Produktionsverlagerung ins Ausland. Chancen und Risiken


Seminararbeit, 2010

28 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung
1.1 Zur Bedeutung der Standortwahl in der Produktion
1.2 Historische Entwicklung
1.3 Arten der Verlagerung von Produktionsstätten
1.4 Bevorzugte Zielländer und aktuelle Entwicklungstendenz

2 Produktionsverlagerung am Beispiel der XXX

3 Gründe für Produktionsverlagerungen
3.1 Kostenvorteile
3.2 Flexibilität
3.3 Nähe zu Absatzmärkten
3.4 Weitere mögliche Gründe

4 Risiken einer Produktionsverlagerung
4.1 Hohe Anlaufzeiten
4.2 Qualitätsverlust
4.3 Imageverlust
4.4 Flexibilitätsverlust
4.5 Währungsrisiko
4.6 Kulturelle Hürden und landesspezifische Risiken

5 Erfolgsorientierte Produktionsverlagerung ins Ausland
5.1 Möglichkeiten zur Abschätzung von Risiken und Chancen
5.2 Produktionsverlagerung als Möglichkeit der Unternehmensrestrukturierung

Quellenverzeichnis

1. Einführung

1.1 Zur Bedeutung der Standortwahl in der Produktion

Ob bei Gründung, Standortverlagerung oder Standortspaltung – die Frage der Standortwahl ist für ein Unternehmen eine der wichtigsten Entscheidungen überhaupt. Ihre Folgen sind meist langfristig, kapitalintensiv und schwer revidierbar. Dabei gilt es, denjenigen Standort zu wählen, bei dem die Differenz aus Aufwendungen und Erträgen maximal ist. Zunehmend gewinnt vor allem die internationale Standortwahl, also die Entscheidung darüber, welches Land für einen Standort zu wählen ist, an Bedeutung – bedingt durch die Vereinfachungen und Kostenreduzierungen in den Bereichen der Logistik und der Informationsgewinnung in den letzten Jahren und Jahrzehnten. Dabei müssen neben gegenwärtigen Faktoren auch die zukünftig zu erwartenden Entwicklungspotenziale einzelner Standorte in Betracht gezogen werden[1].

In früheren Jahren waren internationale Standortentscheidungen vor allem für Großunternehmen relevant. Im Zuge der wirtschaftlichen Globalisierung wächst aber auch für kleine und mittelständische Unternehmen der Anreiz, Standorte im Ausland zu errichten oder zumindest mit Unternehmen im Ausland zu kooperieren[2]. Insbesondere die Anreize, Produktionsstätten im Ausland zu errichten, sind hoch – so verlagerte beispielsweise jedes siebente deutsche Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes zwischen 2004 und 2006 erhebliche Teile seiner Fertigung an ausländische Standorte. Entscheidendes Kriterium für die Errichtung eines Produktionsstandorts im Ausland sind für deutsche Unternehmen vor allem Kostenersparnisse, die aus den erheblich höheren Arbeitskosten in Deutschland im Vergleich zu sogenannten Billiglohnländern in Asien, Südamerika und Osteuropa resultieren, wie sie in Abb. 1 deutlich werden[3]. Die Arbeitskosten umfassen dabei neben dem Stundenlohn auch die Lohnnebenkosten.

Solche Kostenvorteile sind Vorteile gegenüber Wettbewerbern und tragen somit zum Erfolg eines Unternehmens und seiner Produkte bei. Oft sorgt das sogenannte Offshoring im Rahmen einer Restrukturierung aber sogar dafür, ein Unternehmen überhaupt wettbewerbsfähig zu erhalten, weil die Produktion in Deutschland schlicht unrentabel ist[4].

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Arbeitskosten in der industriellen Produktion (pro Stunde; 2003)[5]

1.2 Historische Entwicklung

Mit steigender Marktmacht der Konsumenten nach dem Zweiten Weltkrieg und wachsendem Kostendruck setzte die erste Offshoring-Welle etwa in den Sechziger Jahren ein. Die Idee, Produktionsstätten im Ausland zu errichten, sei es, um Kostenvorteile zu nutzen oder neue Absatzmärkte zu erschließen, ist jedoch schon älter. Schon Henry Ford errichtete beispielsweise mit der Ford-Werke AG eine Tochtergesellschaft, die Mitteleuropa belieferte und bekanntermaßen noch heute existiert[6].

Besonders ab Beginn der Achtziger Jahre sanken, dank technischer Innovationen und neuer Geschäftsmodelle, die Kosten für Warentransporte und die Gewinnung von Informationen. Als Beispiele hierfür seien die Verbreitung der Containerlogistik und der Siegeszug des Internets genannt[7]. Aber auch die Vereinheitlichung der weltweiten Wettbewerbsregeln setzte in diesem Zeitraum ein, während der Konkurrenzdruck der Unternehmen untereinander weiter wuchs. All dies forcierte die Entwicklung zur Internationalisierung der Unternehmen und sorgte dafür, Anreize für Produktionsverlagerungen zu schaffen und die Hürden für ein Engagement im Ausland zu senken. Die Errichtung des europäischen Binnenmarktes und der Euro als einheitliche europäische Währung verstärkten diese Entwicklung noch[8].

In den letzten Jahren haben immer wieder Produktionsverlagerungen für Schlagzeilen gesorgt und oft zu Protesten geführt, weil sie den Abbau von Arbeitsplätzen in Deutschland zur Folge hatten. So verlagerte Nokia 2008 seine Produktion von Mobiltelefonen aus Bochum nach Rumänien in die Nähe von Bukarest, um die Lohnstückkosten zu senken[9]. Jüngstes Beispiel ist das Vorhaben von Daimler, die Produktion der Mercedes-Benz C-Klasse von Sindelfingen nach Tuscaloosa (USA) zu verlegen. 4.200 Jobs sind hier in Gefahr. Gerade in der Automobilindustrie und bei ihren Zulieferern sind ausländische Fertigungsstätten gängige Praxis. Beispielsweise produziert Volkswagen schon seit langem unter anderem in China, Südafrika und Südamerika und baut jetzt ein neues Werk in den USA[10]. Mit Škoda in Tschechien und Audi in Ungarn ist der VW-Konzern auch in Osteuropa vertreten.

1.3 Arten der Verlagerung von Produktionsstätten

Für die Verlagerung von Produktionsstätten stehen einem Unternehmen verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung:

(1) die Gründung oder Übernahme einer Tochtergesellschaft oder Auslandsniederlassung: bekannte Beispiele aus der Automobilbranche für Übernahmen bereits bestehender Unternehmen sind der Kauf von Dacia in Rumänien durch Renault und die gescheiterte Fusion von Daimler-Benz mit Chrysler, oder auch der Kauf von Opel durch General Motors im Jahre 1929[11]. Internationale Großkonzerne gründen aber auch selbst eigene Produktionsstätten im Ausland.
(2) die Bildung eines Joint Venture: zusammen mit einem unabhängigen ortsansässigen Unternehmen wird ein rechtlich selbständiges Gemeinschaftsunternehmen (Joint Venture) gegründet, das gemeinsam geleitet wird. Hierbei kann das verlagernde Unternehmen die landesspezifischen Marktkenntnisse des ortsansässigen Unternehmens nutzen[12].
(3) Lohnfertigung und Lohnveredelung: die Produktion oder einzelne arbeitsintensive Produktionsschritte werden an externe Unternehmen im Ausland vergeben, die als „verlängerte Werkbank“ dienen, während Vorerzeugnisse, Material oder Rohstoffe vom verlagernden Unternehmen beigestellt werden. Besonders bei arbeitsintensiven Produktionsprozessen lassen sich durch Lohnfertigung und Lohnveredelung in Niedriglohnländern Stückkosten senken.
(4) das Importvollgeschäft: das verlagernde Unternehmen lässt vollständig extern bei ausländischen Zulieferern produzieren. Diese übernehmen also auch die Beschaffung von Rohstoffen oder Bauteilen. Trotzdem kann das verlagernde Unternehmen erfolgskritische Prozesse wie z.B. die Produktentwicklung und die Qualitätsüberwachung in eigener Hand behalten.
(5) die Lizenzvergabe: mit der Vergabe von Lizenzen verwertet das verlagernde Unternehmen nationale Technologien, Designs oder Warenzeichen auf internationaler Ebene und gibt nicht nur sämtliche Produktionsprozesse, sondern auch das Absatzrisiko an andere Unternehmen ab[13].

1.4 Bevorzugte Zielländer und aktuelle Entwicklungstendenz

Wenn es um die Auswahl eines Ziellandes für eine Produktionsverlagerung geht, so orientieren sich deutsche Manager vorrangig in Richtung Osteuropa. Aufgrund der äußerst niedrigen Arbeitskosten (siehe Abb. 1) trotz räumlicher Nähe liegen im deutschen verarbeitenden Gewerbe Tschechien und Polen auf den Spitzenplätzen bei der Standortwahl[14]. Auf Platz 3 der Zielländer, und damit als wichtigstes Offshoring-Ziel außerhalb der EU, folgt China – knapp ein Viertel aller Produktionsverlagerungen gehen ins Reich der Mitte[15]. Im internationalen Vergleich jedoch nimmt Indien den Spitzenplatz der beliebtesten Offshoring-Länder ein, gefolgt von China, Malaysia, Thailand und Indonesien[16]. Die Wahl eines Ziellandes hängt auch von der Branche ab – so setzen z. B. Automobilzulieferer, die durch knappe Renditen und ein rigides Kostenmanagement gekennzeichnet sind, vor allem auf die neuen EU-Länder, während forschungsintensive, renditestarke Maschinenbauer sich eher für China entscheiden11.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Beliebteste Länder für Offshoring weltweit 2009

(Zahlen in Klammern: 2007; Quelle: ATKearney.com)

Erstaunlicherweise beobachten Branchenverbände und Wirtschaftsinstitute derzeit einen Trend zur Rückverlagerung von Produktionsstätten nach Deutschland. So nennt eine Fraunhofer-Studie, die im Auftrag des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) durchgeführt wurde, eine Rückkehrerquote von eins zu drei[17]. Offenbar haben Produktionsverlagerungen in sehr vielen Fällen die Erwartungen der Unternehmen nicht erfüllt[18]. Darüber hinaus ist die Zahl der Unternehmen, die ihre Produktion ins Ausland verlagern, deutlich zurückgegangen – seit 2006 von 3.200 auf 1.750, also um fast 50 Prozent[19].

2 Produktionsverlagerung am Beispiel der XXX

Die XXX[20], 1980 als Kleinstunternehmen gegründet, verkauft mit ca. 65 Mitarbeitern ausschließlich im Direktvertrieb per Internet, Katalog und Telefon EU-weit erfolgreich hochwertige Lautsprechersysteme, vor allem Heimkino-Surroundanlagen, Multimedia-Systeme und Stereoboxen. Mit eigenen Ingenieuren entwickelt sie neue Produkte und lässt diese bei fünf chinesischen Hauptlieferanten und einigen B- und C-Lieferanten, die ebenfalls zum größten Teil in China ansässig sind, produzieren. Das Einkaufsvolumen beträgt knapp 30 Mio. US-Dollar pro Jahr. Import, Zollabwicklung, Lagerung, der Versand an die Kunden und zahlreiche Serviceleistungen werden von einem in Hamburg ansässigen mittelständischen Speditionsunternehmen abgewickelt, das wiederum mit einem Seefrachtunternehmen in Hongkong kooperiert. Die XXX ist vor allem für die Soundqualität ihrer Produkte bei moderater Preisstruktur, also für ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis, bekannt.

Man hat sich bewusst für das weniger kapitalintensive Importvollgeschäft entschieden, betreibt also keinen eigenen Produktionsstandort in Asien. Um jedoch Warenprüfungen am Bandende, also bevor die Waren auf See gehen, prüfen zu können, wurde vor etwa drei Jahren ein Büro in Dongguan eingerichtet, in dem neben einem deutschen Ingenieur ein Team von Qualitätsprüfern arbeitet.

1999 nahm der Entwicklungsleiter der XXX zum ersten Mal Kontakt mit potenziellen chinesischen Lieferanten mit dem Ziel der Produktionsverlagerung auf. Vorher hatte man vorrangig in Deutschland vorproduzieren lassen und selbst die Endmontage durchgeführt. So ließ man beispielsweise Lautsprechergehäuse und Endstufen nach eigenen Spezifikationen herstellen oder kaufte sie fertig ein, bevor die Geräte in Berlin endmontiert wurden. Die Produktionsverlagerung in Richtung China musste also nicht als scharfer Schnitt erfolgen. Vielmehr baute man sukzessive Kontakte zu chinesischen Großhändlern auf, die die Aufträge für einzelne Produktlinien wiederum an ihre Zulieferfabriken weitergaben. Mittlerweile hat man dank gestiegener Losgrößen selbst langjährige Beziehungen zu chinesischen Fabriken aufbauen können. In Berlin hat die XXX neben dem Stammsitz noch eine Reparaturwerkstatt, in der ein Teil des After Sales Service durchgeführt wird, unter anderem von Mitarbeitern, die vormals in der Produktion beschäftigt waren[21].

[...]


[1] Vgl. Wöhe 2002, S. 320f.

[2] Vgl. Kinkel, St./ Buhmann, M. in: Kinkel 2004, S. 32

[3] Vgl. Managementengineers.com

[4] Vgl. Innovations-Report.de-1

[5] Vgl. Managementengineers.com

[6] Vgl. Ford.de

[7] Vgl. 3sat.de; Kommunikation.unibe.ch

[8] Vgl. Kinkel, St./ Lay, G./ Jung Erceg, P. in: Kinkel 2004, S. 17

[9] Vgl. Tagesschau.de

[10] Vgl. FTD.de

[11] Vgl. Reuters.com

[12] Vgl. Wöhe 2002, S. 314

[13] Vgl. Reger, G. in: Reger et al. 1999, S. 1

[14] Vgl. Innovations-Report.de-2

[15] Vgl. Innovations-Report.de-3

[16] Vgl. ATKearney.com

[17] Vgl. Geldio.de

[18] Vgl. Kinkel, St./ Lay, G./ Jung Erceg, P. in: Kinkel 2004, S. 29

[19] Vgl. Geldio.de

[20] Name geändert.

[21] Vgl. Interview im Anhang

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Produktionsverlagerung ins Ausland. Chancen und Risiken
Hochschule
Technische Hochschule Wildau, ehem. Technische Fachhochschule Wildau
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
28
Katalognummer
V172775
ISBN (eBook)
9783640927746
ISBN (Buch)
9783640927210
Dateigröße
1030 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Outsourcing, Offshoring
Arbeit zitieren
Dana Thiele (Autor), 2010, Produktionsverlagerung ins Ausland. Chancen und Risiken, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/172775

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