Rezensionen zu „Jud Süß - Film ohne Gewissen“

Kontinuitäten und Brüche der Rezeption von „Jud Süß“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

9 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Einleitung

Der Film „Jud Süß“ von 1940 gilt als „wirkungsmächtigster antisemitischer Hetzfilm des NS-Regimes“[1] und kann für die heutige Rezeption als „weitgehend unsichtbarer 'Verdiktfilm'“[2] angesehen werden, der nur unter begleitetender Aufsicht gezeigt werden darf. Dieser seit Ende der NS-Herrschaft bestehende Umstand hat eine gewisse Änderung erfahren, denn auf der Berlinale 2010 feierte „Jud Süß - Film ohne Gewissen“ (Im Folgenden: „Film ohne Gewissen“) Premiere. Dieser Film zeigt eine Interptation des Entstehungsprozesses von „Jud Süß“ und auch den Film selbst in verschiedenen Varianten: So sind Szenen in nachgestellten Drehs zu sehen, Original-Filmmaterial und Original-Filmmaterial mit digital einkopierten Köpfen der Darstellenden aus „Film ohne Gewissen“.[3] Auf diese Weise können Teile aus „Jud Süß“ wieder im Kino und ohne wissenschaftliche Begleitung gesehen werden.

Dieser Umstand ist Anlass, danach zu fragen, wie diese Bearbeitung des „Jud Süß“-Stoffes in Presserezensionen aufgenommen wurde und wie sie in der Tradition von Rezeptionen des Filmes nach 1945 stehen: Welche Kontinuitäten können festgestellt werden und wo gibt es Veränderungen und Brüche? Und in wieweit betrifft dies die Sicht auf „Jud Süß“ von 1940? Für die nachkriegsdeutsche Rezeption von „Jud Süß“ stehen die Prozesse um Regisseur Veit Harlan im Mittelpunkt, da sich in ihnen verschiedene Argumentationsstrategien kristallisieren. Für die Rezeption von „Film ohne Gewissen“ wurden zwei Texte herangezogen: Die Rezension der Berliner Zeitung, „Dunkler Hund in dunklem Grabe“, verfasst von Harald Jähner[4] und „Der gute Österreicher“ von Jan Schulz-Ojala, erschienen im Tagesspiegel und auf zeit.de.[5] Dabei handelt es sich um eine in erster Linie willkürliche Auswahl, da mir diese Texte in der publizierter Form vorlagen.

Im Folgenden werde ich einige Punkte herausarbeiten, die ich als zentral für die Rezeption des Films von 1940 erachte. Jeweils anschließend sollen die Positionen der Rezensionen zu „Film ohne Gewissen“ von Oskar Roehler aufgezeigt werden und eine Einordnung in die zuvor dargestellte Rezeption stattfinden. Diese Arbeit beansprucht schon allein wegen der willkürlichen Quellenauswahl keinen Anspruch auf eine umfassende Analyse, soll aber erste Hinweise darauf liefern, wie 70 Jahre nach der Uraufführung von „Jud Süß“ mit diesem Werk umgegangen wird.

Die Rolle des Regisseurs: Veit Harlan

Der Umgang mit „Jud Süß“ in der Bundesrepublik nach 1945 war in erster Linie ein Umgang mit dem Regisseur Veit Harlan: „Es ging immer auch um Harlan“[6]. So hieß es in der Anklageschrift vom 15. Juli 1948, dass er „als verantwortlicher Regisseur den Film Jud Süß herstellte“[7] und Karena Niehoff, die ehemalige Sekretärin des Drehbuchautors Ludwig Metzger, warf Harlan vor, dass er das Drehbuch antisemitisch vertieft habe.[8] Harlan wurde freigesprochen, was Lohmeier zufolge bis heute kritisiert werde.[9] Der Freispruch des Regisseurs diente all jenen in der Bundesrepublik, die im NS-Deutschland regimetreu gehandelt hatten[10] - das Prozessergebnis lässt sich so als Persilschein für andere im Nationalsozialismus tätige Künstler_innen lesen, die vom Regime funktionalisiert worden seien.[11]

In den betrachteten Rezensionen tritt Harlan nicht an zentraler Stelle auf. So wird er in der Berliner Zeitung nur am Rande erwähnt: Dort wird ihm vorgeworfen, dass er einem penetranten Kunstwollen gefolgt sei. Jan Schulz-Ojala stellt ihn im Tagesspiegel folgendermaßen vor: „Veit Harlans 'Jud Süß' (1939/40), Lieblingsprojekt des Nazipropagandaministers Joseph Goebbels“. Auf diese Weise verwischen die Grenzen - es ist nicht klar, wer für den Film als verantwortlich angesehen werden soll. Später folgt die Zuschreibung einer Verantwortung: „Veit Harlan machte aus dem historischen Stoff [...] ein Hetzwerk“. Dabei bleibt der Begriff „Hetzwerk“ eher unbestimmt und daneben wird eine ursprüngliche historische Authentizität der Handlung impliziert.

Die Rezensionen spchen Veit Harlan durch dessen marginale Erwähnung und eine uneindeutige Zuschreibung seiner Verantwortung innerhalb des Entstehungsprozesses des Films eine weitreichende Schuld ab. Ein Bezug zu den Prozessen Ende der 1940er Jahre findet nicht statt. Harlan erscheint in den Rezensionen somit eher als ausführende Instanz, die Goebbels Vorstellungen in einen Film umgewandelt hat; eine Einordnung der persönlichen bzw. politischen Position Harlans wird nicht vorgenommen. Der Regisseur von "Jud Süß" ist in der Wahrnehmung somit beinahe unsichtbar geworden

[...]


1 Lohmeier, S.217.

2 Henne, S.285.

3 Vgl. http://www.tagesspiegel.de/kultur/kino/berlinale/Jud-Suess-Kino-Oskar-Roehler;art16892,3034744

4 http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/0219/feuilleton/0005/index.html

5 http://www.tagesspiegel.de/kultur/kino/berlinale/Jud-Suess-Kino-Oskar-Roehler;art16892,3034744
http://www.zeit.de/kultur/film/2010-02/jud-suess

6 vgl. Henne, S.263ff.

7 zitiert nach: Lohmeier, S.201.

8 Vgl. Hickethier, S.241.

9 Vgl. Lohmeier, S.201.

10 Vgl. Lohmeier, S.202.

11 Vgl. Hickethier, S.243.

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Rezensionen zu „Jud Süß - Film ohne Gewissen“
Untertitel
Kontinuitäten und Brüche der Rezeption von „Jud Süß“
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Veranstaltung
Männlichkeitskonstruktionen im Nationalsozialismus
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
9
Katalognummer
V172455
ISBN (eBook)
9783640923526
ISBN (Buch)
9783640923144
Dateigröße
453 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
geschlechterkonstruktionen, Nationalsozialismus, veit harlan, oskar roehler
Arbeit zitieren
Silvio Schwartz (Autor), 2010, Rezensionen zu „Jud Süß - Film ohne Gewissen“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/172455

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