[...] Dann und wann klingen Stimmen über „misslungene“ Entwicklungsprojekte zu
uns durch, sogar vom „Vergeblichkeitssyndrom“ (Sangmeister 2009, S.164) der
Entwicklungszusammenarbeit (EZ) ist die Rede.
Wie in sozialen Angelegenheiten üblich, ist das Resultat vorab schwer
abzuschätzen. Doch wann spricht man von einem negativen Ergebnis in der
Entwicklungshilfe? Und wann ist Entwicklungshilfe gelungen? Ist es überhaupt
sinnvoll zu helfen und wie würde man dann Nicht-Hilfe rechtfertigen? Wem
hilft die Entwicklungshilfe eigentlich? Dient die Hilfe letzten Endes nur als Daseinsberechtigung für die Helfenden und verstellt gar das Selbsthilfepotential
derer, denen geholfen wird, indem ihnen geholfen wird?
Diesen Fragen wollen wir im ersten Teil der vorliegenden mit Hilfe der 3
Verdachtsmomente (Motiv-, Stigmatisierungs- und Effizienzverdacht) von Dirk
Baecker nachgehen.
Welchen Orientierungsrahmen setzt die Regierung, um Entwicklungshilfe
erfolgreich nennen zu können? Welche Strategien gibt, es den
Verdachtsmomenten Baeckers zu entgehen? Gibt es Richtlinien für
Entwicklungszusammenarbeit bzw. -hilfe? Für wen sind diese verbindlich? Und
wer kontrolliert deren Einhaltung?
Auf die Existenz und Verbindlichkeit von Richtlinien und Strategien der
Entwicklungspolitik, also staatlicher Rahmenbedingungen, wird im zweiten
Teil der Arbeit näher eingegangen. Hierbei bilden die Ergebnisse aus UNKonferenzen,
die Millenniumsentwicklungsziele und die Pariser Erklärung den
Hauptbezugspunkt.
Der dritte Teil der Arbeit beschäftigt sich mit den Fragen der Maßnahmen, die
im Prozess von Bedeutung sind. Maßnahmen und Vorgaben bei der
Durchführung von Entwicklungshilfeprojekten stehen in diesem Abschnitt im
Vordergrund. Dabei werden einschlägige Begriffe, die der Entwicklungshilfe
als Orientierung dienen, näher erklärt. [...] Des Weiteren wird in Kapitel 3 auf die Erfolgs- und Wirkungsmessung von
Entwicklungshilfe-Projekten eingegangen. Hierbei beschäftigen uns die Fragen, wann ein Entwicklungshilfe-Projekt als hilf- und erfolgreich gilt. Und ob die
genannten politischen Richtlinien und Maßnahmen zur Umsetzung von
Projekten den Helfern dabei helfen, erfolgreich zu unterstützen. Auch wer das
Ergebnis der Hilfe bewertet und welches Ergebnis erstrebenswert ist, wird in
diesem Teil angesprochen.
Entscheidet der jeweilige Entwicklungshelfer darüber, was den zu Helfenden
hilft und wann ihnen geholfen ist? Und endet im Idealfall nach Abschluss von
Projekten der Hilfebedarf?
Inhaltsverzeichnis
1. Verdachtsmomente
1.1 Motivverdacht
1.2 Stigmatisierungsverdacht
1.3 Effizienzverdacht
1.4 System der sozialen Hilfe
2. Strategien und Struktur der Entwicklungszusammenarbeit (entwicklungspolitische Rahmenbedingungen)
2.1 Strategien und Prinzipien der Entwicklungszusammenarbeit
2.1.1 Modernisierungs- und Industrialisierungsstrategien
2.1.2 Dependenztheorien und "Neokolonialismus"
2.1.3 Grundbedürfnisstrategie
2.1.4 Strategie der Nachhaltigkeit und Zukunftssicherung
2.1.4.1 Verteilungsgerechtigkeit
2.1.4.2 Chancengerechtigkeit
2.2 Entwicklungspolitische Ziele und Richtlinien
2.2.1 UN-Konferenzen
2.2.1.1 UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung (UNCED) in Rio de Janeiro 1992
2.2.1.2 Weltgipfel für soziale Entwicklung in Kopenhagen 1995
2.2.1.3 Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung (WSSD) in Johannesburg 2002
2.2.2 Millenniums-Entwicklungsziele (MDGs)
2.2.3 Aktuelle Ergebnisse: Paris-Deklaration von 2005 und Aktionsplan von Accra 2008
3. Maßnahmen und Vorgaben bei der Durchführung von Entwicklungsprojekten
3.1 Maßnahmen und Orientierungswerte von Entwicklungshilfeprojekten
3.1.1 Kohärenz, Koordination und Komplementarität
3.1.2 Gleichberechtigung und Gerechtigkeit
3.1.3 Verantwortung und Eigenverantwortung
3.1.4 Relevanz
3.1.5 Wirkung und Wirksamkeit (impact)
3.1.6 Effektivität und Effizienz
3.2 Wirkungs- und Nachhaltigkeitsmessung
3.2.1 Ziel und Zweck der Erfolgskontrolle bzw. Evaluation
3.2.2 Grundlagen der Wirkungs- und Nachhaltigkeitsmessung
3.2.3. Durchführung und Form der Evaluation
3.2.4 Kurzdarstellung von Projektevaluationen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert kritisch die Strukturen und Wirkmechanismen der Entwicklungszusammenarbeit (EZ), um zu untersuchen, ob diese Projekte tatsächlich hilfreich für die Zielgruppen sind oder primär dem Erhalt des Hilfesystems dienen. Basierend auf systemtheoretischen Verdachtsmomenten wird erforscht, wie durch Strategien, Richtlinien und Evaluationsmethoden die Wirksamkeit gesteigert und eine Stärkung der Eigenverantwortung der betroffenen Länder erreicht werden kann.
- Systemtheoretische Analyse der Entwicklungszusammenarbeit (Baeckers Verdachtsmomente)
- Entwicklungspolitische Rahmenbedingungen und globale Zielvorgaben (UN-Konferenzen, MDGs)
- Qualitätsmanagement und Wirksamkeitsmessung von Hilfsprojekten (Evaluation)
- Prinzipien der Eigenverantwortung, Kohärenz und Nachhaltigkeit in der Durchführung
Auszug aus dem Buch
1.1 Motivverdacht
„Erstens unterliegt alle Hilfe dem Motivverdacht, eher dem Helfenden zu nützen als dem, dem zu helfen ist“ (Baecker 1994, S. 93).
Hilfe ist die „Aufrechterhaltung bestimmter Eigenzustände der Gesellschaft“ (ebd.) und schließt somit die Aufrechterhaltung von Abweichungen und Normalität in der Gesellschaft ein. Solange es Abweichung in der Gesellschaft gibt, das heißt, so lange die Sozialarbeit Situationen als abweichend definiert, sichert sie (die Sozialarbeit) sich ihr Handlungsfeld. Der Motivverdacht geht also von der Behauptung aus, dass das Motiv, das sich hinter der Hilfe, des Helfens halber versteckt, die Aufrechterhaltung des Systems Soziale Hilfe ist.
Die helfende Organisation „darf das Problem nicht nur lösen, das sie zu entscheiden hat, sie muß es auch reproduzieren, damit sie es auch in Zukunft entscheiden kann" (Baecker 1997b, S. 44). Sie muss sich durch Sicherung des Nachschubs ihre Existenzgrundlage bewahren. Der einzelne Sozialarbeiter ist damit in den Stand gesetzt, „…sich aus den vielen Gründen für soziale Hilfe denjenigen auszusuchen, den er von Fall zu Fall braucht" (Baecker 1997b, S. 45). Ihr „Handwerkszeug“ zur Sicherung des Nachschubs ist die Entscheidungsmacht, wann eine Abweichung als solche gilt.
Angesichts dieser Theorie ist Hilfe aus Helfersicht als hilfreich zu bewerten, obwohl in der gängigen Vorstellung Hilfe vor allem an den Bedürftigen gerichtet sein sollte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Verdachtsmomente: Einführung in die systemtheoretische Kritik von Dirk Baecker, die Hilfe als potenzielles Mittel zur Aufrechterhaltung von Stigmatisierung und Systemerhalt betrachtet.
2. Strategien und Struktur der Entwicklungszusammenarbeit (entwicklungspolitische Rahmenbedingungen): Analyse der globalen Leitbilder, UN-Konferenzen und Millenniums-Entwicklungsziele, die als Richtlinien zur Qualitätssteigerung und Zielvorgabe dienen.
3. Maßnahmen und Vorgaben bei der Durchführung von Entwicklungsprojekten: Untersuchung der operativen Kriterien wie Kohärenz, Wirksamkeit und Evaluation, anhand derer Entwicklungshilfe in der Praxis gesteuert und kontrolliert wird.
Fazit: Zusammenfassende Bewertung der theoretischen Verdachtsmomente im Kontext praktischer Entwicklungsstrategien und die Feststellung, dass eine wirkungsorientierte Evaluation der Schlüssel zur Überwindung von Ineffizienz ist.
Schlüsselwörter
Entwicklungszusammenarbeit, Systemtheorie, Motivverdacht, Stigmatisierungsverdacht, Effizienzverdacht, Millenniums-Entwicklungsziele, Nachhaltigkeit, Eigenverantwortung, Evaluation, Wirkungsmessung, Hilfe zur Selbsthilfe, Good Governance, soziale Gerechtigkeit, Nicht-Hilfe, Entwicklungsstrategien.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die kritische Frage, ob Entwicklungshilfe tatsächlich den Hilfsbedürftigen zugutekommt oder ob sie primär als Instrument zur Aufrechterhaltung von Machtstrukturen und des eigenen Hilfesystems fungiert.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Arbeit beleuchtet systemtheoretische Grundlagen, entwicklungspolitische Rahmenbedingungen, internationale Abkommen wie die Millenniums-Entwicklungsziele und operative Maßnahmen zur Evaluierung von Projekten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es herauszufinden, ob durch moderne Strategien und Qualitätsstandards in der Entwicklungspolitik die systemimmanenten Gefahren einer ineffizienten oder stigmatisierenden Hilfe ausgeräumt oder zumindest abgeschwächt werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine systemtheoretische Analyse, insbesondere basierend auf den Konzepten von Dirk Baecker, und kombiniert diese mit einer Literaturanalyse aktueller entwicklungspolitischer Strategien und Evaluationsberichte aus der Praxis.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung durch Verdachtsmomente, eine detaillierte Analyse der entwicklungspolitischen Strategien und Ziele sowie eine tiefgehende Auseinandersetzung mit Maßnahmen und Evaluationsmethoden in der praktischen Projektdurchführung.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind die „3 Verdachtsmomente“ (Motiv-, Stigmatisierungs- und Effizienzverdacht), Eigenverantwortung (Ownership), Nachhaltigkeit sowie verschiedene Ansätze zur Wirkungs- und Erfolgskontrolle in der Entwicklungszusammenarbeit.
Wie wird das Konzept der „Nicht-Hilfe“ in der Arbeit definiert?
Die „Nicht-Hilfe“ wird systemtheoretisch als notwendige Option betrachtet, um einer drohenden Abhängigkeit und Lähmung der Selbsthilfepotenziale der Betroffenen entgegenzuwirken, wenn eine Hilfeleistung ihre Funktion verloren hat.
Welche Rolle spielt die „Evaluation“ bei der Optimierung der Entwicklungshilfe?
Evaluationen dienen als wichtiges Korrektiv, um über rein materielle Zuwendungen hinaus die tatsächliche Wirksamkeit (Impact) und Nachhaltigkeit zu prüfen, wodurch ein Lerneffekt für zukünftige Projekte ermöglicht wird.
- Citar trabajo
- Monika Schattenkirchner (Autor), 2010, Strategien und Maßnahmen zur Optimierung von Projekten der Entwicklungshilfe, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/172988