Dieser Band über Ernst Cassirer geht der Frage nach, wie der Philosoph der symbolischen Formen das Problem der sogenannten Grenzbegriffe angegangen ist. Diese Konzepte gehören zu den wesentlichen Merkmalen nicht nur der modernen Wissenschaft, sondern auch der Debatte über sie, die sich im Zuge der heftigen Auseinandersetzungen innerhalb der positivistischen und post-positivistischen Wissenschaftsphilosophien entwickelt hat. Die rein erkenntnistheoretischen Überlegungen Cassirers zum Problem der Grenzbegriffe oder Idealisierungen haben, abgesehen von den ihnen gewidmeten Spezialwerken, in den Hauptwerken der Erkenntnistheorie, vor allem seit dem 20. Jahrhundert, nur selten eine angemessene Darstellung gefunden. Cassirers Name wird in der Regel entweder in sehr kurzen Fußnoten oder en passant erwähnt, wenn es um Themen im Zusammenhang mit dem Psychologismus, der Kritik der Abstraktion oder dem mathematischen Funktionsbegriff geht. Was sind die Gründe für diese Ignoranz? Zunächst einmal wird die Rolle, die Idealisierungen innerhalb der Wissenschaft gespielt haben, in der Regel nur stillschweigend als zentraler Kern der wissenschaftlichen Begriffsbildung angenommen, aber selten zum Gegenstand einer angemessenen und systematischen erkenntnistheoretischen Reflexion gemacht. Erst seit den 1970er Jahren haben wir eine solche Operation erlebt, und zwar nicht in den bekannten westlichen Gebieten, sondern in der kalten und fast unbeachteten Stadt Poznań (Polen). Wir verweisen auf die systematische Arbeit des polnischen Wissenschaftsphilosophen Leszek Nowak, dessen Begriffsapparat wir in dieser Arbeit ausführlich verwendet haben. Der große Posener Philosoph hat als erster eine systematische kritische Analyse der Prozesse der Idealisierung und Konkretisierung durchgeführt, die er der Abstraktion der klassischen Logik des Aristoteles, aber auch dem modernen Empirismus gegenüberstellte. [...]
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Einleitung
Kapitel I: Substanzbegriff und Funktionsbegriff bei Ernst Cassirer
Kapitel II: Cassirer und der Platonismus von Galileo
Kapitel III: Das Paradigma der Idealisierung bei Cassirer
Schlussfolgerung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht Ernst Cassirers erkenntnistheoretische Reflexion über die Rolle von Idealisierungen in der wissenschaftlichen Begriffsbildung und deren Abgrenzung zur klassischen Abstraktion, insbesondere im Kontext der galileischen Physik.
- Analyse von Cassirers Übergang vom Substanz- zum Funktionsbegriff
- Systematische Untersuchung der Bedeutung von Idealisierungsprozessen
- Kritische Auseinandersetzung mit den platonischen Wurzeln bei Galileo
- Rekonstruktion der erkenntnistheoretischen Debatte zwischen Realismus und Antirealismus
- Einfluss der Posener Schule (Leszek Nowak) auf die methodologische Analyse
Auszug aus dem Buch
1. SUBSTANZ, FUNKTION UND GRENZ-BEGRIFFE
Das Werk von Cassirer, von dem wir ausgehen werden, ist Substanzbegriff und Funktionsbegriff. Untersuchungen über die Grundfragen der Erkenntniskritik von 1910, dessen inspirierendes Motiv, wie Kaufmann erklärte, die Idee war, dass «the structure and the basic principles of knowledge could be most clearly discerned in mathematics and mathematical physics», Cassirer hingegen wollte vor allem seine These untermauern, dass sich «the progressive emancipation of thought from the so-called data of immediate experience manifests itself in the development of these sciences».
Cassirers erstes theoretisches Hauptwerk zeigt nicht nur sein besonderes Interesse an Fragen der Physik und der Mathematik, sondern auch eine außerordentliche konzeptionelle Beherrschung dieser Disziplinen. Dies ist für einen Philosophen recht ungewöhnlich, so dass zu Recht gesagt wurde, dass «Ernst Cassirers Philosophie wie kaum eine andere mit der Mathematik und der Physik verbunden ist». Die Originalität von Cassirers Vorschlag liegt darin, dass er – gerade im Lichte der Geschichte des philosophisch-wissenschaftlichen Denkens und der wissenschaftlichen Begriffsbildung – die Sterilität des theoretischen Verfahrens der aristotelischen Abstraktion erfasst, dass bekanntlich einen enormen Einfluss auf das wissenschaftliche Denken (vor allem im Mittelalter) ausgeübt hatte.
In Substanzbegriff und Funktionsbegriff wird der Versuch unternommen, die Entwicklung der modernen Wissenschaft als einen «allmählichen Übergang von substanziellen ‘Dingbegriffen’ hin zu funktionalen ‘Relationsbegriffen’» zu rekonstruieren. Seine Kritik der Abstraktion – begrifflich analog zu derjenigen, die Husserl zuvor in seinen Logische untersuchungen (1900-1901) entwickelt hat (siehe dazu den zweiten Teil dieses Bandes) – und die den ersten Teil seines Werkes von 1910 einnimmt, stellt in der Tat nur die ätzende pars destruens der Cassirer’schen Begrifftheorie dar, auf die die viel solidere und originellere pars construens folgt, die auf einen idealisierenden Ansatz funktionalistischer Art ausgerichtet ist.
Zusammenfassung der Kapitel
Vorwort: Einleitung in die Rezeptionsgeschichte von Cassirers Grenzbegriffen und die Bedeutung der Posen-Schule für die methodologische Aufarbeitung seiner Philosophie.
Einleitung: Hinführung zum erkenntnistheoretischen Kern von Cassirers Werk und zur zentralen Bedeutung des Übergangs vom Substanz- zum Funktionsbegriff.
Kapitel I: Substanzbegriff und Funktionsbegriff bei Ernst Cassirer: Detaillierte Analyse von Cassirers Kritik an der klassischen Abstraktion zugunsten eines funktionalistischen Wissenschaftsverständnisses.
Kapitel II: Cassirer und der Platonismus von Galileo: Untersuchung der platonischen Wurzeln der galileischen Physik und deren Bedeutung für Cassirers Modellbildung.
Kapitel III: Das Paradigma der Idealisierung bei Cassirer: Systematische Herleitung der verschiedenen Paradigmen der Idealisierung und deren Anwendung auf die moderne Naturwissenschaft.
Schlussfolgerung: Synthese der Ergebnisse über die methodologische Rolle von Idealisierungen in der zeitgenössischen Erkenntnistheorie.
Schlüsselwörter
Ernst Cassirer, Substanzbegriff, Funktionsbegriff, Idealisierung, Konkretisierung, Erkenntniskritik, Wissenschaftsphilosophie, Platonismus, Galileo, Abstraktion, Neukantianismus, symbolische Formen, Methodologie, Erkenntnistheorie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die erkenntnistheoretische Bedeutung von Idealisierungen in der Wissenschaft, ausgehend von Ernst Cassirers philosophischem Werk.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Geschichte der Erkenntnistheorie, der Übergang von substanziellen zu funktionalen Begriffen und die methodologische Rolle der Idealisierung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, Cassirers originelle Neubewertung der Rolle von Idealisierungen und seine Kritik an der klassischen Abstraktion im Kontext der Wissenschaftsgeschichte aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine historisch-theoretische Analyse durchgeführt, die Cassirers Primärtexte eng mit methodologischen Ansätzen, insbesondere der Posen-Schule, verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt den Übergang zum Funktionsbegriff, die platonische Dimension bei Galileo sowie die Typologie der Idealisierungsprocessen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Idealisierung, Substanzbegriff, Funktionsbegriff, Cassirer und wissenschaftliche Begriffsbildung.
Wie bewertet der Autor Cassirers Verhältnis zu Kant?
Der Autor zeigt auf, wie Cassirer Kants transzendentale Methode über den rein epistemologischen Rahmen hinaus auf die gesamte Welt der Kultur ausweitet.
Warum ist der Bezug zu Leszek Nowak für das Verständnis von Cassirer wichtig?
Nowaks methodologische Schule bietet laut Autor den präzisesten begrifflichen Apparat, um die Prozesse der Idealisierung und Konkretisierung bei Cassirer systematisch zu erfassen.
- Arbeit zitieren
- Giacomo Borbone (Autor:in), 2026, Funktion und Idealisierung bei Ernst Cassirer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1724249