Safawidische Prinzessinnen und Herrscherfrauen im Iran des 16. Jahrhunderts


Hausarbeit (Hauptseminar), 2001
22 Seiten, Note: sehr gut

Leseprobe

Inhalt

1. EINLEITUNG
1.1. Geschichtsschreibung - das Problem des „Sichtbar Werdens"
1.2. Quellenproblematik für das 16. Jahrhundert

2. GRUNDLAGEN FÜR DIE MACHT VON SAFAWIDISCHEN FRAUEN DER HERRSCHENDEN KLASSE
2.1. Frauen in Stammesgesellschaften
2.2. Ursprünge der Safawiden
2.3. Die Heirat als politischer Schachzug

3. SAFAWIDISCHE PRINZESSINNEN UND HERRSCHERFRAUEN
3.1. (Aus-)Bildung der Prinzessinnen
3.2. Schriftverkehr - Prinzessinnen als Diplomatinnen
3.3. Militärische Fähigkeiten der Prinzessinnen
3.4. Frauen als politische Machthaberinnen
3.4.1. Möglichkeiten und Beschränkungen
3.4.2. Einflussreiche safawidische Prinzessinnen und Herrscherfrauen
3.4.3. Einflussreiche Frauen in den Provinzen

4. KURZER AUSBLICK AUF DAS 17. JAHRHUNDERT

5. ZUSAMMENFASSUNG

6. LITERATUR

1. Einleitung

1.1. Geschichtsschreibung - das Problem des „Sichtbar Werdens"

Lange wurde die Geschichte des Mittelalters in sehr einseitiger Weise geschrieben und interpretiert. Es entstand ein Bild von Herrschern, Kriegsführern, Königen und geistige Führern, welche die Geburtsstunden oder den Untergang von Dynastien und Imperien einleiteten. Frauen scheinen in der Geschichte - jedenfalls politisch - eine weniger bedeutende Rolle gespielt zu haben. Doch die Erkenntnis, dass Geschichte und Geschichtsschreibung nicht zwangsläufig dasselbe sind, und dass die Sicht der mittelalterlichen Vergangenheit bislang ein sehr einseitig skizziertes Bild war, hat sich in den letzten Jahrzehnten immer weiter durchgesetzt.

Auch in der Islamwissenschaft wurde lange das Bild der mittelalterlichen muslimischen Frau, die, als Besitz zuerst ihres Vaters und ihrer Brüder, dann ihres Mannes, keinerlei Rechte hat und zurückgezogen von der Öffentlichkeit dahinlebt, akzeptiert. Das stellt z.B. R. G. Hambly fest, und schreibt in dem Leitartikel zu dem von ihm 1998 herausgegebenen Buch Women in the Medieval Islamic World:1

Most general overviews of Islamic history, and perhaps especially those to which students are first introduced, have little or nothing to say about the lives of women. (...) Historians have made passing references to the status of women in Islamic society, law, and beliefs, but they have usually contented themselves with emphasizing the practice of hijäb,or veiling, polygamy, concubinage, and the harem.2

Der Artikel von Hambly trägt den aufschlussreichen Titel Becoming visible: Medieval Islamic Women in Historiography and History. Dieser Titel ist das Programm und die Absicht des gesamten Werkes und zugleich auch das Problem, dem sich Historiker gegenübergestellt sehen: das „sichtbar machen" von Frauen in einer Geschichtsschreibung, die oftmals Frauen nicht überschwenglich erwähnt.

Kein geringeres Ziel hat sich die Geschichtsforscherin Maria Szuppe gesteckt, die ebenfalls mit einem Beitrag in dem Werk von Hambly vertreten ist. Mit hervorragender Quellenkenntnis und einschlägigem Fachwissen wendet sie sich der früh-iranischen Dynastie der Safawiden zu. Durch ein detailliertes Studium zeitgenössischer Quellen zeigt sie, wie safawidische Prinzessinnen, Edeldamen und Herrscherfrauen einen entscheidenden Einfluss auf die Geschicke des Staates gehabt haben. So schreibt sie selbst:

The conventional treatment of history by Muslim historiographers avoids bringing women into limelight. It cannot, however, eliminate them altogether, and, when the rather fragmentary information is put together, Safavid women often do emerge with unexpected force.3

Diese Hausarbeit befasst sich mit den von Maria Szuppe veröffentlichen Artikeln zu ihren Studien über den Einfluss und die Macht von safawidischen Frauen aus der herrschenden Elite des 16. Jahrhunderts. Eine sehr umfangreiche Arbeit wurde in der Zeitschrift Studia Iranica in zwei Teilen veröffentlicht.4 Eine weiter Arbeit, welche die Ergebnisse aus Studia Iranica weiterführt und ergänzt, aber auch in Frage stellt, wie wir sehen werden, findet man in dem bereits erwähnten Werk von Hambly.5 Bevor wir uns den Arbeiten von Szuppe ausführlich widmen, soll auf die Wurzeln der Safawiden die Grundlagen für den Einfluss und die Macht, die safawidische Frauen der herrschenden Klasse im 16. Jahrhundert erlangen konnten, eingegangen werden. Ferner soll an dieser Stelle die Problematik der zeitgenössischen Quellen umrissen werden, die für die Erforschung des 16. Jahrhundert bedeutsam sind.

1.2. Quellenproblematik für das 16. Jahrhundert

Wie bereits erwähnt, ist es das Ziel von Maria Szuppe, anhand zeitgenössischer Quellen, mehr über die Aktivitäten von safawidischen Frauen der herrschenden Klasse in Erfahrung zu bringen.

Es kommen dabei hauptsächlich zwei Quellenarten in Frage. Zum einen zeitgenössische persische Chroniken, wie etwa Hofchroniken, oder auch Biographiesammlungen oder Urkunden, die aus dieser Zeit erhalten sind.6 Die persischen Quellen schenken leider Frauen keine umfassende Beachtung. Dennoch ergibt sich nach einem detaillierten Studium, so beweist es Szuppe, ein recht umfangreiches Bild von Frauen aus der gehobenen Klasse:

(These sources) supply information principally on women from the royal and political elite circles and on their activities in various fields of public life .. ..7

Damit steht aber auch fest, dass die zeitgenössischen persischen Quellen wenig oder gar nichts über Frauen aus anderen sozialen Klassen beinhalten.

Zum anderen sind uns zeitgenössische Quellen von Reisenden aus Europa überliefert. Diese Reiseberichte sind in dem Maße problematisch, die reale Situation von Frauen zu erfassen, als sie eine reine Außenansicht des Geschehens wiedergeben. Dies konnte bei den ausländischen Beobachtern zu grotesken Bildern des Orients führen, wie Hambly zu bedenken gibt:

It was hardly surprising that European travelers of all periods, debarred from the sight of high-class women, who were secluded in their homes and veiled on the streets, should have adopted sexual fantasies .. ..8

Dennoch sind diese Reiseberichte wichtige Fragmente, um die persischen Quellen ergänzen zu können. Leider existieren für das frühe 16. Jahrhundert nur vereinzelte Berichte europäischer Iranreisender.9 Erst im späten 16. Jahrhundert und 17. Jahrhundert nimmt die Zahl zu.

2. Grundlagen für die Macht von safawidischen Frauen der herrschenden Klasse

2.1. Frauen in Stammesgesellschaften

Es wird gemeinhin angenommen, dass der Status von Frauen durch die gesamte islamische Geschichte von ihrer Herkunft abhängig ist. Unterschieden werden dabei die städtische Gesellschaft, die ländliche Gesellschaft und die nomadische oder Stammesgesellschaft.10 Man weiß, dass Frauen in Stammesgesellschaften eine besondere Rolle spielten. Der Grund dafür wird weitgehend in der wichtigen Bedeutung der Blutsverwandtschaft gesehen.

In tribal society, great weight was given to the bond of blood relationship, and the women's role in establishing this was of great, perhaps paramount, importance. Marriage alliances consolidated tribal federations and marked the entry of new tribes into existing federations. The exchange of women was also a method of terminating blood feuds. The nature of tribal society was such that women enjoyed a status and function which was, on the whole denied to them in settled society. Tribeswomen did not normally veil. They played an active part in the daily life of the tribe and often in the management of tribal affairs.11

Es ist einleuchtend, dass der Status der Frau in einer solchen Gesellschaftsform enorm hoch ist. Durch die Bedeutung, die der Blutsverwandtschaft zugemessen wird, wird die mütterliche Herkunft zudem gleichbedeutend mit der väterlichen.12 Es ist anzunehmen, dass Dynastien und Herrscherhäuser ihren Stammestraditionen treu blieben, selbst nachdem sie formal sesshaft wurden. Das zunächst hilfreiche Unterscheidungsschema zwischen den drei Gesellschaftsformen kann somit nur der Orientierung dienen, denn die Grenzen sind in der Praxis nicht immer eindeutig zu ziehen. So können selbst in einer urbanen Gesellschaft durchaus Stammestraditionen weiterleben.13

Im Iran entstanden seit dem 11. Jahrhundert Dynastien, deren Ursprünge in türkischen oder turkmenisch-mongolischen Stammesgesellschaften lagen. Frauen der Herrscherelite übten, sowohl bei den Seldjuken, den mongolischen Ilhänen, den Timuriden als auch unter den turkmenischen Dynastien der Qarä Quyünlü und Äq Quyünlü, politischen Einfluss auf das Staatsgeschehen aus.14

2.2. Ursprünge der Safawiden

Den überwiegend turkstämmigen Anhängern des in Ardabll ansässigen einflussreichen Sufi-Ordens, der Safawlya, gelang es Anfang des 16. Jahrhunderts eine Dynastie zu errichten, deren Herrscher über 200 Jahre an der Macht bleiben sollten.

Dies konnte nur gelingen, indem sich die Anführer der Safawiya - deren Anhänger zunehmend zu Soldaten ausgebildet wurden15 - mit verschiedenen Turkstämmen verbündeten. Stammten also der Begründer der Safawlya, Scheich Safi ad-Din Ishäq, und seine Nachfolger aus einer in Ardabil ansässigen Familie, so waren die Ordensanhänger türkischer Herkunft. Diese Soldaten wurden - ihrer roten Kopfbedeckung wegen - Qizilbäs genannt, und sind für das 16. Jahrhundert im Iran von besonderer Bedeutung.16 Die Rekrutierung verschiedener Stämme führte dazu, dass der safawidische Staat nicht nur durch Turkmenen mitbegründet wurde, sondern dass auch during the first century of its existence the majority of its ruling class and, up to the time ofcAbbäs I, virtually all the officers and men in the army were in fact Türkmens.17

Während Ismäcil I seine Eroberungen im Iran und iranischen Grenzgebieten vollzog, vereinigte er viele Stämme, indem er deren Anführer wichtige Posten in seiner Armee anbot. Später entstanden zudem Posten als Herrscher über die zahlreichen Provinzen. Zivile und religiöse Würdenträger wurden dagegen nicht von ihnen gestellt, sondern stammten traditionell aus der iranischen Bevölkerung.18 Bedeutende Stämme, die bei der Staatsbegründung eine Rolle spielten und auch weiterhin im 16. Jahrhundert ihre Teilhabe an der Macht einforderten, waren u.a. die Ustäglü, die Sämlü, die Rümlü, die Takkalü, die Dulgadir.19

Es ist verständlich, dass die verschiedenen Stämme wenigstens formal der zentralen Macht des safawidischen Königshauses eingegliedert werden mussten.

2.3. Die Heirat als politischer Schachzug

Um die safawidische Dynastie zu sichern, mussten die genannten Stämme derart eingebunden werden, dass sie nicht zu einer Gefährdung des Staates beitragen konnten. Gerade weil sich der safawidische Staat von zwei Seiten - den Uzbeken im Osten und den Osmanen im Westen - bedroht sah, mussten die Provinzen eine starke Bindung zum Herrscherhaus in der Hauptstadt haben. Dies wurde erreicht, indem Heiraten von safawidischen Prinzessinnen und turkmenischen Emiren einerseits, und Heiraten von Frauen aus den von den Emiren verwalteten Provinzen mit dem safawidischen Königshaus andererseits, arrangiert wurden.

[...]


1 Hambly, Gavin R.G.: Becoming visible: Medieval Islamic women in historiography and history, in: ders. (Hrsg.): Women in the Medieval Islamic World. Power, Patronage and Piety, New York: St. Martin's Press 1998, S. 3-27

2 Hambly, S. 3

3 Szuppe, Maria: The 'jewels ofwonder'. Learned ladies andprincesspoliticians in theprovinces ofearly Safavid Iran, in: Hambly, Gavin R.G.: Women in the Medieval Islamic world. Power, Patronage and Piety, New York: St. Martin's Press 1998, S. 325-347, S. 325 (= Jewels of wonder)

4 Szuppe, Maria: La participation des femmes de la famille royale a l'exercice dupouvoir en Iran Safavide auXVF siecle (premiereparie), in: Studia Iranica. 23 ii. 1994. S. 211-258

(= Studia Iranica I)

Szuppe, Maria: La participation des femmes de la famille royale a l'exercice du pouvoir en Iran Safavide au XXVI siecle (secondepartie) in: Studia Iranica. 24 i. 1995. S. 61-122 (= Studia Iranica II)

5 siehe N. 3

6 Vgl. Jewels of wonder, S. 325

7 Jewels of wonder, S. 325

8 Hambly, S. 4

9 Unter ihnen der Engländer Thomas Herbert, englischer Botschafter, der Franzose Jean Baptiste Tavernier, der Deutsche Adam Olearius und die beiden Italiener Pietro della Valle und Michele Membre. Letztere drei sind für die Arbeiten von Maria Szuppe von Bedeutung. Vgl. Ferrier, Ronald W.: Women in Safavid Iran The evidence of European travelers, in: Hambly, Gavin R.G. (Hrsg.): s.o., und Jewels of wonder, S. 337 N. 2

10 Vgl. zu dieser Einteilung EI2: al-mar 'a (Lambton, A.K.S.), S. 481- 485, S. 481

11 EI2: al-mar'a, S. 481

12 Daraufweist auch Szuppe hin: Studia Iranica I, S. 213f

13 Vgl. Roux, Jean-Paul: Une survivance des traditions turco-mongoles chezles Sefevides, in: Revue de l'histoire des religions. 183/1. 1973. S. 11-18. Er weist ein Totenverbrennungs-Ritual, das von den frühen Safawiden unter Schah Ismäcil I angewendet wird, als typischen Brauch in der turkmenischmongolischen Stammesgesellschaft nach.

14 Vgl. EI2: al-mar'a, S. 482-483

15 Vgl. Roemer, H. R.: The SafavidPeriod, in: The Cambridge History of Iran, Bd. 6, S. 189-350, S. 202ff

16 Vgl. Studia Iranica I, S. 211

17 Roemer, S. 205

18 Vgl. Roemer, S. 213

19 Vgl. Roemer, S. 215. Dort werden außerdem noch genannt: die Turkemän, die Afsär und die Qägär.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Safawidische Prinzessinnen und Herrscherfrauen im Iran des 16. Jahrhunderts
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Orientalisches Seminar)
Veranstaltung
Hauptseminar (Persisch) - Mann und Frau in muslimischen Gesellschaften
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2001
Seiten
22
Katalognummer
V172333
ISBN (eBook)
9783640922574
ISBN (Buch)
9783640922833
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
safawidische, prinzessinnen, herrscherfrauen, iran, jahrhunderts
Arbeit zitieren
MA Melanie Berg (Autor), 2001, Safawidische Prinzessinnen und Herrscherfrauen im Iran des 16. Jahrhunderts , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/172333

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