Halbwachs und das kollektive Gedächtnis – Analyse generationsspezifischer Erinnerungen an das Ost- bzw. Westdeutschland der 80er Jahre

Anhand der Werke 'Am kürzeren Ende der Sonnenallee' von Thomas Brussig und 'Generation Golf' von Florian Illies


Hausarbeit, 2010
22 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Konzept des kollektiven Gedächtnisses von Maurice Halbwachs
2.1 Biografie
2.2 Einführung in das Werk Halbwachs' und die Einordnung dieses in den wissenschaftlichen Diskurs
2.3 Der Begriff des individuellen Gedächtnisses
2.4 Der Begriff des kollektiven Gedächtnisses

3. Weiterentwicklung von Halbwachs' Gedächtniskonzept

4. Übertragung von Halbwachs' Theorie auf praktische Beispiele
4.1 Analyse sozialer Bezugsrahmen am Beispiel des Romans „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“ von Thomas Brussig
4.1.1 Analyse des kollektiven Bezugsrahmen Sprache
4.1.2 Analyse des kollektiven Bezugsrahmen Zeit
4.1.3 Analyse des kollektiven Bezugsrahmen Raum
4.1.4 Analyse des kollektiven Bezugsrahmen Erfahrung
4.2 Analyse sozialer Bezugsrahmen am Beispiel des Romans „Generation Golf“ von Florian Illies
4.2.1 Analyse des kollektiven Bezugsrahmen Sprache
4.2.2 Analyse des kollektiven Bezugsrahmen Zeit
4.2.3 Analyse des kollektiven Bezugsrahmen Raum
4.2.4 Analyse des kollektiven Bezugsrahmen Erfahrung

5. Bewertung beider Romane auf ihre Tauglichkeit als Medien des kollektiven Gedächtnisses

6. Zusammenfassung

7. Literaturverzeichnis

8. Textreferenzen

1. Einleitung

,, Wer -wirklich bewahren -will, was geschehen ist, der darf sich nicht den Erinnerungen hingeben. Die menschliche Erinnerung ist ein viel zu wohliger Vorgang, um das Vergangene nurfestzuhalten: sie ist das Gegenteil von dem, was sie zu sein vorgibt.“ (Thomas Brussig)1

Nachdem sich jahrelang nur an die Zeit des Holocaust erinnert wurde, ist es angebracht, sich nun auch auf die jüngste deutsche Geschichte zu konzentrieren. Mittlerweile ist eine ganz Generation herangewachsen, die nicht mehr in der DDR oder der BRD aufgewachsen ist, sondern in einem vereinten Deutschland. Diese weiß wenig vom Leben in den ehemals zwei deutschen Staaten und ist deshalb auf Augenzeugenberichte angewiesen. Die Geschichte überliefert nur die nackten Fakten, aber derer allein genügt es nicht für ein vollständiges Bewahren. Ganz im Sinne des Soziologen Halbwachs möchte ich in meiner Hausarbeit untersuchen, was das kollektive Gedächtnis ausmacht, und wie es sich erklären lässt. Im Anschluss daran werde ich mich auf die Suche nach dem kollektiven Gedächtnis machen - und hoffentlich in meinen gewählten Werken auch wiederfinden!

2. Das Konzept des kollektiven Gedächtnisses von Maurice Halbwachs

2.1 Biografie

M. Halbwachs wurde am 11.3.1877 in Reims geboren. Er besuchte in Paris erst das Lycée Michelet und später das Lycée Henri-Quartre, welches er mit dem Baccalauréat abschloss. Nach seinem Studium der Philosophie arbeite er zwischen 1901 und 1904 als Professor an Schulen in Nancy und Tours. 1904 ging Halbwachs nach Deutschland, wo er für 2 Jahre als Lektor in Göttingen wirkte. Ein weiteres Studium nahm Halbwachs 1905-1909 auf. Er promovierte 1909 im Fachgebiet Recht an der Sorbonne mit einem ungewöhnlichen Thema über die Entwicklung des Grundstückspreises und die Enteignungen zu Paris im 19. Jahrhundert. In dieser Zeit lernte er auch Émile Durkheim kennen, der ihn später maßgeblich beeinflusste. Nach seinem Studium arbeite er nochmals für kurze Zeit als Professor, brachjedoch schon bald zu einem Forschungsaufenthalt nach Berlin auf. Nach einem Bericht über einen von der Polizei niedergeschlagenen Streik wurde er des Landes verwiesen. 1912 reichte Halbwachs seine Habilitationsschrift ein. Während des 1. Weltkrieges arbeitete er als Angestellter im Kriegsministerium. In den Jahren danach war er Lehrbeauftragter fur Philosophie an der Universität Caen, Calvados und Professor der Fakultät fur Soziologie und Pädagogik an der Universität Straßburg. Bevor er 1935 nach Paris zurückkehrte, war Halbwachs „Visiting Professor“ an der University of Chicago in Chicago, Illinois. Von 1935-1944 war er Professor für Soziologie an der Sorbonne in Paris. Hier arbeitete er u.a. mit Marcel Mauss zusammen. Seit 1942 war Halbwachs Directeur (Leiter) der "Annales de Sociologie" (Paris). Am 10.5.1944 erfolgte seine Ernennung zum Professor der Sozialpsychologie am Collège de France in Paris. Am 23. Juli 1944 wurde er von der Gestapo verhaftet, zunächst in Fresnes interniert und am 20. August 1944 ins Konzentrationslager Buchenwald deportiert, wo er am 16.3.1945 ermordet wurde.

2.2 Einführung in das Werk Halbwachs' und die Einordnung dieses in den wissenschaftlichen Diskurs

Laut Halbwachs entwickelt ein Mensch erst dann Erinnerungen, wenn er in eine soziale Gruppe integriert wurde, und sich so seine soziale Identität entwickeln konnte. Er vertritt die Ansicht, dass ein Mensch kein individuelles Gedächtnis besitzt, sondern jede Erinnerung, die ein anderes Individuum hinterlässt, zur sozialen Erfahrung wird. In seinem Werk „Das Gedächtnis und seine sozialen Bedingungen“ umschreibt er das folgendermaßen:

„Wenn -wir uns nicht an unserefrüheste Kindheit erinnern, so 'weil unsere Eindrücke tatsächlich über keinen Anhaltspunkt verfügen, solange wir noch kein soziales Wesen sind. “2

Ziel von Halbwachs' Forschungen ist die Erfassung der Interaktionen von Individuen mit der Zugehörigkeit zu bestimmten sozialen Gruppen in ihren positiven und negativen Ausprägungen. Dazu muss er erst einmal die sozialen Gruppen oder auch Rahmen festlegen, die er untersuchen will. Diese sind Sprache, Zeit, Raum und Erfahrung. Die Sprache bezeichnet Halbwachs schon intuitiv als den elementarsten Rahmen, jedoch wird erst nach dem linguistic turn durch Ricoeur der Beleg geliefert, dass Erinnern an eine narrative Erzählstruktur gebunden ist.

Den Begriff Zeit unterscheidet Halbwachs in eine abstrakte und eine reelle Zeit:

„Deshalb gibt es eine kollektive Vorstellung der Zeit; sie stimmt zweifellos mit den großen astronomischen und erdphysikalischen Vorgängen überein; diese allgemeinen Rahmen aber werden von der Gesellschaft mit anderen überdeckt; die vor allem mit den

Verhältnissen und Gewohnheiten der konkreten menschlichen Gruppen übereinstimmen. Man kann sogar sagen: die astronomischen Daten und Zeiteinteilungen werden von den sozialen Einteilungen so verdeckt, daß sie allmählich verschwinden und die Natur es mehr und mehr der Gesellschaft überläßt, die Zeitdauer zu gestalten.“3

Halbwachs misst der reellen Zeit, also der Zeit, die mit Erlebnissen, mit Wirklichkeit gefüllt ist mehr Bedeutung bei als der abstrakten Zeit, die er als unbestimmte Zeit ansieht. Er begründet dies damit, dass der Mensch sich weniger an ein bestimmtes Datum erinnert, sondern vielmehr an ein Erlebnis. Außerdem ist nach seiner Meinung für ein Individuum die durch soziale Vereinbarungen bestimmte Zeit diejenige, die dem Leben Sinn gibt und die die Zeiterfahrung erst möglich macht.

Der soziale Bezugsrahmen Raum muss nicht unbedingt ein architektonisches Gebilde darstellen, sondern kann auch ein Ort sein, an dem Gruppen agieren, der Sinnbild für ihre Identität ist, oder der Anhaltspunkte für die Erinnerungen gibt. Raum transportiert gemeinsame Erinnerungen an Ereignisse und/oder Gegenstände und verbindet Gruppen auch in Zeiten der Trennung. Außerdem hat Raum die Aufgabe Vergangenheit festzuhalten, und diese in die Gegenwart zu transformieren.

Die Erfahrung als sozialer Rahmen umfasst alle historische, geografische und politisch relevante Begebenheiten sowie die tagtäglichen Ereignisse. Laut Halbwachs erinnert sich der Mensch, indem er aus den Erfahrungen anderer Individuen schöpft. Er lernt also aus Begebenheiten, die ihm überliefert wurden, genauso wie aus den Erfahrungen die er macht, in dem er andere Menschen bei alltäglichen Erlebnissen beobachtet.

Erinnerungen beschreibt Halbwachs als Rekonstruktion der Vergangenheit aus Gegebenheiten der Gegenwart. Letztere werden durch die Gruppenzugehörigkeit vorgegeben, denn diese bestimmt, was erinnert wird. Doch auch innerhalb einer Gruppe unterscheiden sich die Erinnerungen, denn jedes Individuum betrachtet ein und dieselbe Gegebenheit aus einem anderen Blickwinkel. Das hat den Vorteil, dass das kollektive Gedächtnis viel umfangreicher ist als das Gedächtnis eines Individuums, da es von einer Vielzahl individueller Gedächtnisse gebildet wird. Im Laufe der Zeit wechseln Individuen die Gruppen, entweder wegen persönlicher Veränderung (z.B. gehört ein Mensch nur eine bestimmte Zeit der Gruppe Student an) oder weil sich die Gruppe auflöst (wie z.B. sich die Gruppe der DDR-Bürger zwangsläufig nach der Wende aufgelöst hat). Mit der Zugehörigkeit zu einer neuen Gruppe erlebt das Individuum neue Rahmen, wegen der es sich nun an ein Erlebnis anders erinnert als früher. Bei jedem Gruppenwechsel werden also neue Impulse gegeben, und je häufiger ein Gruppenwechsel stattfindet, desto größer wird die Zahl der Erinnerungen. Damit es jedoch nicht zu einer bedrohlichen Überfülle an Informationen kommt, vergisst das Individuum bei jedem Rahmenwechsel der mit einer Veränderung der Lebensbedingungen und sozialen Verhältnisse verbunden ist auch. Vergessen bedeutet jedoch nicht unwiderrufliche Löschung alles Gedankengutes, es kann ebenso gut sein, dass Vergessen Geglaubtes irgendwann wieder auftaucht.

Da Halbwachs Alterität und Konflikt nicht mit in seine Thesen einbezieht, wird seine Theorie dahin gehend kritisiert, dass er eine harmonisierende Geschichtsdeutung und herrschaftlich organisierte Gedächtnisse unterstützt. Seine Kritiker begründen dies damit, dass es auch in einer sozialen Gruppe stets verschiedene kollektive Gedächtnisse und somit unterschiedliche Erinnerungen gibt. Auch seine strikte Trennung von Geschichte und kollektivem Gedächtnis findet Tadel. Für Halbwachs fängt die Geschichte erst an, wenn es kein kollektives Gedächtnis mehr gibt, z.B., weil der Letzte der Gruppe, der dieses noch hätte überliefern können gestorben ist. Grundlegende Unterschiede zwischen kollektivem Gedächtnis und Geschichte findet Halbwachs bei der Orientierungsrichtung, so ist das Anliegen der Geschichte die Vergangenheit, während sich das kollektive Gedächtnis an der Gegenwart misst. Während die Geschichte universal und unparteiisch ist, agieren die Träger der Erinnerung des kollektiven Gedächtnisses wertend und hierarchisierend. Forschungsgegenstand der Geschichte sind Brüche und Gegensätze, die bei einem kollektiven Gedächtnis nicht existieren.

Halbwachs vertritt die Ansicht, dass die Vergangenheit aus den Sinnbedürfnissen und den Bezugsrahmen der Gegenwart konstruiert wird. Seine These lässt sich deshalb auch in den Bereich der sozial - konstruktivistischen Theorien einordnen. Bezogen darauf, dass Halbwachs den sozialen Bezugrahmen Zeit aufstellt, (und der Ansicht, dass die soziale Zeit die physikalische überdeckt) lässt er sich der Schule Durkheims, und damit in einen hermetisch - soziologischen Diskurs einordnen. Durch die Theorie, dass die gruppenspezifische Zeit wichtiger ist, als die abstrakte, erwirbt er sich den Ruf, gruppenspezifischer zu denken, als es selbst eingefleischte Mitglieder bestimmter Gruppen tun.

2.3 Der Begriff des individuellen Gedächtnisses

Gedächtnis ist für Halbwachs ein soziales Phänomen, welches erst durch Sozialisation erworben werden kann. Er vertritt die Theorie, dass das individuelle Gedächtnis an soziale Rahmenbedingungen gekoppelt ist, und das, je nachdem welche Anstöße das soziale Milieu gibt, Erinnerungen wachgerufen werden. Das individuelle Gedächtnis kann sich an ein und dieselbe Gegebenheit unterschiedlich erinnern, deshalb werden die Erinnerungen auch größer je mehr sozialen Gruppen man angehört bzw.je öfter man diese wechselt. Laut Halbwachs ist das individuelle Gedächtnis jedoch nicht eigenständig, denn es durchdringt sich mit dem kollektiven Gedächtnis. Es fungiert einzig und allein als Ort, an dem verschiedene kollektive Gedächtnisse zusammentreffen, und ist als dieser, als Überlagerungsplatz mehrerer kollektiver Gedächtnisse also, individuell.

2.4 Der Begriff des kollektiven Gedächtnisses

Den Begriff kollektives Bewusstsein übernimmt Halbwachs aus der Schule Durkheims. Schon dieser entwickelte die These, dass individuelle Handlungen und Regeln auf eine überindividuelle soziale Wirklichkeit zurückzuführen seien. In seinem Werk „Das Gedächtnis und seine sozialen Bedingungen“ stellt Halbwachs erstmals den Begriff kollektives Gedächtnis vor, und erläutert auch die Bezugsrahmen, die dieses prägen. Ergebnis für Halbwachs ist, dass die Individuen sich zwar an ihre eigene Geschichte erinnern, die Erinnerung jedoch nicht selber steuern können. Das heißt also, dass der Einzelne sich nur daran erinnert, woran ihn sein soziales Milieu zu erinnern zwingt. Die verschiedenen Einzelgedächtnisse eines jeden Gruppenmitgliedes verbinden sich dann zu einem kollektiven Gedächtnis, wobei dieses viel umfangreicher ist, als es das eines Einzelnen sein könnte, da jedes Individuum sich ja von seinem Ausblickspunkt erinnert, und so eine Unmenge Erinnerungen im kollektiven Gedächtnis zusammentreffen. Da das kollektive Gedächtnisjedoch in zwei Richtungen funktioniert, findet es wiederum seine Verwirklichung in den verschiedenen individuellen Gedächtnissen.

3. Weiterentwicklung von Halbwachs' Gedächtniskonzept

Da die Theorie Halbwachs' nicht unumstritten war, setzten sich in der Folge verschiedene Wissenschaftler weiterführend mit dem Thema kollektives Gedächtnis auseinander. Einer dieser war Paul Ricoeur (1913—2005), der dem linguistic turn gerecht wird, indem er das Erinnern als narrativ begreift.

[...]


1 Brussig, Thomas: Am kürzeren Ende der Sonnenallee. Frankfurt am Main. Fischer Taschenbuch Verlag. 2001, S. 156

2 Halbwachs, Maurice: Das kollektiveGedächtnis. Stuttgart. Ferdinand EnkeVerlag. 1967, S. 16

3 Halbwachs, Maurice: Das kollektive Gedächtnis. Stuttgart. Ferdinand Enke Verlag. 1967, S. 78

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Halbwachs und das kollektive Gedächtnis – Analyse generationsspezifischer Erinnerungen an das Ost- bzw. Westdeutschland der 80er Jahre
Untertitel
Anhand der Werke 'Am kürzeren Ende der Sonnenallee' von Thomas Brussig und 'Generation Golf' von Florian Illies
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Institut für neuere deutsche und europäische Literatur)
Veranstaltung
„Literatur als kulturelles Gedächtnis“
Note
2,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
22
Katalognummer
V172616
ISBN (eBook)
9783640926015
ISBN (Buch)
9783640925841
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
halbwachs, gedächtnis, analyse, erinnerungen, ost-, westdeutschland, jahre, anhand, werke, ende, sonnenallee, thomas, brussig, generation, golf, florian, illies
Arbeit zitieren
Juliane Ritterbach (Autor), 2010, Halbwachs und das kollektive Gedächtnis – Analyse generationsspezifischer Erinnerungen an das Ost- bzw. Westdeutschland der 80er Jahre, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/172616

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