Weibliche Frömmigkeit und sozialer Protestantismus

Die Diakonie im 19. Jahrhundert


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Die Diakonie - Ihre Anfänge und eine Begriffserklärung

2. Die Entstehung der Diakonie
2.1 Vorläufer im 17. und 18. Jahrhundert
2.2 Löhe und die "Erweckungsbewegung"
2.3 Wichern und die "Innere Mission"

3. Frauen in der Diakonie
3.1 Weibliche Frömmigkeit in der protestantischen Kirche
3.2 Das Diakonissenwesen
3.2.1 Die Gründung von Diakonissenmutterhäusern
3.2.2 Die Diakonissengemeinschaft
3.3 Die Krise im Diakonissenwesen
3.3.1 Die Diakonissenfrage
3.3.2 Der Beruf der Diakonisse in der Kritik

4. Die Bedeutung des Diakonissenwesens für die

Geschlechtergerechtigkeit

Literaturverzeichnis

1. Die Diakonie - Ihre Anfänge und eine Begriffserklärung

„Es gibt nur einen Weg, auf welchem einer vornehmen Dame erlaubt ist, wirklich christliche Arbeit zu tun. Setzt Euch eine Haube auf und stellt euer geistiges Leben und eure Individualität unter die absolute Herrschaft - nicht Christi - sondern eines Diakonissenhauspastors."1

So schlussfolgerte die deutsche Evangelistin Adeline von Schimmelmann 1893. Dass dieses Resümee mehr kritisch als wohlwollend gemeint ist, das lässt sich durch den Zeitpunkt der Aussage schlussfolgern. Denn Ende des 19. Jahrhunderts befand sich die Diakonie in einer Krise, die auf unterschiedliche Faktoren zurückzuführen war. Bevor jedoch auf die Ereignisse in jener Zeit eingegangen wird, ist es zunächst wichtig, eine grundlegende Definition des Begriffs der "Diakonie" zu erstellen. Diakonos kommt aus dem Griechischen und lässt sich mit "Diener" übersetzen. Im Sinne der Kirche bedeutet "Diakonie" ganz allgemein der Dienst an Hilfsbedürftigen.2 Bereits in der Bibel lassen sich Belege dafür finden, dass Christus seine Jünger in eine karitative Tätigkeit einstellte, für die die ganze Christengemeinde verant-wortlich war.3 Mit dem Wachstum der Gemeinden im Christentum nahmen diese Dienste zu. Es wurden Kranke gepflegt, Waisen aufgezogen und Bedürftige unterstützt. In den folgenden Jahrhunderten gliederte sich die diakonische Arbeit immer stärker in das Bewusstsein der Christenheit ein und es entwickelte sich eine bischöfliche Diakonie. Diese verfiel jedoch mit der Auflösung der Reichskirche im Mittelalter und blühte erst wieder mit der deutschen Mystik in den Klöstern auf. Im ausgehenden Mittelalter brach durch die neue Geldwirtschaft in den Städten eine ungeahnte Spenden-freudigkeit der Bürger aus und die Armenpflege wurde groß geschrieben.4 Mit der Reformation durch Luther schließlich erfolgte ein Umbruch und Neubau der christlichen Diakonie aus den Fundamenten des Neuen Testamentes. Luthers Gedanke, die Christengemeinde solle für ihre Bedürftigen durch eine Wiedereinführung von Diakonen selbst sorgen, wurde jedoch zu seiner

Lebenszeit nicht ausgeführt. Im Laufe der Zeit ließen die politischen Katastrophen bis hin zum Dreißigjährigen Krieg die Kirche völlig verarmen, so dass die Wohlfahrtsaufgabe und somit die öffentliche karitative Tätigkeit nun zur reinen Angelegenheit des (Stadt)Staates wurde.5 Doch mit der Entwicklung der verschiedenen Frömmigkeitsbewegungen im folgenden Jahrhundert sowie der Ausweitung des kirchlichen Vereinswesens wendete sich das Blatt für das diakonische Wirken und es gewann in der protestantischen Kirche an Zuwachs. Inwieweit sich diese Veränderungen vollzogen, soll nun in vorliegender Arbeit näher untersucht werden. In diesem Zusammenhang stellen sich mehrere Fragen: Auf welche Weise wurde die Diakonie in der späten Neuzeit geprägt? Wer waren die Vorläufer und Begründer des Diakoniewesens? Wann war seine Blütezeit? Wie kam es dazu, dass Frauen eine wachsende Bedeutung für die kirchliche Praxis und somit die Diakonie darstellten? Wann und wie entwickelte sich der Beruf der "Diakonisse"?

Methodisch soll dabei historisch-qualitativ vorgegangen werden, indem ein kultur- und soziogeschichtlicher Einblick in das Diakoniewesen gegeben wird. Als Literatur dienen sowohl Werke über Religions- als auch Gesellschaftsgeschichte, die in ausreichender Zahl vorhanden sind. Des weiteren werden Beiträge zur diakoniegeschichtlichen Forschung aber auch biographische und historisch-theologische Genderstudien genutzt. In diesem Rahmen kann die vorliegende Arbeit innerhalb der Kategorie "Konfessionskulturen" eingeordnet werden. Der Schwerpunkt wird hierbei auf Frauen in der Diakonie im 19. Jahrhundert gesetzt.

Zunächst ist es deswegen wichtig, einen Überblick über die Entstehung der Diakonie zu schaffen. Dabei sollen ihre Vorläufer und auch Begründer vorgestellt werden. Erst dann kann der Fokus auf das Hauptthema dieser Arbeit gelegt werden. Hierbei werden das Diakonissenwesen und die Diakonissenmutterhäuser beleuchtet. Ein nicht zu übersehender Punkt ist jedoch auch die Kritik, der Diakonissen im Bezug auf ihre berufliche Ausübung ausgesetzt waren. Zum Schluss soll ein Resümee gezogen werden, indem näher auf die Bedeutung des Diakonissenwesens für die Gegenwart eingegangen wird. Ziel der Arbeit ist es jedoch hauptsächlich, sowohl die Struktur der Diakonie als auch die Genderkonstrukte und Aufgaben in der Wohlfahrtspflege im 19. Jahrhundert darzustellen.

2. Die Entstehung der Diakonie

Dass sich das diakonische Wirken schon in der apostolischen Zeit herausbildete und im Mittelalter stärker ausprägte, wurde bereits geschildert. In folgenden Unterkapiteln sollen jedoch einige Personen, die als Vorreiter der Diakonie des 19. Jahrhunderts betrachet werden, vorgestellt werden, da jene die Entwicklung des Diakoniewesens maßgeblich beeinflussten.

2.1 Vorläufer im 17. und 18. Jahrhundert

Als im Jahr 1675 Philip Jakob Spener Pia desideria ("Fromme Wünsche") schrieb, legte er damit den Grundstein für eine neue Frömmigkeitsbewegung: den Pietismus. In dieser Programmschrift verlangte er von jedem einzelnen Christen Selbstverleugnung und christliche Liebe in den Pflichten des Berufs. So gründete er eine Stiftung, die es Invaliden, Witwen und Waisen ermöglichen sollte, in öffentlichen Anstalten menschenwürdig versorgt zu werden. Spener-Schüler August Hermann Francke hatte ähnliche Zielsetzungen und entwickelte in Verlauf der folgenden Jahre neue Konzepte für das diakonische Wirken. Als Pfarrer und Professor an der neu gegründeten Universität Halle hatte er einen großen Einfluss auf die christliche Diakonie, aber gleichzeitig auch die protestantische Pädagogik in Universität und Schule. Sein Wirken innerhalb dieser Institutionen kann als Modell einer diakonischen Anstaltsgemeinschaft für die Folgezeit gesehen werden.6 Als ein weiterer Vorreiter kann Reichsgraf Nikolaus Ludwig von Zinzendorf genannt werden. Er gründete die "Herrnhuther Brüdergemeinde", in welcher Laien und Theologen vom Ansehen und im Bezug auf ihre Aufgaben auf gleicher Ebene standen. Zinzendorf schuf mit dieser Freiwilligkeitskirche, die sowohl Missionspflicht als auch Diakonie verkörperte, ein Modell, das für die Struktur des späteren Diakoniewesens grundlegend ist.7

2.2 Löhe und die "Erweckungsbewegung"

Während sich allgemein das kirchliche Vereinswesen im 19. Jahrhundert durch Laienarbeit immer stärker ausweitete und sich neue Organisationsstrukturen bildeten8, ist in diesem Zusammenhang auch der Spätpietismus zu erwähnen. Dieser stellte Grundlagen für missionarische und diakonische Aktivitäten bereit und führte zu einer "Erweckungsbewegung", die sich durch Vereinigungen aufgrund persönlicher Frömmigkeit mit einem sozialen Motiv auszeichnete. Besonders in Franken war die Erweckungsbewegung stark ausgeprägt. So gab es beispielsweise einen "Nürnberger Kreis" und einen "Erlanger Kreis". Diakonisches und missionarisches Wirken trat hier in vielfältigen Formen auf. Einer der Anhänger, welcher zunächst den Kreis in Nürnberg, später dann in Erlangen kennen lernte, war der Theologe Johann Konrad Wilhelm Löhe (1808 - 1872). Sein Verständnis von Mission und Diakonie wurde durch diese Kreise maßgeblich geprägt.9 So nahm Löhe an Missions-, Lese- und Bibelvereinen sowie Frauen-Armenvereinen in Erlangen und Nürnberg teil. Durch die missionarisch-diakonischen Tätigkeiten weiterer Erweckter in seiner Studienzeit in Erlangen und Nürnberg erfuhr Löhe auch von karitativen Möglichkeiten für Frauen, da Ehefrauen, Töchter oder Bekannte dieser Männer häufig ebenso in diakonischen Anstalten tätig waren. Seine Erfahrungen setzte Löhe dann selbst in seinem Familien- und Freundeskreis durch sogenannte "Kränzchen" um. Die Mitglieder sollten sowohl von der Erweckung ergriffen werden als auch das Reich Gottes praxisnah verbreiten, indem sie beispielsweise Geldsammlungen vornahmen, Bibeln verteilten oder Arme und Kranke besuchten. Im Mittelpunkt stand also die geistliche Dimension der Diakonie: Errettung durch Erweckung! Als Löhe 1831 durch ein Vikariat nach Kirchenlamitz (in Oberfranken) kam, verfolgte er sein missionarisch-diakonisches Wirken weiter. Sein Ziel war es durch seine theologischen Tätigkeiten die Gemeinde zu erwecken. Besonders die Vereinsdiakonie und der Einbezug von Frauen für diese Arbeit standen dabei im Vordergrund. In den Folgejahren war sein Wirken durch die beginnende Konfessionalisierung gekennzeichnet, die in der Erweckungsbewegung grundsätzlich noch nicht vorhanden war. So hob er die konfessionelle Bindung an die lutherische Kirche verstärkt hervor, um eine Verbindung mit der missionarischen-diakonischen Aufgabe eines erweckten Christentums in den Gemeinden zu fördern.10 1837 trat er schließlich eine ständige Pfarrerstelle in Neuendettelsau an. Durch die Anfangszeit in Neuendettelsau ist der Einfluss der Konfessionalisierung11 auf Löhes Theologie festzustellen, da er sich auf die heilige und bekenntnisgebundene Kirche fokussierte. Dies führte letzlich zu einer Ablehnung des Vereinswesens, das sich aus der Erweckungsbewegung herausgebildet hatte. So wandte er sich mehr an anstaltsdiakonische Einrichtungen vor Ort und entwarf verschiedene Diakoniekonzepte, um sie dort umzusetzen. Dabei bezog Löhe wiederholt Frauen in seine diakonische und missionarische Arbeit ein, wobei diese Initiativen immer nur kurz existierten.12 Dass diese diakonischen Projekte und seine Theologie großen Einfluss auf das spätere Diakoniewesen hatten, ist jedoch nicht außer Acht zu lassen. Bevor aber auf diesen Aspekt eingegangen wird, soll zunächst ein weiterer Zeitgenosse Löhes - Johann Hinrich Wichern - vorgestellt werden.

[...]


1 Zitiert in Hauff 2006, S.12

2 Dudenredaktion 2002,S.131

3 Siehe Die Bibel 2000, 1. Thimotheus 3, 8-13

4 Vgl. Beyreuther 1983,S.11-24

5 Vgl. Beyreuther 1983, S.24-27

6 Beyreuther 1983, S.30-42

7 Vgl. Beyreuther 1983, S.43-45

8 Vgl. Hölscher 2005, S.259

9 Vgl. Stempel-de Fallois 2001, S.49-54

10 Stempel-de Fallois2001, S.119ff

11 Herausbildung und Entwicklung der Konfessionen von der Reformation bis nach dem westfälischen Frieden durch das religiöse Bekenntnis, landeskirchliche Strukturen, etc..

12 Siehe ebenda, S.189-192

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Weibliche Frömmigkeit und sozialer Protestantismus
Untertitel
Die Diakonie im 19. Jahrhundert
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Volkskunde/Kulturgeschichte)
Veranstaltung
Konfessionskulturen
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
19
Katalognummer
V173143
ISBN (eBook)
9783640932870
ISBN (Buch)
9783640933006
Dateigröße
466 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Diakonie, 19. Jahrhundert, Wichern, Löhe, Frauen, Gender, Frömmigkeit, Pietismus, evangelisch, Kirche, Konfession, Wohlfahrtspflege, Innere Mission, Kulturgeschichte, Religionsgeschichte
Arbeit zitieren
Ida Blick (Autor), 2011, Weibliche Frömmigkeit und sozialer Protestantismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/173143

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Weibliche Frömmigkeit und sozialer Protestantismus



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden