihres Zorns spüren konnte.
„Hör mal zu, du kleine Witzfigur. Glaubst du im Ernst, irgendwer hier würde deine Arbeit als seine eigene ausgeben, weil sie gut ist? Wir benutzen deine Daten nur, weil es Zeit spart, den Dreck, den du produzierst, in ein halbwegs brauchbares Programm einzutragen. Wir korrigieren deine Fehler, bevor wir sie abgeben. Du bist nichts weiter als eine Datentipp-Maschine, Poppy. Ohne uns wärst du schon längst in der Arbeitslosigkeit gelandet.“
„Du bildest dir ein, eine Statikerin zu sein?“, spottete Chloe und trat mir so nah, dass ich zurückweichen musste, bis ich gegen die Kante eines Schreibtisches stieß. Sie beugte sich vor, ihre Stimme ein gefährliches Zischen. „Du bist der Fußabtreter dieses Büros. Und wenn du das nächste Mal glaubst, du müsstest hier den Mund aufmachen, um dich zu verteidigen, dann überleg dir gut, ob du deinen Job behalten willst. Du hast hier keine Freunde. Du hast hier niemanden, der dich rettet, wenn wir beschließen, dass es Zeit ist, dich rauszuekeln.“ Lauren lachte hohl und stieß mir mit dem Zeigefinger fest gegen die Brust, genau auf das Sternum, sodass ich nach Luft schnappte.
„Glaub ja nicht, dass du irgendwas zu sagen hast, nur weil du dich einmal getraut hast, das Maul aufzumachen. Du bist Poppy. Du bist die, die niemand sieht, und die, die niemand will. Und wenn du noch einmal denkst, du wärst eine von uns, dann sorgen wir dafür, dass du heute Abend weinend nach Hause gehst – und morgen erst gar nicht wiederkommst.“
Sie rückten enger zusammen, ein Kreis aus purer Feindseligkeit, der mich einzuschnüren schien. Ich spürte, wie meine neu gewonnene Tapferkeit wie Sand in einer Sanduhr durch meine Finger rann. Das Gewicht ihrer Verachtung war erdrückender als alles, was sie gesagt hatten. Ich hatte versucht, mich zu wehren, und das hatte sie nur angestachelt, den Druck noch weiter zu erhöhen. Ich sah mich um, suchte nach einem Verbündeten, einem Blick, einem Eingreifen – aber das Büro war leer. Alle anderen sahen weg. Sie taten so, als wären sie mit ihren Bildschirmen beschäftigt, während ich hier vor aller Augen zerpflückt wurde. Die Situation eskalierte mit einer beängstigenden Selbstverständlichkeit. Vanessa, deren Augen vor bösartiger Genugtuung funkelten, hob ihre Kaffeetasse, als wäre es das natürlichste der Welt.
Ein kurzes, abfälliges „Ups“ entwich ihren Lippen, bevor sie das heiße, dunkelbraune Getränk mit einem gezielten Schwung über meine weiße Bluse entleerte. Der brennende Schmerz auf meiner Haut war nichts gegen die Welle der Demütigung, die mich wie ein eiskalter Schauer überlief. Der Kaffee breitete sich in unschönen, dunklen Flecken über den Stoff aus, sickerte in die Spitze meines BHs und hinterließ einen beißenden Geruch, der sich sofort im Raum festsetzte.
„Siehst du, Poppy?“, lachte Vanessa, während sie die leere Tasse achtlos auf den nächsten Tisch stellte.
„Jetzt passt deine Optik endlich zu deiner Leistung: Ein absoluter Fleck auf der Bilanz.“
Sie drehten sich um, als wäre ich gar nicht mehr da, und schlenderten plaudernd in Richtung ihrer Arbeitsplätze. Ich stand da, zitternd vor Scham und unterdrückter Wut, während die klebrige Flüssigkeit an meinem Oberkörper herablief. Die Blicke der anderen Kollegen im Großraumbüro brannten auf meinem Rücken wie Scheinwerfer – sie sahen weg, sie schwiegen, sie ließen es geschehen. Ohne ein Wort zu sagen, die Hände in die Taschen meines Blazers vergraben, um die Kaffeeflecken zu verbergen, eilte ich in den Waschraum. Ich schloss mich in der letzten Kabine ein, ließ den Riegel vorsichtig einrasten und lehnte mich gegen die kühle Tür. Die aufgestaute Anspannung fand endlich ein Ventil. Tränen, heiß und salzig, schossen mir in die Augen und liefen ungebremst über meine Wangen. Ich presste die Lippen aufeinander, um kein Schluchzen hören zu lassen, und krallte die Finger in den Stoff meiner Hose. Ich war so müde davon, dieses Opfer zu sein. So unendlich müde. Doch während ich dort in der Dunkelheit der Kabine stand und versuchte, die Bluse mit kaltem Wasser und einem Stück Seife zu reinigen, änderte sich etwas in meinem Inneren. Ein Bild schob sich vor mein geistiges Auge: Vanessa, die an ihrer Tabellenkalkulation saß, Lauren, die bei den Entwürfen für das Bürogebäude in der Innenstadt fluchte, und Chloe, die verzweifelt versuchte, die Lastberechnungen für das neue Parkhaus zu verstehen. Ich wusste, wie sie arbeiteten. Ich sah es jeden Tag, wenn ich die Projektordner auf dem Server abrief, um meine eigenen Aufgaben zu prüfen. Ich sah die Formeln, die von meinen Tabellen kopiert und mit ihren Namen versehen worden waren. Nicht nur beim Plano-Projekt. Bei fast allen. Ohne meine Daten, ohne meine präzise Statik würden ihre Entwürfe beim ersten Sturm oder bei der kleinsten Setzung des Bodens wie Kartenhäuser in sich zusammenfallen. Sie hielten mich für ein Mauerblümchen, für eine Datentipp-Maschine. Aber in Wahrheit waren sie von mir abhängig. Ohne mich waren sie nichts weiter als Blender, die auf einem Fundament standen, das ich für sie gegossen hatte. Ich sah in den Spiegel, als ich mir das Gesicht wusch. Die Tränen waren versiegt. Mein Blick war nun anders – kühler, fokussierter. Sie konnten mich mit Kaffee beschütten, sie konnten mich demütigen, aber sie konnten nicht ohne meine Arbeit existieren. Die Erkenntnis, dass ich die Fäden in der Hand hielt, während sie dachten, sie würden mich führen, gab mir eine plötzliche, unerwartete Kraft. Es war, als hätte ich einen verborgenen Hebel entdeckt, mit dem ich ihre ganze Welt aus den Angeln heben konnte.
Ich rückte meine Bluse zurecht. Die Kaffeeflecken waren noch da, ein blasser Schatten meiner Niederlage, doch mein Gang, als ich den Waschraum verließ, war ein anderer. Ich war nicht mehr das Opfer, das in den Schatten kroch. Ich war die Architektin, deren Fundamente ihr gesamtes Prestige trugen. Und zum ersten Mal fragte ich mich nicht mehr, wie ich den Tag überstehen würde. Ich fragte mich, wann der richtige Zeitpunkt wäre, um dieses Kartenhaus einstürzen zu lassen.
[...]
Der Abgrund in Petrol
Das Vanguard war kein gewöhnlicher Club. Das begriff ich, als ich noch ein paar Meter vom Eingang entfernt war. Während die restlichen Gebäude der Straße in der Nacht eher unauffällig wirkten, pulsierte dieser Ort mit einer dunklen, beinahe magnetischen Intensität. Der Luxus, der schon von außen durch den mattschwarzen Stahl und die indirekte, bernsteinfarbene Beleuchtung ausging, wirkte weniger wie Prunk, mehr wie ein Versprechen von Exklusivität, das sich nur die wenigsten leisten konnten. Mein Magen fühlte sich an, als würde er sich bei jedem Schritt, den ich in meinen ungewohnten High Heels machte, weiter zusammenziehen. Das petrolfarbene Kleid schmiegte sich wie eine kühle, gefährliche Umarmung an meinen Körper. Mein Make-up saß perfekt, meine Haare waren in sanfte Locken über die Schulter gelegt, die mir über die Schultern fielen – eine äußere Fassade, die nichts mit der zitternden, verängstigten Poppy zu tun hatte, die sich in diesem Moment am liebsten in einem dunklen Keller versteckt hätte. Dann sah ich sie. Thomas Brooks stand etwas abseits der Warteschlange, flankiert von Lauren, Vanessa und Chloe. Als ich näher kam, hielten sie inne. Das Gespräch verstummte, und ihre Blicke, die eben noch überheblich durch den Club streiften, fixierten sich auf mich. Lauren war die Erste, die ihr Gift verspritzte. Ein hämisches Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus, während sie mich von Kopf bis Fuß abmusterte. „Oh Gott... Poppy, schau dich an“, höhnte sie.
„Du siehst aus wie eine billige Nutte, die sich in den Kleiderschrank einer Aristokratin verirrt hat. Lächerlich.“
„Hast du dir etwa einen Sugar Daddy geangelt?“, spottete Chloe und trat dicht an mich heran, ihre Stimme ein zischendes Flüstern.
„Willst du jetzt wirklich versuchen, in unserer Liga mitzuspielen? Dein Kostüm ist zwar niedlich, aber man sieht dir an jeder Faser an, dass es nicht zu dir gehört.“ Vanessa jedoch verstummte. Ihre Augen weiteten sich, als sie den Stoff meines Kleides fixierte. Sie streckte die Hand aus und zerrte so fest an dem Taft, dass ich nach vorne stolperte.
„Das ist ein Original“, zischte sie, und für einen Moment hörte ich puren Neid in ihrer Stimme. „Ich habe es letzte Woche in der Boutique im Highland Park gesehen. Dieses Teil kostet 19.000 Dollar.“ Die Summe traf mich wie ein physischer Schlag. Mein Magen krampfte sich so heftig zusammen, dass mir fast die Luft wegblieb. Neunzehntausend Dollar? Thomas hatte mir kein Geschenk gemacht – er hatte mich in eine Falle gelockt, deren Preis ich mir nicht einmal in meinen kühnsten Träumen hätte leisten können.
„Schluss jetzt“, unterbrach Thomas’ Stimme, kalt und schneidend wie ein Rasiermesser. Er sah nicht einmal zu mir, sondern wies uns lediglich mit einer knappen Geste an, ihm zu folgen. Wir erreichten den Eingang. Der Türsteher, ein massiver Mann mit einem Blick, der keine Fragen zuließ, nickte Thomas kaum merklich zu. Jeder von uns musste seinen Namen nennen, während der Mann die Liste auf seinem Tablet prüfte und uns dann ohne ein Wort des Willkommens durchließ. Sobald ich die Schwelle überschritt, schlug mir die Dichte des Raumes entgegen. Die Luft war von einer ekelhaften, schwülen Hitze erfüllt, geschwängert vom Duft teuren Alkohols und der Ausdünstung hunderter Körper. Die Musik war so laut, dass sie meine Trommelfelle zum Vibrieren brachte und sich wie ein physischer Druck auf meinen Brustkorb legte. Ich fühlte mich verloren, wie eine Gazelle in einer Arena, in der die Löwen bereits auf den Angriff warteten. Eine junge Frau in einem viel zu knappen Kleid kam mit einem einstudierten, fast beängstigend freundlichen Lächeln auf uns zu und lotste uns tiefer in den Club. Wir wurden in einen abgetrennten VIP-Bereich geführt. Hier war es glücklicherweise etwas ruhiger, gedämpfter, fast so, als wollte man das Chaos draußen bewusst aussperren. Ich versuchte, meine Haltung zu wahren, doch jeder Schritt in diesen Schuhen fühlte sich an wie ein Balanceakt auf einem Seil über einem Abgrund. Ich konzentrierte mich krampfhaft darauf, nicht über meine eigenen Füße zu stolpern, während ich spürte, wie die Blicke meiner Kollegen wie Nadelstiche auf mir brannten. Das war der Anfang vom Ende – ich wusste es in dem Moment, als ich mich in den schweren Sessel sinken ließ.
Der Kellner kam fast augenblicklich. Sein Auftreten war geschmeidig, seine Bewegungen präzise, als würde er sich in einem Raum bewegen, in dem die Zeit einer anderen Gesetzmäßigkeit unterlag. Er wartete geduldig, das Tablet in der Hand, während Thomas bereits den ersten Champagner orderte – einen Jahrgang, dessen Preis vermutlich mein Monatsgehalt überstieg.
„Und für die kleine Dame?“, fragte er mit einem leichten, aber spürbaren Unterton von Arroganz, als er bei mir stehen blieb.
„Nur eine Cola. Mit Eis“, sagte ich leise. Mein Hals fühlte sich trocken an, die stickige Luft im Club machte mir das Atmen schwer. Ein schallendes Lachen von Lauren und Vanessa brach durch das gedämpfte Ambiente des VIP-Bereichs.
„Natürlich“, spottete Vanessa und warf ihren Kopf zurück.
„Wer hätte etwas anderes erwartet? Eine Cola für die kleine Poppy. Willst du uns noch ein bisschen Milch mit Keksen bestellen, damit du pünktlich in dein Bettchen kommst?“
„Sie hat Angst, dass sie den Verstand verliert, wenn sie einen Tropfen Alkohol an ihre Lippen lässt“, ergänzte Chloe mit einem bösen Funkeln in den Augen.
„Sie muss doch ihre kostbaren Daten im Kopf behalten. Stell dir vor, sie würde einen Fehler machen, weil sie einen Rausch hat, dann gäbe es im Büro ja gar nichts mehr, über das wir lachen könnten.“ Sie bestellten ihre Shots. Runde um Runde, ein Destillat aus Schärfe und Exzess, das sie mit einer Selbstverständlichkeit hinunterstürzten, als wäre es bloß Wasser. Ich saß da, die kühle Cola-Dose in meinen Händen, und versuchte, mich so klein wie möglich zu machen. Jedes Mal, wenn sie anstießen, wurde ich mit ihrem Spott belegt, als wäre meine Nüchternheit ein persönlicher Angriff auf ihren Lebensstil. Sie machten Witze über meine Herkunft, über meine Kleidung, über die Art, wie ich saß – ein unaufhörlicher Strom aus Demütigungen, der mich wie eine Flutwelle traf. Ich hielt es nicht mehr aus. Das Pochen in meinen Schläfen wurde zu einem wahren Trommelfeuer. „Ich muss kurz... kurz an die Bar“, stammelte ich, ohne auf eine Antwort zu warten. Ich brauchte Sauerstoff, brauchte einen Ort, an dem nicht alles nach Alkohol und Bosheit roch. Ich wankte, eher als dass ich ging, aus dem VIP-Bereich heraus in Richtung des Haupttresens. Der Bass hämmerte nun in meinem ganzen Körper, ein rhythmisches Beben, das mich fast taumeln ließ. Als ich den Tresen erreichte, suchte ich Halt an der kühlen Marmorplatte. Ich wollte nur wegschauen, irgendwohin, wo mich niemand kannte. Mein Blick glitt ziellos über die Reihen der leuchtenden Flaschen, bis er an einer Gestalt hängen blieb, die ein Stück weiter entfernt an der Bar lehnte. Es war eine Frau. Sie wirkte so völlig anders als alles, was ich heute Abend gesehen hatte. Sie trug kein aufreizendes Kleid, kein übertriebenes Make-up – sie strahlte eine schneidende, beinahe beängstigende Autorität aus. Sie nippte an einem Glas tiefrotem Wein, die Hand elegant und fest um den Stiel gelegt. Plötzlich, als hätte sie gespürt, dass ich sie beobachtete, wandte sie den Kopf. Ihre Augen trafen meine. Es war kein flüchtiger Blick. Es war ein Fixieren, ein Abtasten, das sich anfühlte, als würde sie direkt durch meine Haut bis auf meine Knochen schauen. Sie sah mich an, als wäre ich die einzige Person in diesem vollen, lärmenden Raum, der für sie von Belang war. Ein Schauer, heißer als die Club-Hitze, lief mir über den Rücken. Da lag ein Ausdruck in ihrem Gesicht – eine dunkle Neugier, kombiniert mit einer Besitzergreifung, die mir den Atem raubte. Ich konnte nicht wegsehen. Ihre Augen waren wie Abgründe, in denen sich die Macht dieses Ortes zu sammeln schien. Ich fühlte mich plötzlich nicht mehr nur wie ein Opfer von Laurens und Vanessas Spielchen – ich fühlte mich wie eine Beute, die gerade erst entdeckt worden war. Wer war sie?
Der intensive Blickkontakt mit der Fremden riss abrupt ab, als eine harte Hand sich grob von hinten in meine Schulter krallte. Ich keuchte auf und taumelte zur Seite.
„Da bist du ja, du kleine Spielverderberin!“, lallte Vanessa, deren Atem stark nach Tequila roch. Ihr Gesicht war gerötet, ihre Augen brannten vor betrunkener Bosheit. Bevor ich auch nur ein Wort der Verteidigung stammeln konnte, tauchten Lauren und Chloe neben ihr auf. Sie hatten den VIP-Bereich verlassen, nur um sicherzugehen, dass ich nicht einmal an der Bar einen Moment des Friedens fand.
„Dachtest wohl, du kannst dich einfach verdrücken, was?“, zischte Chloe. Ohne Vorwarnung griff sie in meine aufwendig frisierten Locken. Sie zog nicht nur daran – sie riss meinen Kopf mit einer solchen Brutalität nach unten, dass mir ein erstickter Schrei entwich. Der Schmerz explodierte an meiner Kopfhaut und meine Knie gaben nach. Ich stürzte hart auf den Boden. Der Aufprall trieb mir die Luft aus den Lungen. Der Tresenbereich ging hier nahtlos in die überfüllte Tanzfläche über, auf der sich Hunderte von Leibern im flackernden Stroboskoplicht aneinander rieben. Der Bass war ohrenbetäubend, ein schluckendes Monster, das jeden Laut erstickte. Niemand achtete auf die Frau im petrolfarbenen Kleid, die wehrlos auf den klebrigen Fliesen lag.
Ich versuchte, mich aufzustützen, presste meine rechte Hand flach auf den Boden, um mich hochzudrücken. Doch in diesem Moment wich ein massiger Mann auf der Tanzfläche einen Schritt zurück. Sein schwerer Schuh trat mit dem vollen Gewicht seines Körpers direkt auf meine Finger. Ein heller, stechender Schmerz schoss meinen Arm hinauf. Ich hörte es knacken und schrie auf, doch mein Schrei ging im Wummern der Bässe völlig unter. Tränen schossen mir in die Augen, während ich instinktiv meine verletzte Hand an die Brust zog. Über mir ertönte ein schrilles, abfälliges Lachen. Lauren beugte sich hinab, ihr Gesicht zu einer hässlichen Fratze verzerrt.
„Schau sie dir an. Genau da gehörst du hin, Poppy. Auf den dreckigen Boden, wo man auf dir herum trampeln kann.“ Ich kauerte mich zusammen, wartete auf den nächsten Tritt, den nächsten Schlag, doch plötzlich veränderte sich die Atmosphäre. Es war, als würde die Temperatur im Raum um den Gefrierpunkt sinken. Das Lachen der drei Frauen erstarb abrupt.
„Ihr macht euch lächerlich.“ Die Stimme war nicht laut, aber sie schnitt durch den ohrenbetäubenden Lärm des Clubs wie eine rasiermesserscharfe Klinge. Ich blinzelte durch meine Tränen nach oben. Die unbekannte Frau von der Bar stand da. Sie hatte ihr Weinglas abgestellt und ragte über Lauren, Vanessa und Chloe auf, wie eine dunkle Göttin des Zorns. Ihre Haltung war von einer derart einschüchternden, absoluten Dominanz, dass die drei Architektinnen augenblicklich in sich zusammensanken.
„Besoffene Hyänen, die sich an Schwächeren vergreifen“, sagte sie eiskalt und ihre Augen verengten sich.
„Verschwindet aus meinem Sichtfeld. Sofort. Bevor ich euch von meiner Security wie räudige Hunde auf die Straße werfen lasse.“ Vanessa öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, doch der vernichtende Blick der Fremden ließ ihre Worte im Keim ersticken. Ohne ein weiteres Geräusch machten die drei auf dem Absatz kehrt und flüchteten beinahe zurück in die Dunkelheit des Clubs. Ich kauerte noch immer auf dem Boden, zitternd, den Schmerz in meiner Hand kaum aushaltend. Die Frau sah auf mich herab. Ihr Gesichtsausdruck war unlesbar. Sie sagte kein einziges Wort, als sie sich bückte, meine gesunde linke Hand griff und mich mit einer Bestimmtheit auf die Beine zog, die keinen Widerspruch duldete. Ihr Griff war eisern, aber nicht grausam. Sie führte mich weg von der Bar, weg von der dröhnenden Tanzfläche. Ich stolperte beinahe hinter ihr her, geblendet von den Lichtern und dem Pochen in meinen Fingern. Wir passierten eine schwere Tür, die von einem Sicherheitsmann bewacht wurde, der sofort respektvoll Platz machte. Dahinter verschluckte ein gedämpfter Korridor den Lärm des Clubs. Wir betraten ein Büro, das durch eine riesige getönte Glasfront den Club überblickte. Es roch nach schwerem Rotwein, teurem Leder und Sandelholz. Noch immer herrschte absolute Stille zwischen uns. Sie drückte mich sanft, aber bestimmt auf ein tiefes Ledersofa. Dann holte sie aus einer Schublade ihres massiven Schreibtisches einen schwarzen Erste-Hilfe-Kasten. Sie kniete sich vor mich hin – eine Geste, die so gar nicht zu ihrer königlichen Aura passte – und nahm meine verletzte rechte Hand in ihre. Ihre kühlen Finger strichen über meine geschwollenen, rot anlaufenden Knöchel. Ich zischte vor Schmerz, als sie die Gelenke abtastete.
„Nichts gebrochen. Nur stark geprellt“, stellte sie sachlich fest. Mit routinierten, fast schon erschreckend präzisen Bewegungen rieb sie eine kühlende Salbe auf meine Haut und legte einen straffen, stützenden Verband um meine Hand. Ich starrte auf ihren gesenkten Kopf, auf die makellose Linie ihres Kiefers. Mein Herz hämmerte so laut, dass ich fürchtete, sie könnte es hören. Als sie fertig war, ließ sie meine Hand nicht sofort los. Ihr Daumen strich leicht über die Kante des Verbandes, bevor sie den Blick hob und mir direkt in die Augen sah. Der Abgrund in ihrem Blick war jetzt noch tiefer.
„Arina Kovacs“, sagte sie schließlich. Ihre Stimme war dunkel und seidig.
„Mir gehört dieser Club.“
Ich schluckte schwer. „Ich... ich bin Poppy...“
„Ich weiß, wer du bist, Poppy Arden.“ Arina erhob sich langsam, ihre Augen ließen mich keine Sekunde los. Sie trat einen halben Schritt zurück, verschränkte die Arme und betrachtete mich wie ein ruiniertes Kunstwerk, das sie zu restaurieren gedachte.
„Du bist klug. Du trägst ein Kleid an deinem Körper, das mehr wert ist als das Leben dieser drei erbärmlichen Schlampen zusammen. And doch liegst du auf dem dreckigen Boden meines Clubs und weinst, während man auf dir herumtritt.“ Sie neigte den Kopf leicht zur Seite, ein gefährliches Glimmen in den Augen.
„Warum lässt du dich so behandeln? Du machst dich zu ihrem Abfall. Das steht dir nicht, Poppy. Wer sich wie ein Opfer verhält, zieht die Raubtiere an. Und ich kann dir versichern... in dieser Stadt gibt es weitaus schlimmere Monster als diese drei.“ Arinas Worte hallten in der Stille des Büros nach, ein schweres, resonantes Echo, das meine ganze Welt aus den Angeln hob. Sie ging einen Schritt auf mich zu, ihre Bewegungen waren fließend, raubtierhaft und dabei von einer Eleganz, die mich den Schmerz in meiner Hand für einen Moment vergessen ließ. Als sie vor mir stehen blieb, war der Abstand zwischen uns kaum noch existent. Ich konnte den leichten Duft ihres Parfüms wahrnehmen – etwas Dunkles, Holziges, das nach Macht und Geheimnissen roch. Ihre Hand erhob sich und ihre Finger griffen sanft, aber mit einer Bestimmtheit, die keinen Widerspruch duldete, unter mein Kinn. Sie hob mein Gesicht an, zwang mich, den Blick nicht abzuwenden, mich nicht hinter meinen Haaren oder meiner Scham zu verstecken.
„Sieh mich an“, sagte sie, und ihre Stimme war nun leiser, eine dunkle Aufforderung.
„Hör auf, dich in deinem eigenen Leben zu verstecken, Poppy. Das ist kein Dasein, das ist eine Kapitulation.“ Die Luft um mich herum schien plötzlich dünner zu werden. Ich fixierte ihren Blick, gefangen in ihrer Augen, die wie ein unendlich tiefer, dunkler Ozean wirkten. Da war diese gefährliche, dominante Ausstrahlung, eine Kälte, die mich hätte abschrecken müssen, und doch... es war genau diese unbändige Autorität, die mich auf eine verstörende Weise faszinierte. Ich spürte ein Ziehen in meiner Magengrube, eine Mischung aus Angst und einer Neugier, die ich mir selbst nicht erklären konnte. In ihren Augen sah ich das Gegenteil von dem, was ich den ganzen Tag über erlebt hatte. Sie wirkte nicht wie jemand, der sich einfügte. Sie wirkte wie jemand, der die Welt nach seinen eigenen Regeln formte. Arina ließ mich los. Der plötzliche Verlust ihrer Berührung hinterließ eine seltsame Leere, als wäre ein Anker gelöst worden.
„Bleib hier, solange du willst“, sagte sie und warf einen letzten, beiläufigen Blick auf meine verletzte Hand.
„Hier drin bist du sicher. Vor allem vor dem, was da draußen vor sich geht.“ Ohne auf eine Antwort meinerseits zu warten, wandte sie sich ab und verließ das Büro. Das Klicken ihrer Absätze auf dem Boden hallte noch einen Moment nach, bevor die Tür lautlos hinter ihr ins Schloss fiel. Ich war allein. Mein Atem ging noch immer flach und unregelmäßig. Fast automatisch, wie von einer unsichtbaren Macht gelenkt, trat ich an die große Glasfront, die den Blick auf den brodelnden Club freigab. Von hier oben wirkte die Tanzfläche wie ein Ameisenhaufen aus Schweiß und Licht. Ich suchte die Menge ab, bis ich sie fand – Arina.
Sie stand unten, nahe am Eingang, und sprach mit einem Mann, den ich als ihren Sicherheitschef erkannte. Ihre Körpersprache war ruhig, fast unterkühlt. Dann sah ich es: Sie machte eine kurze, präzise Geste in Richtung des VIP-Bereichs. Nur wenige Sekunden später sah ich, wie Lauren, Vanessa und Chloe von zwei Sicherheitsmännern regelrecht aus ihren Sesseln gezerrt wurden. Ihre Gesichter waren bleich, ihre Bewegungen hilflos, als sie grob durch die Menge in Richtung Ausgang geschleift wurden. Sie leisteten keinen Widerstand, als sie mit einer solchen Härte vor die Tür befördert wurden, dass Vanessa unsanft auf dem Pflaster landete. Ich presste meine Hand gegen das kühle Glas der Scheibe. Das Spiel war aus. Die Mädels, die mich den ganzen Tag wie eine Marionette gejagt hatten, waren gerade wie Müll vor die Tür meines Schicksals geworfen worden. And das alles, weil Arina Kovacs ein einziges Wort gesagt hatte. Ich starrte nach unten, fasziniert und gleichermaßen erschüttert. Ich hatte mein Leben lang geglaubt, man müsse unsichtbar sein, um zu überleben. Doch Arina hatte mir gerade gezeigt, dass die, die am lautesten waren, am schnellsten fielen – und dass die wahre Macht nicht in der Lautstärke lag, sondern im Schatten derjenigen, die die Fäden zogen.
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- Tabea Spremberg (Auteur), 2026, Crimson Devotion - Wenn Hingabe beginnt, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1722612