Dekonstruktion von Heteronormativität

Verqueerte Gesellschaftsverhältnisse in Ulrike Draesners Roman "Mitgift"


Hausarbeit, 2011

17 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Gliederung

Einleitung

1 Narrative Analyse des Romans Mitgift

2 Heteronormativität und Intersexualität im queer en Kontext
2.1 Heteronormativität im queer -feministischen Diskurs
2.2 Intersexualität und queer theory: Ein integrativer Bestandteil?

3 Darstellung des vorherrschenden heteronormativen Geschlechtersystems
3.1 Vernichtung von Intersexualität als Normabweichung
3.2 Tabuisierung von Intersexualität als Symbol für gesellschaftliche Heteronormativität

4 Dekonstruktion von Heteronormativität durch Darstellung ver queer ter Verhältnisse

Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Intersexualität rückt nach jahrelanger Unsichtbarkeit zunehmend ins Licht der Öffentlichkeit. Wie Ulrike Draesners Roman Mitgift zeigt, wird das Leben als Intersexuelle(r) auch in der Gegenwartsliteratur auf-gegriffen. Im Gegensatz zu anderen literarischen Werken wie Jeffrey Eugenides Middlesex beispielsweise erfolgt die Darstellung von Intersexualität in Mitgift nicht aus der Perspektive eines Betroffenen, sondern auf der Ebene der Fremdwahrnehmung durch die Schwester und Eltern einer Intersexuellen. Ulrike Draesners Roman zeigt am Beispiel der Familie Böhm, wie unsere heteronormative Gesellschaft Interse-xualität ausgrenzt, obwohl es in Mitgift nach Michael Braun nicht vorrangig um die tabuisierte heterose-xuelle Normabweichung, sondern „ um den Umgang mit einem zu extremer Medialität gesteigerten Men- schen im biotechnischen Zeitalter1 geht.

Im Sinne eines queer reading ist die Aufdeckung der, im Roman dargestellten, Dominanz des heteronormativen Geschlechtersystems und das Aufspüren von Identitäten, die der Heteronormativität entgegenwirken, Gegenstand der vorliegenden Seminararbeit. Hauptaugenmerk der Analyse liegt dabei in der Untersuchung, inwieweit der Roman ver queer te Gesellschaftsverhältnisse darstellt.

Bezüglich der Gliederung beginnt diese Seminararbeit mit einer narrativen Analyse des Romans Mit gift. Im Anschluss daran erfolgt die Einordnung von Heteronormativität und Intersexualität im queer feministischen Kontext.

Während sich der dritte Abschnitt mit der Darstellung des vorherrschenden heteronormativen Geschlechtersystems beschäftigt, zielt der letzte Teil der Arbeit auf das Aufdecken der Dekonstruktion und Entnaturalisierung von Heteronormativität innerhalb des Romans. Dabei stehen die eingangs benannten ver queer ten Gesellschaftsverhältnisse im Mittelpunkt.

1 Narrative Analyse des Romans Mitgift

Ulrike Draesners2 zweiter Roman Mitgift, der im Jahr 2002 erschien, thematisiert die Normalisierung und gleichzeitige Vernichtung des Andersseins in unserer heutigen Gesellschaft. Die Erzählung des Romans erfolgt vorwiegend aus der Perspektive der Protagonistin Aloe Böhm, die in einem jahrelangen Prozess der emotionalen und intellektuellen Auseinandersetzung mit sich selbst und ihrer sozialen Umgebung zu der Erkenntnis gelangt, dass ihr gesamtes Leben von ihrer jüngeren Schwester Anita, einer Hermaphrodi-tin, beeinflusst wurde. Während Anita, die durch zahlreiche Operationen und eine Hormontherapie zu ei-ner eindeutigen und scheinbar perfekten Frau gemacht wurde, immer Familienmittelpunkt war, stand Aloe stets im Schatten ihrer wunderschönen und erfolgreichen Schwester und verfiel aufgrund dessen seelischen und körperlichen Krisen wie Magersucht, eine Fehlgeburt und der Trennung von ihren Freund Lukas. Anita erscheint während des gesamten Romans als selbstbewusste Frau, die mit ihrem Sohn Stefan und ihrem Ehemann Walter eine glückliche Familie bildet. Ihre wahren Empfindungen werden dagegen erst am Ende des Romans sichtbar, als sie sich dazu entschließt, ihre Intersexualität zurückzuerobern. Zu einer Rückkehr in ihren natürlichen Körper kommt es allerdings nicht, da Walter mit dieser Entscheidung nicht zurechtkommt und sich und Anita letztlich umbringt.

Die Handlung, die sich in die fünf Kapitel Fliegen, Essen, Zündeln, Zögern und Lieben gliedert, be-ginnt mit der Darstellung der dreißigjährigen Hauptfigur Aloe, die als Fotografin arbeitet. Zusammen mit ihrem Sohn Stefan feiert sie dessen siebten Geburtstag. In welcher Beziehung die beiden stehen, wird durch den auktorialen Erzähler nicht geklärt, allerdings wird darauf hingedeutet, dass Stefan nicht Aloes leibliches Kind ist „ Meist sagt er „ Aloe “ zu ihr, und es wird Zeit, ihm die Geschichte zu erzählen.“3

Die chronologische Reihenfolge der Handlung entspricht in diesem Roman nicht dem sprachlichen Ablauf. Durch zahlreiche Einschübe und Rückblenden werden zwei Handlungsstränge dargestellt: zum einen die Beziehung Aloes zu ihrer Familie und ihrer gegensätzlichen Schwester Aloe, zum anderen die Liebesgeschichte zwischen Aloe und ihrem Exfreund Lukas.

Der Roman endet damit, dass Aloe und Stefan am Flughafen auf Lukas warten, der nach einem achtjährigen Auslandsaufenthalt nach Deutschland zurückkehrt. Das offene Ende lässt für den Leser Raum zur Spekulation über ein mögliches Happy End zwischen Aloe und Lukas.

Der von der Autorin gewählte Titel Mitgift bezieht sich auf das antagonistische Verhältnis von Aloe und Anita, deren intersexuelle Vergangenheit von der eigenen Familie stets verheimlicht und tabuisiert wurde, und lässt sich auf eine Diskussion über Erbe und Mitgift zwischen Aloe, ihrem Freund Lukas und ihrer Freundin Patrizia zurückführen. Patrizia sagt zu Aloe und Lukas „ Wir sind doch alle Erben! Total, umfassend, ausweglos. Das ist unsere Mitgift.“4 Daraufhin wiederholt Lukas das Wort Mitgift und meint, dies sei, in Anlehnung an das englische Wort gift, etwas Positives. Aloe ergänzt anschließend etwas zy-nisch: „… und ein bisschen Gift.“5 Diese Szene macht deutlich, dass Aloe mit diesem Familiengeheimnis nur sehr schlecht umgehen kann und das Verhältnis zur eigenen Schwester nicht unbedingt das Beste ist. Lukas’ Reaktion zeigt, dass auch er noch nichts von der Intersexualität Anitas weiß; Aloe berichtet ihm erst viel später davon.

Der gesamte Roman spielt auf zwei verschiedenen Zeitebenen. Jedes Kapitel beginnt mit der Erzäh-lung im Präsens. Dabei geht es immer um die Beschreibung des gegenwärtigen Zusammenlebens Aloes mit Stefan und ihrem Freund Frank. Nach einigen Seiten wechselt der Erzählmodus dann ins Präteritum, ausgelöst durch die Darstellung der Beziehung von Aloes Familie; insbesondere das Verhältnis von Aloe zu Anita in ihrer Kindheit und Jugend, und durch die Beschreibung der komplizierten Liebesgeschichte zwischen Aloe und ihrem Exfreund Lukas, der als Astrophysiker arbeitet. Die Vergangenheit stellt für Aloe eine Art Erinnerungsarbeit dar und beginnt im ersten Kapitel Fliegen mit dem Flug nach England zu ihrem damaligen Freund Lukas. Eingeleitet wird diese Rückblende durch das Spielen Stefans in einem Raketenkopf im Wohnzimmer.

Die Darstellung Aloes Vergangenheit, die hinsichtlich der Frequenz singulativ erzählt wird, erfolgt durch Zeitraffung. Während die erzählte Zeit ungefähr zwei Jahrzehnte umfasst und von Aloes Kindheit bis ins Erwachsenenalter reicht, spielt die Erzählzeit vom 13.April, dem Geburtstag Stefans, bis zum Skilager von Stefans Schule kurz nach Ostern lediglich im Zeitraum einiger Tage.

2 Heteronormativität und Intersexualität im queer en Kontext

2.1 Heteronormativität im queer-feministischen Diskurs

Heteronormativität beschreibt ein binäres Geschlechtssystem und stellt ein Schlagwort innerhalb des queer -feministischen Diskurses dar. Als hierarchisch strukturierendes Prinzip betrifft Heteronormativität zum einen Geschlechtsidentität und sexuelle Orientierung und zum anderen den Bereich außerhalb von Sexualität und Begehren:6 Frauen zeichnen sich durch weibliche Geschlechtsmerkmale aus, besitzen somit eine weibliche Geschlechtsidentität und entwickeln dadurch ein weibliches Verhalten. Ihre sexuelle Orientierung beinhaltet ausschließlich das Begehren männlicher Partner.

Das System, das lediglich die beiden Geschlechter Mann und Frau akzeptiert, grenzt neben nicht hete-rosexuellen Lebensformen auch Transgender und Intersexuelle aus der gesellschaftlichen Norm aus.

Die Infragestellung der „naturgegebenen“ Zweigeschlechtlichkeit ist keine Erfindung von Judith But-ler und der auf ihrer Theorie basierenden queer theory, sondern existiert, wie die Theorien von Siegmund Freud und Jacques Derrida zeigen, bereits seit geraumer Zeit. Judith Butler trug mit ihrer Theorie der Per-formativität und Konstruktivität von Geschlecht sowie der damit verbundenen Aufhebung der Trennung von sex und gender lediglich zu einer neuen Wende bei.7 Butler, die in ihrem, auf französischen Post-strukturalismus aufbauendem, Buch Gender Trouble den Begriff der performance einführt, ist der Auf-fassung, es gebe keine wahre, natürliche und eindeutige Geschlechtsidentität und thematisiert einherge-hend die diskursive Konstruktion von Geschlecht: „ Geschlechtsidentität [...] entstehe [...] nicht essentiell aus der Entwicklung einer vorgegebenen individuellen und geschlechtlichen Natur, sondern performativ [...], im ständigen Vollzug."8 Dass die Zuschreibung des anatomischen Geschlechts und der sozialen Ge-schlechterrolle in kontinuierlichen komplexen Aushandlungsprozessen zwischen Sprache, Alltagsprakti-ken und institutionellen Zwängen erfolgt, wird auch innerhalb des Romans Mitgift aufgegriffen, als Aloe zu Lukas sagt: „ Geschlecht [ist] ein perforativer Akt […] jetzt tobe man und sage: performativ.“9

Aufgrund der Tatsache, dass Geschlecht auch von Medizin und Justiz festgelegt wird, ist Heterosexualität nicht nur individuell, sondern auch institutionell verankert.10

In Anlehnung an Butler übt die queer theory Kritik an der heterosexuellen Matrix.11 Heterosexualität kann mit Hilfe dieses Begriffs als ein Herrschaftssystem dargestellt werden, „ das Körper und ihr Verhält nis zueinander normiert und diese aufgezwungene Ordnung als natürlichen Grundzustand legitimiert12 und, wie bereits erläutert, als eine gesellschaftliche Konstruktion entlarvt werden.

Die queer theory, die sich Anfang der 1990er Jahre in den USA entwickelte, zielt im Kontext der Ana-lyse und Destabilisierung gesellschaftlicher Normen von Zweigeschlechtlichkeit und Heteronormativität auf die Aufhebung der binären Opposition der Geschlechterdifferenz und die Vervielfältigung von Ge-schlechtsidentitäten.13

[...]


1 Zitiert nach MICHAEL BRAUN, Ulrike Draesner.

2 Ulrike Draesner wurde 1962 in München geboren und arbeitet heute als freie Schriftstellerin in Berlin. [ULRIKE DRAESNER, Ulrike Draesner]

3 Zitiert nach ULRIKE DRAESNER, Mitgift, S.9.

4 Ebd., S.46.

5 Ebd.

6 Vgl. PETER WAGENKNECHT, Was ist Heteronormativität? Zu Geschichte und Gehalt des Begriffs, S.18.

7 Vgl. RAINER BARTEL, ILONA HORWATH et al., Heteronormativität und Homosexualitäten, S.18.

8 Zitiert nach JUTTA OSINSKI, Einführung in die feministische Literaturwissenschaft, S.111.

9 Zitiert nach ULRIKE DRAESNER, Mitgift, S.35.

10 Butler stellte die feministische Positionen in Frage; indem Emanzipation für sie nicht „ politisches Handeln gegen die Träger einer patriarchalischen oder 'phallogozentrischen' Ordnung [beinhaltet] , sondern eine spielerische Dekonstruktion soziokultureller gender-Konstrukte durch Grenzverschiebungen zwischen Körper, sex, gender identity und gender perfor mance." [Zitiert nach JUTTA OSINSKI, Einführung in die feministische Literaturwissenschaft, S.112.]

11 Butler hat den Begriff der heterosexuellen Matrix in Anlehnung an Monique Wittigs heterosexuellen Vertrag übernommen und bezeichnet damit das Konzept, das über die drei Kategorien sex, gender und desire die Norm der heterosexuellen Ordnung errichtet. [Vgl. JUDITH BUTLER, Das Unbehagen der Geschlechter, S.68ff.]

12 Zitiert nach TRANSSEXUELLE ANTIFA HAMBURG, Intersexualität und Transidentität.

13 Vgl. ANNAMARIE JAGOSE, Queer Theory: Eine Einführung, S.99ff.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Dekonstruktion von Heteronormativität
Untertitel
Verqueerte Gesellschaftsverhältnisse in Ulrike Draesners Roman "Mitgift"
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Feministische Literaturwissenschaft und Gender-Kritik
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
17
Katalognummer
V172389
ISBN (eBook)
9783640923366
ISBN (Buch)
9783640922970
Dateigröße
469 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gender, Heteronormativität, queer studies, Mitgift
Arbeit zitieren
Ulrike Weiher (Autor), 2011, Dekonstruktion von Heteronormativität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/172389

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