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Das Leben Max Hovens

und seine zahlreichen Anläufe, einen Sinn in seinem Dasein zu finden

Titre: Das Leben Max Hovens

Roman , 2026 , 576 Pages

Autor:in: Heinz-Jürgen Schönhals (Auteur)

StorySphere
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Der Roman handelt von Max Hoven, der in seinem Leben nach einem Sinn sucht. Zwar meint er, endlich die große Liebe gefunden zu haben, doch sogleich sieht er sein Glück durch seinen Arzt in Frage gestellt, der ihm andeutet, er sei tödlich erkrankt. Um sich abzulenken, denkt er über die früheren Zeiten nach. Da seine jetzige Geliebte seiner Schülerliebe ähnlich sieht, fragte er sich schon damals, ob das Glück eines Menschen tatsächlich in der großen Liebe besteht. Sie war ihm einst in der Gestalt von Karina Maternus erschienen, doch die Konkurrenz mit seinem besten Freund Heinz Grafenstein ließ das Ziel in weite Ferne rücken.

Vorübergehend glaubte er, das Leben sei eine Bewährungsprobe im christlichen Sinne, wo der Mensch beweisen müsste, dass er ein guter Mensch sei. Doch Güte und Selbstlosigkeit zählen in der Gesellschaft überhaupt nicht – wie Max Hoven erfahren musste. Was zählt, sind Erfolg, Härte und Durchsetzungsfähigkeit. Also meinte er nach seinem Abitur, er könne nur durch einen erfolgreichen, imponierenden Beruf seinem Leben eine Erfüllung geben, da er dann von der Gesellschaft und den Menschen wegen seiner Erfolge anerkannt werde. Doch aus dem ‘imponierenden‘ Beruf wird für ihn nichts, nur ein mittlerer Beruf bleibt für ihn übrig.

Nachdem er geheiratet hat, kam es ihm vor, dass er zusammen mit seiner Frau einen Lebenssinn in einer guten Integration in die Gesellschaft finden könne. Noch besser wäre sein Bemühen, in einem Kreis renommierter Persönlichkeiten Halt und Anerkennung zu erfahren. Begleitet werden solche Lebensauffassungen von den Theorien zweier Philosophen, die über den Sinn des irdischen Daseins einschlägige Aussagen gemacht haben.

Extrait


Auszüge aus dem Buch

Cover: Das Leben Max Hovens

Hochgefühl des Glückes – aber ein fatales Arztgespräch

Der Bilanzbuchhalter Max Hoven - die Leute nannten ihn unter der Hand den „stillen Poeten“, weil von ihm einmal ein Gedicht in der Zeitung stand - Max Hoven also verließ gerade die Praxis des Internisten Dr. Rennenkamp und lehnte sich benommen gegen eine Mauer. Vor ihm lärmender Straßenverkehr, vorbeieilende Passanten, von irgendwoher ratterten Pressluftbohrer. Hoven fragte sich, wieso er hier herumstand. Ah ja: Dr. Hubert Rennenkamp (fiel es ihm wieder ein, als er das Praxisschild las) - Arzt für Innere Medizin - Routineuntersuchung seiner Lunge. Jetzt erinnerte er sich auch, mit welchem Hochgefühl er eine halbe Stunde zuvor die Treppen zur Praxis hinaufgeeilt war. Schon seit Wochen hatte ihn diese freudige, ja jubelnde Stimmung erfüllt, und es war ihm mitunter vorgekommen, als hätte ihn eine Glückswoge mitten in das Wunderland seiner Träume getragen. Aber diese Träume waren nicht mehr luftige Phantasiegebilde wie sonst in seinem Leben, sondern eherne, handfeste und sichtbare Wirklichkeit! Um es kurz zu sagen: Max Hoven, obwohl verheiratet, hatte sich verliebt - und wurde wieder geliebt! Von dem Internisten wollte er sich nur noch bestätigen lassen (durch das Ergebnis einer Generaluntersuchung, der er sich kürzlich unterzogen), dass er seinem künftigen Liebesglück, mit dem er fest rechnete, gesundheitlich wohlauf entgegensehen konnte.

Doch der Arzt hatte seltsam reagiert. Er war sämtlichen Fragen des Patienten, ob dessen ständiger Husten ernster Natur sei, ausgewichen, mit teils langatmigen, teils verklausulierten Erklärungen, die von Fachausdrücken nur so strotzten:

„Herr Hoben! - so hatte Dr. Rennenkamp mit seinen Erklärungen begonnen.

„Hoven!“

„Ah ja ...., Entschuldigung!“

Der Internist schaute flüchtig auf. Er hatte Max Hoven zuvor knapp begrüßt, hinter seinem Schreibtisch Platz genommen und sich in ein Schriftstück vertieft, das vor ihm auf der Tischplatte lag. Der Patient saß ihm gegenüber und wartete auf die Er-klärungen des Arztes. Links und rechts auf dem Schreibtisch Bücher zuhauf, dazu Ärztemuster, allerlei medizinisches Gerät. Dr. Rennenkamp war ein sympathischer Mittvierziger, vital aussehend, mit hellblonden, schon schütteren Haaren. Sein Ge-sicht strahlte Gutmütigkeit aus, was von seinem ewigen, leicht aufgesetzt wirkenden Lächeln herrührte. Momentan aber schien es wie weggewischt, als er, von dem Pa-pier ablesend, den Namen des Patienten erneut aussprach, diesmal jede Silbe be-tonend:

„Herr Max Ho-ven, korrekt?“

„Ja, Herr Doktor.“

„Hoven...?“

Dr. Rennenkamp schaute wieder flüchtig auf.

„Warten Sie mal! - Der Name ist mir irgendwo schon begegnet, ich meine, in einem anderen Zusammenhang. Da stand doch mal ein Gedicht im Städtischen Anzeiger, von einem gewissen..... Es hieß...“

„Abschied“, ergänzte Hoven, „ja, das Gedicht stammt von mir.“

„Dacht’ ich mir’ s doch!“

Dr. Rennenkamps Augen drückten Anerkennung aus.

„Sie sind also sozusagen..... ein Dichter, ein Poet....“

„Na ja..., ich würde eher sagen: Hobby-Schriftsteller.“

„Stiller Poet, was?“

Der Arzt grinste.

„Meinetwegen auch das!“

„Wenn Sie das Dichten nur hobbymäßig betreiben, Herr Hov -en“

Dr. Rennenkamp blickte wieder auf die Patientenakte.

„... dann sind Sie...“

„.....Buchhalter bei der Kracht GmbH, genauer gesagt: Bilanzbuchhalter.“

„Bilanzbuchhalter? Ist ja nicht zu fassen! Ein Bilanzbuchhalter, der Gedichte schreibt! Und gar nicht mal so schlecht!“

„Danke!“

Max Hoven freute sich natürlich über das Lob, wurde aber allmählich ungeduldig, denn schließlich war er nicht hierher gekommen, um mit dem Arzt über sein Hobby zu diskutieren.

„Hat mir gut gefallen, dieser.....’Abschied’, ich meine dieses Gedicht...! - Übrigens, meine Frau ist in einem Bridgeclub, spielt dort mit einer Waltraud Hove... Hoven“

„Ja, das ist meine Frau.“

„Ah, interessant!“

Der Arzt lächelte wieder, diesmal wohlwollend. Hoven dachte: wenn die Arztfrau Waltrauds Bridgepartnerin ist, dann weiß er vielleicht einiges über mich: zum Beispiel, dass meine Ehe kaputt ist und ich eine heimliche Freundin habe. Im Bridge-Club riechen die sofort solche Konfusionen, die Bridgedamen erzählen es natürlich ihren Ehemännern zu Hause.

„Meine Frau.....liebt ihr Bridge - soviel ich weiß - über.... alles!“, stotterte er und füg-te noch rasch einige Allgemeinplätze hinzu, um Dr. Rennenkamp ja nicht weiter zu Wort kommen zu lassen, denn unsinnigerweise fürchtete er, der Arzt wollte noch sein Wissen über das Privatleben seines Patienten an den Mann bringen, in Form versteckter Andeutungen. Dr. Rennenkamp schien angestrengt nachzudenken, dann sagte er:

„Na, da haben sich ja zwei gefunden, die etwas Schönes gemeinsam haben, nicht?“

Aha, dachte Hoven, da war sie, die Andeutung!

„Ich meine zwei Bridge-Fans!“, präzisierte der Doktor. „Ihre Gattin ist, wie mir meine Frau einmal sagte, eine ausgezeichnete Spielerin.“

„So? - Na, das wird sie aber gerne hören.“

Max Hovens etwas rau gewordene Stimme verriet nun endlich seine Ungeduld, und der Arzt, der dies sofort merkte, wandte sich mit einem deutlichen Ruck den vor ihm liegenden Unterlagen zu.

„Ja, Herr Hoven, der Befund..., darüber wollten wir ja eigentlich sprechen, nicht? – Mein Assistentin Dr. Schmelz hatte ja während meines Urlaubs ... die Untersuchung vorgenommen, nicht wahr? Das war am.....“

Er schaute wieder auf die Patientenkarte.

„Vor drei Wochen“, half Max weiter.

„Richtig! Am 12. 6...., tja.....“

Dr. Rennenkamp legte eine Pause ein; es schien, als müsste er sich über den ’Fall Max Hoven’ erst genauer orientieren. Plötzlich fragte er:

n welcher Kasse sind Sie eigentlich, Herr ... Hoven?“

„Ich? .... in der AOK........“

„Aha...; ich frage deshalb, weil es in Ihrem speziellen Fall gewisse Therapien gibt; Therapien der unkonventionellen Art. Allerdings sind sie ein bisschen arg unkon-ventionell..., genauer gesagt: teuer! Möglicherweise wird das von Ihrer Kasse nicht bezahlt.“

„So....?“

Dr. Rennenkamp hielt eine Röntgenaufnahme in das Licht des Fensters, offenbar war es die des Patienten; oder hatte er eine andere gegriffen, beschäftigte sich in Gedanken schon mit dem nächsten Fall?

„Ist das .... meine Röntgenaufnahme?“, fragte Max schüchtern.

„Diese? - Äh..... ja!“

Der Arzt legte die Aufnahme beiseite, griff nach seiner Tasse Kaffee, die seitlich auf einem Rolltisch stand.

„Schaun’ Sie, Herr Hoven, die Sache ist die..., Sie haben..., also, auf jeden Fall haben Sie einen Bronchialkatarrh, einen schweren Katarrh der oberen Luftwege... Sicher werden Sie jetzt fragen, was die Ursache ist..., nicht?“

Dr. Rennenkamp schaute den vor ihm sitzenden Patienten ernst und durchdringend an, worauf dieser, irritiert durch das zögernde Reden, den Kopf senkte. Mit tonloser, unmerklich vibrierender Stimme brachte Max Hoven gerade mal ein: „Ja gewiss!“ heraus, denn ein plötzliches Aufwallen schwerer Gedanken verschlug ihm die Stimme.

„Ja, die Ursache..., Herr ... Hoven......ahem...“, Dr. Rennenkamp hatte auffallend lan-ge geschwiegen, ehe er mit seinen Erläuterungen fortfuhr: „Weitere Untersuchungen werden - meine ich - nötig sein. Ich überweise Sie deshalb am besten in die Bathildis-Klinik. Die können dort alles ...alles..., wie soll ich sagen...?“

Der Arzt stockte, dachte angestrengt nach, die Augen schräg nach oben gerichtet. Dann, nach einer erneuten Pause, fuhr er fort:

„...diesen ganzen..., sagen wir mal: Ursachenkomplex,...können die alles gründlicher und aufwendiger untersuchen, mit spezielleren Methoden, verstehen Sie? - Zunächst aber wollen wir die lästigen Symptome bekämpfen, ja?“

Hoven meinte, aus der Stimme des Arztes einen mitleidigen Ton herauszuhören; zudem schien ihm das zögernde Sprechen des Arztes nicht geheuer.

„Ich verschreibe Ihnen ein Medikament, ein hochwirksames Präparat.....“

Dr. Rennenkamp griff nach seinem Block, notierte etwas......

„..... und... ich werde Sie auf jeden Fall krankschreiben, auf jeden Fall...!“

Schließlich sagte er noch: „Eine Kur......wäre eigentlich auch angebracht...; aber das können ja die in der Klinik entscheiden!“

Die Stimme des Arztes - Hoven hatte das Gefühl, als poltere sie, wie durch ein Me-gaphon verstärkt, gegen sein Ohr, obwohl der Arzt überwiegend im normalen Ton sprach, nur die Schlusskonsonanten, die er gerne betonte, knallten manchmal wie ein gedämpfter Pistolenschuss.

Der Doktor redete jetzt von gewissen ‚Alternativstrategien’, den unkonventionellen Methoden der Außenseiter, denen er durchaus aufgeschlossen gegenüberstehe, wie er betonte, durchaus....; zum Beispiel Vitamin A, C und E , dann Selenkuren oder Rote-Beete-Pulver; auch von Mistel-Präparaten war die Rede.

„Alles Stoffe“, bemerkte er gönnerhaft, „deren Effizienz immer wieder behauptet wird, aber der wissenschaftliche Nachweis - Sie wissen - er steht noch aus. Leider! - Trotzdem würde ich an Ihrer Stelle diese... diese ‘Alternativleute’ mal konsultieren, Herr...Hoven, die Homöopathen und die Kräuterdoktoren. Sozusagen als flankierende Maßnahme...., zur Stärkung Ihres Immunsystems. Aber, wie schon gesagt, Ihre Kasse müsste da mitziehen...“

Max Hoven fasste sich ans Ohr: Hörte er nicht richtig oder war die Stimme des Arztes tatsächlich leiser und leiser geworden? Plötzlich kam es ihm vor, als schallte sie ihm von weither entgegen, bis er sie nur noch als dumpfes Murmeln wahrnahm. Dennoch meinte er, ein bestimmtes Wort herausgehört zu haben, einen bekannten Fachausdruck der Mediziner: Onkologie! - Oder täuschte er sich? Hatte Dr. Ren-nenkamp wirklich gesagt: ’Beim heutigen Stand der Onkologie...? - Hoven erschrak. Dieses grauenhafte Wort! Sein Mund war wie ausgetrocknet, seine Kehle eingeschnürt, als presse ihm jemand mit entschlossenem Klammergriff den Hals zusammen. Auch wenn er sprechen, irgendetwas äußern wollte: Laute des Verste-hens, des Erfassens dessen, was der Doktor ihm gerade umständlich und verklau-suliert darlegte - er hätte keinen Ton herausgebracht. -

Kurze Zeit später stand Max Hoven auf der Straße. Er fragte sich, wie er dorthin gekommen war. Immerhin musste er, um an diese Stelle zu gelangen, zuallererst das Wartezimmer des Arztes durchqueren, dann eine gestreckte Diele entlanggehen - das Treppenhaus nicht zu vergessen und den großen Vorgarten! - An all das konnte er sich nicht mehr erinnern, erst recht nicht an die weiteren Darlegungen des Arztes. Mit anderen Worten: wie ein Mondsüchtiger war er diesen Weg gegangen und verharrte nun auf dem Bürgersteig vor Dr. Rennenkamps pompöser Villa, wo er aus seinem tranceähnlichen Zustand allmählich erwachte.

Nach einigen Momenten der Besinnung überquerte er langsam wie in Zeitlupe die Straße und hielt auf der gegenüberliegenden Seite vor einem Lebensmittelladen an. In dem Schaufenster des Geschäfts konnte er sein Spiegelbild beobachten: Er er-wartete eine stattliche, nicht übel aussehende Erscheinung mit braunem, seitwärts gewelltem Haar, melancholischem Blick, harmonisch geformten Gesichtszügen. Doch was entdeckte er in der spiegelnden Scheibe? Eine fremde, gebeugte Gestalt stand vor ihm. Ihr Gesicht war schief verzogen, ihr Blick angespannt, die Augen weit geöffnet.

Max Hoven schaute die Straße entlang. Vor ihm, aus verwinkelten Dächern, ragte der schmale Turm der Walpurgiskirche. Ihre überlange Turmspitze zielte wie eine Stoßharpune auf eine tief hängende Regenwolke, als wollte sie sie im nächsten Augenblick durchbohren. Einzig dieses spitze Ding hielt sein Blick umklammert, während die sonstige Umgebung - eng stehende Kleinbürgerhäuser, lärmende Autos, vorbeihastende Passanten - wie hinter einem Nebelvorhang versank.

[...]

[...]

Die Freunde rivalisieren um Karina Maternus‘ Liebe

Karina! Tochter des angesehenen Internisten Dr. Maternus aus A**, Schülerin in Max Hovens und Heinz Grafensteins Parallelklasse; Haare blond, lang auf die Schultern fallend, ein sanftes, wohlgebildetes Gesicht umrahmend. Was zeichnete dieses wunderschöne Antlitz noch alles aus? Zunächst eine glatte, hohe Stirn und darunter eine zwar unregelmäßig geformte, aber gerade deshalb niedliche, reizvolle Nase. Außerdem fiel jedem, der sie anschaute, sofort ein feingeschnittener, verführerischer Mund auf. Was aber bei Karina ganz besonders frappierte oder richtiger: was einen Betrachter geradezu umwarf, waren ihre Augen: Sie waren groß, sehr groß und saphir-blau. Oft blickten sie merkwürdig kühl in die Welt. Doch wenn Karina jemanden nicht leiden konnte oder einfach böse auf jemanden war, änderte sich sofort der Ausdruck: da flammte es dann auf in ihrem Blick, als hätte darin ein bisher verborgenes Feuer geglommen, und es begann in ihren Augen zu glühen und zu blitzen auf den, der ihren Zorn hervorgerufen, und der solcherart, meist aus schrägem Winkel strafend Angeblitzte konnte dann nur noch erstarrt dastehen oder kampflos das Feld räumen, als wäre er von einem Zauberstrahl getroffen. Für einen, den sie mochte, hatte sie dagegen einen ganz anderen Blick parat. Sicher denkt man, dies könnte nur ein zärtlicher Blick gewesen sein, voll Wärme und Innigkeit! Doch so einfach, so bieder war das nicht mit dem Blick von Karina; da lag mehr drin. Diese Zärtlichkeit - sie war auf jeden Fall gebrochen, vermischt mit einem - man könnte fast sagen - Hauch von Verruchtheit! Und die Innigkeit? Eingebettet lag sie in einem unmerklich schillernden Glanz, der einen an etwas Gewisses denken ließ, an irgendetwas wahnsinnig Gutes und Vollkommenes, an Augenblicke eines Glückzustandes, von dem ein Junge noch keine rechte Vorstellung besaß, Augenblicke der Verheißung und gleich nachfolgender Erfüllung noch unbekannter, noch tief in einem Jünglingsherz vergrabener Sehnsüchte. Doch dass man sich kein falsches Bild von diesem wahrhaft atemberaubenden Wesen macht! Sie war grundanständig, behütet in einem Elternhaus, das einen ausgezeichneten Ruf genoss - und ihn pflegte. Nein, Karina war sich der Süße, der prickelnden Reize ihrer Blicke mitnichten bewusst, und das machte sie erst recht ungeheuer anziehend.

Kaum hatte Heinz den Namen Karinas ausgesprochen und Max sich in Sekunden-schnelle ihre liebliche Gestalt ausgemalt, so wie er sie täglich im Pausenhof der Schule hin- und herflanieren sah, da wallte es ihm heiß durch die Brust. In jähem Entsetzen merkte er, wie sich zwischen Heinz und ihm ein Riesenspalt öffnete und ein fürchterlicher Abgrund auftat und dass ein offener Blick da hinein das sofortige Ende ihrer Freundschaft bedeuten müsste: Sein Freund nämlich und er waren in einer Angelegenheit, die für sie beide von höchster Bedeutung war, zu Rivalen geworden, in der Liebe! Denn auch er selbst war seit einigen Wochen in Karina Maternus verliebt, genauso heftig wie sein Freund, mehr noch, soweit das überhaupt eine Steigerung sein kann: er liebte sie! Nur einen Unterschied gab es zwischen ihnen: Im Gegensatz zu Heinz konnte Max seine in Unordnung geratenen Gefühle besser unter Kontrolle halten.

Was sollte er tun?

Auf jeden Fall - so bestimmte er zunächst heroisch, edelmütig und ganz spontan - er durfte nichts tun, was ihre Freundschaft gefährdete!

Doch wie sollte er das anstellen?

Während Heinz auf seinem Fahrrad still neben ihm herfuhr - vermutlich gab er sich erneut seinen gegensätzlichen Stimmungen hin - überlegte Max, wie er sich als echter Freund verhalten sollte: Sich Karina aus dem Kopf schlagen, seine Liebe zu ihr für beendet erklären, mit Rücksicht auf Heinz? Natürlich ginge das nicht! Wie könnte er auch bei einem derart bezaubernden Wesen seine Gefühle einfach ’abdrehen’, so wie jemand seine Taschenlampe ausknipst oder die Glut eines Kokelfeuers zertritt, an dem er sich vorübergehend gewärmt? Noch weniger könnte er wie ein Behördenmensch handeln, der unter einen erledigten Vorgang einen kalten Schlussstrich zieht, weil ihn die Sache im selben Moment nicht mehr interessiert, da er sein Lineal von der sauber gezogenen Linie weghebt. Nein, das alles ginge selbstverständlich nicht!

Aber könnte er dann noch gut Freund mit Heinz sein?

Und könnte dieser umgekehrt ihm auch in Zukunft freundschaftliche Sympathien entgegenbringen, als ob es keine Rivalität zwischen ihnen gäbe, keine Konkurrenz um die Gunst eines wunderschönen, obendrein stark erotisch wirkenden Mädchens? Müssten nicht unedle Antriebe geradezu herausgefordert werden, müssten nicht Eifersucht und Neid, diese hässlichen Kampfgefährten, ihre gefährlichen Attacken gegen ihre Freundschaft reiten? Desgleichen der Argwohn, scharfäugig und lauernd, ob keiner bei der schönen Karina seinen Vorteil suche, auf Kosten des anderen? Schließlich Hass, weil dem anderen, und sei es nur eingebildet, die besseren Chancen winkten, während man selbst allem Glück, allem erträumten Erfolg bei der heimlich Geliebten neidvoll entsagen müsste? - All dieses hämische, ständig geübte Eifern und Trachten - müsste es nicht am Ende tödliche Verwundungen an ihrer Freundschaft hervorrufen, gleichsam als träufelte ein Ungeziefer fortwährend sein Gift unter wütenden Stichen durch die Haut seines Opfers, bis dieses, ermattet und gelähmt, hinsinke und durch Herzstillstand sein Dasein ende? -

Wieder zu Hause überlegte er lange und verzweifelt, wie er sich verhalten sollte. Er prüfte alle möglichen klugen Vorschläge, die ihm seine Vernunft empfahl, Vorschläge, die mal zum Schweigen, mal zum Abwarten rieten, mal in Aussicht stellten, die Zeit löse diese sonderbare Verwicklung vielleicht ganz von selbst; die dann wieder Beherztheit von ihm verlangten, Mut zur klaren Aussprache mit seinem Freund, ver-bunden mit einem unerschrockenen Bekenntnis zur Wahrheit. Schließlich, trotz aller Bedenken und trotz vieler Zweifel, ob es denn sinnvoll wäre, entschied er sich für das Letztere, das heißt, er beschloss, bei nächster Gelegenheit mit Heinz die Sache zu besprechen, am besten während eines Spazierganges oder während einer Radtour in die Umgebung von A. Natürlich wollte er auch gemeinsam mit ihm nach einer Lösung für all diese Kalamitäten suchen.

An einem Sommertag des Jahres 19.. war es dann soweit; sie verabredeten sich zu einem Ausflug zum Doberg-Weiher, jenem bereits erwähnten, ungefähr acht Kilo-meter von A. entfernten See. Der 'Do - Weiher', wie er auch kurz genannt wird, liegt östlich von A., im Bereich der Wälder, die in einem weiten Umkreis, aufgelockert durch Buchten und weiträumige Lücken, die flache Talsenke von A. umschließen. In ihrer Mitte sind die grauschiefergedeckten Häuser ihrer Heimatstadt versammelt, spiralförmig und dicht gruppiert um den Turm der Walpurgiskirche, der wie ein riesi-ger Finger aus dem Häusergewimmel ragt.

Die Freunde wollten im 'Do-Weiher' zunächst baden und anschließend mit einem Ruderboot, das Heinz vor zwei Jahren von seinem Vater zu Weihnachten geschenkt bekommen hatte, auf den See hinausfahren. Das Boot war bei einem mit den Gra-fensteins verwandten Bauern untergestellt, dessen Hof in unmittelbarer Nähe des Weihers lag, am äußersten Rand eines Dorfes mit Namen Doberghausen. Dort, auf dem Bauernhof, stellten sie auch ihre Räder unter, holten das Boot aus einem Schuppen und trugen es zum See hinunter. Nachdem sie also zunächst eine Weile in dessen kühlem Wasser herumgeschwommen waren, stiegen sie in das Boot und ruderten gemächlich auf die Mitte des Sees hinaus.

Vor ihnen erhob sich über dem Waldhorizont die Burgfeste Herzberg. Der Dunst des heißen Sommernachmittags schob sich vor den Burgberg, sodass es aussah, als schwebe die Burg wie ein Gespensterschloss am Himmel. Mit ihrem von Zinnen ge-krönten Bergfried und ihren Bauten, die im Dunst wie ein einziger wuchtiger Palas wirkten, blickte sie, herrschaftlich und drohend zugleich, auf die hügelige Landschaft am Do - Weiher herab. Der Fichtenwald zur Linken, in einem mächtigen Halbkreis den See umschließend und fast bis an sein Ufer heranreichend, lag schweigsam wie in düsterer Ruhe da. Zur Rechten erstreckten sich fahlgelb wogende Kornfelder bis nach Doberghausen, dessen Häuser im Hintergrund zwischen dem satten Grün riesig gewölbter Kastanienbäume versteckt hervorlugten. Über dem See breitete sich eine tiefe Stille aus, ganz selten einmal von dem schrillen, pfeifenden Schrei eines Mauerseglers unterbrochen, welcher dicht über dem Wasser hinstreichend, in das Gewimmel der auf- und abtanzenden Mückenschwärme hineinfuhr und sich gierig seine Nahrung holte.

Heinz hatte die Ruderstangen beiseitegelegt, saß zusammengesunken vorne im Boot, das Kinn in die rechte Hand gestützt, und blickte sinnend zur Burg hinauf.

"Sieht sie nicht wie ein verwunschenes Zauberschloss aus?", sprach er plötzlich in die Stille hinein, "oder wie ein Königsschloss aus versunkener, mythischer Vorzeit, von der nur noch unsere Märchen Kunde geben?"

Er schwieg einen Moment, während Max angestrengt überlegte, wie er ihre ent-scheidende Unterredung beginnen sollte. Heinz fuhr fort:

"Vor ein paar Tagen war ich mit meinem Cousin im Kino - in Frankfurt; wir mussten seinen kleinen Bruder begleiten, der wollte sich unbedingt einen Märchenfilm an-sehen. Du kannst dir denken, unsere Begeisterung kannte keine Grenzen! Gezeigt wurde 'Der Eisenhans' nach Gebrüder Grimm. Da kam auch so ein Schloss vor, ge-nau wie der Herzberg. Der Königssohn zog am Schluss des Filmes den Schlossberg hinauf, mit großem Gepränge, unter schmetternden Trompeten und Trommelwirbeln, dann in den Schlosshof hinein; an der Seite seiner Braut, der wunderschönen Kö-nigstochter. Er hatte sie gerade nach vielen gefährlichen Abenteuern für sich ge-wonnen. Schön kitschig das Ganze! Na ja, war was für Kinder; mein kleiner Cousin war denn auch begeistert! - Aber seltsam, so rührselig die Geschichte auch dargebo-ten wurde - der Film lässt mich einfach nicht los. Rate mal, warum?"

Max dachte kurz nach.

"Keine Ahnung!" sagte er.

"Du wirst lachen! Die Königstochter - sie hatte verdammte Ähnlichkeit mit... na ja..., mit einem gewissen Fräulein Maternus!"

"Mit Fräulein…? - Aha!"

War das nicht ein Anknüpfungspunkt? Jetzt könnte er doch geschickt zu einer ge-wissen, schicksalhaften Unterredung überleiten.

[...]

Fin de l'extrait de 576 pages  - haut de page

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Titre
Das Leben Max Hovens
Sous-titre
und seine zahlreichen Anläufe, einen Sinn in seinem Dasein zu finden
Auteur
Heinz-Jürgen Schönhals (Auteur)
Année de publication
2026
Pages
576
N° de catalogue
V1730426
ISBN (ebook)
9783389194522
ISBN (Livre)
9783389194539
Langue
allemand
mots-clé
Max Hoven erfährt spät die Liebe seines Lebens Sinn des Lebens Roman philosophischer Roman existenzielle Sinnsuche Roman über Lebenskrise Midlife-Crisis Roman literarischer Roman Deutschland Liebe und Vergänglichkeit Roman über Krankheit und Tod Schopenhauer Roman Lebensbilanz Roman psychologischer Entwicklungsroman literarische Gegenwartsliteratur Roman über Selbstfindung Melancholie und Lebenssinn anspruchsvolle deutsche Literatur
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Citation du texte
Heinz-Jürgen Schönhals (Auteur), 2026, Das Leben Max Hovens, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1730426
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