Die Neudefinierung des fragmentarischen Dinges in Rilkes "Archaischer Torso Apollos"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

12 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Gliederung

1. Neue Bereiche des Sagbaren im Dinggedicht
1.1. Definition des Dinges
1.2. Das Dinggedicht bei Rilke

2. Die Fragmentierung in Archaischer Torso Apollos
2.1. Fragmentbegriff und Funktion des Fragments
2.2. Neudefinierung des Begriffes

3. Der ‚post-fragmentierte‘ Torso

4. Literaturverzeichnis
4.1. Primärliteratur
4.2. Sekundärliteratur

1. Neue Bereiche des Sagbaren im Dinggedicht

Rainer Maria Rilke ist einer der bedeutendsten deutschen Lyriker die im beginnenden 20. Jahrhundert gewirkt hatten. Zu Beginn seiner Arbeit dichtete er im ÄStil des dekadenten fin de siècle von stimmungsvoller, konturloser Sehnsucht und Schwermut“1 und beschäftigte sich später vor allem mit den Dingen, die mit völliger Hingabe und Offenlegung des lyrischen Ichs präzise und Äobjektiv-gestalthaft“2 erfasst werden. Besonders geprägt worden ist er von der Ädämmernden Zwielichtigkeit [seiner] Prager Heimat, dem Erlebnis Rußlands und der melod[ischen] Weichheit der slaw[ischen] Sprachen, vom franz[ösischen] Symbolismus und der Formstrenge der bild[hauerischen] Kunst bes[onders] Rodins“3 (Ergänz.d.d.Verf.).

In der vorliegenden Arbeit soll der Fragmentbegriff in dem Sonett Archaischer Torso Apollos behandelt werden. Dieses Dinggedicht entstand im Frühsommer 1908 und leitet den Anderen Teil der Neuen Gedichte zusammen mit seinem Gegenstück Früher Apollo ein. Das Sonett ist in der Forschungsliteratur äußerst exemplarisch analysiert und interpretiert worden, unter anderem im Bezug auf Ästhetik der Individualität4, Produktions- und Wirkungsästhetik5, Verwirklichung von Bezügen zwischen Bildhauerei und Dichtung innerhalb einer literarischen Produktion6 und auch bezüglich des Fragmentbegriffes und der Vervollkommnung durch Fragmentierung7. Auf diese Thematik möchte ich besonders eingehen und das Fragment in seinem poetischen Dasein bei Rilke beleuchten. Dafür werde ich die Position des Dinggedichtes innerhalb der Forschung festlegen und den Archaischen Torso Apollos als solches beispielhaft betrachten. Mein Anliegen ist es, den Fragmentbegriff zu erweitern und dessen Funktion über die Fragmenthaftigkeit hinaus zu tragen.

1.1. Definition des Dinges

Im Dinggedicht werden Gegenstände der Wirklichkeit außerhalb des Menschen nicht mehr nur hingenommen, sondern intensiv wahrgenommen. Das Sujet des Gedichtes wird zu einem Ding, einem ästethischen Gegenstand, was Rilke als ÄKunst-Ding“8 bezeichnete. Im Verhältnis zu einem wirklichen Ding muss das ÄKunst-Ding“ bestimmt, klar und fortwährend beständig sein. Rilke behauptete in einem Brief an Lou Andreas-Salomé, dass nur die Dinge zu ihm redeten, unter anderem Rodins Dinge.9 Rilke arbeitete als Privatsekretär für Auguste Rodin, einen französischen Zeichner und Bildhauer. Zuerst schien Rilke seine Dinge nur unter dem Einfluss Rodins zu definieren, später orientierte er sich jedoch auch an der Wirklichkeit der Gesellschaft und der Menschen, die in ihr lebten. Wichtig hierbei ist das Verhältnis eines jeden Menschen zu den Dingen und zu der Welt, in welcher die Dinge sind. William Carlos Williams, ein amerikanischer Schriftsteller des Imaginismus, beschrieb das Ding als Äa new thing, unlike anything else in nature, a thing advanced and apart from it“10. Somit ist das ÄKunst-Ding“ ein ästhetisches Gegenüber seines Gegenstandes. Rilke wendet sich demnach der realen Welt zu, weg vom Symbol hin zum poetischen Ding. Innerhalb der Neuen Gedichte werden Dinge der äußeren Welt mit inneren Erfahrungen verbunden und es gibt keine von den Dingen ablösbare symbolische Bedeutung.11

1.2. Das Dinggedicht bei Rilke

In diesen Dinggedichten spielt Sachlichkeit eine wichtige Rolle, denn die poetische Aussage soll Wahrheit vermitteln. Die Dinge sollen nicht gezeigt oder beurteilt werden, sondern gesagt. Die Subjektivität wird zurückgedrängt in das Verborgene und Innerste, denn das Ich wird in das Objekt oder Ding eingefügt, es rettet sich nahezu in die Dinge.12 Dabei übernimmt das Anschauen einen bedeutenden Part, denn durch den Akt des Anschauens richtet sich die gesamte menschliche Aufmerksamkeit nach außen (auf das Ding), ergo ist das Innerste völlig unbeobachtet und es spielen sich darin Dinge ab, die dem äußeren Gegenstand einen Namen und eine Bedeutung zuschreiben.13 So zumindest schrieb Clara Rilke 1907 an ihren Mann. Rilkes Dinggedicht steht demnach in der ÄSpannung zwischen Objekt- und Subjektbezug, zwischen Gegenstandstreue und imaginativer Sicht, zwischen realistischer und symbolischer Darstellung“14. Das Gedicht an sich wird zu einem Ding und dinghaftig und genau das macht seine ästhetische Qualität aus.15 Der Begriff des Dinggedichtes bleibt jedoch immer dynamisch, da es sich um eine Werdung handelt, kein bloßes Sein. Weiterhin ist das Dinggedicht keine reine objektive Darstellung einer Wirklichkeit und auch kein bloßes Beschreiben der Welt. Es ist eine Gegenstandserfahrung, die in poetischen Sprachstrukturen verwirklicht wird, worin eine genaue Behutsamkeit für die Welt der Dinge und eine durchgängige Subjektivität äußerst notwendig sind. Kurz gesagt ist es eine Neuschöpfung oder Neuerschaffung des eigentlichen Kunstwerkes, des ÄKunst-Dinges“.

2. Die Fragmentierung in Archaischer Torso Apollos

Apollo, Gott der Kunst, Musik und Muse, ist unvollständig. Als Torso befindet er sich in dem Zustand des Nicht-mehr-Vorhandenseins und erinnert an vergangene Kulturen, vergangene Zeiten und Mächte. Er verdeutlicht außerdem den Verlust, der durch das Fehlen der wichtigsten Körperteile eine neu gerichtete Aufmerksamkeit provoziert. Die Götterstatue war aber nie als Torso geplant wurden, sondern durch die Geschehnisse der Vergänglichkeit ist sie zu einem geworden.

2.1. Fragmentbegriff und Funktion des Fragments

Das Wort ‚Fragment‘ ist abgeleitet von lat. frangere, was brechen bedeutet und lat. fragmentum, was soviel wie Bruchstück oder Überbleibsel heißt. Es wird einerseits in der bildenden Kunst für ein Non-finito verwendet (also eine unvollständige Plastik) und andererseits für ein nicht mehr vollständig erhaltenes Objekt, unter anderem ein Stück einer ursprünglich vollständigen oder größeren Statue. Der Torso Apollos, welcher in Rilkes Gedicht beschrieben wird, fällt eindeutig unter zweitere Kategorie, da Begriffe wie Änoch“ (V.3)16 und das verwendete Präteritum Äreiften“ (V.2) auf ein einstiges Vorhandensein hinweisen.

[...]


1 Wilpert, Gero von: Deutsches Dichterlexikon, S.484.

2 Ebd.

3 Ebd.

4 Vgl. Fricke, Harald: Gesetz und Freiheit. Eine Philosophie der Kunst.

5 Vgl. Valk, Thorsten: Antikenrezeption und Dichtungstheorie bei Rilke.

6 Vgl. Eckel, Wilfried: Verwirklichung als Entwirklichung.

7 Vgl. Wild, Ariane: Poetologie un Decadénce in der Lyrik., sowie Braungart, Georg: Prägnante Momente.

8 Vgl. Müller, Wolfgang G.: Dinggedicht, S.367.

9 Vgl. Nalewski, Horst: Rilke. Leben, Werk und Zeit, S. 116.

10 Müller, Wolfgang G: Dinggedicht, S. 367.

11 Vgl. ebd., S. 368.

12 Vgl. Nalewski, Horst, S. 116.

13 Vgl. ebd., S. 115f.

14 Müller, Wolfgang G., S. 367.

15 Vgl. ebd.

16 Vgl. Rilke, Rainer Maria: Sämtliche Werke. Frankfurt: 1995. Bd. 1, S. 557.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Die Neudefinierung des fragmentarischen Dinges in Rilkes "Archaischer Torso Apollos"
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Textkanon und kommunikative Prozesse - Literatur um 1900
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
12
Katalognummer
V172645
ISBN (eBook)
9783640926169
ISBN (Buch)
9783640926268
Dateigröße
550 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
neudefinierung, dinges, rilkes, archaischer, torso, apollos
Arbeit zitieren
Jana Spiegelhauer (Autor), 2011, Die Neudefinierung des fragmentarischen Dinges in Rilkes "Archaischer Torso Apollos", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/172645

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