Die Darstellung und Vermittlung von Wissenschaftsgeschichte

Die Darstellung von Wissenschaft in unserer Gesellschaft seit dem 18.Jahrhundert am Beispiel des Gehirnforschers Franz Joseph Gall


Hausarbeit, 2010

15 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Warum wird Wissenschaftsgeschichte betrieben

3. Der Vermittler von Wissenschaftsgeschichte

4. Die Darstellung von wissenschaftlichen Erkenntnissen am Beispiel von Franz Joseph Gall
4.1. Die Geschichte von Franz Joseph Gall und die Lehre der Phrenologie
4.2. Wie wirkte sein Werk auf seine Zeitgenossen und warum war er so erfolgreich?
4.3. Auswirkungen der Lehre von Franz Joseph Gall in Bezug auf die Geschichte der Wissenschaft

5. Fazit

6. Anhang

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Seit dem 18. Jahrhundert wird die Wissenschaftsgeschichte als eine Geschichte von Erfolgen dargestellt. Es handelt sich um die Darstellungen von berühmten Forschern und Geschichtsschreibern, die geradlinig wissenschaftliche Erkenntnisse als eine Fortschritts-geschichte vermitteln.

Doch es gibt auch eine andere Betrachtungsweise der Wissenschaft, die nicht die chronologisch aufgeführten Erfolge darstellt, sondern eine, die die Erkenntnisse als Prozessgeschichte versteht und auf ihre Auswirkungen und Nützlichkeit untersucht.

Es soll analysiert und erläutert werden, aus welchen Gründen Wissenschaftsgeschichte betrieben wird und warum sie in unserer Gesellschaft als etwas Positives empfunden wird, beziehungsweise ohne Hintergrundwissen allgemeine Gültigkeit erhalten kann.

Des Weiteren soll betrachtet werden, wie sich die Erkenntnisse der Wissenschaft auf unsere Gesellschaft auswirken und warum bestimmte Theorien großen Erfolg haben.

Betrachten wir wissenschaftliche Erkenntnisse objektiv oder muss ein bestimmter Nutzen dahinter stecken, damit sich Theorien in unserer Gesellschaft etablieren?

Wissenschaft hat in der breiten Öffentlichkeit einen Legitimationsdruck, dessen Gründe in dieser Arbeit untersucht werden sollen.

Die Rolle der Zeitungen als Vermittler zwischen Wissenschaft und Gesellschaft soll in die Ausführungen auch mit einbezogen werden.

Am Beispiel der Geschichte von dem erfolgreichen Mediziner Franz Joseph Gall, dem Begründer der Lehre der Phrenologie, soll untersucht werden, warum sich Theorien in unserer Gesellschaft etablieren und was vorläufige Ergebnisse von Wissenschaft für Auswirkungen auf unsere Gesellschaft haben.

Die folgenden Ausführungen sollen die Geschichte der Wissenschaft kritisch durchleuchten am Beispiel des Wissenschaftlers Franz Joseph Gall. Erst wird die Idee und die Geschichte von Franz Joseph Gall erläutert, um dann die Auswirkung der Lehre in Bezug auf die Wissenschaftsgeschichte und unsere Gesellschaft kritisch zu interpretieren.

2. Warum wird Wissenschaftsgeschichte betrieben

Ziel der Wissenschaftsgeschichte ist, die historischen Entstehungen und Entwicklungen der Wissenschaft in ihren jeweiligen Fachgebieten darzustellen. Doch warum wird eigentlich eine Geschichte der Wissenschaften betrieben und wovon handelt diese? Es werden häufig die Fragen nach dem „[...] Wer, dem Warum und dem Wie [...]"[1] gestellt. Doch die entscheidende Frage, die gestellt werden sollte, ist die Frage nach dem Wovon.[2]

Zu welchem Zweck verfolgen Forscher zu bestimmten Zeitpunkten Theorien und versuchen diese zu beweisen? Und wer schreibt eigentlich eine Geschichte von der Wissenschaft und zu welchem Zweck wird diese genutzt?

Nach Wolf Lepenies wird diese Geschichte ihren Raum in akademischen Institutionen finden, je nachdem, wie und wo sie als nützlich empfunden wird.[3] Man stößt nicht zufällig auf bestimmte Erkenntnisse, sondern es muss einen Anhaltspunkt geben, warum bestimmte Formen des Forschens eingesetzt werden, um Beweise für angenommene Theorien zu finden. Diese Anhaltspunkte ergeben sich meist aus dem Wunsch der Gesellschaft, einen bestimmten Sachverhalt zu einem bestimmten Zeitpunkt erklärt zu bekommen.

Die Geschichte der Hirnforschung seit dem 18. Jahrhundert beruht zum Beispiel auf dem Wunsch der Menschen, die Herkunft ihrer Seele, die individuellen Charaktereigenschaften und Fähigkeiten zu erfahren. Am Beispiel von Franz Joseph Gall soll an späterer Stelle erläutert werden, warum eine bestimmte Form der Erklärung zu einem bestimmten Zeitpunkt so großen Erfolg haben kann.

Bestimmte Formen des Forschens und die Suche nach Beweisen tauchen also in der Geschichte der Wissenschaft nicht grundlos auf. Doch warum wird Wissenschaft eigentlich als eine Geschichte von Erfolgen dargestellt?

Damit sich der Nutzen einer Forschung in unserer Gesellschaft legitimiert, muss er von Erfolgen gekrönt sein, um auf ein allgemeines Wohlwollen zu stoßen. Die Gesellschaft mit ihren Institutionen würde keinen Wissenschaftler unterstützen, der keine Erfolgsaussichten in seiner akademischen Disziplin hat.

Jedoch kann eine so verstandene Wissenschaftsgeschichte der Resultate nur ein chronologisches Register sein. Das Wesen der Wissenschaft sollte aber auf einer wertenden Tätigkeit basieren, nach der Wahrheit suchen und nicht nur nach den Erfolgen.

Wenn wir lernen, die Wissenschaftsgeschichte so zu verstehen, dann sind wir bereit zu einer ständigen Selbstkorrektur[4] und finden vielleicht dadurch, dass wir Ergebnisse als einen Prozess verstehen, tatsächlich die Wahrheit oder erkennen ihren Nutzen für die Zukunft. Es sollte nicht immer nur um die Wahrheit von Ergebnissen gehen, sondern es ist vielmehr entscheidend, ob die Ergebnisse, wenn wir sie in einen Prozess einordnen, uns auf eine andere Art und Weise weiterbringen. Ein solcher Prozess soll an späterer Stelle auch an Franz Joseph Galls Ergebnissen geschildert werden.

3. Der Vermittler von Wissenschaftsgeschichte

Eine entscheidende Rolle bei der Vermittlung von Ergebnissen aus der Wissenschaft nehmen die Medien ein. Kein Wissen kann der Gesellschaft näher gebracht werden, wenn es keinen Vermittler gibt. Ab dem 18. Jahrhundert sind es überwiegend die Zeitungen, die diese Rolle übernehmen. Die Zeitungen haben das Ziel, eine kosmopolitische Bürgerschaft zu schaffen und diese über die aktuellen Ideen ihrer Zeit zu informieren.[5] Die Wissenschaft hat eine Fachsprache entwickelt, die für die Meisten aus der Gesellschaft nicht zu verstehen ist. Daher können und müssen die Zeitungen, Informationen in einer Sprache darstellen, die für jeden verständlich ist. Doch welchen Zweck verfolgt die Presse, wenn sie Theorien für die Bürger erläutert? Schon damals wird die Information als Waffe betrachtet.[6] Zeitungen halten sich an bestimmte Kriterien, nach denen sie bestimmte Fakten auswählen, die dargestellt werden sollen, denn sie haben nur hohe Auflagen, wenn sie der Gesellschaft aktuelle Sensationen liefern. Sie richten sich folglich nicht nach dem Anspruch der Wahrheit von Wissenschaft, sondern nach der Bedürfnisbefriedigung einer Gesellschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt. Es ist nicht leicht, einen aus der Aufklärung stammenden Text zu finden, der Informationen von einem spezifischen Zweck trennt.[7]

Des Weiteren ist es nicht möglich, ohne die Medien bekannt zu werden. Die Laufbahn von Franz Joseph Gall zum Beispiel zeigt dieses. Gall wird in Paris „[...] von heute auf morgen zur Sensation [...]"[8] durch die schnelle Berichtserstattung der Presse. Die Sensationen, die sich durch Galls Lehre ergeben, interessieren die ganze Gesellschaft und werden deshalb von der Presse zum Programm gemacht. Die Medien richten sich also nach der jeweiligen Mode und den Bedürfnissen einer Gesellschaft. Sie sind maßgeblich daran beteiligt, Forscher mit ihren Theorien berühmt zu machen oder sie nieder zu machen. So schreibt nach einem vernichtenden Urteil 1808 in Paris über Gall fast keine Zeitung mehr. Die Konsequenz für uns ist, dass wir die Medien benötigen, um wichtige Erkenntnisse zu erfahren, wir aber nicht vergessen sollten, dass die Zeitungen immer auch den Zweck verfolgen, sich zu verkaufen. Die Verbreitung von Informationen richtet sich nicht nach der Wahrheit, sondern nach dem, was die Menschen hören möchten und ist daher zweckgebunden. Die Fakten, die uns die Zeitungen liefern, können wahr und falsch sein und es ist für den objektiven Leser nicht leicht, Richtiges vom Falschen zu trennen.[9] Die einseitige Darstellung der Presse zu Gunsten von Gall trägt zum Beispiel dazu bei, dass das medizinisch ungebildete Publikum seine Theorie glaubt, ohne diese zu hinterfragen.

4. Die Darstellung von wissenschaftlichen Erkenntnissen am Beispiel von Franz Joseph Gall

Die Geschichte der Hirnforschung ab dem 18. Jahrhundert ist eine wissenschaftliche Prozessgeschichte, in der verschiedene Wissenschaftler zu erklären versuchen, was die Funktionen des menschlichen Gehirns sind und woher die Charaktereigenschaften eines Menschen stammen.

Rene´ Descartes (*1596-†1650) prägt den Begriff des Seelenorgans in der Hirnforschung. Die Vorstellung, dass das Gehirn der Sitz der Seele ist und allein für das Verhalten des Menschen verantwortlich ist, ist bis ins 18. Jahrhundert vorherrschend. Die Lehre der Phrenologie löst diese Vorstellung ab. In der Mitte des 18. Jahrhundert kommen neue Strömungen hinzu, da man nun glaubt, dass die Erscheinungsform eines Menschen Hinweise auf seine Charaktereigenschaften geben kann. Im Folgenden sollen die wissenschaftlichen Erkenntnisse von dem Mediziner Franz Joseph Gall erläutert werden. Der Hirnforscher lebt von 1758 bis 1828 und ist unter anderem bekannt durch seine Lehre der Phrenologie in der Hirnforschung.

4.1. Die Geschichte von Franz Joseph Gall und die Lehre der Phrenologie

Der Begründer der Phrenologie, Franz Joseph Gall (*1758-†1828) in Tiesenbrunn bei Pforzheim geboren, erklärt eine neue Lehre in der Hirnforschung.

Er studiert Medizin in Straßburg und Wien und erhält 1785 seinen Doktortitel.

Schon im Kindesalter fällt ihm auf, dass die Menschen sich durch verschiedene Eigenschaften und Talente unterscheiden. Im Verlauf seines Medizinstudiums beschäftigt sich Gall weiter mit seinen Beobachtungen. „Während seines Medizinstudiums stellte Gall fest, daß Studenten mit hervorstehenden Augen auch ein ausgezeichnetes Gedächtnis besaßen."[10] Er beschäftigt sich mit der Lokalisation des speziellen Seelenvermögens oder den Fähigkeiten, die sich am Verhalten und an den Eigenschaften einzelner Menschen beobachten lassen.[11] Er beruft sich auf seine eigenen Beobachtungen, die er seit seiner frühesten Jugend an seinen Geschwistern und Mitschülern gemacht hat und auch auf die Sprache des Volkes oder der Gesellschaft,

[...], wenn von dem sittlichen und geistigen Charakter der Einzelmenschen die Rede ist."[12] Er erklärt sich die Verhaltensweisen und Neigungen aus den unterschiedlichen Schädelformen der Menschen, da diese auf die darunter liegenden Hirnorgane hinweisen.

Nicht nur besondere Begabungen und Talente seien dem Menschen angeboren, sondern auch seine schlechten und kriminellen Eigenschaften. Das Gehirn sei das Organ aller Fakultäten, aller geistigen und seelischen.[13]

Den Zusammenhang zwischen den Charaktereigenschaften und äußeren Merkmalen zu beweisen, macht er sich zur Lebensaufgabe.

Er betrachtet bei seinen Untersuchungen nicht das Gehirn selbst, sondern erkennt an der Schädelform des Menschen, wie ausgeprägt seine Hirnorgane vorhanden sind.

[...]


[1] Lepenies, Wolf (Hrsg.): Georges Canguilhem: Wissenschaftsgeschichte und Epistemologie. Gesammelte Aufsätze. Frankfurt a. M. 2006: S.22.

[2] Vgl.: Ebd.: S.22.

[3] Vgl.: Ebd.: S.22.

[4] Vgl.: Lepenies, 2006: S.32.

[5] Vgl.: Postman, Neil: Die zweite Aufklärung. Vom 18. ins 21. Jahrhundert. Berlin, 1999; S.105.

[6] Vgl.: Ebd.: S.111.

[7] Vgl.: Ebd.: S.111.

[8] Wegner, Peter-Christian: Franz Joseph Gall 1758-1828 . Studien zu Leben, Werk und Wirkung. Hildesheim, 1991: Kapitel 5. "Informationen"; S.72.

[9] Postman, 1991: S.105-120.

[10] Affeldt, Edda: Phrenologie oder die Lehre des Geistes und seinen Organen.

http://www.uni-bielefeld.de/biologie/Studenten/Schaedel/phrenologie.html Bielefeld: Universität Bielefeld.

[11] Oeser, Erhard: Geschichte der Hirnforschung. Von der Antike bis zur Gegenwart. Darmstadt, 2002; S.110.

[12] Ebd.: S.111.

[13] Vgl.: Ebd.: S.116-117.

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Details

Titel
Die Darstellung und Vermittlung von Wissenschaftsgeschichte
Untertitel
Die Darstellung von Wissenschaft in unserer Gesellschaft seit dem 18.Jahrhundert am Beispiel des Gehirnforschers Franz Joseph Gall
Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg
Veranstaltung
Wissenschaft macht Geschichte
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
15
Katalognummer
V173103
ISBN (eBook)
9783640932764
ISBN (Buch)
9783640933136
Dateigröße
633 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
darstellung, vermittlung, wissenschaftsgeschichte, wissenschaft, gesellschaft, jahrhundert, beispiel, gehirnforschers, franz, joseph, gall
Arbeit zitieren
Jennifer Reimer (Autor), 2010, Die Darstellung und Vermittlung von Wissenschaftsgeschichte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/173103

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