Neurobiologisches Wissen für Kommunikationstrainings

Erkenntnisse der Gehirnforschung für die Erwachsenenbildung


Masterarbeit, 2011

102 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Interdisziplinäre Ansatzpunkte
1.2 Definition von Neurobiologie
1.3 Stellenwert des Themas in der interpersonellen Kommunikation
1.4 Forschungsinteresse und Forschungsziel
1.5 Forschungsfragen
1.6 Die Methode der Metaanalyse

2. Neurobiologische Grundlagen
2.1 Gehirninterne Verbindungen und Informationskanäle
2.1.1 Neuronen und synaptische Verbindungen
2.1.2 Das Gehirn beschäftigt sich überwiegend mit sich selbst
2.1.3 Die Entstehung von Synapsenverbindungen
2.1.4 Neuronale Netzwerke und Repräsentanzen
2.2 Funktion und Wirkungsweise einzelner Gehirnareale
2.2.1 Zwiebelschicht A: Das Betriebssystem (Reptiliengehirn)
2.2.1.1 Hirnstamm - das Alarmzentrum
2.2.1.2 Kleinhirn - der Motor
2.2.1.3 Mittelhirn - die Steuerung
2.2.2 Zwiebelschicht B: Das Bewertungssystem
2.2.2.1 Thalamus - das Tor zum Bewusstsein
2.2.2.2 Das limbische System - das zentrale Bewertungssystem
2.2.2.3 Botenstoffe und neuromodulatorische Systeme - die Belohnungsstoffe
2.2.2.4 Der Mandelkern (Amygdala) - der Stressindikator
2.2.2.5 Das mesolimbische System - das emotionale Erfahrungsgedächtnis
2.2.3 Zwiebelschicht C: Das Speichersystem
2.2.3.1 Hippocampus - der Bibliothekar / der Prozessor
2.2.3.2 Cortex - die Bibliothek / die Festplatte
2.2.4 Zwiebelschicht D: Das Kontrollzentrum

3. Erkenntnisse der Gehirnforschung und ihre Verwertbarkeit
3.1 Die Veränderbarkeit des Gehirns
3.1.1 Die Neuroplastizität des Gehirns
3.1.2 Die linke und rechte Gehirnhälfte als klassisches Modell
3.1.3 Junge und reifere Gehirne
3.1.4 Frau und Mann: neurobiologische Unterschiede
3.2 Zwiebelschicht A: Praxiswissen Betriebssystem
3.2.1 Archaische Notfallprogramme
3.2.2 Die Betriebsleistung des Gehirns sicherstellen
3.2.3 Die untrennbare Einheit von Körper und Gehirn/Geist/Psyche
3.2.4 Bewegung fördert Lernen
3.3 Zwiebelschicht B: Praxiswissen Bewertungssystem
3.3.1 Einstieg in das Seminar und volle Aufmerksamkeit
3.3.2 Begeisterung und Belohnung
3.3.3 Das Gehirn ist ein Sozialorgan
3.3.4 Infotainment: Lernen mit Spaß und Schokolade
3.3.5 Die Seminarumgebung
3.3.6 Gerüche wirken unbewusst
3.3.7 Das unbewusste Potential unseres Gehirns
3.3.8 Stress und Komfortzone
3.3.9 Selbstvertrauen, Erfolgserlebnisse
3.4 Zwiebelschicht C: Praxiswissen Speichersystem
3.4.1 Neuigkeit und Bedeutsamkeit
3.4.2 Wissen muss jedes Gehirn selber schaffen
3.4.3 Abspeichern in unterschiedlichen Gehirnregionen
3.4.4 Lernen durch Wiederholen
3.4.5 Von Beispielen zu Regeln
3.4.6 Vom Bekanntem zum Unbekannten
3.4.7 Wir hören, was wir hören können
3.4.8 Verarbeitung im Schlaf
3.4.9 Die Erwartungsabfrage
3.4.10 Übertragung und Projektion - neurowissenschaftlich betrachtet
3.5 Zwiebelschicht D: Praxiswissen Kontrollzentrum
3.5.1 Die bewusste Handlungsplanung
3.5.2 Die Kontrolle des Reptiliengehirns
3.5.3 Entwicklung von Metakompetenzen
3.6 Lernen am Modell
3.6.1 Das Vorbild wirkt
3.6.2 Die Spiegelneuronen erzeugen Resonanz
3.6.3 Empathie, Einfühlungsvermögen und Wertschätzung

4. Zusammenfassung und weitere Forschungsideen
4.1 Fazit, Verwertbarkeit und Ausblick
4.2 Die Erkenntnisse der Gehirnforschung kritisch betrachtet
4.3 Top 7: Kernaussagen und Anregungen
4.3.1 Das Gehirn ist veränderbar
4.3.2 Jedes Gehirn muss selber lernen
4.3.3 Vorbildlernen und Spiegelneuronen
4.3.4 Zwiebelschicht A: Das Betriebssystem
4.3.5 Zwiebelschicht B: Das Bewertungssystem
4.3.6 Zwiebelschicht C: Das Speichersystem
4.3.7 Zwiebelschicht D: Das Kontrollzentrum

5. Abbildungsverzeichnis

6. Literaturverzeichnis

7. Anhang: Auswahl von Forschungsbereichen und Wissenschaftern

1. Einleitung

Kommunikationstrainer und -trainerinnen haben als Experten und Expertinnen mit ihrer Expertise für interpersonelle Kommunikation ein breites Betätigungsfeld: sie sprechen, reden, diskutieren, coachen, moderieren, mediieren, entwickeln, denken und reflektieren, beraten, fördern und fordern und leiten und begleiten Personen und Unternehmen. In unterschiedlichen Veranstaltungsformen kommunizieren sie in Seminaren, Workshops, Vorträgen oder Besprechungen und Meetings. Sie planen und bereiten vor, fühlen und denken sich in Personen, Prozesse, Abläufe und Organisationen hinein.

In Veranstaltungen sind Trainer und Trainerinnen die überwiegende Zeit mit interperso- neller Kommunikation beschäftigt. Sie geben fachliche Inputs, erläutern Themen näher, zeigen andere Sichtweisen auf, sie irritieren mit ungewohnten Gedanken und Ideen und versuchen bei den Teilnehmenden Lernprozesse und Entwicklungen in Gang zu setzen. Kommunikationstrainern und -trainerinnen steht ein nahezu unüberblickbares Wissen aus unterschiedlichen Disziplinen und Fachrichtungen zur Verfügung. Die intensive Aus- einandersetzung mit der einschlägigen Literatur zeigt, dass Kommunikationstrainings ein interdisziplinäres Thema sind. Die Interdisziplinarität der Neurobiologie lässt Trainer und Trainerinnen mit ihren verschiedensten individuellen Arbeitsstilen an die Erkenntnisse der Gehirnforschung anknüpfen.

In den letzten Jahren hat die Gehirnforschung zunehmend populärwissenschaftliche Dimensionen angenommen. Im Austausch mit Kollegen und Kolleginnen sowie Teilnehmern und Teilnehmerinnen werden daher Erkenntnisse aus der Gehirnforschung häufiger thematisiert. Interpersonelle Kommunikation bedeutet immer kommunikative und persönliche Arbeit von Mensch zu Mensch, von Gehirn zu Gehirn.

Diese Beobachtung zeigt, dass Wissen über die Funktionalität des Gehirns bezogen auf die gehirngerechte Durchführung von Seminaren für Kommunikationstrainer und -trainer- innen von grundlegender Bedeutung ist. Daraus ergeben sich Fragen nach Grundstruk- turen, Grundmustern oder vielleicht sogar Gesetzmäßigkeiten in der Arbeitsweise des Gehirns. Die praktische Umsetzbarkeit in den Seminarveranstaltungen kann so durch sogenannte ‚harte Fakten‘ oder anschauliche Inhalte maßgeblich untermauert werden. Um bestmögliche Erfolge zu sichern, wird neurobiologisches Wissen idealerweise in die Vorbereitung, Konzeption und Durchführung eines Kommunikationstrainings mit einbe- zogen. Somit gehören Erkenntnisse der Gehirnforschung und des neurobiologischen Wissens einerseits zum Basiswissen erfahrener Kommunikationstrainer und -trainerin- nen und andererseits in die Curricula von Trainingsausbildungen.

Die Auseinandersetzung mit diesem Thema in Form von wissenschaftlicher Literatur von Recherchen zeigen, dass das Thema Neurobiologie mit sehr vielen anderen wissen- 1 schaftlichen Disziplinen in Verbindung steht. Ein Überblick über die Interdisziplinarität findet sich im Kapitel 1.2.1. Die vorliegende Arbeit versucht den aktuellen wissenschaftlichen Forschungsstand aufzuzeigen und bietet in einer verständlichen und praxisnahen Sprache Anregungen für die tägliche Anwendung im Seminaralltag. Als medizinischer Laie hat mir die Einarbeitung in die Neurowissenschaften und die Neurobiologie durchaus mehr Kopfzerbrechen gemacht als geplant. Im ‚Selbstversuch‘ war das Entstehen von neuronalen Netzwerken in meinem Gehirn spürbar. Insgesamt habe ich in der Rückschau den Eindruck, als wäre diese ganze Arbeit, diese intensive Auseinandersetzung eine einzige Übung zur Bildung meiner neuen neuronalen Netzwerkstrukturen gewesen. Viele zuerst noch nicht erkennbaren Strukturen, Zusammenhänge und Erkenntnisse waren plötzlich fast schon banal und einleuchtend - und manchmal auch wieder nur ein Zwischenschritt zum endgültigen Ergebnis.

Drei Dinge waren dazu notwendig: Zeit, Geduld und die intensive Auseinandersetzung mit dem Thema. ‚Gut Ding braucht Weile‘ - dieser Satz hat seine neurobiologische Be- stätigung erfahren. Auch wenn mich diese Erkenntnis bisweilen frustriert hat. Die Fortschritte der Gehirnforschung im letzten Jahrzehnt wurden vor allem durch die Entwicklung bildgebender Verfahren möglich und stellen diesbezüglich an sich schon eine der herausragenden Leistungen im Bereich der Hirnforschung dar (vgl. Spitzer 2009b: 40). Mit der Möglichkeit der Darstellung und Sichtbarmachung mittels bildgeben- der Verfahren kann die Wissenschaft einerseits Bilder von der Struktur des Gehirns er- zeugen.

Andererseits können auch die physiologischen und biochemischen Aktivitäten abgebildet werden. Damit kann man Aussagen über die Funktion des Gehirnareals machen indem aufgezeigt wird, in welchem Gehirnteil welche Aktivität vorhanden ist. Vergliche]n wird dabei die Tätigkeit des Gehirns im Ruhezustand und während einer bestimmten geisti- gen Leistung. Dadurch können aktivierte Strukturen im Gehirn dargestellt werden und Informationen darüber gesammelt werden, wo genau eine bestimmte Leistung im Gehirn stattfindet (vgl. Spitzer 2009b: 40). Diese Technik bildet die Basis dafür, naturwissen- schaftlich begründeten Aussagen über die Funktionsweise des Gehirns machen zu kön- nen. Zu den bekanntesten Methoden gehört die Positronenemissionstomographie (PET), bei dem radioaktiv markierte Substanzen (Isotopen) in den Körper eingebracht werden. Bei ihrem radioaktiven Zerfall werden Positionen (positiv geladene Elementarteilchen) freigesetzt. Der Nachteil dieser Methode ist ein hoher technischer Aufwand und damit ein hoher Preis dieser Methode. Die Magnetresonanztomografie (FMRT) wurde gegen Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre entwickelt. Am Computer kann sichtbargemacht werden, welche Areale des Gehirns im Hinblick auf Sauerstoffreichtum des durchflie- ßenden Blutes aktiver reagieren. Die FMRT hat den Vorteil einer hohen räumlichen Auf- lösung und gibt die Möglichkeit der Darstellung einer exakten Lokalisation anatomischer Strukturen. Bei der Kernspin-Tomographie (NMR, ‚Nuclear Magnetic Resonance‘)wird mit starken Magnetfeldern gearbeitet, der Computer berechnet aufgrund dieser Radiowellen entsprechende Schnittbilder (vgl. Roth 2009a: 135).

Auch wenn die Erkenntnisse in den letzten Jahren sehr spektakulär und entsprechend publiziert wurden, ist Gehirnforschung keine Erfindung unserer Zeit. Schon um 1870 et- wa beschäftigte sich der italienische Arzt Camillo Golgi mit Gehirnforschung. Er färbte dazu die Hirnhäute und experimentierte mit Silbersalzen. Für ihre Leistungen bekamen Golgi und der Spanier Santiago Ramo`n y Cajal gemeinsam im Jahre 1902 den Nobel- preis für die Neuronentheorie des Gehirns. Auch die Ärzte Sigmund Freud und Sigmund Exner erdachten und zeichneten schon im Jahre 1895 aus Neuronen bestehende ‚Netz- werke‘ (vgl. Spitzer 2000: 3). Die WHO erklärte die letzte Dekade vor der Jahrtausend- wende zum Jahr des Gehirns (vgl. Bear 2009: 24). Im Jahre 2001 erhielt Eric Kandel den Nobelpreis dafür, dass er herausfand, wie Wissen entsteht und wie Wissen in unserem Gehirn verarbeitet wird.

Die OECD hat im Jahre 2005 (vgl. Spitzer 2009a: 397f.) ein Projekt zur Förderung der Zusammenarbeit zwischen Lernforschern und Gehirnforschern ins Leben gerufen. Die neurobiologische Grundlagenforschung findet zunehmend Anwendung in alltäglichen Bereichen.

In der Ausgabe der Salzburger Nachrichten vom 19. Februar 2011 wird über den Fonds zur wissenschaftlichen Forschungsförderung (FwF) berichtet, mit dem Nachwuchswissenschaftler an der Universität Salzburg mit rund 1,25 Millionen Euro gefördert werden. Es gibt Stipendien für Doktorandinnen und Doktoranden im Bereich der neurokognitiven Wissenschaften. In diesem Kolleg mit dem Namen ‚Imaging of the Mind‘ soll die geistige Tätigkeit des Gehirns und mentale Funktionen untersucht werden.

Nach einer Internetrecherche über das Fachmagazin ‚Geist und Gehirn‘ gelangt man zur erstaunlichen Erkenntnis, dass nahezu an allen Universitäten Deutschlands ein Universitätsstudium rund um das interdisziplinäre Thema ‚Hirnforschung‘ angeboten wird. Zwei Beispiele mögen dies erläutern: an der Ruhr-Universität Bochum wird ein Studiengang Psychologie mit Schwerpunkt Kognitive Neurowissenschaften angeboten. In diesem Bachelorstudium geht es vor allem um die Themen Kognition und Gehirn, Neuropsychologie sowie Biopsychologie (vgl. OQ 1).

An der Eberhard-Karls-Universität Tübingen wird ebenfalls ein ähnlicher Studiengang für Neuro- und Verhaltenswissenschaften angeboten. In diesem Masterstudium geht es schwerpunktmäßig um die Themen systemische und kognitive Neurowissenschaft, theo- retische Neurowissenschaft und Neuroinformatik, Psychophysik, Neurophysiologie und bildgebende Verfahren (vgl. OQ 2).

Mit Erstaunen ist festzustellen: Wir sind im Zeitalter von ‚Neuro‘ angekommen! Neurobio- logische Aspekte und die Anwendung für die Praxis stellen sich als breiter und interdis- ziplinär beforschter Bereich dar. Viele Disziplinen liefern dazu Anknüpfungspunkte und Beiträge für neue Erkenntnisse. Gehirnforschung hat in vielen Bereichen des Lebens Eingang gefunden. Zahlreiche Autoren und Autorinnen sowie Wissenschaftler Wissen- schaftlerinnen aus der Gehirnforschung haben in den letzten Jahren viele neue Erkennt- nisse und Publikationen hervorgebracht und der allgemeinen Anwendung zur Verfügung gestellt.

1.1 Interdisziplinäre Ansatzpunkte

Die Verwendung unterschiedlicher Suchmaschinen im Internet macht deutlich, dass das Feld der ‚Neurobiologie‘ ein fast unüberschaubar verzweigtes Netz von unterschiedlichen Themen und Disziplinen darstellt. Die Präsenz der Gehirnforschung zeigt sich beinahe täglich: in Tages- und Wochenzeitungen, in wissenschaftlichen oder populärwissenschaftlichen Magazinen. Während der Recherche ergaben sich immer wieder neue Anknüpfungspunkte, immer weiter zogen sich die Kreise. Die notwendige Themenselektion war zugleich Herausforderung und Hilfestellung.

Im Folgenden ist eine alphabetische Auswahl jener Forschungsbereiche und For- schungsthemen aufgeführt, bei denen die Erkenntnisse der Gehirnforschung Eingang gefunden haben und interessante Verknüpfungen zwischen der Neurobiologie, der Kommunikationswissenschaften, der Psychologie und der Didaktik aufscheinen lassen.

Bildungsforschung, Bio-Logik, Biopsychologie, Didaktik und Methodik, Elementarpä- dagogik, Emotionen und emotionale Verhaltenssteuerung, Entwicklungsneurobiolo- gie, Entwicklungspädiatrie, Entwicklungspsychologie, Emotionsforschung, Erzie- hungswissenschaften, Evolutionsbiologie, Gedächtnis- und Lernforschung, Gehirn- forschung und Pädagogik, Gesundheitspsychologie, Instruktionspädagogik und - psychologie, Interpersonelle Kommunikation, Kommunikationswissenschaften, Kogni- tions- und Emotionspsychologie, Kognitionswissenschaften, Kognitive Gehirnfor- schung, Kognitive Psychologie, Kognitive Entwicklungsneurobiologie, Lehr- und Lern- forschung, Lernpsychologie, Lernwissenschaften, Modell der Informationsverarbei- tung, Molekularbiologie, Motivation, Neurobiologie und Verhaltensbiologie, Neurobio- logische Grundlagen der Empathie, Neurobiologische und Neurodidaktische Konzep- te zur Lehr- und Lerngestaltung, Lehr-, Unterrichts- und Schulentwicklung, Neuro- kognition des Lesens, Neurokognitive Forschung, Neurokognitive Grundlagen der In- teraktion zwischen Sprache und Emotion, Neurokognitive Methoden, Neurokognitive Psychologie, Neuro-Logik, Neuromarketing, Neuronale Mechanismen von Lernpro- zessen in früher Kindheit, Neuropädagogik, Neurophilosophie, Neurophysiologie, Neuropsychologie, Neurowissenschaft, Ontogenese: Individualentwicklung des Ge- hirns, Pathologische Auswirkungen von Stress und Trauma auf die Gehirnentwick- lung, Pädagogik, Persönlichkeitsentwicklung, Psycho-Edukation, Philosophie, Phy- siologische Psychologie, Psychologie, Psychologische Lernforschung, Psychosyner- getik, Verhaltensphysiologie, Verhaltenssteuerung, Verhaltenswissenschaften, Wahrnehmung und Erkenntnistheorie.

1.2 Definition von Neurobiologie

In der freien Enzyklopädie Wikipedia findet sich als Überbegriff zum Begriff der ‚Neurobiologie‘ der Begriff ‚Neurowissenschaften‘. Die Neurowissenschaften unterteilen sich danach in vier unterschiedliche Disziplinen:

- Neurobiologie
- Neurophysiologie
- kognitive Neurowissenschaft
- klinisch-medizinische Fächer

Im Begriff ‚Neurobiologie‘ sind nach der Wortzusammensetzung die beiden Forschungs- bereiche von Medizin (‚Neuro‘) und Biologie zusammengefasst. In der Enzyklopädie Wi- kipedia findet sich eine weitere Definition: „Die Neurobiologie beschäftigt sich im Wesent- lichen mit den molekularen und zellbiologischen Grundlagen der Neurowissenschaften“ (vgl. OQ 3).

Bemerkenswert ist, dass im grundlegenden Lehrbuch ‚Neurowissenschaft‘ von Bear (2009) der Begriff ‚Neurobiologie‘ im Index nicht zu finden ist (vgl. Bear 2009: 969). Da es sich um eine Übersetzung aus dem Amerikanischen handelt, könnte es möglicher- weise in Europa und Amerika wiederum unterschiedliche Begriffsdefinitionen geben. Als klinisch-medizinische Spezialisten beschäftigen sich die Berufszweige des Neurolo- gen, Psychiaters, Neurochirurgen und des Neuropathologen mit dem Gehirn des Men- schen. Bear gibt einen Überblick von experimentellen Neurowissenschaftlern:

- Entwicklungsneurowissenschaftler untersuchen die Entwicklung und Reifung des Gehirns.
- Der Neuroanatom untersucht die Struktur des Nervensystems, der Neurochemi- ker dessen Chemie.
- Der Neuroethologe untersucht die neuronalen Grundlagen von artspezifischem Verhalten bei Tieren und der Physiopsychologe (Biopsychologe, Psychobiologe) die biologischen Grundlagen des Verhaltens. - Der Psychophysiker misst die Leistung der Sinneswahrnehmung (vgl. Bear 2009: 17).

Für das 3. Kapitel (Verwertbarkeit) konnten für folgende Wissenschaftsbereiche Verbin- dungen mit neurobiologischem Wissen recherchiert werden: Didaktik und Methodik, Emotionen und emotionale Verhaltenssteuerung, Gedächtnis- und Lernforschung, Ge- hirnforschung und Pädagogik, Interpersonelle Kommunikation, Kommunikationswissen- schaften, Kognitionswissenschaften, Kognitive Gehirnforschung (Neurowissenschaft), Kognitive Psychologie, Lernpsychologie, Neurobiologie und Verhaltensbiologie, Neuro- kognitive Psychologie, Neuropädagogik, Neurowissenschaft, Pädagogik, Psychologie, Verhaltenswissenschaften.

Im allgemeinen Sprachgebrauch oder in der populärwissenschaftlichen Literatur ist eher von den Erkenntnissen der ‚Hirnforschung‘ und weniger von der ‚Gehirnforschung‘ zu lesen. In diesem Zusammenhang werden hauptsächlich Untersuchungsergebnisse dar- gestellt, die mit dem Aufbau und den Leistungen des Gehirns befasst sind. In den Re- cherchen war feststellbar, dass ‚Neurobiologie‘ und ‚Hirnforschung‘ in vielen Bereichen ähnlich verwendet wird.

Eine enge Kooperation zwischen den Erkenntnissen der Neurobiologie und der Didaktik gibt es durch die neurowissenschaftliche Disziplin der ‚Neurodidaktik‘. Friedrich (1995) definiert Neurodidaktik folgendermaßen:

Der Begriff Neurodidaktik umschreibt die Aufgabe, dem Zusammenhang zwischen den neurologischen Bedingungen des Menschen und seiner Lernfähigkeit nach- zugehen, um daraus Erkenntnisse für die Didaktik zu gewinnen. Die Umsetzung der Erkenntnisse in pädagogisches Planen und Handeln soll dabei vom Ziel gelei- tet werden, die Würde des Menschen zu bewahren und zu mehren (Friedrich 1995: 11).

Der Begriff Neurodidaktik setzt sich zusammen aus neuro-, [griech. Neũron = Nerv] und Didaktik [griech. Didaktikós], der Lehre vom Lehren (vgl. OQ 4).

Im praktischen Anwendungsteil dieser Arbeit (3. Abschnitt: Verwertbarkeit) sind einige Erkenntnisse und Anregungen mit neurodidaktischem Ansatz kombiniert. Im Kapitel 3 (Erkenntnisse und Verwertbarkeit) werden ausgewählte Verbindungen zur Neurodidaktik hergestellt. Allein das Thema ‚Neurodidaktik‘ wäre eine interessante wissenschaftliche Abhandlung. Deshalb kann im Rahmen dieser aus Gründen der Themenselektion keine explizite Vertiefung in diesem Thema erfolgen.

Herrmann sieht zwischen den Disziplinen Neurowissenschaften, Kognitionspsychologie, Pädagogik sowie der Bio- und Sozialpsychologie durchaus breite Überschneidungsfelder. Er detailliert die Sichtweisen der einzelnen Disziplinen wie folgt:

Das lernende Gehirn ist aus Sicht der Neurowissenschaften ein Objekt, an dem vor allem Zellstoffwechselprozesse studiert werden können und nachvollzogen werden kann, wie das Gehirn aus ‚Informationen‘ ‚Biologie‘ macht. Dies ist vor allem durch die Veränderungen der Synapsen und neuronalen Netzwerke nachweisbar (Hermann 2009a 9f.).

Im Grundlagenwerk über Neurowissenschaften von Bear werden die Begriffe ‚Neurowissenschaft‘ und ‚Hirnforschung‘ synonym verwendet (vgl. Bear 2009: 14). Folgende Unterteilung wird vorgenommen:

- Die Molekulare Neurowissenschaft beschäftigt sich mit Molekülen und Nerven- bahnen, Neuronen und Botenstoffen.
- Die Zelluläre Neurowissenschaft beschäftigt sich mit den verschiedenen Typen von Neuronen und deren Funktion sowie das Zusammenwirken von Molekülen.
- Arbeitsschwerpunkte der systemischen Neurowissenschaft betreffen die komple- xen Schaltkreise von Neuronengruppen und untersuchen die Verarbeitung von In- formationen über die Sinneskanäle.
- Die verhaltensorientierte Neurowissenschaft beschäftigt sich mit unterschiedli- chen Formen des Gedächtnisses, geschlechtsspezifischen Verhaltensweisen o- der der Frage, woher Träume kommen.
- Die kognitive Neurowissenschaft erforscht die Aktivität des Gehirns, die geistige Vorstellungskraft und die Sprache (vgl. Bear 2009: 14f.).

Die kognitionspsychologische Disziplin sieht das lernende Gehirn als ‚Agentur‘ von und für höhere kognitive Prozesse, die sich für die Anleitung von Denk- und Verstehensprozessen nutzen lässt. Analog dazu verstehen sich die neuronalen Repräsentationen (siehe Kapitel 2.1.4) als Pendant dazu (vgl. Hermann 2009a: 9).

Das lernende Gehirn aus der Sichtweise der Bio- und Sozialpsychologie stellt die angst- freien, ermutigenden und Erfolgszuversicht signalisierenden Beziehungen als wesentli- che Grundlage in den Vordergrund. Erst dadurch ist es dem Gehirn möglich, optimale Lern- und Gedächtnisleistungen zu vollbringen (vgl. Hermann 2009a: 10).

Aus der Sichtweise der Pädagogen und Pädagoginnen sollen diese selbst Experten dafür sein, dem lernenden Gehirn jede Unterstützungen und Hilfestellungen zu ermöglichen, um die jeweiligen neuronalen Strukturen durch optimale Interventionen begünstigen (vgl. Herrmann 2009a: 10).

‚Neurobiologisches Wissen für Kommunikationstrainings‘ muss sich in diesem fast unüberschaubar verzweigten Netz von unterschiedlichen Disziplinen damit notwendigerweise auf eine Auswahl an einzelnen Themen reduzieren.

Im nächsten Kapitel wird deutlich, wie viele Überschneidungsfelder sich mit den The- menbereichen der interpersonellen Kommunikation ergeben. Spitzer (2009b: 24) formu- liert es so: „daher wird ein Lehrer, der weiß, wie das Gehirn funktioniert, besser lehren können“.

1.3 Stellenwert des Themas in der interpersonellen Kommunikati- on

Der Ausschreibungstext zu dem dieser Arbeit zugrundeliegenden ‚Universitätslehrgang für interpersonelle Kommunikation‘ lässt viele neurobiologische Anknüpfungspunkte er- kennen:

Die Qualität von Kommunikation ist heute zum Erfolgsfaktor geworden. Menschen in Unternehmen und Organisationen sind gefordert, Orientierung zu geben, Klar- heit und Verbindlichkeit zu schaffen. Kommunikative Kompetenz wird somit zu ei- ner Grundlage für ökonomischen Erfolg. Im privaten Bereich ist gute Kommunika- tion das, was Menschen brauchen, wenn sich Familien- und Beziehungsstruktu- ren wandeln. [….]

Im Mittelpunkt steht das kommunikative Handeln und Verhalten auf der Basis von wissenschaftlichen Theorien, Modellen und Konzepten. Die Aneignung von adäquaten Methoden und Instrumenten zur Umsetzung von Kommunikationszielen ist dabei zentral. Die so erworbenen Fähigkeiten können z.B. bei der Leitung von Gruppen, in Seminaren und Trainings im Bereich der interpersonellen Kommunikation angewendet werden (vgl. OQ 5).

Die Kommunikation zwischen Menschen - von Gehirn zu Gehirn - stellt einen wesentli- chen Schwerpunkt in der Arbeit von Kommunikationstrainern und -trainerinnen dar. Die Reflexion des kommunikativen Handelns und Verhaltens und die daraus folgende Kom- munikation ist auch Ergebnis vieler neuronaler Prozesse.

Für Kommunikationsexperten und -expertinnen bieten sich vielfältige Gelegenheiten, Wissen, Themen, Inhalte, Anregungen, Erkenntnisse zu vermitteln und pädagogisch und didaktisch richtig an den Mann und an die Frau zu bringen. Anregungen, Meinungen, Erfahrungen sowie Tipps und Tricks, wie sich Menschen in kommunikativen Situationen besser ausdrücken können, werden für folgende Situationen eingeübt: Konfliktsituationen, Mitarbeiter- und Mitarbeiterinnengespräche, persönliches Coaching, Small-Talk, Verhandeln, Beraten, Erarbeiten von Lösungen etc.

Verschiedene Arbeitsweisen ermöglichen Teilnehmenden nicht nur sich in unterschiedliche Situationen hineinzuversetzen, sondern diese auch zu erleben, erspüren und erfahren. Mit Rollenspielen, Videoeinsatz, simulierten Praxissituationen und verschiedenen Arbeitsformen in der ganzen Gruppe, in Kleingruppen oder in Einzelarbeit werden Perspektivenwechsel sichtbar. Besprechen, zuhören, verhandeln, motivieren, analysieren, diskutieren, versuchen zu verstehen und Verständnis zu entwickeln, mitteilen, erfahren und erspüren: intuitiv setzen erfahrene Trainer und Trainerinnen individuell bei Menschen in verschiedenen Situationen unterschiedliche Interventionen. Jeder Trainer und jede Trainerin hat ihren eigenen Stil entwickelt.

Ziel eines Kommunikationstrainings ist die (nachhaltige) Veränderung im zukünftigen Verhalten. So ist nach Trainings, Coachings oder Beratungen häufig ein hohes Erinnerungsvermögen zu emotional assoziierten Erfahrungen feststellbar. Oftmals jedoch ist eine geringe Nachhaltigkeit bezüglich der Umsetzung der Inhalte, Theorien und Handlungsanleitungen in die Praxis feststellbar. Durch individuelle Zielformulierungen, Wiederholungen, Peergruppentreffen, Follow-up-Tage, Email-Coachings etc. soll möglichst viel in die tägliche Praxis transferiert werden.

1.4 Forschungsinteresse und Forschungsziel

Die vorliegende Arbeit setzt sich als Ziel, die Ergebnisse der Neurobiologie für die An- wendung in Kommunikationstrainings herauszuarbeiten, zu systematisieren und zu kata- logisieren. Es sollen hilfreiches Wissen, Erklärungsmodelle und neurobiologische Hinter- gründe dargestellt werden, die in der Praxis für Kommunikationstrainer und -trainerinnen als wissenschaftliche Erklärung angewendet und als wissenschaftliches Hintergrundwis- sen dienen können. Zu vielen Themen der interpersonellen Kommunikation stellen sich die Erkenntnisse der Gehirnforschung als gemeinsamer Nenner, als Vertiefungsmaterie und als Erklärungsmodell dar.

1.5 Forschungsfragen

Mit dieser Forschungsarbeit wird aufgezeigt, dass neurobiologisches Wissen in Kommu- nikationstrainings sowohl für Trainer und Trainerin als auch für die Teilnehmer und Teil- nehmerinnen von der Vorbereitung bis zur Durchführung vorteilhaft eingesetzt werden kann.

Aus der Themenstellung ergeben sich folgende Forschungsfragen:

- Was können Trainer und Trainerinnen in der Vorbereitung und Konzeption be- rücksichtigen, damit eine höhere Aufmerksamkeit auf die vermittelten Inhalte erzielt wird?
- Was können Trainer und Trainerinnen in ihrem persönlichen Auftreten beachten,
um Vorbildwirkung zu erzielen?
- Was können Trainer und Trainerinnen in ihrem persönlichen Verhalten berück- sichtigen, um die Lernbereitschaft von Teilnehmern und Teilnehmerinnen zu fördern und positiv zu verstärken?
- Gibt es gehirngerecht vermittelnde Methoden, mit denen Wissen leichter aufge- nommen werden kann?
- Gibt es gehirngerecht vermittelnde Methoden, mit denen Wissen längerfristiger abgespeichert werden kann?
- Ist Gehirnforschung ein interdisziplinäres Thema?
- Welche neurodidaktischen Erkenntnisse aus der Neurobiologie fördern und unter- stützen eine nachhaltigere Verhaltensveränderung?
- Begünstigt gehirngerechtes Lehren und Lernen die vertiefende Entwicklung von Metakompetenzen?

1.6 Die Methode der Metaanalyse

„Die Inhaltsanalyse ist eine empirische Methode zur systematischen, intersubjektiv nach- vollziehbaren Beschreibung inhaltlicher und formaler Merkmale von Mitteilungen“ (Früh 1989: 23). Die traditionelle Inhaltsanalyse betrachtet eine Vielzahl von Botschaften des gleichen Typs, und die Ergebnisse unterliegen einer systematischen Analyse, die zum Ziel hat etwaige Tendenzen zur Forschungsfrage herauszufiltern, um verallgemeinernde Aussagen treffen zu können.

Dieses qualitative Verfahren hat die Aufgabe, Gegenstände möglichst komplex zu erfas- sen und zu beschreiben (vgl. Mayring 2007: 16ff.). Angestrebt werden die Darstellung, Systematisierung und der Überblick über den aktuellen Stand der Neurobiologie. Laut Bortz und Döring befindet sich die Methode der Metaanalyse in einem Entwicklungspro- zess (vgl. Bortz & Döring 2005: 628). Im Gegensatz zur Primäranalyse werden neue (Roh-)Daten unter einer neuen Fragestellung analysiert und „die Ergebnisse (z.B.) Korre- lationskoeffizienten) mehrerer Untersuchungen zum selben Thema zusammengefaßt.“ (vgl. Bortz & Döring 2005: 374). Für die vorliegende Forschungsarbeit eignet sich die Methode der Literaturstudie deshalb, weil sie ermöglicht, über den aktuellen For- schungsstand des zu analysierenden Themas ein Gesamtbild zu verschaffen.

2. Neurobiologische Grundlagen

Im folgenden Kapitel werden zum grundlegenden Verständnis jene Areale des Gehirns und dessen Funktion dargestellt, die das neurobiologische Grundlagenwissen darstellen. Die Arbeit als Kommunikationstrainer und -trainerin hat zu einem überwiegenden Teil mit der Vermittlung von Wissen, Inhalten und Erfahrungen zu tun. Ziel eines Seminars ist meist, dass die vermittelten Inhalte von den Teilnehmenden auch ‚gelernt‘ werden. Die- ses Lehren und Lernen hat immer mit den Gehirnen der Beteiligten zu tun. „Das Lernen zu verstehen heißt, das Gehirn zu verstehen“ (Spitzer 2009b: 23). Wenn wir wissen, wel- che Gehirnregion wofür zuständig ist, wie sie arbeitet und welche Grundaufgabe sie hat, dann können wir im darauffolgenden Kapitel der Frage nachgehen, welche Auswirkun- gen dieses Darstellungen für die Beantwortung der Forschungsfragen haben könnte.

2.1 Gehirninterne Verbindungen und Informationskanäle

Um Wissen und Erfahrungen zu vermitteln, stehen in einem Kommunikationstraining grundsätzlich fünf Übermittlungswege zur Verfügung:

1. der visuelle,
2. der auditorische,
3. der somatosensorische,
4. der gustatorische und
5. der olfaktorische Kanal (vgl. Roth 2009a: 29ff.).

Seminarteilnehmern und -teilnehmerinnen kann mit Worten, Gestik und Mimik und mit verschiedenen Formen der Visualisierung die Informationen überbracht werden. Über den körperlichen Kanal kann etwas begriffen, ertastet, gefühlt oder erlebt werden. Über den gustatorischen Kanal kann etwas für die Geschmacksnerven im Mundraum und für die Zunge angeboten werden. Die Nutzung des olfaktorischen Kanals regt die Nase und die Riechnerven an.

Die einzelnen Übermittlungskanäle, wie Informationen in Gehirne gelangen können, sollen noch etwas genauer erläutert werden. Spitzer (2009a: 53) gibt die Anzahl der Nervenfasern, die über die Wahrnehmungskanäle als Informationen in das Gehirn gehen, mit insgesamt etwa 2,5 Millionen an. Der wichtigste Inputgeber für das Gehirn ist laut Spitzer (2000: 134) das Sehsystem: über die Augen ziehen jeweils etwa eine Million Nervenfasern zum Gehirn. Über die beiden Ohren ziehen etwa je 30.000 Nervenfasern in das Gehirn (vgl. Spitzer 2008: 67). Die verbleibenden etwa 0,5 Millionen Nervenfasern verlaufen über den Tastsinn (Haut), Mund und Nase.

Nach Spitzer (2009a: 53) ziehen vom Gehirn zu den Muskeln und Drüsen etwa 1,5 Milli- onen Nervenfasern über das Zentralnervensystem in den Körper, um dort entsprechendes Verhalten zu bewirken. Insgesamt können demnach Informationen vom und zum Gehirn über die Kanäle von etwa 4 Millionen Nervenfasern ausgetauscht werden.

2.1.1 Neuronen und synaptische Verbindungen

Das menschliche Gehirn besteht aus Nervenzellen, den so genannten Neuronen und den Faserverbindungen zwischen den Neuronen, den Synapsen. Im Gehirn befinden sich insgesamt mehr als 100 Milliarden Gehirnzellen. Der Cortex besteht etwa aus 20 Milliarden Neuronen. Das Kleinhirn hat kleinere Neuronen aber dafür viel mehr: etwa 100 Milliarden Zellen (vgl. Spitzer 2009a: 51).

Die Anzahl der Neuronen bei der Geburt eines Menschen ist etwa gleich wie im Erwach- senenalter. Von der Geburt bis zur Pubertät besteht die Entwicklung des Gehirns vor allem in der ‚Verdrahtung‘ der Neuronen (vgl. Spitzer 2009a: 52). Die Zunahme der Di- cke der Fasern - der neuronalen Netze - lässt das Gehirn bis zum Erwachsenwerden um 50 Prozent wachsen. Im Detail geht es auch um bessere Isolierung (Myelinisierung) der Nervenfasern. Damit entsteht eine schnellere Erregungsleitung (Spitzer 2009a: 240). Je dicker diese Myelinscheide ist, desto schneller breitet sich die Erregung über sie aus (vgl. Roth 2009a: 64).

Die detailliertere Beschreibung des Gehirnaufbaues lässt sich nach Spitzer (2009a: 41 ff.) und Roth (2009a: 16ff.) wie folgt darstellen: Das Gehirn besteht aus Neuronen. Das sind spezialisierte Zellen, die für die Reizaufnahme sowie die Weitergabe und Verarbei- tung von Nervenimpulsen (Erregungen) zuständig sind. Die Nervenzellen des Gehirns werden Neuronen genannt. Im Unterschied zu anderen Zellen sind Neuronen auf die Aufnahme und rasche Weiterleitung von Informationen spezialisiert. Die Verbindungen zwischen den Kontaktstellen der Neuronen werden Synapsen genannt und machen den größten Teil des Gehirns aus. An ihnen findet die Erregungsübertragung von einer Zelle auf die andere statt. Ist die synaptische Verbindung (Verbindung zwischen den Neuro- nen) stark, dann wird auch das nachfolgende Neuron stark erregt, wenn diese Verbin- dung schwach ist, dann geschieht auch am folgenden Neuron wenig (vgl. Spitzer 2009a: 43).

Für Neuronen gibt es nur entweder eine Aktivierung oder Hemmung der Impulse (ein Feuern oder Nichtfeuern) (vgl. Spitzer 2009a: 54). Für die Anwendungspraxis im Kapitel 3.2. bedeutet dies: entweder werden die Neuronen zum Wachsen angeregt oder nicht. Ein bisschen Wachsen gibt es nicht. Die zweite praxisrelevante Information erhalten wir mit folgender Aussage: derselbe Impuls kann bei unterschiedlichen Synapsen je nach Verbindungsstärke unterschiedlich wirken (vgl. Spitzer 2009a: 43). Damit ist erklärbar, warum ein und dieselbe kommunikative Aussage (Impuls) bei unterschiedlichen Menschen verschiedene Wirkung haben kann.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1: Neuronale Netzwerke. (Quelle: Akademie für neurowissenschaftliches Bildungsmanagement - AFNB: 2010).

2.1.2 Das Gehirn beschäftigt sich überwiegend mit sich selbst

Bemerkenswert ist jene Anzahl von Verbindungen, die Neuronen im Gehirn untereinan- der eingehen können. Jedes Neuron steht mit bis zu 10.000 anderen Neuronen in Ver- bindung: „Die Zahl der internen Verbindungen des Gehirns (1014 ) ist 10 Millionen mal so groß wie die Zahl der Eingänge und Ausgänge zusammen […], die Zellen in unserem Gehirn sind somit vor allem untereinander verbunden und nur eine Verbindung von 10 Millionen geht in das Gehirn hinein oder aus ihm hinaus“ (Spitzer 2009a: 52). Noch dras- tischer drückt es Spitzer (2000: 135) mit folgenden Worten aus: „99,9% aller kortikalen Neuronen erhalten ihren Input von anderen kortikalen Neuronen und liefern ihren Output an andere kortikale Neuronen“. Die Gehirnaktivität ist folglich nur in ganz geringem Aus- maß mit der Verarbeitung der Eindrücke über unsere fünf Sinneskanäle beschäftigt und viel mehr mit der gehirninternen Verarbeitung von Signalen. Durch diese neurobiologi- sche Besonderheit erklärt sich für Roth auch das Entstehen von Bewusstsein (vgl. Roth 2009a: 28). Im Zuge der Themenselektion kann auf das Thema ‚Bewusstsein’ hier nicht näher eingegangen werden.

„Überspitzt ausgedrückt: Unser Gehirn beschäftigt sich fast ausschließlich mit sich selbst“ (Spitzer 2000: 135). Dies könnte bedeuten, dass das Gehirn eine große Menge an Informationen in Form von Wahrnehmen, Lernen und Denken autonom bewältigt. Sobald Informationen in unser Gehirn gelangt sind, werden diese selbstständig vor allem unbewusst weiter be- und verarbeitet.

2.1.3 Die Entstehung von Synapsenverbindungen

Die Aktivität der Neuronen insbesondere im Hinblick auf deren Wachstum wurde im Hip- pocampus besonders intensiv erforscht (vgl. Spitzer 2009a: 27f.). Im Jahre 1998 wurde die Neubildung von Nervenzellen im Gehirn des Menschen nachgewiesen. Bei Londoner Taxifahrern konnte man einen leicht vergrößerten Hippocampus im Vergleich zum Durchschnittsmenschen feststellen. Im Kapitel 2.2.3.1 wird zum Hippocampus eingehend erläutert, wofür dieser zuständig ist: für die Speicherung von Einzelheiten und für das örtliche Sich-Zurechtfinden. Dieses Gehirnareal benötigen die Londoner Taxifahrer of- fensichtlich verstärkt: es ist bei ihnen vergrößert. „Es könnte aber auch sein, dass der Hippocampus bei Londoner Taxifahrern ganz besonders beansprucht wird und daher wächst (etwa so, wie Muskeln wachsen, wenn man viel trainiert)“ (Spitzer 2009a: 31). Die Aussage von Spitzer entspricht auch der herrschenden Auffassung zur Neuroplasti- zität des Gehirns (näheres im Kapitel 3.1.1.).

Im Hippocampus konnte noch eine weitere Entdeckung gemacht werden: das lernende Gehirn muss sich mindestens 10 Minuten mit etwas Neuem beschäftigen, damit neue Repräsentationen im Gehirn entstehen können. Im Zeitraum von der 1. bis zur 10. Minute sind im lernenden Gehirn noch keine Anzeichen für das Entstehen neuronaler Bahnen erkennbar (Spitzer 2009a: 27).

Folglich sind Lerneinheiten unter 10 Minuten wenig wirkungsvoll. Das gibt uns den Hinweis für die Praxis, dass bei nur ganz kurzen Lerneinheiten von wenigen Minuten vom Gehirn eine Synapsenbildung gar nicht möglich ist. Eine Vorstellung, wie schnell Nervenzellen im Körper wachsen können, erläutert Spitzer, der das Wachstum einer Nervenzelle in der Hand mit einem Millimeter pro Tag beziffert. (vgl. Spitzer 2009b: 30). In dieselbe Richtung geht eine Untersuchung von Valentin Nägerl (2007) vom MaxPlanck-Institut. Innerhalb von wenigen Minuten beginnen gezielt stimulierte Neuronen bereits, neue Fortsätze zu bilden. Für das Lernen und Erfahren bedeutet dies, dass sich schon nach sehr kurzer Zeit bei entsprechender Stimulierung erste Ansätze neuronaler Bahnen bilden und ein Umbau des Gehirns eingeleitet wird.

Andererseits weist Nägerl darauf hin, dass innerhalb der ersten acht Stunden noch über keinen dieser neu entstandenen Zellkontakte Informationen ausgetauscht werden. Erst in den darauf folgenden Stunden entscheidet sich, ob eine Verbindung bestehen bleibt oder sich zurückbildet. Die Kontakte, die auch nach 24 Stunden noch vorhanden sind, besitzen voll funktionsfähige Synapsen zur Informationsübertragung und haben eine gute Chance, auch nach mehreren Tagen noch zu existieren (Nägerl 2007).

Wie lange das Gehirn lernen muss, damit es Tätigkeiten mit Perfektion ausführen kann, verdeutlichen folgende Untersuchungen: wirklich gute Musiker haben bis zum 20. Le- bensjahr mindestens 10.000 Stunden mit dem Instrument zugebracht, und Fließbandar- 15 beiter erreichen eine optimale Leistung, nachdem sie die Handgriffe über eine Million Mal gemacht haben (vgl. Spitzer 2009a: 67).

2.1.4 Neuronale Netzwerke und Repräsentanzen

„Neuronale Netzwerke sind informationsverarbeitende Systeme, die aus einer großen Zahl einfacher Schalteinheiten zusammengesetzt sind“ (Spitzer 2009a: 49). Durch Akti- vierung (oder Hemmung) von Neuronen wird in neuronalen Netzwerken Information ver- arbeitet. Mit Informationen aus diesen Eingängen bilden sich im Laufe der Zeit spezifi- sche Strukturen und Verknüpfungen im Gehirn. Werden solche neuronalen Verbindun- gen häufiger und intensiver genutzt, so entstehen allmählich immer spezifischere und komplexere Regelkreise und Netzwerke, die dann die körperlichen Prozesse steuern. Mit entsprechenden Inputs aus den verschiedenen Körperregionen werden spezifische Strukturen und Verknüpfungen im Gehirn herausgebildet. Diese werden als Repräsen- tanzen für die betreffenden Körperfunktionen angelegt. Die Funktion eines Neurons be- steht im Erhalt von Input. Bei entsprechender Aktivierung repräsentiert es diesen Input (vgl. Spitzer 2009a: 49).

Je mehr Informationen über die Nervenfasern an ein bestimmtes Gehirnareal mit entsprechender Intensität gelangen, umso ausgeprägter werden die synaptischen Verbindungen. Damit ist gemeint, „dass Neuronen, die auf ähnliche Inputmuster ansprechen, nahe beieinander liegen, und dass Häufiges durch mehr Neuronen repräsentiert wird als Seltenes“ (Spitzer 2009b: 26).

Hüther kreiert ein anschauliches Bild für die Entwicklung von neuronalen Netzwerken: die anfänglich noch sehr feinen und auch vielfach verzweigten Nervenwege im Gehirn entwickeln sich durch intensivere Nutzung von unwegsamen Pfaden allmählich zu kleinen aber gut befahrbaren Straßen und bisweilen auch zu Überlandstraßen oder eingefahrenen Autobahnen (vgl. Hüther 2009a: 110). Lehren, Lernen, Erfahrungen und Verhaltensveränderungen ermöglichen bildlich gesprochen den Bau von Wegen und Straßen im Gehirn. Den Vorgang des Lernens beschreibt Spitzer (2009a: 12) damit, dass im Gehirn neuronale Repräsentationen entstehen und sich verändern.

2.2 Funktion und Wirkungsweise einzelner Gehirnareale

Im folgenden Kapitel wird ein Überblick über jene neurobiologisch relevanten Gehirnare- ale dargestellt, die einen maßgeblichen Einfluss in der zwischenmenschlichen Kommu- nikation haben. Die medizinischen und neurologischen Fakten werden der Verständlich- keit halber so detailliert wie unbedingt nötig dargestellt werden. Ab Kapitel 3. werden die einzelnen Gehirnareale in ihrer ‚kommunikativen‘ Arbeitsweise näher beleuchtet. Auffal- lend dabei wird sein, dass manche Gehirnareale schon sehr intensiv erforscht wurden und damit auch im praktischen Teil verwertet werden können. Zu manchen Gehirnarealen konnten im Rahmen dieser Arbeit noch wenige neurobiologische Anknüpfungspunkte für die Seminarpraxis gefunden werden.

Das menschliche Gehirn wiegt etwa 1,5 Kilogramm und macht ca. 2 Prozent des Kör- pergewichtes aus. Es ist das Zentrum für alle Sinnesempfindungen und Willkürhandlun- gen. Das Gedächtnis, Bewusstsein und alle geistigen Leistungen werden vom Gehirn (maßgeblich) vollbracht. Das menschliche Gehirn gehört wohl zu den kompliziertesten Strukturen, die wir kennen. Das Lernen, die psychischen Prozesse und das Verhalten finden aus neuropsychologischer Sichtweise im Gehirn statt und werden vom Nerven- system gesteuert. Obwohl das menschliche Gehirn nur 2 Prozent unseres Körpergewich- tes ausmacht, verbraucht es mehr als 20 Prozent unserer gesamten Energie (vgl. Spitzer 2009a: 13). Das ist auch die Erklärung dafür, weshalb die Arbeit mit dem Gehirn so an- strengend sein kann. Ein Fünftel aller Energie, die wir pro Tag in Form von Nahrung, Sauerstoff und Bewegung dem Körper zuführen, wird allein für unser Gehirn benötigt.

Hier würde sich ein Seitenthema ‚gehirngerechte Nahrung‘ anbieten. Spannend wäre das Thema zu erörtern, wie die Versorgung des Gehirn mit Bewegung und mit der Auf- nahme von ‚Lebensmitteln‘ gestaltet sein muss, damit es gut versorgt ist und optimal arbeiten kann. Aus Gründen der Themenselektion kann auf dieses Kapitel nicht näher eingegangen werden.

Um Aussagen für den Zweck dieser Arbeit zu erhalten scheint der medizinische Aufbau des Gehirns weniger geeignet zu sein. Vielversprechender ist es, eine Strukturierung des Gehirns zu finden, die ein neurobiologisches Abbild der Nervenzellen des Gehirns und der neuronalen Netze ergeben.

Ein wesentlicher Teil in der Arbeit als Kommunikationstrainer oder -trainerin besteht in der Übertragung von Wissen, der Ermöglichung von (Lern-)Erfahrungen oder der Eröffnung neuer Blickwinkel, Sichtweisen und Entwicklung neuer Lösungsvarianten. Aufbauend auf das Wissen um die neurologische Entwicklung und Verschaltung neuer Synapsen könnte für Kommunikationstrainer und -trainerinnen interessant sein zu überlegen, wie diese Entwicklung unterstützt und gefördert werden kann.

Für diese erfahrungsabhängige Strukturierung neuronaler Netzwerke und synaptischer Verschaltungsmuster vergleicht Hüther (vgl. 2009a: 114f.) die verschiedenen Ebenen des sich entwickelnden Gehirns mit der Herausbildung der älteren und jüngeren Schich- ten einer Zwiebel. Dieses Zwiebelmodell wird in der Folge erweitert und kombiniert mit der detaillierten wissenschaftlichen Darstellung des Gehirns aus neurobiologischer Sicht von Roth (vgl. 2009a: 13ff.), den anatomischen Erläuterungen in Linke (2002: 25f.) sowie den anatomischen Ausführungen in Bear (2009: 227ff.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.2: Eine schematische Darstellung des menschlichen Gehirns, in Anlehnung an das Zwiebelmodell von Hüther 2009a: 115. (Quelle: eigene Darstellung).

Die Beschreibung der folgenden Gehirnareale ist nicht wie eine technische Beschreibung einer Maschine zu verstehen. Den Gehirnarealen sind zwar bestimmte Aufgaben und Funktionen zugewiesen, entwickeln sich aber in ihrer Ausprägung durch die subjektiven und entwicklungsgeschichtlichen Erfahrungen des Menschen unterschiedlich. Im Laufe des Lebens werden erfahrungsabhängige Strukturen und entsprechende neuronale Netzwerke sowie synaptische Verschaltungsmuster geschaffen.

2.2.1 Zwiebelschicht A: Das Betriebssystem (Reptiliengehirn)

Die innerste Schicht und der entwicklungsgeschichtlich älteste Teil des Gehirns werden als Stammhirn bezeichnet. Roth (2009: 23) fasst in diesem Bereich folgende Gehirnarea- le zusammen:

- Das verlängerte Rückenmark
- Die Brücke (Pons) und
- Das Mittelhirn (Mesencephalon)

Das Zwischenhirn (Diencephalon) gehört ebenso zum Stammhirn, wird in diesem Modell aber schon der zweiten Zwiebelschicht zugeordnet, da es funktionell und entwicklungs- geschichtlich vom Hirnstamm abgegrenzt wird (vgl. Hüther 2009a: 115). In der Literatur wird dieses älteste Gehirnareal auch immer wieder Reptiliengehirn genannt (vgl. u.a. Roth 2008: 117).

2.2.1.1 Hirnstamm - das Alarmzentrum

Im Hirnstamm werden die Atmung, Herzfrequenz, Blutdruck, Kreislauf oder einfache mo- torische Reflexe gesteuert. Diese sind für die basale Regulation der im Körper ablaufen- den Prozesse zuständig. Das Stammhirn verbindet das übrige Gehirn mit dem Rücken- mark. Treffen Informationen ein, so werden diese überkreuz weitergeleitet, die linke Kör- perhälfte wird von der rechten Gehirnhälfte gesteuert und umgekehrt. Die Anatomie des Hirnstamms besteht aus sehr früh entstandenen Verschaltungen und veränderte sich im Laufe der Evolution relativ wenig. Im Gegensatz dazu hat sich insbesondere das Vor- derhirn (siehe dazu Kapitel 2.2.4.) zum präfrontalen Cortex ständig weiterentwickelt (vgl. Hüther 2009a: 114).

Das verlängerte Mark, die Brücke und das Mittelhirn steuern als Hirnstamm die basalen Regulationen vielfältiger im Körper ablaufender Prozesse wie Atmung oder einfache mo- torische Reflexe. Diese Gehirnareale sorgen dafür, dass alle vegetativen Funktionen gut funktionieren, Stoffwechsel und Blutkreislauf und die biologischen Grundbedürfnisse er- füllt sind (Schlafen, Müdigkeit, Wachen, Hunger - Essen und Trinken, Sexualität, Vertei- digung, Angriff oder Flucht bei Bedrohung) (vgl. Roth 2009a: 30). Der Hirnstamm ist ein Alarmzentrum des Gehirns (vgl. Bauer 2009c: 38), das gemeinsam mit Hypothalamus, der Insula und den Mandelkernen das Gefühl der Gefahr und Angstreaktionen auslöst.

2.2.1.2 Kleinhirn - der Motor

Das Kleinhirn (Cerebellum) lagert sich dem Hirnstamm hinten auf und liegt unterhalb des Großhirns im hinteren Bereich des Schädels. Das Kleinhirn erfüllt wichtige Aufgaben bei der Steuerung der Motorik: es ist zuständig für Bewegungen und deren Koordination und Feinabstimmung sowie für die unbewusste Planung und das Erlernen von Bewegungsabläufen. Zudem wird ihm neuerdings auch eine Rolle bei zahlreichen höheren kognitiven Prozessen zugeschrieben (vgl. Roth 2009a: 30).

Dieses Gehirnareal stellt einen wichtigen Ort für motorisches Lernen dar, vor allem für Koordination und Bewegung. Das Kleinhirn wird bei sehr vielen Registrierungen der Hirnaktivität bei bildgebenden Verfahren sichtbar: bei motorischem Lernen, bei der Koordination von Bewegungen, bei Feinkoordination, aber auch bei kognitiven und sprachlichen Leistungen und Gedankenketten (vgl. Roth 2009a: 22).

2.2.1.3 Mittelhirn - die Steuerung

Das Mittelhirn ist ein Teil des Hirnstammes. Es liegt zwischen Brücke und Zwischenhirn, steuert die meisten Augenmuskeln und ist mitbestimmend für die Steuerungsvorgänge der Bewegung und Feinmotorik (vgl. Roth 2009a: 22).

Das relativ kleine Mittelhirn ist nicht nur für die unbewusste Verarbeitung von Hörinformationen wie auch für die (unbewusste) Handlungssteuerung und Handlungsbewertung zuständig, sondern ebenso für Orientierungsleistungen, die sich aus visuell ausgelösten Kopf- und Blickbewegungen ergeben sowie den daraus resultierenden Hand- und Armbewegungen (vgl. Roth 2009a: 22).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.3: Schematische Darstellung unterschiedlicher Gehirnareale - das Reptiliengehirn (Zwiebelschicht A - lila), das limbische System (Zwiebelschicht B - blau). Quelle: Akademie für neurowissenschaftliches Bildungsmanagement (AFNB: 2010).

2.2.2 Zwiebelschicht B: Das Bewertungssystem

Diese Zwiebelschicht des Gehirns erscheint als die am intensivsten erforschte Schicht und bietet viele Anknüpfungspunkte für die praktische Anwendung. Über dem Stammhirn bilden sich als zweite Zwiebelschicht wiederum komplexere Netz- werke aus, die aus dem Thalamus, dem Hypothalamus (als Teil des Zwischenhirns) und dem limbischen System bestehen. Durch die Aktivierung dieser komplexen Netzwerke werden Aktionen aus dem Hirnstamm zu konzentrierten Aktionen und Körperreaktionen zusammengebunden (vgl. Hüther 2009a: 115). „Dieses System vermittelt Affekte, Gefüh- le und Motivation und ist auf diese Weise der eigentliche Kontrolleur des Lernerfolges“ (Roth 2009c: 60ff.). Es ist für die Verarbeitung von Emotionen zuständig und in weiterer Folge auch für die Ausschüttung von Neurotransmittern zuständig.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.4: Längsschnitt durch das menschliche Gehirn mit den wichtigsten limbischen Zentren. (Quelle: Roth 2009c: 61).

2.2.2.1 Thalamus - das Tor zum Bewusstsein

Der Thalamus bildet den größten Teil des Zwischenhirns und weist mit seinen verschie- denen Kerngebieten besonders starke Verbindungen zur gesamten Großhirnrinde auf. Die Aufgabe des Thalamus besteht in der Modulation der ein- und ausgehenden Infor- mationen zum Großhirn und somit der Erregung der Großhirnrinde (vgl. Roth 2009a: 24). Damit sich der Mensch der ins Gehirn gelangenden Informationen bewusst werden kann, müssen alle (Ausnahme ist das olfaktorische System) aufsteigenden Bahnen auf ihrem Weg zum Cortex vorher mit dem Thalamus verschaltet werden. Der Thalamus fungiert als Filter und Verteiler und entscheidet, welche Informationen (Sinneseindrücke) an die Großhirnrinde weitergeleitet werden und damit ins Bewusstsein gelangen sollen. Der Thalamus bekommt wiederum Input von anderen Hirnarealen. Als Verteilungs- und Fil- terkriterium wird in Abstimmung auf die Gesamtsituation (etwa die Grundbedürfnisse des Hirnstammes) des gesamten Organismus entschieden, was gerade wichtig (zur Weiter- leitung an den Cortex) ist. Er wird deshalb oft als ‚Tor zum Bewusstsein‘ bezeichnet (vgl. Roth 2009a: 23).

[...]

Ende der Leseprobe aus 102 Seiten

Details

Titel
Neurobiologisches Wissen für Kommunikationstrainings
Untertitel
Erkenntnisse der Gehirnforschung für die Erwachsenenbildung
Hochschule
Universität Salzburg  (Kultur- und Gesellschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Salzburg)
Veranstaltung
Master of Science in Interpersonal Communication (MSc)
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
102
Katalognummer
V172858
ISBN (eBook)
9783640929214
Dateigröße
1545 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Konkrete Verknüpfungen mit der interpersonellen Kommunikationspraxis werden im dritten Kapitel geliefert, wo die bisher gewonnenen Erkenntnisse der Gehirnforschung auf rund 50 Seiten auf ihre Verwertbarkeit für die tägliche Praxis geprüft, erläutert und erklärt werden. Der Autor trägt in diesem Abschnitt eine Fülle von Hinweisen und Anregungen zusammen, wie „gehirngerechtes Lehren, Lernen und Erfahren" umgesetzt werden könnte. Zur Strukturierung dient die Metapher der Zwiebelschichten von Prof. Hüther, wobei jeder Schicht recht kreativ eine Funktionszuweisung gegeben wird.
Schlagworte
Neurobiologie, Gehirnforschung, Erwachsenenbildung, Gehirngerechtes Lernen, Neurodidaktik, Gehirngerechte Kommunikationstrainings, Hirnforschung
Arbeit zitieren
Dr. Hannes Horngacher (Autor), 2011, Neurobiologisches Wissen für Kommunikationstrainings, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/172858

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Neurobiologisches Wissen für Kommunikationstrainings



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden