Die Darstellung des literarischen Raumes in Gert Ledigs „Vergeltung“ und Wolfgang Borcherts „Billbrook“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

18 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Der Autor
1.2 Rezeption von „Vergeltung”

2 Aktionsraum, gestimmter Raum, Anschauungsraum

3 Raumdarstellung in „Vergeltung“ und Wolfgang Borcherts „Billbrook“ ..
3.1 Raumdarstellung in Gert Ledigs „Vergeltung“ (1956)
3.2 Raumdarstellung in Borcherts „Billbrook“ (1947/ 1948)

4 Vergleich der Raumdarstellungen

Literatur

1 Einleitung

Luftkrieg und Literatur - sind die deutschen Literaten ihrer Verantwortung gerecht geworden und haben sie das Thema Luftkrieg in annehmbarer Qualität in ihren Texten verarbeitet? Diese Frage stellte W.G. Sebald in seinen „Züricher Vorlesungen“ 1997. Die Debatte um dieses Thema gewann an Brisanz nach der Veröffentlichung seiner Thesen 1999. Er führt Texte auf, deren literarische Mittel seiner Meinung nach nicht ausreichten, um den Luftkrieg adäquat darzustellen. Gleichzeitig nannte er Gründe, aufgrund derer die Versuche deutscher Schriftsteller, den Luftkrieg in der deutschen Literatur zu verarbeiten, scheitern mussten. Seine Thesen waren:

1. Die Deutschen wären aufgrund des Luftkrieges traumatisiert, daher seien die deutschen Schriftsteller nicht in der Lage, Erzählungen über den Luftkrieg zu verfassen.
2. Die Deutschen empfänden zu große Schuldgefühle aufgrund des Holocausts.
3. Der Luftkrieg sei ein Tabuthema, daher sei es besser darüber den Mantel des Schweigens auszubreiten.

Volker Hage hat Texte recherchiert, die das Thema Luftkrieg mehr oder weniger gut aufgreifen (Hage 2003), darunter zwei, die den Luftkrieg und seine Folgen sehr eindrucksvoll darstellen. Das ist einerseits der Roman „Vergeltung“ von Gert Ledig (1956), andererseits die Kurzgeschichte „Billbrook“ von Wolfgang Borchert (1947/ 1948) Dabei gehen die Autoren sehr unterschiedlich vor. Ich habe mich dafür entschieden, die literarische Darstellung des Raumes in beiden Texten zu vergleichen.

1.1 Der Autor

Aufgrund der Tatsache, dass der Autor Gert Ledig und sein Werk in Deutschland in Vergessenheit geraten sind, erscheint es mir notwendig, seinen Lebenslauf kurz zu skizzieren.

Gert Ledig wurde am 4. November 1921 in Leipzig geboren. Er machte eine Lehre als Elektrotechniker und besuchte eine Theaterschule, um Regisseur zu werden. Er meldete sich 1939 freiwillig zur Wehrmacht und nahm am Frankreichfeldzug teil, bevor er ab 1941 als Unteroffizier an der Ostfront eingesetzt war. Nach Hetzreden wurde er in eine Strafkompanie versetzt. 1942 wurde er schwer verwundet, er erlitt unter anderem eine schwere Kieferverletzung, die ihm zeitlebens zu schaffen macht und ihm das Sprechen erschwerte. Zum Ende des Krieges arbeitete er bei der Marinerüstungsverwaltung. Ledig verlor sein gesamtes Hab und Gut bei einem Luftangriff auf München im Jahre 1944. Nach dem Krieg tritt er der KPD bei. Von 1951 bis 1953 arbeitet er als Dolmetscher für die US Army, bevor er als freier Journalist und Schriftsteller tätig wird.

Geheimdienstlich aktiv wird Ledig als Kontaktperson für das Ministerium für Staatssicherheit (MfS), wird aber ebenfalls durch das MfS bespitzelt.

Neben „Vergeltung“ (1956) erschienen „Stalinorgel“ (1955) und „Faustrecht“ (1957). Ledig wird zu Treffen der Gruppe 47 eingeladen, die er aber zunächst nicht annimmt. Bei weiteren Treffen liest er nicht selbst aus seinen Werken vor, da ihn seine Kieferverletzung zu sehr behindert.

Am 1. Juni 1999 stirbt Gert Ledig in Landsberg am Lech.

1.2 Rezeption von „Vergeltung”

Nach dem Erscheinen von „Vergeltung“ (1956) wird der Roman von den Kritikern überwiegend abgelehnt. Warum war das so? Im Folgenden möchte ich nach Gründen für den Misserfolg von „Vergeltung“ suchen. So schreibt Peter Hornung in der „Zeit“:

„Mehrmals vergriff sich auch der Autor in unentschuldbarer Weise in der Darstellungsart. […] Der Wortschatz Gert Ledigs ist bis auf ein wahres Existenzminimum vereinfacht und verödet.“ (Hornung 15.11.1956)

Es schien, als würde insbesondere die Vergewaltigungsszene gegen den Zeitgeist der 50er-Jahre verstoßen. Ein Mädchen wird zusammen mit einem fremden Mann bei einem Angriff im Luftschutzkeller eines Hauses verschüttet und von diesem brutal vergewaltigt. Die schonungslose Darstellung des Schreckens und der Gewalt war für Hornung „zuviel des Grauens“.

Es gab auch politische Gründe für die Ablehnung von Ledigs Roman. 1955 trat die BRD der NATO bei. 1956 wurden die ersten Bundeswehreinheiten aufgestellt. Durch das „Wirtschaftswunder“ und die Verbesserung der Lebensverhältnisse in den 50er-Jahren wurde die Verdrängung der Grausamkeiten des Dritten Reiches befördert. Viele Deutsche waren durch den grausamen Krieg, den Genozid an den Juden, den Luftkrieg und den Umstand, dass sich viele Familien durch Krieg und Flucht aus den Augen verloren hatten, traumatisiert. Außerdem war „Vergeltung“ ein Text, „[…] der über die Grenzen dessen hinausging, was die Deutschen über ihre jüngste Vergangenheit zu lesen bereit waren.“ (Sebald 1999, S. 109) In Deutschland wie im Ausland war man der Meinung, dass das „Tätervolk“ kein Recht hätte, sich zu beklagen.

Literarische Gründe für die Ablehnung von Vergeltung liegen einerseits darin, dass Ledig „[…] dem nach dem Krieg sich herausbildenden Verhaltensmuster für Schriftsteller nicht entsprechen konnte" (Sebald 1999, S. 111). Sein Lebenslauf gleicht dem eines rastlosen Wanderers: er hatte unterschiedlichste Berufe (Schriftsteller, Ingenieur, Gerüstbauer, Regisseur). Es scheint, als hätte er nicht genau gewusst, welche Beschäftigung erfüllend für ihn war. Weiterhin ist es in „Vergeltung“ nur schwer möglich, eine Einteilung der Gewaltakte und eine Schuldzuschreibung vorzunehmen. Es ist in Ledigs Roman ausgesprochen schwierig, „[...] das komplexe Phänomen der Gewalt mittels sinnstiftender Strukturen zu erfassen [...]“. Solche sinnstiftenden Strukturen „sind […] vor allem die bipolaren Differenzierungsmuster in Handlungssubjekte (Täter und Opfer), in moralische Wertigkeiten (legitime und illegitime Gewalt) sowie die Unterscheidung der sozialen Funktionalität von Gewaltakten (sinnvolle versus sinnlose Gewaltanwendung)“ (Hundrieser 2003, S. 365).

2 Aktionsraum, gestimmter Raum, Anschauungsraum

Zunächst möchte ich auf die Wahrnehmungsformen des Raumes nach Ströker (1965), dargestellt von Haupt (2004) eingehen. Es werden drei unterschiedliche Wahrnehmungsformen des literarischen Raumes unterschieden: der Aktionsraum, der gestimmte Raum und der Anschauungsraum.

Ein literarischer Raum wird als Aktionsraum bezeichnet, wenn er der Schilderung der Handlungen der Figuren dient. Dabei kommt ihm auch eine Bedeutung als Bewegungsraum zu. Ein Aktionsraum im Erzähltext wird selten detailliert beschrieben, er kann auch der Charakterisierung von Figuren dienen, indem bspw. eine Figur im Raum umherirrt, und dadurch rastlos und ratlos erscheinen kann.

Als gestimmten Raum sieht man den literarischen Raum an, wenn die Wahrnehmung eines Raumes eine bestimmte Stimmung oder Atmosphäre erzeugt. Der Eindruck, den der dargestellte Raum in einer Figur hinterlässt, kann sich durch neue Einflüsse zum Besseren oder Schlechteren neigen, und so auf eine Entwicklung in der Persönlichkeit dieser Figur hinweisen, bspw. „[…] durch das Hinzukommen von Gegenständen oder Figuren, deren Einfluss auf die Stimmung des Raumes dann ihre besondere Bedeutung unterstreichen kann“ (Haupt 2004, S. 73).

Im literarischen Raum als Anschauungsraum ist das Visuelle wichtig, d.h. alles was ein handelndes Subjekt im Raum sieht, gehört zum Anschauungsraum. Die meisten Menschen nehmen sichtbare Dinge weitgehend übereinstimmend wahr: „Der Anschauungsraum ist die objektivste der beschriebenen Raumstrukturen; die gesehenen Dinge sind für die meisten Menschen identisch […]“ (ebd., S. 71). Die Universalität, mit der Leser einen geschilderten Raum wahrnehmen, ermöglicht es ihnen, „[to construct, St. Sch.] 'mental maps' or 'mental spaces' in their minds. These allow them to track the characters' movements through space“(Neumann et al. 2008, S. 60). Auf diese Weise kann sich in der Vorstellung des Lesers/ der Leserin ein Überblick oder Panorama des dargestellten Raumes bilden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wahrnehmungsformen des Raums (Haupt 2004, S. 72)

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Darstellung des literarischen Raumes in Gert Ledigs „Vergeltung“ und Wolfgang Borcherts „Billbrook“
Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg  (Institut für Deutsche Sprache und Literatur und ihre Didaktik)
Veranstaltung
Luftkrieg und Literatur
Note
2,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
18
Katalognummer
V172844
ISBN (eBook)
9783640928941
Dateigröße
590 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Luftkrieg, Krieg, Weltkrieg, Raum, literarischer Raum, Analyse, Textanalyse, Raumvergleich
Arbeit zitieren
Stefan Schütt (Autor), 2010, Die Darstellung des literarischen Raumes in Gert Ledigs „Vergeltung“ und Wolfgang Borcherts „Billbrook“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/172844

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