Zwischen Kannibalismus und Kommerz

Der Vorwurf des Kannibalismus in Hans Stadens Reisebericht "Warhaftige Historia"


Hausarbeit, 2011

24 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zur Gattung der Reiseberichte

3. Hans Stadens „Warhaftige Historia“
3.1. Geschichtlicher Rahmen
3.2. Biographie von Hans Staden
3.3. Die Entstehung der „Warhaftigen Historia“
3.4. Forschungsüberblick Hans Staden

4. Glaubwürdigkeit & Authentizität der „Warhaftigen Historia“
4.1. Der Mythos des Kannibalismus im Überblick
4.2. Die Verbreitung von älteren Reiseberichten und Hans Stadens Zugang zu diesen Werken
4.3. Die Widmung an Philipp den Großmütigen und den noch jungen Protestantismus
4.4. Die Rolle von Dr. Johannes Dryander
4.5. Die Schlussrede von Hans Staden

5. Fazit

6. Quellen- und Literaturverzeichnis, Internetquellen

1. Einleitung

„ Was wei ß man schonüber Menschenfresser? Fressen sie Menschen, wie sich ’ s gehört, mit Gabel und Messer? Schmeckt ihnen ein dicker, asthmatisch gewesener Bäcker besser, als ein dünner,

schmalfingriger König? Man wei ß so wenig …“ 1

Erich Kästner

Die Vorstellung, dass ein Mensch einen Artgenossen tötet und verspeist, übt sowohl Schrecken, als auch große Faszination aus, denn das Thema der Anthropophagie2 zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Menschheit. Bereits Homer erzählte von einem Kyklopen, der sich manchen Weggefährten des Odysseus einver- leibte. Herodot berichtete von einem indischen Stamm, bei dem die Leichen der El- tern aufgegessen wurden. Monster- und Fabelwesen waren ein fester Bestandteil in der antiken, mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Welt. Hundsköpfige, Schattenfüß- ler, Einäugige und Kopflose „überlebten“ bis ins 19. Jahrhundert in den noch unbe- kannten Teilen Afrikas. In der frühen Neuzeit folgten etliche Berichte von Konquis- tadoren, Reisenden, Forschern und Missionaren die sich angeblich bei Kannibalen, oder in deren Nähe aufgehalten haben sollen. Dennoch, Menschenfresser vermutete man nicht nur am anderen Ende der Welt. Den Vorwurf der Anthropophagie gab es auch in Europa und traf vor allem Randgruppen wie Juden, politische Gegner, Ketzer und angebliche Hexen.

Bereits im Modul G1 interessierte ich mich sehr für die europäische Expansionsge- schichte, vor allen Dingen für Berichte aus der Neuen Welt und Kannibalismuserzäh- lungen, weswegen ich diese Themen in G4 in einer Hausarbeit vertiefen wollte. Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit der Authentizität und Glaubwürdigkeit eines Bestsel- lers der frühneuzeitlichen Reiseberichte, nämlich mit Hans Stadens „ Warhaftiger Historia “ .3 Handelte es sich bei den Erzählungen über aufgeschlagenen Menschen- köpfen und den wirren Schilderungen von kannibalistischen Ritualen um einen realen Augenzeugenbericht und ist er die Antwort darauf, dass Kannibalismus4 real existier- te? Oder verfasste Staden eine frei erfundene Geschichte, mit dem Ziel in Europa eine möglichst große Leserschaft zu erreichen?

Die Glaubwürdigkeit von Hans Stadens Reisebericht „ Warhaftige Historia “ soll durchleuchtet werden. Anfangs soll ein Überblick über den Kannibalismusmythos in der Antike, im Mittelalter und in der frühen Neuzeit den Weg bereiten.

Als nächster Punkt folgt ein kurzer Überblick über ältere Reiseberichte, zu denen Staden Zugang gehabt haben könnte und die Frage, ob er aus diesen älteren Werken rezipiert hat.

Hans Staden widmete sein Buch Philipp dem Großmütigen, dem Wegbereiter des Protestantismus. Welche Rolle spielte Stadens Glaube in der „ Warhaftigen Histo- ria “ ?

Desweiteren soll die Rolle des Dr. Johannes Dryander erörtert werden, der die Vorre- de des Reiseberichts schrieb und dadurch die Erzählung besonders glaubwürdig er- scheinen lassen sollte. Angeblich stand Dryander Staden nur als Korrektor zur Seite. Inwieweit er vielleicht die Rolle als „Ghostwriter“ übernahm, soll im Folgenden ge- klärt werden.

Der Reisebericht endet mit einem knapp vierseitigen Schlusswort, das ebenfalls auffällig ist. Warum bangte Staden darin derart um seine Glaubwürdigkeit und berief sich immer wieder auf seine vielen Zeugen und auf Gott?

Als Abschluss soll die Ausgangsfrage der Hausarbeit beantwortet werden, ob es sich bei Hans Stadens Reisebericht um einen wahren Augenzeugenbericht über Kanniba- lismus handelte, oder ob die Anthropophagie klar auf die Sensationsgier der Leser- schaft in Europa ausgelegt worden war und so einen Bestseller schaffen sollte.

2. Zur Gattung der Reiseberichte

Im Folgenden sollen ein paar kurze Charakteristika die Gattung der Reiseberichte näher erörtern. Im Rahmen von Reiseberichten werden Reisen beschrieben, die tat- sächlich stattfanden. Diese sogenannten „authentischen Reiseberichte“ lassen übli- cherweise einen hohen Wahrheitsgehalt vermuten, dennoch vermischen sich in ihnen oftmals fiktionale Elemente, Topoi und schlichtweg einfach nur Übertreibungen.5 Im Mittelpunkt von Reiseberichten stehen die individuellen Erfahrungen des Reisen- den, der die alte Heimat hinter sich lässt und in eine neue und fremde Welt aufbricht.

Vor allem Reiseberichte in Form eines Reisetagebuchs (Itinerarium), waren sehr beliebt.6 Es wurden meist täglich Aufzeichnungen über die wichtigsten Informationen der Reise gemacht. Ein Reisebericht bzw. ein Reisetagebuch besitzt somit einen narrativen und chronologischen Charakter. Angaben über den Start- und Zielort, teilweise auch nautisches Fachwissen über Routen, Häfen und Strömungen, sowie Beschreibungen über die Flora und Fauna und insbesondere der fremden Kulturen, auf die man vor Ort traf, waren die Hauptgegenstände der Berichte.7

Reiseberichte wurden von Menschen aller sozialen Schichten verfasst, von den be- rühmten Entdeckern wie Kolumbus und Vespucci, bis hin zu einfachen Soldaten, Missionaren, Ärzten, Diplomaten und ab dem 19. und 20. Jahrhundert vermehrt auch von Frauen.8

Vor allem in der frühen Neuzeit erfreuten sich Reiseberichte einer immer größer werdenden Beliebtheit. Viele Reiseberichte waren zur Veröffentlichung gedacht und so wollten die Autoren mit möglichst neuen und spektakulären Inhalten auf sich aufmerksam machen. Um dabei glaubwürdig zu bleiben und nicht als „Lügner“ abgestempelt zu werden gab es drei verschiedene Arten von Beglaubigungsstrategien, die einzeln, oder auch zusammen verwendet wurden.

Wolfgang Neuber hat diese drei Arten der Beglaubigungsstrategien näher beschrie- ben:

1. Die Prädikate die im Reisebericht verwendet werden, müssen einer quellen- kritischen Prüfung standhalten.
2. Die Authentizität des Reiseberichts muss auf affektischer Ebene beglaubigt werden. Das heißt, der Sprachstil im Reisebericht selbst ist nüchtern gehalten, man gibt sich möglichst bescheiden und das wohl wichtigste Mittel ist der Glaube an Gott, der in dem Schriftstück immer wieder bestätigt wird. Gott muss vor allem auch als Zeuge für das (vermeintlich) Erlebte fungieren.
3. Es muss einen verbürgenden äußeren Rahmen für den Reisebericht geben. Das heißt beispielsweise eine Widmung an den Landesherrn, oder ein Vor- wort einer etablierten, gelehrten Persönlichkeit.9

Für die Reisenden war es besonders schwierig kulturell Fremdes mit eigenen Worten zu beschreiben. Um das Fremde beschreiben zu können verwendeten die Europäer meist ihnen bereits bekannte Stereotype wie „Barbar“, „Wilder“, „Häuptling“, „Hei- de“, oder „Menschenfresser“. Jeder Mensch bildet sein eigenes Wahrnehmungsmus- ter aus. Dieses Wahrnehmungsmuster, auch „stereotype Systeme“ genannt, werden geprägt durch die eigene Kultur, die Gesellschaft, Überlieferungen und den persönli- chen Erlebnissen.10 „Stereotype Systeme“ sind Interpretationsformen der Realität. Sie dienen der einfachen Orientierung in der Fremde. Die Welt bietet uns eine unendliche Vielfalt. Man greift aber meist zu Stereotypen, die die eigene Kultur bereits vordefi- niert hat. „Ethnische Stereotype“ sind starre Bilder, meistens bestehen sie aus relativ wenigen, aber sehr außergewöhnlichen und meist zu Unrecht zugeschriebenen Eigen- schaften.11 Jene Eigenschaften halten sich häufig sehr lange und sind äußerst wider- standsfähig, auch nach einem friedlichen Zusammentreffen.

Als Hans Staden zu seiner Reise aufbrach, gab es schon ein halbes Jahrhundert an europäischer Expansionstätigkeit in der Neuen Welt. Staden konnte also auf Erzäh- lungen und Americana zurückgreifen, die in ihm eine gewisse Befangenheit und Vor- stellung schürten.

[...]


1 KÄSTNER, Erich: Kurz und Bündig, Epigramme, Zürich 1950, S. 45

2 Aus dem griech. „anthropos“ = „Mensch“ und „phagein“ = „essen“

3 Der vollständige Titel lautet: „Warhaftige historia und beschreibung einer Landtschafft der Wilden/ Nacketen/ Grimmigen Menschfresser Leuthen/ in der Newenwelt America gelegen/ vor und nach Christi geburt im Land zu Hessen unbekant/ biss uff disenechst vergangene jar/ Da sie Hans Sta- den von Homsberg aus Hessen durch sein eygne erfarung erkant/ und yetzo durch den truck an tag gibt.

4 Der Begriff „Kannibalismus“ bzw. „Kannibale“ entstand aus der Eigenbezeichnung des Stammes der „Cariben“, oder ursprünglich auch „Canibes“.

5 vgl. HARBSMEIER, Michael: Wilde Völkerkunde. Andere Welten in deutschen Reiseberichten der Frühen Neuzeit, Frankfurt am Main 1994, S. 35ff.

6 vgl. NAGEL, Jürgen G.; WENDT, Reinhard: Transfer und Transformation, Eine Einführung in die außereuropäische Geschichte, KE 2, Kapitel IV Das Material der außereuropäischen Geschichte, Hagen 2008, S. 108

7 vgl. ebd.

8 vgl. ebd., S. 107, S. 112f.

9 vgl. NEUBER, Wolfgang: Die frühen deutschen Reiseberichte aus der Neuen Welt. Fiktionalitätsverdacht und Beglaubigungsstrategien, In: König; Reinhard; Wendt, o.O. 1989, S. 51-61

10 vgl. PETER-RÖCHER, Heidi: Mythos Menschenfresser, Ein Blick in die Kochtöpfe der Kannibalen, München 1998, S. 110ff.

11 vgl. ebd., S. 112

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Zwischen Kannibalismus und Kommerz
Untertitel
Der Vorwurf des Kannibalismus in Hans Stadens Reisebericht "Warhaftige Historia"
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
2,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
24
Katalognummer
V173164
ISBN (eBook)
9783640933266
ISBN (Buch)
9783640933372
Dateigröße
673 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
zwischen, kannibalismus, kommerz, vorwurf, kannibalismus, hans, stadens, reisebericht, warhaftige, historia
Arbeit zitieren
Marina Ehrngruber (Autor), 2011, Zwischen Kannibalismus und Kommerz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/173164

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